Niklas Natt och Dag – „1795“


Autor*in Niklas Natt och Dag

Niklas Natt och Dag 1795 Kritik Rezension

Mit „1795“ schließt Niklas Natt och Dag seine Stockholm-Trilogie ab.

Titel 1795
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

„Wir alle taumeln durch unsere unübersichtliche Existenz nur mithilfe der Mittel, die uns zur Verfügung stehen. Wir wählen Symbole aus und flößen ihnen Werte ein, um Ordnung ins Chaos zu bringen – und zwar immer nur nach unserem eigenen Ermessen; wir füttern sie, bis sie überlebensgroß sind, und unterwerfen uns ihnen bereitwillig. Wir alle, das gesamte Menschengeschlecht scheint zu Sklaven geboren zu sein. Doch die Lügen, die wir uns zu unserem eigenen Trost einreden, werden zum Blasebalg am Feuer, in dem wir unsere eigenen Fesseln schmieden.“

Diese Sätze kann man in einem Dialog gegen Ende von 1795 hören. Ein gelehrter Mann dieser Zeit scheint darin seine eigenen Schlussfolgerungen aus dem Werk von Immanuel Kant (ohne dass dieser als Quelle genannt werden) zusammenzufassen, und solche Passagen sind auch im dritten Teil dieser Trilogie von Niklas Natt och Dag einer der großen Pluspunkte des 1979 geborenen Autors, der aus einer der ältesten Adelsfamilien Schwedens stammt: Er schafft es, das populäre Genre des historischen Romans mit gut informierten, verständlich aufbereiteten Reflexionen über die Geistesgeschichte zu verbinden.

Besonders reizvoll wird das auch diesmal durch den gewählten Schauplatz und die Zeit, in der dieser Roman spielt: Stockholm, das gegen Ende des 18. Jahrhunderts rund 75.000 Einwohner*innen hatte, war damals zugleich ein Ort der Debatte über die neuen Ideen im Zeitalter der Aufklärung als auch ein Moloch, der aus unserer heutigen Betrachtung städtebaulich und weltanschaulich noch tief im Mittelalter zu stecken scheint. Niklas Natt och Dag gelingt es wie schon in den ersten beiden Teilen meisterhaft, diesen Morast aus Aberglaube, Grausamkeit, Perversion und Armut zum Leben zu erwecken. Es wird (buchstäblich) in Scheiße gebadet, er breitet nach einem Überfall mit rostigen Klingen die unapettitlichen Symptome von Wundbrand genüsslich aus und lässt, quasi als Drama innerhalb des Romans, seine Figuren ein überaus sadistisches Schauspiel inszenieren, in dem unschuldige Einwanderer live auf der Bühne zu Todesopfern werden. 1795 wird „eine brillante Zeitreise in eine Welt, über die man zwar mit wohligem Schauer liest, ohne aber selbst darin leben zu wollen“, hat der WDR dazu treffend angemerkt.

Wieder siedelt der Autor darin eine Kriminalgeschichte an, und wieder profitiert er dabei von seinen sehr besonderen Hauptfiguren. Emil Winge ist als Mann für besondere Aufgaben bei der Polizeikammer von Stockholm beschäftigt, nach moderner Lesart ist er so etwas wie eine Mischung aus Profiler und Pathologe. Sein nach einer Kriegsverletzung versehrter, aber ebenso trinkfester wie schlagkräftiger Kompagnon Jean Michael Cardell ist Stadtknecht, aus heutiger Sicht also so etwas wie ein Streifenpolizist. Gemeinsam rollen sie das Geschehen auf, das in 1794 das blutige Finale gebildet hat: Die Machenschaften des zwielichtigen Tycho Ceton haben einhundert Waisenkinder das Leben gekostet, auch Winge und Cardell haben sich dabei in gewisser Weise schuldig gemacht. Sie schwören sich, Tycho diesmal zur Strecke zu bringen. Doch dieser ist gerade dabei, sich wieder die Gunst mächtiger Freunde zu erwerben.

Auch ohne Kenntnis der ersten beiden Teile wird daraus eine interessante Detektivgeschichte, wirklich reizvoll (und nachvollziehbar) dürfte der Plot aber nur für Leser*innen werden, die Winge und Cardell schon seit 1793 folgen. Schließlich geht es auch um große Politik und eine angedeutete Liebesgeschichte: Ein Brief mit einer Liste von Verschwörern gegen das Königshaus könnte das ganze Land in Aufruhr versetzen und sowohl für Winge/Cardell als auch für Tycho Ceton der Schlüssel zum Erreichen ihrer Ziele sein. Doch er befindet sich im Besitz von Anna Stina Knap, die nichts von der Brisanz des Schriftstücks ahnt. Niemand weiß, wo sie sich aufhält – so gerne Cardell sie auch finden und beschützen würde.

Das Buch ist erneut enorm gut recherchiert, wird manchmal aber fast erdrückt von seiner Detailtiefe. Die Dekoration im Opernsaal, die Beschwerlichkeit einer Reise ins Umland von Stockholm, die Trinkgewohnheiten in den besonders heruntergekommenen Spelunken der Stadt: All das wird von Historiker*innen der Frühen Neuzeit sicher als authentisch gelobt, an einige Stellen des gut 500 Seiten starken Romans aber viel zu breit ausgewälzt. Ohnehin erweist sich diese Methode oftmals als ausgereizt, was 1795 zum schwächsten Teil der Reihe macht: Korruption, Sadismus, Hunger, Intrige, Glaubenskämpfe, sogar die erbarmungslose Kälte der Stadt: Das kennt man alles schon von Niklas Natt och Dag. Immerhin findet er, für den Roman und für die Trilogie, ein gutes Ende, das den Figuren gerecht wird, die Fäden gekonnt zusammenführt, das nötige Maß an Überraschung bietet und dabei ein winzig kleines Hintertürchen für eine Fortsetzung offen hält.

Bestes Zitat: „Die Wahrheit ist doch, dass ein Leben nicht ausreicht, um aus der Geschichte zu lernen. Man lernt nicht aus den Fehlern anderer Menschen. Jede Generation bringt die Saat des Bösen neu aus. Es wird rein gar nichts besser werden – allenfalls anders.“

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