Richard Dawson & Circle – „Henki“


Künstler*in Richard Dawson & Circle

Richard Dawson Circle Henki Review Kritik

„Henki“ ist in zwei Sessions in Finnland entstanden.

Album Henki
Label Weird World
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Ein bisschen erstaunlich ist es, dass das Cover von Henki eine uralte Stadt zu zeigen scheint, die auf einen Hügel gequetscht wurde. Es gibt dort beispielsweise allerlei Gotteshäuser, eine Windmühle und ein Aquädukt. Man könnte es für eine historische Zeichnung halten, was gut zum bisherigen Schaffen von Richard Dawson passen würde, der unter anderem auf Peasant (2017) das Leben der mittelalterlichen Landbevölkerung besungen hat.

Viel naheliegender wäre es allerdings gewesen, auf der Plattenhülle einen Wald abzubilden, einen Garten oder irgend etwas anderes mit Pflanzen (wenn man genau hinschaut, erkennt man rechts und links unten auf dem Covermotiv immerhin auch eindrucksvolle Baumwurzeln). Denn diese sind diesmal das zentrale Thema in den Texten von Richard Dawson, sogar seinen Sound hat er am Wesen der Fauna orientiert. „Pflanzen haben etwas an sich, das ein anderes Zeitgefühl und einen anderen Rhythmus anspricht. Ich dachte, das wäre ein interessanter Einstieg oder Rahmen, um über einige der Dinge zu sprechen, über die ich normalerweise sowieso gerne sprechen würde“, sagt der umtriebige Brite, der unter dem Pseudonym Eyeballs zuletzt viele Drone-Acts produziert hat. Den Lockdown nutzte er unter anderem, um gemeinsam mit Sally Pilkington (mit der er außerdem in der Band Hen Ogledd spielt) gleich 64 Lo-Fi-Alben unter dem Namen Bulbils herauszubringen.

Für Henki hat er mit der 1991 gegründeten Metal-Band Circle aus Finnland zusammengearbeitet. Dawson erlebte die Band zum ersten Mal, als sie im Vorprogramm von Acid Mothers Temple unterwegs waren. Zum Fan wurde er, als er dann das Album Tower hörte, das Circle 2007 herausgebracht haben. „Mir wurde klar, was für eine unglaubliche Band sie sind, die so viel von dem beinhaltet, was mich interessiert, von der Metal-Seite bis hin zur eher schamanistischen Naturmusik“, schwärmt Dawson noch heute.

Via Twitter stellte er dann den Kontakt zu den Finnen her, 2019 standen sie bei einem Festival in Helsinki erstmals gemeinsam auf der Bühne: „Um zu verdeutlichen, wie wichtig diese Band für mich ist. Es war, als wäre ich ein Teenager und würde plötzlich gebeten, mit Iron Maiden auf die Bühne zu gehen. Als ich zwölf oder dreizehn war, bastelte ich mir eine Pappgitarre und tat so, als wäre ich Dave Murray, machte alle Bewegungen und lächelte dem imaginären Publikum zu. Mit Circle ist es das gleiche Gefühl, nur dass es eben echt ist!“, erzählt er.

Henki (das Wort ist Finnisch und bedeutet „Geist“) entstand dann während zwei Sessions im finnischen Pori, und auch die Musiker aus dem Norden waren von dem Pflanzen-Konzept schnell angetan. Gitarrist Janne Westerlund hat erkannt: „Pflanzen sind sich ihres Wesens sehr sicher. Sie sind voller Unregelmäßigkeiten und unerwarteter Details, und dennoch haben sie eine identifizierbare Form. Wenn man sich eine Fichte ansieht, kann man leicht erkennen, dass es sich um eine Fichte handelt, auch wenn jeder Baum und seine Äste anders gewachsen sind. So entstand die Idee, dass die Musik ein ähnliches Gefühl haben sollte: ein organisches Wachstum innerhalb einer bestimmten Form. Und warum sollten sich dann die Texte nicht auch mit Pflanzen beschäftigen?“

So handelt der Album-Auftakt Cooksonia nun von den ersten an Land lebenden Gefäßpflanzen und von Isobel Cookson (1893-1973), die zu diesem Gewächs geforscht hat. Das Lied ist geheimnisvoll und behutsam, auf Dawson-typische Weise altertümlich wird es vor allem durch das markante „ya-ho, ya-ho, ya-ho“. Silphium ist der Name einer antiken Pflanze, die angeblich sowohl als Aphrodisiakum als auch als Verhütungsmittel genutzt wurde. Die Musik dazu ist zunächst ambitionierter Indierock, den man sich beispielsweise von Placebo vorstellen könnte, dann gibt es eine Jazz-Passage und im Verlauf der mehr als 12 Minuten noch reichlich andere Genres – und nicht zuletzt in den Text verpackt auch eine Geschichte von zu wenig Nachhaltigkeit.

Silene singt Dawson aus der Perspektive eines 32.000 Jahre alten Samens, der im Permafrost entdeckt wurde und dann tatsächlich erblühte. „In der menschlichen Sprache gibt es nicht viel zu sagen, also ist vieles sehr einfach. Bei Silene dachte ich, wenn ich aus der Sicht einer Pflanze schreibe, würde ich nicht so viel Blödsinn reden. Ich würde nur sehr wenig sagen, wenn überhaupt“, lässt Dawson dazu wissen, der für diesen Track gemeinsam mit Circle eine Musik erschafft, die so schwebend, organisch und verflochten klingt, dass man tatsächlich an eine Pflanze denken könnte, die ihre eigenen Instrumente spielt.

Der Text von Ivy vermengt verschiedene Themen aus der griechischen Mythologie von Midas bis Ödipus, der Sound dazu entwickelt viel Drive und Kraft, ohne direkt aggressiv zu sein. Das wäre musikalisch auch von The Darkness vorstellbar, auch wegen der mitunter lächerlich oder ironisch wirkenden Kopfstimme. Diese Parallele zeigt sich in Methuselah (der Song handelt vom 2004 verstorbenen Donald Currey, der aus Versehen den ältesten Baum der Welt gefällt hat) ebenfalls: Auch hier hat der Gesang fast einen Comedy-Effekt, auch Spaß an Bombast mit Streichern und Soundeffekten lässt sich in diesem Lied nicht abstreiten.

Die Single Lily (ausnahmsweise spielen Pflanzen darin nur eine Nebenrolle, stattdessen geht es um Visionen, die Richard Dawsons Mutter während ihrer Zeit als Krankenschwester hatte) klingt, als würde eine Stoner-Rock-Band plötzlich von einem Manowar-Virus befallen und dann von einem Eunuchen entführt. Der Album-Abschluss Pitcher war schon ein fertiger Song von Circle, als die Zusammenarbeit begann, Dawson hat dann einen neuen Text dazu geschrieben. Die Musik ist hier nicht weniger theatralisch und abenteuerlich, aber härter als im Rest der Stücke. „Mir gefällt der Gedanke, dass ich im Laufe des Albums allmählich von Circle verschlungen werde. Daher schien es mir angemessen, das Album über eine fleischfressende Pflanze zu machen“, scherzt der Brite.

Der Gedanke einer solchen Symbiose ist auf Henki aber in der Tat offenkundig, und die Gemeinsamkeiten zwischen dem britischen Singer-Songwriter und dem finnischen Metal-Sextett werden schnell deutlich: Beide wollen unbedingt originell und einzigartig sein und haben eine fast überbordende Fantasie und Abenteuerlust, die Dawson nach eigenen Angaben auch an Science-Fiction-Literatur geschult hat: „Wo sonst findet man so viel geistigen Mut? Ich habe das Gefühl, dass die abenteuerlichen Qualitäten des Heavy Metal nicht gebührend gewürdigt werden. Er kann jungenhaft und naiv sein, aber er hat auch diese träumerische Qualität.“ So kann er als Teil dieser Paarung manchmal wie ein Musik-Professor klingen, manchmal wie ein Spinner aus der Zukunft und manchmal wie ein Teenager-Junge, der zuhause im Kinderzimmer die Posen seiner Helden übt.

In Pori scheint es auch Spelunken zu geben, deutet das Video zu Lily an.

Website von Richard Dawson.

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