Rolling Blackouts Coastal Fever – „Hope Downs“


Künstler Rolling Blackouts Coastal Fever

Hope Downs Rolling Blackouts Coastal Fever Review Kritik

Für „Hope Downs“ hat die Band aus Melbourne bewusst auf ein Studio verzichtet.

Album Hope Downs
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Nach einer großen Mine in ihrer australischen Heimat haben Rolling Blackouts Coastal Fever ihr Debütalbum benannt. Hope Downs soll das Gefühl ausdrücken, wenn man am Rand des Kraters steht, diese große, unbekannte Leere vor sich hat und zugleich etwas findet, an dem man sich festhalten kann. Das ist eine sehr schöne Metapher für diese Platte: In höchst unsicheren, bedrohlichen Zeiten bietet sie sowohl Spannung als auch Hoffnung.

„Wir haben den Eindruck, dass wir eine Zeitenwende erleben, in der die Welt immer schräger wird. Viele vertraute Dinge zerbröseln, und die Leute um uns herum anscheinend auch“, sagt Gitarrist Tom Russo. „Die Lieder auf diesem Album sind wie eine Sammlung von Postkarten, mit denen große Dinge durch die Linse dieser kleinen Charaktere betrachtet werden.“

Ein gutes Beispiel dafür ist der Auftakt An Air Conditioned Man. Das Quintett aus Melbourne thematisiert darin die allmählich wachsende Verzweiflung eines Angestellten. “Während die Welt um ihn herum immer falscher und scheinheiliger wird, erkennt er, wie weit er sich von den Idealen seiner Jugend entfernt hat“, umschreiben sie den Inhalt. Tom Russo erzählt am Ende des Lieds von diesem klimatisierten Mann in einer klimatisierten Straße in einer klimatisierten Stadt. Das Ergebnis wirkt nicht nur trotzdem überhitzt, sondern ist auch sofort sehr präsent, sogar etwas aggressiv durch den kraftvollen Rhythmus, den schroffen Gitarrensound und ein erstaunliches Maß an Spontaneität, das sich vor allem im Gitarrensolo erkennen lässt.

Das ist typisch für den Sound, der Rolling Blackouts Coastal Fever schon auf den vorangegangenen EPs Talk Tight (2015) und The French Press (2017) viel Lob eingebracht hat. Ganz bewusst hat die Band auch für das erste Album an ihrer Methode festgehalten. „Im Laufe der Jahre haben wir einen ganz eigenen Sound und Stil entwickelt: Gitarrenpop mit ein bisschen Punk und Country“, sagt Sänger und Gitarrist Fran Keaney über die schon bis zur High School zurückreichende Zeit, in der er mit Tom Russo und Joe White musiziert hat. Als 2013 dann die aktuelle Besetzung mit Joe Russo am Bass und Marcel Tussie am Schlagzeug zusammenkam, und sie dafür den Namen Rolling Blackouts Coastal Fever wählten, „hatten wir sofort eine spezielle Chemie. Wir ließen die Songs einfach dahin laufen, wohin sie ohnehin wollten“, sagt Keaney.

Diese Selbstverständlichkeit hört man beispielsweise der Single Mainland an, die gut zu den Shins oder Phoenix passen könnte. Das Lied zeigt nicht nur, was die Band für ein Händchen für feine Refrains hat, sondern auch, wie verliebt diese Jungs gelegentlich noch immer in den Sound ihrer eigenen Gitarren sein können – und dass sie es obendrein noch schaffen, dabei sehr poetisch die weltweite Situation von Flüchtlingen aufzugreifen. Talking Straight, eine weitere Single, ist in den Strophen romantisch und mit knochentrockenem Beat à la Tom Petty gesegnet, im Refrain wird der Song dann großartig hoffnungsvoll. Auch hier darf es trotz der gutgelaunten Atmosphäre philosophisch werden. Keaney fragt sich im Text, “where the silence comes from, where the space originates”, später konstatiert er: „I still move / with feeling inside“ – und diese Feststellung scheint Keaney selbst zu überraschen.

Die Go-Betweens, die nicht nur wegen der Nationalität gerne als Bezugspunkt für diese Band genannt werden, sind in der Tat oft nahe, zugleich bietet Hope Downs trotz seines sehr charakteristischen Sound (produziert von Liam Judson) viele Variationen. Das reicht vom melancholischen How Long? bis zu Time In Common, das noch ein bisschen mehr Tempo, Punch und Ausgelassenheit liefert als der Rest des Albums, es integriert kleine Stoner-Rock-Breaks wie in Sister’s Jeans oder Jangle und Wehmut wie in Bellarine.

Cappuccino City rückt durch seinen sommerlichen Sound und vor allem durch die Kopfstimme näher beispielsweise an die Shout Out Louds. Exclusive Grave ist betont cool und lässt bei der Zeile “You watch yourself on the news” auch deshalb den Verdacht aufkommen: Die Meldung, die dieser Fernsehberichterstattung zugrunde liegt, könnte durchaus etwas mit Kriminalität zu tun haben, in jedem Fall aber mit jugendlichem Leichtsinn. The Hammer ist zum Ende von Hope Downs das Instrument, das aufräumen soll, auch mit den eigenen Verfehlungen und misslungenen Plänen, dafür klingt das Lied aber erstaunlich niedlich.

Dass sich Rolling Blackouts Coastal Fever als Band nie wichtiger nehmen als ihre Songs, ist eine der vielen entzückenden Eigenschaften dieser Platte, die im Proberaum der Band in Melbourne und dann, als dort der Winter einbrach, bei Schlagzeuger Marcel Tussie in New South Wales entstanden ist. „Wir wollten nicht in einem Studio aufnehmen. Als es zu kalt wurde, sind wir einfach nach Norden geflohen, irgendwohin, wo es warm war, um dort die Lieder live einzuspielen, alle im selben Raum“, sagt Sänger Fran Keaney. “Wir wollten sicher gehen, dass die Platte nach uns klingt.“ Hat sehr gut geklappt.

Im Video zu Talking Straight gibt es ein Universum aus Discokugeln.

Website von Rolling Blackouts Coastal Fever.