Durchgelesen: Joseph Conrad – „Herz der Finsternis“ 1


Weiße Eroberer der weißen Flecken machen sich auf ins „Herz der Finsternis“.

Autor Joseph Conrad
Titel Herz der Finsternis
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1899
Bewertung ***1/2

Ein bisschen geschummelt haben die Herren aus dem Feuilleton der SZ da schon. Unter ihre „100 Romane des Jahrhunderts“ (gemeint ist das 20.) reihen sie auch Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ein. Dabei hat der Seemann seinen auf eigenen Erfahrungen beruhenden Roman über eine Schiffsfahrt in den Kongo schon 1899 herausgebracht.

Was das für eine Zeit war, macht „Herz der Finsternis“ fast schockierend klar. Weiß waren damals noch so einige Flecken auf der Landkarte. Und Weiß war die einzige Hautfarbe, die einem zu Menschenwürde verhalf.

Es ist sowohl die geographische als auch die anthropologische Komponente, die deshalb hier für Spannung sorgt. Das „Herz der Finsternis“ ist der Dschungel, aber es ist natürlich auch die Seele, in die die Expeditionsteilnehmer hier zwangsläufig einen tiefen Blick werfen müssen.

Allen voran natürlich der Kapitän. Dass Marlows Monologe, eingebettet in eine Rahmenhandlung, hier immer wieder gekonnt unterbrochen werden, steigert die drückende Spannung. Vieles liegt hier nur wie eine Ahnung, ein Schatten, ein Rascheln im Urwald über dem Geschehen, auf die Spitze getrieben in der Figur des Agenten Kurtz, um den sich schnell alles dreht, der aber erst im letzten Drittel des Werks wirklich auftaucht. Dass auch viele der anderen grauenhalften Entdeckungen und mysteriösen Gefahren nur angedeutet werden, macht die Geschichte noch bedrohlicher.

Beste Stelle: „Ich habe hart mit dem Tod gerungen. Man kann sich keinen weniger spannenden Zweikampf denken. Er findet statt in einem unfassbaren Grau, ohne festen Stand, ohne irgend etwas, ohne Zuschauer, ohne Geschrei, ohne Ruhm, ohne das große Siegesverlangen, ohne die große Furcht vor der Niederlage – findet statt in einer eklen Atmosphäre schalen Zweifels, ohne viel Glauben an das Recht auf der eigenen Seite, zu schweigen von dem Recht des Gegners. Wenn dies der Wahrheit letzter Schluss ist, dann ist das Leben ein größeres Rätsel, als es die meisten von uns sich vorstellen. Um ein Haar wäre ich in die Lage gekommen, eine letzte Äußerung zu tun, und ich musste zu meiner Beschämung entdecken, dass ich wahrscheinlich nichts zu sagen gehabt hätte.“


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