Kraftklub – „Kargo“


Künstler*in Kraftklub

Kraftklub Kargo Review Kritik

Die Krisen der letzten Jahre haben auf „Kargo“ ihre Spuren hinterlassen.

Album Kargo
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2022
Bewertung

Vor ein paar Wochen ist das Haus abgerissen worden, in dem ich aufgewachsen bin. Es war die Hausnummer 6, wir haben links oben gewohnt. Es gab einen Ronny und eine Nancy im Haus, über uns wohnte eine alleinstehende Dame im Dachgeschoss, die sich jahrelang extrem liebevoll als Babysitterin um meine Schwester und mich gekümmert hat. Unter uns wohnte ein verbitterter alter Mann, der sich einmal sogar bei meinen Eltern über die lärmenden Kinder beschwerte, als wir gar nicht zuhause waren. Die Straße war nach einem Kommunisten benannt. Es gab acht Briefkästen für die sieben Parteien im Haus, und den unbenutzten Briefkasten konnte man mit kleinen Kinderfingern wunderbar als Versteck für Spielzeuge, Zettelbotschaften oder den Wohnungsschlüssel nutzen. Wahrscheinlich (man hat ja nur diese eine Kindheit, die man dann leicht als allgemeingültig setzt) ziemlich typisch DDR.

Hinter dem Haus verlief eine Bahnstrecke. Die Güterzüge fuhren zur Fabrik im Ort, ohne die es unser Haus gar nicht gegeben hätte. Sie brachten Kohle für das Kraftwerk und fuhren mit Kalisalz wieder weg. Ein bisschen von ihrer Fracht (quasi Kargo) verloren sie immer, neben den Gleisen gab es deshalb stets kleine weiße Häufchen (Salz), die schwarz gesprenkelt waren (Kohle). Wir spielten dort oft, die Züge waren langsam und laut genug, um rechtzeitig von der Strecke zu sein, wenn Gefahr drohte.

Die Gleise sind schon lange weg, nun auch das Haus. Meine Mama war vor ein paar Tagen da und hat erzählt, dass dort „nur noch Wiese“ ist, wo einmal der Mittelpunkt unseres Lebens war. Das sind dann wohl die blühenden Landschaften.

Natürlich haben die neueren Bundesländer den demografischen Wandel, Landflucht und Strukturschwäche nicht exklusiv. Aber es sind Erfahrungen wie diese, die auch zehn Jahre nach dem Debüt Mit K noch immer elementar sind, um Kraftklub und ihre Wirkung zu verstehen. Das Quintett aus Chemnitz weiß: Wer es sich zu bequem macht, kann schnell weg sein. Wurzeln reichen im Osten – angesicht all der Menschen, die weggegangen sind – fast nirgends allzu tief. Die Erfahrung der Abwanderung hat auch die, die geblieben (oder mittlerweile wiedergekommen) sind, entscheidend geprägt und somit dafür gesorgt, dass auch die Generation der Nachgeborenen im Osten Deutschlands anders tickt als der bundesrepublikanische Rest. Vor allem aber sind Kraftklub alt genug, um 1989/90 noch selbst die Erfahrung gemacht zu haben: Deine ganze Welt kann sich verändern, radikal und rasant. Dinge, die du für ewig und selbstverständlich hältst, können verschwinden wie ein leerstehendes Haus und obsolet werden wie die Gleise dahinter. Das bedeutet einerseits: Man sollte sich nie zu sicher fühlen in den eigenen Gewissheiten. Es bedeutet andererseits: Man hat die Möglichkeit, Dinge zu verändern. Genau davon handelt Kargo.

Natürlich waren Kraftklub schon immer eine Band mit Haltung, die keinen Zweifel an ihrer ostdeutschen Identität ließ und kein Problem damit hatte, den Finger in die gesellschaftlichen Wunden zu legen. Hört man das heute erscheinende Kargo, muss man sich immer wieder einmal bewusst in Erinnerung bringen, wie einzigartig der Charakter dieser Band ist, weil man das nach vier Alben und einem riesigen Einfluss auf die deutsche Musiklandschaft für selbstverständlich halten könnte. Der Spaßfaktor und Hedonismus von Rock wird hier – auch diesmal – nicht nur mit der inszenierten Arroganz und dem Wortwitz von HipHop vereint, sondern auch mit Sendungsbewusstsein. Neuerdings könnte man sogar sagen: mit Ernsthaftigkeit. Die elf Songs auf Kargo zeigen auch, dass Felix Brummer, Karl Schumann, Till Brummer, Steffen Israel und Max Marschk mittlerweile selbst einen kleinen Rucksack mit sich tragen – und die Notwendigkeit sehen, Dinge anzusprechen, die sie bisher nicht oder kaum in ihrer Musik thematisiert haben.

Schon der Auftakt lässt aufhorchen. In Teil dieser Band feiern sich Kraftklub vordergründig als Genies, die weder Ausbildung noch Konzept oder allzu viele Proben brauchen, um berühmt und erfolgreich zu sein: “Ich kann nicht singen / ich spiel kein Instrument / aber alle am Springen / und ich schrei den Refrain.” Doch bei genauerer Betrachtung erfolgt diese Selbstbeweihräucherung aus der Perspektive der Unsicherheit und mit Abstiegsängsten im Hinterkopf. Dass dieses „Ich war Teil dieser Band“ natürlich auch für die Fans gilt, ist deshalb doppelt wirkungsvoll, und dass sie auch hier schon Kapitalismuskritik einbauen und mit ein paar Zeilen den Solo-Ausflug von Felix Brummer in die Bandgeschichte integrieren, ist umso schlauer.

Später bietet Kargo beispielsweise Songs über die Frau, von der man (zumindest gedanklich) nicht los kommt (In meinem Kopf, das umwerfende Ein Song reicht), über das Feiern der Nacht und der Unvernunft rund um die Erkenntnis, dass die Menschen, die nachts oft durchmachen, höchstwahrscheinlich dann auch tagsüber öfter Krisen durchmachen (Blaues Licht), oder solche, in denen Autonomie gefeiert wird, Konventionen verteufelt werden und auch noch die CSU ihr Fett weg kriegt (Kein Gott, kein Staat, nur du feat. Mia Morgan). All diese Themen kennen Fans von Kraftklub natürlich bestens. Doch gerade im direkten Vergleich mit dem Vorgänger Keine Nacht für Niemand (2017), auf dem es abgesehen von Fenster und Sklave noch vor allem um Nachtleben, Party, Drogen und Liebeskummer ging, wird deutlich, dass die neuen Themen der Band viel mehr gesellschaftliche Relevanz und einen viel größeren Horizont haben. Neben der gewachsenen Lebenserfahrung haben da sicherlich auch die multiplen Krisen unserer Zeit ihre Spuren hinterlassen.

So schön (mit Blond) ist klug und fies genug, um Instagram im Alleingang zu beseitigen, und für ein paar wirre Momente in diesem Lied entschädigt ein tolles Finale. Der Zeit bist du egal ruft dazu auf, sich nicht mit Plattitüden abspeisen zu lassen, sich nicht mit Durchschnitt und Abwarten zu begnügen und kein Auge zuzudrücken, auch nicht im Hinblick auf die eigenen Fehler. In Vierter September blicken Kraftklub auf den Tag nach dem federführend von ihnen organisierten “Wir sind mehr”-Event, mit dem Chemnitz sich gegen Nazis und andere Idiot*innen positioniert hat. “Wir haben nie als Band öffentlich über das Thema geredet, aber die Zeit damals war sehr intensiv für uns. Das ist der Versuch, in Songform ein paar Dinge einzuordnen”, sagt Felix Brummer. Auch hier sind sie weit davon entfernt, eindimensional oder gar selbstgerecht zu werden. Es geht um den eigenen Aktivismus ebenso wie um die eigenen Alibis.

Gleich dreimal wird auf Kargo explizit der Themenkomplex „Heimat“ behandelt. Auch das verwundert kaum bei einer Band, deren Geburtsstadt heute zumindest dem Namen nach von der Landkarte verschwunden ist und in einem Bundesland liegt, in dem sich „Freie Sachsen“ mit dem Verweis auf ihre vermeintlich erhabene Herkunft in plumpem Rassismus austoben, und die in ihrer Generation eben flächendeckend Erfahrungen gemacht hat mit (Binnen-)Migration („Rübermachen“) und der Aufgabe, mittels Integration, Assimilierung und Opposition eine neue Identität finden zu müssen.

Das Stück, in dem dies besonders deutlich formuliert wird, ist Wittenberg ist nicht Paris. Besteht der Anfang noch aus Schrammelgitarre und Chorgesang, entwickelt sich dann ein spektakulär energischer Song über die weiterhin bestehenden Einkommens-, Vermögens- und Mentalitätsunterschiede zwischen neuen und alten Ländern. „Es ist nicht alles schlecht / aber viel mehr als woanders“, lautet die Erkenntnis über das eigene Zuhause, die weiterhin oft dazu führt, dass der Weg junger Menschen weg aus der ostdeutschen Provinz führt, weg von den Baseballschlägerjahren und raus aus der Gegend, in der eben nicht (fast) alle ein Eigenheim geerbt haben.

Angst blickt auf Egoismen und Ignoranz all der Spießer*innen dieses Landes, die an ihrer Scholle hängen und ihre eigene Engstirnigkeit als Mainstream zu manifestieren suchen, mit Breakbeats und Dub-Einflüssen, einer unheilvollen Atmosphäre, einem beschaulichen Klavier-Outro und Samples von Pegida- und Querdenker-Sprechchören. Fahr mit mir (4×4), mit Tokio Hotel als dem sicherlich spektakulärsten Feature des Jahres, blickt ebenfalls darauf, wie dort, wo man herkommt, von den anderen Normalität definiert wird, wie man wohl oder übel davon geprägt wird und wie man schließlich im besten Falle selbst und nach den eigenen Regeln  etwas erschaffen kann, zu dem man „Heimat“ sagt. Die Musik dazu gönnt sich ein paar Extravaganzen wie einen Backgroundgesang, der „Lada Niva“ singt, oder ein Pseudo-Jodeln.

Im Sound gibt es sonst das, was man von Kraftklub kennt und schätzt: Schmackes, Tanzbarkeit und Spaß an Referenzen, packenden Sprechgesang, giftige Gitarren, hymnische Refrains, ein bisschen Elektronik und Zeilen, die mitten aus dem Leben ganz normaler Kids kommen, sagenhaft motiviert, echt, klug und aktuell. Wenn an der Stelle, wo mal mein Elternhaus war, jemals wieder ein Gebäude errichtet wird, dann darf dieses Bauwerk gerne ein Kraftklub sein. Und sollten in dem Gleisbett dahinter jemals wieder Züge rollen, dann soll auf den Waggons bitte Kargo stehen.

Im Clip zu Wittenberg ist nicht Paris sind Kraftklub mutmaßlich mit 9-Euo-Ticket unterwegs.

Website von Kraftklub.

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