Max Frisch – „Mein Name sei Gantenbein“


Autor Max Frisch

Max Frisch Mein Name sei Gantenbein Buch Kritik

„Was wäre wenn?“ ist die zentrale Frage in „Mein Name sei Gantenbein“.

Titel Mein Name sei Gantenbein
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1964
Bewertung

Alleine in der Wohnung, von der Frau verlassen. Aus dieser Ausgangssituation heraus beginnt der Erzähler in Mein Name sei Gantenbein einen Rückblick. Der Titel des Romans von Max Frisch zeigt schon, dass er das Geschehen dabei nicht nur aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, sondern die Fantasie und Unsicherheit, die mit dem Akt des Erinnerns unweigerlich verbunden sind, sogar aktiv nutzt, um neue Möglichkeiten zu denken, einem anderen Verlauf der Ereignisse nachzuspüren.

So entsteht die Figur des Theo Gantenbein, der nach einem Unfall im Krankenhaus landet. Die Ärzte bangen um sein Augenlicht. Als ihm der Verband vom Kopf abgenommen wird, kann er problemlos sehen, doch er behauptet das Gegenteil und spielt fortan die Rolle des Blinden, mit Brille und Stock. Was wie eine kindische Idee anmutet, der er aus Neugier nachgibt, erweist sich schnell als Lösung für viele seiner Sorgen: Alle begegnen ihm jetzt mit mehr Rücksicht, zugleich haben sie weniger Skrupel, ihm etwas vorzuenthalten, was er vermeintlich ohnehin nicht selbst entdecken kann. Die Menschen werden bei Begegnungen mit ihm, so ist eine seiner ersten Erfahrungen, „frei von der Angst, dass man ihre Lügen sehe. Vor allem aber, so hofft Gantenbein, werden die Leute sich vor einem Blinden wenig tarnen, so dass man sie besser kennenlernt, und es entsteht ein wirklicheres Verhältnis, indem man auch ihre Lügen gelten lässt, ein vertrauensvolleres Verhältnis.“

Das gilt auch für die Ehe mit der allseits bewunderten Schauspielerin Lila, über die Felix Enderlin den Weg in dem Roman findet, ihr vermeintlicher Liebhaber, dem eine glänzende Karriere in Harvard winkt, die er aber ausschlägt, weil er sich einbildet, bald sterben zu müssen. Auch bei ihm (und weiteren Figuren in Mein Name sei Gantenbein) kann man also ein Thema erkennen, dem Max Frisch schon in Stiller so meisterhaft nachgespürt hat: Es geht um die Konstruktion und Leugnung von Identität. Der Roman zeigt die Fiktion des eigenen Lebens und ihre Reibung mit der Empirie. „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält“, lautet der Satz in diesem Buch, der diese Kernidee zusammenfasst.

Frisch geht dabei weitgehend assoziativ vor. Statt eines Plots gibt es viele miteinander verbundene Persönlichkeiten, die sich unterscheiden, aber auch beträchtliche Gemeinsamkeiten haben. Ihre Charaktere osziliieren um eine gedachte Linie, die wohl der eigentliche Kern des Erzählers ist. Überraschend taucht gegen Ende des Romans auch ein Ich als Instanz auf, in der sich der Erzähler zu erkennen gibt, der seinen eigenen Plot und das Verhalten seiner eigenen Figuren tadelt, schließlich sogar den Leser direkt anspricht. Man erkennt, dass dieses „Ich“ identisch ist mit Gantenbein, mit Enderlin, vielleicht gar mit allen Figuren, die letztlich bloß Varianten dieses Ich sind. „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu – man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stellte ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung…“, heißt es passend dazu.

Noch stärker als in Stiller steht hier die Frage „Was wäre wenn?“ im Zentrum, bis hin zu einem Szenario à la Und täglich grüßt das Murmeltier: „Ich wäre Enderlin (…), aber unsterblich, so, dass ich sein Leben, meinetwegen auch nur einen Teil seines Lebens, ein Jahr, meinetwegen sogar ein glückliches Jahr, beispielsweise das Jahr, das jetzt beginnt, noch einmal durchzuleben hätte mit dem vollen Wissen, was kommt, und ohne die Erwartung, die allein imstande ist, das Leben erträglich zu machen, ohne das Offene, das Ungewisse aus Hoffnung und Angst. Ich stelle es mir höllisch vor“, lautet die Erkenntnis dabei.

Max Frisch stellt dabei gelegentlich und mit superber Selbstironie die Parallelen zum Akt des Schreibens und Erzählens (bei dem ja ebenfalls alle fiktiven Charaktere das Produkt der Fantasie eines einzigen, realen Autors sind) in den Mittelpunkt. „Ich bin ein schlechter Leser: meine Gedanken wie Möwen hinter einem fahrenden Schiff, sie folgen und folgen, plötzlich kurven sie ab und hinaus aufs offene Meer, kommen aber wieder, fliegen voraus, immer dieselben, bleiben zurück wie meine Gedanken hinter der Geschichte, die unablässig unter Volldampf weiterfährt“, schreibt er an einer Stelle, die zugleich eine wunderbare Metapher für die in Mein Name sei Gantenbein angewandte Montage-Technik ist. Viel mehr als um sein eigenes Metier geht es ihm aber um die kreative, schöpferische Kraft, die wir alle (spätere Erkenntnisse aus der Neuropsychologie bestätigen ihn in dieser These) anwenden, um unsere Biographie zu gestalten. Sei es, um einen Umgang mit der nicht bewältigten und eifrig verschwiegenen NS-Vergangenheit zu finden, die hier immer wieder auf bittere Weise anklingt. Oder aber, um andere Traumata, Grausamkeiten oder Enttäuschungen zurechtzubiegen. Aus Erlebnissen werden Narrative, diese (und nicht die eigentlichen Erlebnisse) werden zu unserer Biografie, und diese formt unser Ich. An den Übergängen dieser Entwicklung verändert sich viel, wird weggelassen und hinzugedichtet, verdrängt und herausgestellt, unwillkürlich verzerrt und wissentlich selektiert. „Ich erlebe lauter Erfindungen“, sagt Gantenbein, und das gilt natürlich für uns alle.

Die Rolle als eingebildeter Blinder zeigt ihm, wie sehr das permanente Jetzt dabei hilft, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu vermeiden und die Gegenwart als deren Konsequenz zu begreifen („Die Netzhaut ist ein Schutz vor der Ahnung, die fast jedes Geräusch in uns auslöst, und vor der Zeit; man sieht, was die Uhr drüben am Sankt Peter zeigt, und die Uhren zeigen immer jetzt. Ein Schutz vor der Erinnerung und ihren Schlünden.“). Aus seiner Verstellung erwächst letztlich auch die besondere Form dieses Romans: Der Erzähler betrachtet die Situation und ihr Zustandekommen nicht als Ich, sondern von außen, also vermeintlich objektiver, weil er vermeintlich mehr sieht. Zugleich kann er von außen das Geschehen aber auch stärker manipulieren. Genau das tut er auch, und er macht die Manipulation, die nicht nur eine Täuschung des Lesers, sondern auch des Erzählers selbst ist (das Spektrum dabei reicht von Unzuverlässigkeit bis hin zur Schizophrenie), dabei explizit. „Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal. Dann wieder zweifle ich, ob die Geschichten, die ich mir vorstellen kann, nicht doch mein Leben sind. Ich glaub’s nicht. Ich kann nicht glauben, dass das, was ich sehe, schon der Lauf der Welt ist.“

Bestes Zitat: „Manchmal scheint auch mir, dass jedes Buch, so es sich nicht befasst mit der Verhinderung des Kriegs, mit der Schaffung einer besseren Gesellschaft und so weiter, sinnlos ist, müßig, unverantwortlich, langweilig, nicht wert, dass man es liest, unstatthaft. Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.“

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