John Niven – „Straight White Male“


Autor John Niven

John Niven Straight White Male Review Kritik

John Niven schreibt in „Straight White Male“ auch übers Schreiben.

Titel Straight White Male
Verlag Heyne Hardcore
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Ein bisschen ist das, als würde Robbie Williams plötzlich ein Album im Stile von Bob Dylan machen. Wir haben da einen Künstler, der clevere, freche, witzige, in erster Linie aber als unterhaltsam wahrgenommene Werke abliefert, wie es auf Robbie Williams ebenso zutrifft wie auf John Niven. Und dann wagt er sich plötzlich an ernste Themen (Krankheit, Selbstmord, Schuldgefühle) und will sie in ein wirklich literarisches Gewand packen.

So ist der Effekt von Straight White Male tatsächlich, aber bevor wir uns der Frage nähern, ob der schottische Autor dabei scheitert oder glänzt, blicken wir natürlich zunächst auf den Plot. Die Hauptfigur des Buchs ist der 44-jährige Kennedy Marr. Er hat die irische Heimat erst in Richtung London verlassen, dann gegen Kalifornien eingetauscht. Seine bisher sechs Romane waren Bestseller und haben Preise gewonnen, in letzter Zeit hat er sich aber vor allem einen Namen als „Script Doctor“ gemacht: Er peppt vermeintlich defizitäre Drehbücher für Kinoproduktionen auf und lässt sich dafür fürstlich entlohnen. Seine Freizeitbeschäftigungen lassen sich leicht zusammenfassen: gut essen, hart trinken und wild durch die Gegend vögeln.

Viel sorgenfreier als seinen Alltag in einer Villa in Hollywood kann man sich ein Leben nicht vorstellen, doch „das Leben sorgte dafür, dass man nie ohne Nemesis blieb“, wie Kennedy erkannt hat. Sein Wehklagen meint anfangs noch die Belästigung mit Oberflächlichkeiten und Verpflichtungen wie vom Gericht angeordneter Besuche beim Psychiater nach einer Schlägerei, die er angezettelt hat, längst überfällige Abgabetermine für leichtfertig versprochene Drehbücher oder medizinische Auffälligkeiten im Genitalbereich. Zugleich lässt er für den Leser durchklingen, was ihn wirklich plagt: dass es jenseits dieser vermeintlichen Ärgernisse und seiner Empörung darüber nichts gibt in seinem Leben. Er hat viele Menschen (vor allem Frauen) enttäuscht, er hat sich, wie er es mehrfach formuliert, an der Liebe versündigt und er hat immer wieder nichts daraus gelernt: „Er hatte über all das seinen Samen gespritzt und sich aus dem Staub gemacht, um mehr davon zu finden.“

Schon bald werden aber auch die Probleme größer, die sich nicht bloß in seinem Kopf abspielen: Sein verschwenderischer Lebensstil sorgt dafür, dass Kennedy seine Steuerschulden nicht bezahlen kann und womöglich in den Knast muss. Als einziger Ausweg erscheint ihm ein Angebot aus der alten Heimat: Er hat einen britischen Literaturpreis gewonnen, mit dem ein gut dotierter Aufenthalt an einer Universität in den Midlands verbunden ist. Sechs Monate in England, wo zugleich ein Film gedreht wird, an dem er mitarbeitet, könnten ihn seiner größten finanziellen Sorgen entledigen. Also lässt er sich von seiner Agentin und seinem Manager breitschlagen, die Reise anzutreten. Am Zielort warten allerdings eine seiner zwei Exfrauen, seine Tochter Robin und seine schwerkranke Mutter auf ihn – und nicht zuletzt ein sagenhaft spießiger akademischer Betrieb voll von untalentiertem Nachwuchs und neidischen Kollegen.

„Ja, dieses Buch ist ganz anders“, zitiert John Niven an einer Stelle sarkastisch die Standard-Antwort in den Promotion-Routinen von Romanautoren, was in solchen Fällen natürlich stets eine Lüge ist. Die Ironie dabei ist, dass Straight White Male tatsächlich anders ist als die anderen Bücher von John Niven. Es lässt sich mehr Zeit, konzentriert sich mehr auf eine Figur und gewinnt so an Tiefe. Zugleich wird es ein Buch über das Bücherschreiben selbst. Niven zitiert Shakespeare, Joyce, Yeats und einige weitere Autoren mit ihren Reflexionen über das Entstehen und Wirken von Kunst, und er fügt diesen Gedanken einige sehr kluge hinzu, wie diesen: „Die Zeit war noch nicht reif. Es würde erst durch ihn hindurch destilliert werden müssen, bevor er darüber würde schreiben können. Kennedy wusste, dass man – in etwa so, wie man drei Tonnen Rosenblätter benötigte, um einen Liter Rosenöl zu gewinnen – eine Menge Schmerz ertragen, eine Menge erleben und erdulden musste, um drei- oder vierhundert Seiten Fiktion zu schreiben.“

Im Verlauf des Buches entzaubert er das Filmgeschäft (wie er es in Kill Your Friends mit der Musikindustrie und in Gott bewahre mit der Fernsehbranche getan hatte), auch die Verlagswelt und die akademische Blase bekommen ihr Fett weg. Im Kern aber lebt dieser Roman von seiner Hauptfigur. Man kann seine Maßlosigkeit ebenso nachempfinden wie seine Selbstzweifel, und Kennedy wird auch deshalb kein Unsympath, weil er seine Defizite schonungslos selbst reflektiert und seine eigene Unvollkommenheit zwar akzeptiert, aber nicht ignoriert. Bezeichnend ist etwa die Stelle, als er für eine Studentin tatsächlich echte Gefühle entwickelt, und sie ihn dann betrügt, mit einem noch reicheren, noch älteren, noch mächtigeren Mann. Oder die Situation, in der er neben seiner Teenager-Tochter steht und sich eingestehen muss, dass er selbst dann nicht seinen Trieb ausschalten kann und sie womöglich anbaggern würde, wenn er nicht ihr Vater wäre.

Kennedy Marr weiß, dass er untauglich ist, der konventionellen Moral der Menschen zu entsprechen, wie sie von seinem Bruder verkörpert wird, der sich als engagierter Sozialarbeiter aufopfert und parallel die sterbenskranke Mutter pflegt. Seinen Wert sieht er in seiner Rolle als Künstler, und je mehr er nur noch Blockbuster-Fließbandware abliefert statt gefeierter Romane, desto winziger muss er sich fühlen. Auch dieser Konflikt steht ihm völlig klar vor Augen: „Kennedy war sich durchaus bewusst, dass er das scheußlichste, grausamste Klischee verkörperte, das es gab: einen alternden Romanautor, der mit seiner eigenen Sterblichkeit haderte.“ Gerade diese Sterblichkeit als unser aller Schicksal ist es auch, die all den Eskapaden seiner Libido, all den zynischen Sprüchen und wohlkalkulierten Grausamkeiten einen Hauch von Legitimation verleiht und sie so noch ein bisschen verständlicher macht. Denn dieser Mann hat ganz offensichtlich schlicht keine Lust, seine begrenzte Zeit auf Erden mit Überflüssigem, Langweiligen oder Minderwertigem zu vergeuden. Ein Satz aus dem englischen Original macht das besonders deutlich: „Christ, how much he hated death. And how fiercely he ran to embrace its foes: wine, food and company. Love. Life.“

Man sollte Straight White Male nicht als einen getarnten Ratgeber im Stile von Wie Männer wirklich ticken missverstehen. Trotzdem gibt es für Männer hier sicher ein paar Momente, in denen sie sich auf schmerzhafte Weise in der eigenen Gedankenwelt ertappt fühlen, und für Frauen vielleicht ein paar Passagen, die schockieren könnten. Die Konflikte, die Kennedy Marr auszufechten hat, sind dabei zwar ebenfalls eher Männersache, haben aber auch eine universale Komponente: Rock’N’Roll Lifestyle vs. schlechtes Gewissen. Hedonismus im Wissen um die eigene Endlichkeit vs. die als peinlich erkannten Midlife-Crisis-Versuche, sich als jugendlich zu tarnen. Gier vs. Verantwortung. Sein Umgang damit ist allerdings ein spezifisch maskuliner: Was ihn angeblich daran hindert, all das unter einen Hut zu bekommen und all diese Konflikte zu lösen, ist wahlweise immer das Testosteron in seinem Körper oder die eigene Familiengeschichte in seinem Kopf. So blickt er auf ein Leben voller dummer Entscheidungen, verdrängter Fakten und vermeintlich unentrinnbarer Muster zurück – und Straight White Male wird zu einem schonungslosen, witzigen und manchmal erstaunlich tiefgründigen Porträt der Untauglichkeit der männlichen Psyche.

Bestes Zitat: „Kennedy war immer der Überzeugung gewesen, erwachsen zu werden sei etwas, das mehr oder weniger von allein geschah. Dass es einfach passierte, während man älter wurde – quasi durch Osmose. Aber hier war er nun, am Ende des zweiten Akts, und kratzte sich im Geiste auf der wackeligen Planke mit der Whiskyflasche am Hals den benebelten Kopf.“

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