Roots Manuva – „Bleeds“


Künstler Roots Manuva

Roots Manuva Bleeds Review Kritik

Reichlich Bonusmaterial packt Roots Manuva auf die Deluxe-Version von „Bleeds“.

Album Bleeds
Label Big Dada
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Selbstvertrauen ist eine wichtige Eigenschaft im Rap. Es ist sogar eine conditio sine qua non. Bei Rodney Smith alias Roots Manuva besteht daran kein Mangel. Er hat sich schon einmal als „eine britische, schwarze, musikalische Entsprechung von Mark Rothko” bezeichnet. Den Albumtitel Bleeds sieht er als „den egozentrischen Spaß daran, es zu wagen, die Dinge in der Tradition von Jesus zu tun: Ich bin bereit, für meine Kunstform zu bluten.“ Nicht zuletzt packt er auf die Deluxe Edition seines sechsten Albums, das zehn Monate zuvor in der regulären Fassung erschienen war, gleich 20 Lieder mit fast 80 Minuten Spielzeit.

Der Mann, der jamaikanische Wurzeln hat und aus Stockwell im Süden Londons stammt, hat indes einige Gründe für so viel Stolz und Ego. Seit er 1994 seine erste Platte gemacht hat, geht es ständig bergauf für seine Musik. Praktisch alle Alben seit dem Debüt Brand New Second Hand (1999) wurden gefeiert – zu seiner eigenen Überraschung, wie er einräumt. „Wenn ich mir heute Brand New Second Hand anhöre, denke ich oft: Wow, das ist eine echt schöne Platte. Ich wünschte, ich hätte das damals schon verstanden. Zu dieser Zeit dachte ich nur: Ich kann tun, was ich will. Es werden sowieso nur 1500 britische HipHop-Fans hören. Mit dieser Mentalität versuche ich eigentlich auch heute noch, meine Platten anzugehen.“

Wie freigeistig und kraftvoll die Ergebnisse dieses Ansatzes sein können, zeigt Bleeds sehr deutlich. Es gibt kein Stück, das herausragt, aber selbst inklusive der vielen Bonustracks nur eins, das im Niveau etwas abfällt (Body Hot) und eins, das tatsächlich verzichtbar wäre (Watch). In allen anderen Momenten überzeugt Roots Manuva mit einer enormen Bandbreite an Stilen und vielen guten Ideen. Der Album-Auftakt Hard Bastards deckt das gesamte Spektrum zwischen kraftvoll (nicht nur der Beat) und klagend (nicht nur der Gesang) ab und handelt dabei von Unterdrückung, Ungleichheit und dem Unwillen, das länger hinzunehmen.

Auch Stepping Hard unterstreicht: Roots Manuva kann Stärke und er kann Zerbrechlichkeit. Das Ergebnis ist spannend durch die vielen Facetten seiner Stimme ebenso wie durch die Musik. Cargo setzt auf eine dezente Klavierfigur, wie es einige gibt auf diesem Album, wird dann auf gute Weise dramatisch und betont dabei die eigene Willensstärke und Standhaftigkeit. Me Up! ist sagenhaft lebendig und selbstbewusst, erst recht für einen Künstler, der seit 20 Jahren im Geschäft ist und sein sechstes Album vorlegt.

Der Titel des 2011er Vorgängers 4everevolution ist weiter hin Programm. Roots Manuva vermengt Rap, Dub, Pop, Funk, Reggae und elektronische Clubsounds, all das mit einem gehörigen Indie-Flair: Er hat die Arctic Monkeys inspiriert sowie mit Gorillaz, The Maccabees und Metronomy gearbeitet, außerdem im Vorprogramm von Blur bei deren legendären Auftritten 2015 im Hyde Park gespielt. Der Guardian hat einmal festgestellt, dass der Erfolg von Acts wie The Streets oder Dizzee Rascal ohne seine Pionierarbeit nicht möglich gewesen wäre. Der Künstler selbst, der als Produzenten diesmal Switch, Fred, Four Tet und Adrian Sherwood dabei und zudem auch einige Tracks selbst produziert hat, nennt das Ergebnis auf dieser Platte „liquid soul, the blood, the bleeds that paint infinite sacred wonders in our dreams and unfold in our day-to-day.”

Facety 2:11 (entstanden mit Four Tet und Machinedrum) illustriert, wie das gemeint ist: Der Beat ist hyperaktiv, der Einsatz der Samples sehr innovativ. Es ist bezeichnend, dass Roots Manuva diesen Track, einen der mutigsten auf dieser Platte, als Single ausgesucht hat. Don’t Breathe Out bleibt interessant, weil es vergleichsweise reduziert ist. „You can’t unplug me“, stellt Rodney Smith darin klar. One Thing ist experimentell, ohne dabei zu vergessen, dass so ein Lied nicht nur bei der Arbeit im Studio aufregend sein sollte, sondern auch beim Hören.

Die Musik von Crying ist gespenstisch, mit Horrorfilm-Keyboard und verstörenden Baby-Geräuschen, Roots Manuva scheint als Ich-Erzähler darin vor allem von sich selbst geschockt zu sein. I Know Your Face ist nicht weit weg von TripHop mit diesem Beat und der schicken Streichermelodie als Basis, Fighting For? könnte ein verlorener Blues-Klassiker sein, obwohl es zugleich einen sehr leichtfüßigen Beat hat.

Die Qualität des Bonusmaterials ist, bis auf die beiden eingangs erwähnten Ausnahmen, ebenfalls beeindruckend. Like A Drum ist extrem einfallsreich und zugleich sehr zugänglich, mit „Man shall create its destiny“ enthält es ein weiteres Bekenntnis zur Emanzipation, die fast stets der Treibstoff dieses Sounds ist. Knee-Jerk zeigt die Reggae-Ursprünge von Roots Manuva, On A High würde zu Faithless passen, auch weil dieses High nicht uneingeschränkt angenehm klingt. Iron Shirt hat viel Klasse, gerade weil trotz der Stimmeffekte die Unmittelbarkeit und Authentizität in diesem Rap erhalten bleibt.

Die vier Remixes betonen zum Abschluss der Deluxe Edition von Bleeds noch einmal die Offenheit des Sounds. Crying wird als Kode 9 Remix viel elektronischer und chaotischer als das Original, One Thing im Champion Remix viel tanzbarer. Der Pinch Remix von Don’t Breathe Out ist so abstrakt, dass man glauben könnte, er wolle sich ein wenig von sich selbst distanzieren. Der rLr Remix (dahinter steckt Richard Russell von XL Records) von Fighting For? hat wirklich gar nichts mehr mit Rap zu tun, und muss dafür erstaunlich wenig an der Vorlage ändern. Dass all dies möglich ist, ohne die Musik von Roots Manuva zu entstellen, dass all diese Neuinterpretationen nicht wie Fremdkörper auf Bleeds wirken, ist wohl der beste Beweis dafür, dass es für seine Musik nur eine treffende Genrebezeichnung geben kann. Nämlich die, die er selbst für sein Metier benutzt: „Bass music.“ Oder aber: „The culture of Bass and Verb.”

Das Video zu Crying hat durchaus auch Gemeinsamkeiten mit einem Horrorfilm.

Website von Roots Manuva.

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