Stella Donnelly – „Thrush Metal“


Künstler Stella Donnelly

Stella Donnelly Thrush Metal EP Cover

Gesang und Gitarre stehen im Zentrum von Stella Donnellys „Thrush Metal“.

Album Thrush Metal
Label Secretly Canadian
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

„You invaded her magnificence“, heißt eine der ersten Zeilen in Boys Will Be Boys. Sie bringt vieles davon auf den Punkt, was diese EP zu einer so außergewöhnlichen Veröffentlichung und Stella Donnelly zu einer so vielversprechenden Songwriterin macht. Man wird wohl lange suchen müssen, um eine Künstlerin zu finden, die ein so schmerzhaftes Bild für eine Vergewaltigung formuliert, und einen so poetischeren Hinweis darauf, wie empörend es ist, auch noch die Opfer für ihr Leiden verantwortlich zu machen.

Das Lied verweist nicht nur auf die explizit weibliche Sichtweise der Australierin, die sich in vielen der Songs auf Thrush Metal findet. Es zeigt, dass ihre Themen bedeutend und die Songs klasse sind, aber man sollte deshalb nicht unterschätzen, wie kraftvoll und eindringlich auch ihre Stimme als ebenso bedeutender Faktor für diese sehr eindringliche Musik sein kann. Das beweist auch Talking, das nur auf der physischen 12“ vertreten ist, nicht auf dem schon im Februar veröffentlichten Download der EP. „I’m on your water bed / wishing it was you“, singt Stella Donnelly unter anderem, begleitet von einer Orgel, und der Charakter ihres Gesangs reicht dabei von dieser durchaus auch sexuell gemeinten Sehnsucht über niedlich bis hin zu biestig.

Mechanical Bull, das die EP eröffnet, wird ebenfalls von Widerspenstigkeit getragen, zugleich illustriert es, dass Stella Donnelly nicht nur das große Drama beherrscht, sondern auch aus recht banalen Alltagsszenen einen klasse Song machen kann. „Das Lied ist allen Menschen in der Gastronomie gewidmet, die sich mit ihren Kunden herumplagen müssen. Vor allem mit betrunkenen Gästen, die sie nerven und abfällige Kommentare machen. Ich habe hier die Erfahrungen über meine Arbeit in einer Bar einfließen lassen, und das war eine gute Möglichkeit, um ein bisschen von meinem Frust abzulassen“, sagt sie. Schnell wird deutlich: Hinter diesen Sprüchen à la „Na Kleine, was machst du denn nach Feierabend?“ steckt natürlich dieselbe übergriffige Mentalität wie hinter einer Vergewaltigung. Der Track stellt klar: Sie bestimmt selbst über Nähe und Distanz, über die Momente, in denen sie Beistand braucht und die, in denen sie „a fucking arsehole“ sein darf, wie sie singt. Man glaubt ihr dieses Credo sofort, und wenn sie es am Ende des Lieds schreit, bekommt man sogar Angst vor ihr.

In Mean To Me geht es, hochtrabend formuliert, um eine komplett dysfunktionale Beziehung. Einfacher gesagt beschreibt die 26-Jährige hier, dass wir uns auch als mehr oder weniger Erwachsene noch allzu gerne wie kleine Kinder aufführen. Mit A Poem erinnert sie sich selbst daran: Selbstfindung ist natürlich kein Prozess, der allein in ihr stattfindet, sondern in Beziehung zu den anderen, der Abgrenzung ebenso umfasst wie Identifikation, und manchmal muss man dann erkennen: „You are just a bee sting / swollen in my chest.“

Fast alle Lieder auf Thrush Metal bestehen nur aus Gitarre und Gesang, der Refrain von Grey ist die erste Stelle, an der zusätzlich zu diesen Komponenten ein weiteres Instrument erklingt, nämlich ein schüchternes Klavier. Das trägt ebenso zur zauberhaften Wirkung dieses Songs bei wie die unbeholfene Liebeserklärung „I wish that I could paint myself / in all your favourite colors / but I don’t know what you want from me / so I’ll just wait in grey.“ Später reflektiert Stella Donnelly diesen Zustand noch etwas grundsätzlicher und stellt fest, sie sei „locked on the fence / between my pride and your interest“. Auch hier zeigen sich wieder die zentralen Themenfelder dieser EP, auf denen sich die Australierin als unverwechselbare, großartige Stimme positioniert, im Kampf zwischen Selbstbestimmung und Anpassung, Autonomie und Assimilierung, der wohl mit dem Wort „Erwachsenwerden“ zusammengefasst werden kann.

Männer benehmen sich daneben, das gilt auch im Video zu Mechanical Bull.

Homepage von Stella Donnelly.

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