Julia Stone – „Sixty Summers“


Künstler Julia Stone

Julia Stone Sixty Summers Review Kritik

Das Ziel von Julia Stone auf „Sixty Summers“ heißt: Pop.

Album Sixty Summers
Label BMG
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Es ist nicht ganz sechzig Sommer her, seit Julia Stone zuletzt ein Soloalbum veröffentlicht hat. Aber immerhin acht Jahre hat sich die Australierin für Sixty Summers Zeit gelassen. In der Zeit dazwischen müssen erstaunliche Dinge passiert sein, denn die 14 Songs zeigen nicht nur eine enorme Weiterentwicklung, sondern im Vergleich zu ihren beiden vorangegangenen Werken The Memory Machine (2010) und By The Horns (2014) beinahe eine ganz neue Künstlerin.

Es ist nicht ganz ungewöhnlich, dass man mit 37 anders klingt als mit 29, andere Themen betrachtet und neue Schwerpunkte setzt. Die Richtung, die Julia Stone hier einschlägt, hätten aber wohl nur die wenigsten kommen sehen. Von den Folk-Ursprüngen ist wenig geblieben, auch Indie-Ästhetik sucht man auf Sixty Summers vergebens. Was die in mehreren Etappen zwischen 2015 und 2019 aufgenommenen Songs stattdessen bieten, kann man gut mit drei Buchstaben zusammenfassen: Pop.

Break eröffnet das Album mit Unruhe, Ungeduld und Übermut. Die Melodieführung ist genauso erstaunlich wie das exotische Arrangement mit Bläsern und Percussions – im Prinzip ist dieses Lied ein Karneval. Substance setzt auf einen HipHop-Beat und viel Selbstbewusstsein, mit dem Songtitel und der Zeile „I’m looking for something“ sind keine Drogen gemeint, sondern Charakterstärke. Fire In Me überrascht mit einem wuchtigen Beat, der beinahe Glam Rock ist, und klingt im Ergebnis wie eine Melange aus The Kills und Kylie.

Auch Free zeigt die große Lust auf eine vielfältigere Klangwelt, die Julia Stone hier beispielsweise mit einem markanten Bass, Bläsern und einem abenteuerlichen Gitarrensolo auslebt. Umgesetzt hat sie das auf Sixty Summers mit Thomas Bartlett (alias Doveman) und Annie Clark (bekannt als St. Vincent) als wichtigsten Unterstützern. Im niedlichen We All Have ist zudem Matt Berninger von The National als Duettpartner dabei. Das Lied zeigt die tollen Fähigkeiten ihres Gesangs, erst recht im Zusammenspiel mit seiner Stimme. Der verführerische Refrain von Who würde zu Nelly Furtado passen, die Verse „Who do you think you are / loving me like you do?“ sind darin ebenso eingängig wie subtil bedrohlich. Dance setzt auf die Kombination einer geheimnisvollen Strophe mit einem vergleichsweise offensichtlichen Refrain, der durch seinen klaren Fokus um so stärker wirkt.

Besonders häufig kann man auf Sixty Summers einen Effekt beobachten, der etwa im Titelsong deutlich wird: Das klingt, als hätte jemand die Stimme von Lana Del Rey endlich mal aus dem Tal der Tränen geholt. Der Song ist zwar getragen im Tempo und auch nicht frei von Schmerz, zeigt aber viel Wille zum Optimismus. Auch das extrem hübsche und einnehmende Heron könnte man in diese Kategorie einordnen, weil hier zur unbestreitbaren Melancholie viel Luft und Licht kommen. Das sehr entspannte Easy verströmt durch das E-Piano und die Streicher etwas Seventies-Flair, I Am No One ist mit seiner ruhigen Atmosphäre und großen Sensibilität vergleichsweise nahe an einem Folksong.

Nicht immer geht diese Neuerfindung der Julia Stone gut. Queen ist elegant, aber auch etwas langweilig, Unreal wird experimentell nicht nur im Hinblick auf seinen gewagten Stimmeffekt und verzettelt sich etwas darin. Insgesamt hat die Australierin in einem Alter und einer Karrierephase, in der viele andere nur noch am Finetuning (oder der Wiederholung) ihrer bekannten Ästhetik arbeiten, aber mit Sixty Summers viele neue Türen für sich aufgeschlagen. Es dürfte spannend werden, was sie auf den nächsten Alben noch alles dahinter entdeckt.

Aus dem Video zu Fire In Me hat Julia Stone einen Horrorfilm gemacht.

Julia Stone bei Facebook.

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