John Niven – „Coma“


Autor John Niven

John Niven Coma Review Kritik

Golf kann brutal sein, lehrt uns John Niven in „Coma“.

Titel Coma
Originaltitel The Amateurs
Verlag Heyne Hardcore
Erscheinungsjahr 2009
Bewertung

Nehmen wir einmal an, es drohe eine globale Alien-Attacke und der einzige Ort, der Sicherheit verspricht, sei ein Golfplatz. Wenn die Deutschen entsprechend in Panik verfallen und ihre Golfplätze stürmen würden, fänden sich schließlich knapp 80.000 Menschen auf jedem verfügbaren Golfplatz hierzulande ein. In Schottland hingegen ginge es deutlich entspannter zu: Dort würden sich nur gut 8800 Menschen pro Golfplatz tummeln. Das zeigt: Pro Einwohner gibt es in Schottland viel mehr Golfplätze als bei uns (insgesamt sind es dort mehr als 600, in Deutschland knapp über 1000). Schließlich ist Golf dort tatsächlich ein Volkssport: 3,35 Prozent der Schottinnen und Schotten gelten als organisierte Golfer, in der Bundesrepublik liegt der Wert aktuell bei 0,77 Prozent.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr ganz so verwunderlich, dass sich John Niven, der seine Romane sonst besonders gerne im Musik- und Medienbusiness ansiedelt, für Coma den Golfsport als Thema und seine Heimat Ayrshire an der Westküste Schottlands als Schauplatz ausgesucht hat. In der Danksagung verrät er, dass er selbst regelmäßig die Schläger schwingt, und dieses Sprechen aus eigener Erfahrung ist einer der Pluspunkte in diesem Roman. Das betrifft zum einen die Fachkenntnis hinsichtlich tückischer Grüns, legendärer Spieler oder der richtigen Schlägerwahl. Zum anderen, und das ist deutlich wichtiger, betrifft es das Wissen um das Frustrationspotenzial, das für ambitionierte Freizeitspieler im Golf so wie in jeder anderen Sportart stecken kann. Wer nicht glaubt, dass das vermeintlich so entspannte und kontemplative Geschehen rund um Abschlag, Putt, Birdie und Par genauso emotional, euphorisierend oder entnervend sein kann wie beispielsweise ein Tennismatch, ein Fußballspiel oder eine Eishockey-Partie, der wird in Coma schnell eines Besseren belehrt.

Wer den weit verbreiteten Witz liebt, dass Golf nur etwas für Leute ist, die zu alt sind, um noch Sex zu haben, wird hier ebenfalls auf seine Kosten kommen. Denn die Dichotomie von Golf und Sex ist – auf ganz vielen Ebenen – das Zentrum dieses Romans. Das liegt vor allem an der Hauptfigur: Gary Irvine. Die erste Szene ist sein 33. Geburtstag, und er hat zu diesem Anlass genau zwei Gedanken im Kopf, nämlich Sex mit seiner attraktiven, aber nicht mehr allzu sehr an ihm interessierten Ehefrau Pauline, und eine Runde auf dem örtlichen Golfplatz. Diese beiden Themen bleiben auch im weiteren Verlauf des Romans dominierend in seiner Gedankenwelt, wobei die Priorität immer klarer wird: Golf durchdringt seine Familiengeschichte, seine Freizeitgestaltung, seine Träume. Das Problem dabei ist: So gerne er Golf spielt, so schlecht spielt er auch.

„Golf, darauf wird immer wieder hingewiesen, ist wie Sex. Man muss nicht gut darin sein, um Spaß daran zu haben. Aber wenn man so schlecht darin war wie Gary, warum dann das Ganze? Warum musste man es immer wieder probieren?“, lautet eine treffende Zusammenfassung seines Dilemmas. Das ändert sich, als er (der deutsche Titel verrät leider schon diese erste große Pointe von Coma) von einem Golfball am Kopf getroffen wird, zunächst in Lebensgefahr schwebt und dann erstaunlich verändert wieder erwacht. Er offenbart einerseits plötzlich ein erstaunliches Talent auf dem Golfplatz, verfehlt kaum mehr einen Schlag und schafft sogar die Qualifikation für die renommierten British Open Championship. Andererseits sorgt eine neurologische Störung dafür, dass er einen Dauerständer hat, zur Masturbation in aller Öffentlichkeit neigt und dazu noch vom Tourette-Syndrom betroffen ist, wobei sich das Fluchen vorzugsweise in wilden Kombinationen aus „Titten“, „Ficken“ und „Schwanz“ vollzieht. Da ist es also wieder: Golf und Sex.

Noch turbulenter (und dann doch wieder recht typisch für diesen Autor) wird die Geschichte, weil John Niven eine zweite Hauptfigur einbaut, die ebenfalls nicht allzu talentiert in seinen wichtigsten Tätigkeitsfeldern ist (der Originaltitel The Amateurs betont diese Parallele sehr clever): Garys Bruder Lee ist ein Möchtegern-Gangster, der seiner Frau, seinen Töchtern und sich selbst gerne ein sorgenfreies Leben ohne allzu viel Arbeit ermöglichen möchte, aber kaum über die Runden kommt. Er setzt einen Drogendeal in den Sand und hat bald so viel Ärger am Hals, dass ein Koma vielleicht noch als ein wünschenswerter Zustand erscheinen könnte.

Die kriminelle Halbwelt und weitere, damit verbundene Handlungsstränge rund um Schulden, Wetten, Skandale und Affären sorgen für wichtige Farbtupfer in diesem Roman, noch unterhaltsamer sind die großartig trockenen Dialoge, die man hier als weiteres Niven-Markenzeichen finden kann. Es ist dabei wieder erstaunlich, wie dieser Autor einen sich immer weiter zuspitzenden Plot zusammenhält und zu einem klasse Showdown führt. Schläge werden hier nicht nur auf dem Golfplatz verteilt, doch trotz der Flüche und der Gewaltszenen, an denen Quentin Tarantino seine Freude hätte, ist Coma weniger brutal als die anderen Bücher von John Niven, dafür noch ein bisschen humorvoller.

Bestes Zitat: „Der Verstand eines Soziopathen sortiert Themen wie diese in eine Kiste mit der Aufschrift ‚unerfreulich‘. Diese Kiste wird danach fest verschlossen und in einer möglichst entlegenen Ecke des riesigen, dunklen, spinnenverhangenen Lagerhauses namens Unterbewusstsein verstaut. Das Bewusstsein bekommt anschließend eine schicke neue Tapete verpasst, die der Welt als ‚Wahrheit’ präsentiert wird. Diese ‚Wahrheit‘ wird im Geist des Soziopathen langsam zur Realität.“

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