Living With Lions – „Island“


Künstler Living With Lions

Sieben Jahre haben Living With Lions für „Island“ gebraucht.

Album Island
Label Redfield Records
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

All The Same heißt das erste Stück auf dem neuen Album von Living With Lions. Was neben dem klassischen Hardrock-Riff in erster Linie auffällt, ist diese Stimme, die vor allem eines will: nicht überhört werden. Das trifft wohl auf viele Sänger zu, auch im Genre des Post-Irgendwas-Rock, in dem die Band aus Vancouver zuhause ist. Bei Island kommt aber noch ein besonderer Umstand dazu: Die Stimme gehört zu Chase Brenneman, ehemals lediglich Gitarrist der Band.

Denn nach dem Album Holy Shit (2011), das Living With Lions etwa gemeinsame Auftritte mit New Found Glory (die als Vorbilder auf Island immer wieder erkennbar werden, etwa im kraftvollen Prototyp-Emo The Remedy), Metallica (die etwa in On A Rope anklingen mit brachialen Drums und auch einer Gitarre, die in einigen Momenten nicht weit weg von Metal ist) und Blink 182 (zu denen ein Lied wie Another Ordinary Summer passen würde, in dem die Band gar nicht zu wissen scheint, wohin mit ihrer Energie) einbrachte, verließ Frontmann Stu Ross die Gruppe. „Nach Stus Ausstieg ging es nicht darum, durchzuhalten. Wir haben einfach Spaß, zusammen Musik zu machen und Shows zu spielen. Warum sollten wir damit nicht weitermachen?“, erklärt Brenneman den Plan, den Rest der Band zusammenhalten, sich um den Gesang selbst zu kümmern und Craig Spelliscy als neuen Gitarristen hinzuzuholen, der das 2009 gegründete Quintett wieder komplettiert. „Es war eine große Entscheidung, aber keine schwere. Es gab so viel mehr, was wir als Band erreichen wollten.“

Diese beinahe trotzige Einstellung hört man Island durchaus an, ebenso wie den Willen, den Abschied des Frontmanns in keinem Fall als Schwächung erscheinen zu lassen. Treffenderweise ist es der epische Titelsong, in den sie alles rein packen, was sie können. Für Tidal Wave wird der Regler „Tempo“ nach unten gezogen, dafür der Regler „hymnisch“ hingegen aufgedreht, sodass man an Jimmy Eat World denken kann. Second Narrows setzt ebenfalls auf mehr Tempo als der Durchschnitt der Songs, der geradezu unerbittliche Rhythmus ist wohl auch aus Wut und Enttäuschung gespeist, wie die Zeile „Why would I make friends with a liar“ nahe legt.

Ein zweites prägendes Element für die Platte ist der Gedanke von Neuanfang und Freiheit, den Living With Lions offensichtlich als Geschenk empfunden haben. „Das erste Mal seit der Gründung der Band gingen wir ohne jeglichen Support ins Studio. Kein Label, kein Produzent, kein Manager, keine Deadline. Es gab nur uns und die Songs“, betont Brenneman. Auch vom großen Abstand zu Holy Shit ließ sich das Quintett deshalb nicht verunsichern. Mit den Aufnahmen hatten sie, nach etlichen Konzerten in der neuen Besetzung, schon 2016 begonnen, dann gab es erhebliche Verzögerung durch diverse gesundheitliche Probleme. „Es war eine lange Pause, das ist uns bewusst. Ohne unsere gegenseitige Unterstützung hätten wir es nicht geschafft. Wir haben gelernt, uns auf den anderen zu verlassen, wenn es nicht so gut läuft. Trotz all der Dinge, die wir durchstehen mussten, bin ich mir auf eine eigenartige Weise sicher, dass die Platte dadurch noch besser geworden ist“, lautet Brennemans Fazit.

Die Paarung aus dem Willen zum Durchhalten und dem unverkrampften Erkunden der neuen Möglichkeiten tut Island gut und sorgt für interessante Momente wie Interlude, das betäubt unter einer Glasglocke gespielt zu werden scheint, oder Dusty Records, an dessen Beginn eine schlimme Nachricht steht, die Brenneman zum Trauern, Erinnern und Reflektieren bringt. Ein paar Mal fällt allerdings doch auf, dass er ein Sänger ist, der gerade erst eine Umschulung für diesen Job gemacht hat: Hastings Sunrise beispielsweise ist eine klasse Komposition, wird aber manchmal von der Eindimensionalität des Gesangs erdrückt. Die Quasi-Ballade Night Habits funktioniert deshalb nicht komplett, weil seine Stimme eher auf Geschrei setzt als auf Zwischentöne. Auch Plastic Flowers ist ein Moment, in dem man sich etwas mehr Finesse von Living With Lions gewünscht hatte: Der Song macht alles richtig, aber es fehlt etwas Besonderes als iTüpfelchen.

Insgesamt ist die Reinkarnation aber durchaus gelungen. Dass die Band einen der stärksten Songs als Hidden Track platziert, darf man wohl außerdem als Zeichen des neuen Selbstbewusstseins interpretieren. Das Motto, das sie darin besingen, könnte sich als wahr für Living With Lions erweisen: „The future never felt so good.“

Die Bewegungsfreiheit ohne Gitarre scheint Chase Brenneman zu genießen, lässt das Video zu Tidal Wave erahnen.

Living With Lions bei Bandcamp.

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