Philip Selway – „Let Me Go“


Künstler Philip Selway

Philip Selway Let Me Go Review Kritik

„Let Me Go“ ist der erste Soundtrack von Philip Selway.

Album Let Me Go
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Helga’s Theme heißt das erste Stück auf dieser Platte. Die Vorstellung ist natürlich fantastisch: Philip Selway, Schlagzeuger der sensibelsten Band der Welt (Radiohead), macht eine Mitgröl-Hymne über das älteste aller deutschen Festival-Rituale, die fortan von reihenweise sonnenverbrannten und sturztrunkenen Teenagern über Zeltplätze gebrüllt wird. „Helga!“

Diese Hoffnung zerschlägt sich allerdings schon in den ersten Sekunden. Das Stück enthält nur schwermütige Streicher, getragenes Klavier und die unverkennbare Aussage: Dies ist ernste Musik, solche, die von Notenblättern gespielt wird. Der Bezug zu Helga hat einen ganz anderen Hintergrund: Let Me Go ist der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Polly Steele. Er basiert auf der Autobiographie der Österreicherin Helga Schneider. Ihre Mutter Traudi war Aufseherin in Auschwitz und hat das vor Helga immer verheimlicht. Die erfährt erst sehr spät von der dunklen Vergangenheit ihrer Mutter, verbirgt sie aber ebenso vor ihrer eigenen Tochter Beth und der Enkelin Emily.

“Ich habe schon immer angestrebt, auch Filmmusik zu schreiben“, sagt Philip Selway, der zuvor zwei Soloalben (Familial und Weatherhouse) vorgelegt und 2014 schon einmal Musik für die Rambert Dance Company geschrieben hatte. Als er im Jahr darauf von den befreundeten Filmemachern das Drehbuch zu Let Me Go erhielt, war er Feuer und Flamme. „Ich habe es gelesen, dann die Autobiographie von Helga, und ich war vollkommen gefesselt. Das Drehbuch hatte sehr viel Tiefe, und es integrierte sehr große Themen.“

Nur auf drei Stücken gibt es Gesang. Walk wird gesungen von Lou Rhodes (Lamb) und ist zugleich eins von nur zwei Stücken mit Schlagzeug. Der Song lässt sich am besten als Kammerpop kategorisieren, passend zum Thema des Films wird aus einer Position von Zweifel, Unsicherheit und Misstrauen heraus erzählt. Wide Open singt Philip Selway selbst, die zentrale Aussage darin heißt: „Show me you paid some attention.“ Auch in Let Me Go ist seine Stimme zu hören, es ist das am üppigsten instrumentierte Lied der Platte, nicht weit weg von einer handelsüblichen Klavierballade. Das Thema auch hier: enttäuschtes Vertrauen von einer Person, die trotzdem noch viel Macht über ihn hat.

Daneben gibt es elf Instrumentalstücke, die mal reduziert klingen wie Last Act, in dem nur ein Vibraphone spielt, oder Necklace, das nur auf der akustischen Gitarre dargeboten wird. An anderer Stelle ist der Soundtrack experimentell wie Mine: Man könnte glauben, eine uralte Orgel würde von einem Schwarm Fledermäuse überfallen. In Let Me Go (Rhodes) scheinen singende Gläser zum Einsatz kommen, Days And Nights ist der einzige Moment der Platte, in dem etwas Licht und Leichtigkeit hereingelassen werden.

Den Kern der Kompositionen bilden die Streicher, arrangiert von Laura Moody. „Die vier Frauenfiguren waren mein Ausgangspunkt. Deshalb habe zuerst für ein Streicherquartett geschrieben – auch, weil dieser Klang so warm ist. Das Zusammenspiel der Instrumente ist eine schöne Metapher für die unterschiedlichen Generationen“, erklärt Philip Selway. Am besten funktioniert das im erhabenen Mutti, am wenigsten in Snake Charmer, wo zwar ein Klavier zur Verstärkung mitmacht, man aber dennoch erkennt: Es müsste schon eine sehr gelangweilte Schlange sein, die sich davon aus dem Korb locken lässt

Helga’s Theme taucht ganz am Ende des Soundtracks noch einmal auf, wieder nicht als Festival-Schlachtruf, diesmal aber mit einer singenden Säge angereichert. “Es ist ein Klang wie aus einer anderen Welt, und es ist ein sehr schroffes Instrument“, sagt Philip Selway. „Das passt sehr gut zum Film.“

Der Trailer zum Film.

Website von Philip Selway.

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