Paenda – „Evolution II“


Künstler Paenda

Paenda Evolution II Review Kritik

Alles an „Evolution II“ hat Paenda selbst komponiert und produziert.

Album Evolution II
Label Wohnzimmer Records
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

„Love and embrace yourself“, steht auf der Rückseite des Booklets zum heute erscheinenden Evolution II. Es hat ziemlich lange gedauert, bis Paenda dieser Aufforderung für ihr eigenes Leben nachkommen konnte. „Ich habe einige Zeit lang viel zu viel mit mir machen lassen, aber daraus sehr viel gelernt. Ich habe mich aus diesen Situationen befreit und weiß, was ich will und was mir wichtig ist“, sagt die Österreicherin, die als Gabriela Horn in der Steiermark aufgewachsen ist und jetzt in Wien lebt.

Zu den Meilensteinen und Umwegen, die zu diesem Album führten, gehören nicht nur der Vorgänger Evolution I aus dem vergangenen Jahr, sondern beispielsweise auch ein Studium am Vienna Music Institute und ein Versuch, es mittels einer Castingshow (Popstars 2015) zu mehr Bekanntheit zu bringen. Dass sie im Jahr darauf beschloss, fortan als Paenda aktiv zu sein, ist vielleicht entscheidend für eine Überzeugung, die man Evolution II sehr deutlich anhört: den eigenen Weg gehen, die eigene Identität zum Ausdruck bringen, zu den eigenen Entscheidungen stehen, auch wenn sie womöglich nicht immer die besten sind.

So entsteht eine Platte, die modern und originell ist, wie schon der Auftakt I Like The Way You Hate Me zeigt. Zuerst hört man nur die Stimme von Paenda, die zugleich vorsichtig und verschwörerisch klingt. Dann kommen nach und nach ein paar elektronische Sounds hinzu, schließlich ein massiver Beat, der so überraschend ist wie der Text in diesem Refrain „I like the way you hate me / it makes me feel so special / it makes me feel so precious.“ Dieser Refrain ist so stark, dass er beim zweiten Mal zunächst sogar ohne Beat auskommt.

Das folgende Like A Domino lässt wie einige andere Momente von Evolution II an Ellie Goulding denken. Auch Austra (wenn auch ohne deren Clubtauglichkeit) oder Julia Holter (wenn auch ohne das Orchestrale) kann man als Bezugspunkte nennen, denn mit ihnen teilt Paenda das Bestreben, Pop mit Experiment zu vereinen. Im erwähnten Like A Domino greift sie ein Bild auf, das man schon aus etlichen Songs kennt, setzt es aber wirkungsvoll um. Zugleich zeigt sie hier eines der inhaltlichen Leitmotive für diese Platte mit der Erkenntnis: Dinge, die sich gut für uns anfühlen, sind manchmal eben doch nicht gut für uns. Auch im dezent exotischen Filler kann man diese Widersprüchlichkeit erkennen, aus Moment und Zukunft, aus dem eigenen Empfinden und dem des Gegenüber, auch aus körperlichem und emotionalem Verlangen.

So Loud ist musikalisch eher gewöhnlich, offenbart aber ein weiteres zentrales Thema auf Evolution II, nämlich das Bestreben, etwas aus all den Enttäuschungen und schmerzhaften Versuchungen zu lernen, so schwer das auch sein mag. Auch Everything I’m Not verweist in diese Richtung: Der Mensch, der glaubt, alles an ihr zu lieben, hat leider eine komplett falsche Vorstellung von diesem „alles“. Den entsprechenden Song hätte man sich von den Sugababes vorstellen können, allerdings neigt er leider dazu, krawallig zu werden, wo er subtil bleiben könnte. Das ist auch sonst eine Schwäche auf Evolution II: Statt auf ihre Stimme, ihre Melodien („Mein Gradmesser ist meine Schwester. Wenn sie eine Minute nach Vorspielen eines Songs die Hookline nicht nachsingt oder summt, dann weiß ich, dass der Song nicht stark genug ist“, sagt Paenda) oder die Atmosphäre der Lieder zu setzen, werden die Tracks manchmal überfrachtet mit Tricks aus ihrem Heimstudio. Wavebreaker ist dafür ein Beispiel: Strophe und Refrain passen nicht zusammen, davon kann auch eine ganze Kiste voller Gesangseffekte nicht ablenken. All The Right Things findet ebenfalls nicht die optimale Balance aus Melodie, Beat und Synthie-Begleitung: Statt sich zu beflügeln, kannibalisieren sich die einzelnen Elemente insbesondere im Refrain gegenseitig.

Auch das programmatische Love Myself krankt daran. „Was I more than just a fuck toy?“, fragt sich Paenda darin. Der Sound (sie hat alle Stücke selbst geschrieben und produziert) ist gut und einfallsreich, trotzdem würde man sich melodiös ein paar mehr Glanzpunkte wünschen und merkt, dass die Komposition manchmal dazu neigt, sich hinter Studiotricks zu verstecken und einigen dieser Lieder ihre Emotionalität zu nehmen. Der Album-Abschluss Stay For The Night ist das Gegenbeispiel. Die Ausgangslage ist die Hoffnung, nicht wieder einen Verlust, einen Abschied, ein Ende erleben zu müssen. Die zweite Strophe, der Schluss und die Reprise sind Momente, in denen dieses Lied richtig Klasse entwickelt und besonders wird. Auf der Habenseite steht eindeutig auch Limits, der eindringlichste Song auf diesem Album. Paenda besingt darin den Moment unmittelbar vor der Kapitulation in einer Beziehung, diesmal ohne einen Schutzpanzer aus Beats.

Der Song ist der Beitrag Österreichs für den Eurovision Song Contest 2019 im Mai in Tel Aviv. Für eine Künstlerin, die hier unverkennbar eine Vorliebe für Anspruch und Avantgarde erkennen lässt, mag ein Auftritt beim Schlager- und Fließbandpop-Gipfel als ungewöhnlicher Schritt erscheinen. Paenda ist sich indes längst sicher, dass es ein richtiger Schritt ist, sich dort zu präsentieren. „Ich habe mich oft genug von meinem Weg abbringen oder mich verunsichern lassen. Wichtige Menschen in meinem Umkreis haben mich aber immer dabei unterstützt, ich selbst zu sein und das auch in der Musik auszudrücken“, sagt sie über den Entschluss, die Ergebnisse ihrer ganz persönichen Evolution nun mit dem ganzen Kontinent zu teilen. „Es war hart zu lernen, bei sich zu bleiben und auf sich selbst zu vertrauen, aber es war nun endgültig Zeit dafür.“

Ganz auf das Lied konzentriert bleibt das Video zu Limits.

Homepage von Paenda.

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