Martin Walser – „Ein fliehendes Pferd“


Autor Martin Walser

Martin Walser Ein fliehendes Pferd Kritik Rezension

„Ein fliehendes Pferd“ wurde zum ersten Bestseller von Martin Walser.

Titel Ein fliehendes Pferd
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1978
Bewertung

Nur 14 Tage hat Martin Walser an Ein fliehendes Pferd gearbeitet, während er eigentlich an einem Roman schrieb. Die quasi nebenher entstandene Novelle brachte ihm 1978 den literarischen Durchbruch beim Publikum. Auf der Spiegel-Bestsellerliste des Jahres stand das Buch auf Platz 2, bis heute wurden mehr als eine Million Exemplare verkauft. Auch die Kritiker waren begeistert.

Dieses „Nebenher“ ist ein interessanter Aspekt, denn auch die Handlung nimmt das Ausweichen vor der eigentlichen Arbeit und Pflicht zum Ausgangspunkt: Urlaub. Helmut Halm und seine Frau Sabine machen Ferien am Bodensee. Wie seit vielen Jahren, immer in derselben Ferienwohnung, immer für vier Wochen. Die Routine passt zum Charakter des Gymnasiallehrers, der mittels interner Fokalisierung zum Quasi-Erzähler der Novelle wird: Er ist ein geistiger und sozialer Einsiedler. Im Urlaub bloß nichts Überraschendes zu erleben, passt perfekt zu seinem Blick auf die Welt, die ihm nichts mehr zu bieten scheint, und auf ein Leben, dessen erschreckende Ähnlichkeit zu seinem Urlaub ihm hier bewusst wird: Es ist müßig, ereignislos, nur noch Trott und Routine.

„Helmut spürte einen brennenden Neid“, heißt es auf den ersten Seiten. „Er hatte praktisch nicht gelebt. Es war nichts übrig geblieben. Hinter ihm war so ziemlich nichts. Wenn er sich erinnern wollte, sah er reglose Bilder von Straßen, Plätzen, Zimmern. Keine Handlungen. In seinen Erinnerungsbildern herrschte eine Leblosigkeit wie nach einer Katastrophe. Als wagten die Leute noch nicht, sich zu bewegen. Auf jeden Fall standen sie stumm an den Wänden. Die Mitte der Bilder blieb meistens leer. Er spürte, dass ihm das Abenteuer endgültig zu Ende gegangen war.“ Etwas später lässt Martin Walser diese Hauptfigur ihre Lebensmaxime verraten, nämlich „die eigene Gegenwart in einen Zustand zu überführen, der der Vernichtetheit des Vergangenen so ähnlich als möglich war“.

Ausgerechnet aus diesem Vergangenen trifft Helmut dann an einem der ersten Urlaubstage am Bodensee einen Zeugen: Klaus Buch macht ebenfalls Ferien in der Gegend. Sie waren einst Freunde in gemeinsamem Zeiten als Schüler und Studenten, doch schon damals gehörte zu dieser Kumpanei auch Konkurrenz. Jetzt erscheint Klaus Buch erst recht wie ein Störenfried: Er ist nicht nur der Beweis, dass die eigene Biographie keineswegs so trist war, wie Helmut sie erinnert. „Bei Klaus Buch rollte es nur so von Tönen, Gerüchen, Geräuschen; das Vergangene wogte und dampfte, als sei es lebendiger als die Gegenwart.“ Klaus inszeniert sich auch als Gegenentwurf zum Spießbürger und weckt damit das Interesse von Sabine: Er ist Journalist, liberal, gierig nach Erfahrungen und hat die deutlich jüngere Helene als Trophäe seiner Virilität an seiner Seite.

Gegen Helmuts Willen treffen sich die beiden Paare mehrmals, neben der Faszination Sabines für Klaus entdeckt Helmut dabei auch sein eigenes sexuelles Interesse an Helene, das ihm genauso wenig in den Kram passt wie die Konfrontation mit dem Wegbegleiter aus Zeiten, in denen er selbst offenbar noch ambitioniert, manchmal sogar draufgängerisch war. Martin Walser macht daraus in Das fliehende Pferd nicht nur eine im Vergleich zu seinen vorherigen Werken in Handlung und Sprache sehr fokussierte Geschichte über die Midlife Crisis, sondern eine schmerzhafte Diagnose unserer Welt und Psychologie. Denn das Aufeinandertreffen eskaliert letztlich nicht wegen der erotischen Avancen, sondern weil Helmut und Klaus im Spiegel des jeweils anderen nicht mehr leugnen können, wie frustriert sie sind. Helmut sehnt sich nach Geisteshöhen und hat etliche Kierkegaard-Bände im Reisegepäck, der vermeintliche Strahle- und Lebemann Klaus ist von Selbstzweifeln zerfressen. Ihre tatsächliches Handeln ist aber selbst im Urlaub weder von intellektuellem Diskurs noch von Abenteuer geprägt, sondern sehr profan und beschaulich: Kaffeetrinken, Spazierengehen, Segeltörns.

Schein und Sein stimmt bei beiden Männern nicht überein. Nach außen können sie einen respektablen Werdegang vorzeigen, sie sind im Mittelstand, im besten Alter und in festen Beziehungen angekommen. Aber die Begegnung nach vielen Jahren ruft beiden in Erinnerung, was einst an Potenzial, Idealen und Träumen in ihnen steckte. Sie spüren nun um so deutlicher die Enttäuschung darüber, so wenig davon entfaltet zu haben. Der Widerspruch ist offenkundig, das literarisch Reizvolle daran entsteht, weil er auch Helmut schon lange so bewusst ist. „Er merkte doch, wie schwierig es war, sich nur für Augenblicke und nur um eine Winzigkeit und nur versuchsweise aus dem Herrschaftsbereich des Scheins zu entfernen. Sofort fühlst du dich am Pranger“, heißt es an einer Stelle. Diese Zerrissenheit hat Helmut von einer Qual in einen Sport verwandelt, in dem er nun die Meisterschaft anstrebt: „So etwas wie Lebensfreude entwickelte sich bei ihm wirklich nur aus dem Erleben des Unterschieds zwischen innen und außen. Je größer der Unterschied zwischen seinem Empfinden und seinem Gesichtsausdruck, desto größer sein Spaß. Nur wenn er ein anderer schien und ein anderer war, lebte er. Erst wenn er doppelt lebte, lebte er.“

Dass der Weg in diese Sackgasse am Ende der Jugend begann, als sich Klaus und Helmut aus den Augen verloren, wird in Das fliehende Pferd mehr als nur angedeutet, und genau in dieser Unumkehrbarkeit liegt die Traurigkeit und Tragik dieser Novelle. Was Klaus bloß vorlebt, hat Helmut internalisiert und zum vermeintlichen Postulat erhoben: Die Ohnmacht des Handelns gegenüber dessen Folgen und dessen Wahrnehmung: „Was alles passiert ist, sage ich nicht. Das hieße ja, um Verständnis werben. Etwas verschweigen kommt mir schön vor. Mein Ideal ist es, ruhig zusehen zu können, wenn man falsch verstanden wird. Dem Missverständnis zustimmen, das möchte ich lernen. Sogenannte Feinde sogenannten Freunden vorziehen, das möchte ich lernen.“ Ein fliehendes Pferd wird so zum Dokument der Resignation. Beim Versuch, ein mündiges, freies, vielleicht sogar glückliches Individuum zu werden, aus ihren eigenen Fähigkeiten und Sehnsüchten heraus, haben beide Männer kapituliert, und sie gestehen, vielleicht deshalb, auch den Frauen an ihrer Seite dieses Recht nicht zu. Das Erschreckende an dieser Leere: Sie beschreibt auch 40 Jahre später noch eine Entfremdung, die unser übliches Miteinander und unsere soziale Normalität ist.

Bestes Zitat: „Schon jetzt wollte er vergangen sein. Das war seine Richtung. Es sollte in ihm, um ihn, vor ihm so fetzenhaft sein wie im Vergangenen. Man ist ja viel länger tot als lebendig. Es ist doch grotesk, wie winzig die Gegenwart im Vergleich zum Vergangenen ist. Und dieses Verhältnis sollte jede Sekunde der Gegenwart gebührend minimalisieren, zerreiben, bis zur Unfehlbarkeit entstellen.“

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