Stereo Total – „Chanson Hystérique 1995-2005“


Künstler*in Stereo Total

Stereo Total Chanson Hystérique 1995-2005 Review Kritik

„Chanson Hystérique 1995-2005“ blickt auf die ersten zehn Jahre von Stereo Total.

Boxset Chanson Hystérique 1995-2005
Label Tapete
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Am 17. Februar ist Françoise Cactus im Alter von 57 Jahren an Krebs gestorben. Der Tod der Sängerin und Schlagzeugerin von Stereo Total hat mindestens drei schockierende Folgen. Erstens ist er natürlich unfassbar schmerzhaft für alle in ihrem persönlichen Umfeld, zuvorderst für Bandkollege und Lebenspartner Brezel Göring, mit dem sie seit 1993 zusammenlebte und musizierte. Zweitens bedeutet es einen riesigen Verlust für alle Freunde von ungewöhnlicher, selbstbewusster, eigenständiger Popmusik. Und drittens wird es dazu führen, dass nun allerorten der unnötige Versuch unternommen wird, das Werk von Stereo Total zu analysieren.

Das ursprünglich im November 2021 veröffentlichte 7-CD/LP-Boxset Chanson Hystérique 1995-2005, das neben den regulären Alben des Duos in den ersten zehn Jahren seiner Plattenkarriere auch einen Katalog mit den Bildern von Françoise Cactus in Buchform enthält, ist dafür nicht der schlechteste Anlaufpunkt. Die Werkschau bietet reichlich Material, um die Thesen in den Nachrufen auf die Künstlerin, die als Françoise van Hove im Burgund geboren wurde und seit 1986 in Berlin gelebt hat, angemessen zu finden.

„Ihr Markenzeichen war Unangepasstheit“, schrieb die Deutsche Welle, die taz würdigt Cactus als „groß, geistreich, witzig, schick bebrillt und in der Lage, die tadellosen Beine unter ein Minischlagzeug zu knoten, um beim Trommeln die ulkigsten Texte zu singen – mit dem charmantesten Akzent. (… Das) erweiterte das den Punk-Begriff um etwas, was er (vor allem in Deutschland) dringend brauchte: Nonchalance.“ Der Tagesspiegel charakterisierte die Musik des Duos als „die Synthese aus Lo-Fi-Pop, Easy Listening und Spielzeugelektronik, zumeist arrangiert von Brezel, verfeinert von Françoises Schlagzeug und Stimme – aber immer so, dass es nicht zu schön klingt.“

Das ist, wie erwähnt, alles zutreffend und dennoch auf gewisse Weise überflüssig. Denn die beste Analyse der Musik dieser Band hat Brezel Göring (bürgerlich: Friedrich Ziegler) einst bereits selbst geliefert: „Wir haben mit Stereo Total die Lieder gespielt, die wir selbst gerne hören wollten. Unterhaltsam, jenseits der Zumutung des Massengeschmacks, naiv, pervers und immer ein bisschen daneben. (…) So gut wie alles, was wir spielen, beruht auf Fehlern.“

Man hört das mühelos heraus in den insgesamt 97 Songs von Chanson Hystérique 1995-2005, in denen auf Deutsch, Englisch, Französisch, Japanisch und Polnisch gesungen wird. Das legendäre Frühwerk Dactylo Rock ist natürlich ein perfektes Beispiel: Kaputtes Surf trifft darin auf Hinweise zur Interpunktion und ein Solo, das auf einer Schreibmaschine gespielt wird. Lieder wie Belami, Cosmonaute, Moustique oder Ushilo Sugata Ga Kilei (die japanische Version von Schön von hinten) sind zugleich LoFi und ausgefeilt, ursprünglich und innovativ. Get Down Tonight erweist sich als sleazy Disco, während Moi je joue, Ich bin nackt, Hunger!, Ach Ach Liebling, Lunatique oder Aua eine bezaubernde Naivität und Unmittelbarkeit haben.

Ma radio klingt wie Kraftwerk mit Minirock und Lippenstift, Auf dem blauen Meer könnte man sich genau so von Element Of Crime vorstellen, Les minets erzeugt eine glaubhafte Velvet-Underground-Melancholie, ebenso wie Larmes toxique, und zwar umgesetzt ausgerechnet mit einem (mutmaßlich) Casio-Kinderkeyboard. Selbst die Beastie Boys hätten in eine Vorlage wie Push It von Salt’N’Pepa nicht mehr Krawall und Chaos hineinpacken können als Stereo Total es hier tun – jedenfalls nicht, wenn sie nur 59 Sekunden Zeit gehabt hätten. L’appareil à sous oder Hey Protest klingen, als veranstalte Peter Licht einen Zirkus-Rave mit Andreas Dorau (mit dem sich dann in Form von Schön von unten tatsächlich noch eine ziemlich abgefahrene Kollaboration auf dieser Sammlung findet).

Interessant sind natürlich Leitmotive, die sich innerhalb dieses Rückblicks in der Musik von Stereo Total erkennen lassen, und auch da liefert Chanson Hystérique 1995-2005 wertvolle Erkenntnisse. An erster Stelle: Es gibt wenige deutsche Bands, die mit einer so einzigartigen Ästhetik das Licht der Welt erblickten, und wenige, die in zehn Jahren so viele gute Songs gemacht haben. Stereo Total sind sich so treu geblieben, dass sie (sich selbst und dem Publikum) immer Spaß gemacht haben, auch weil sie genug Variationen und Überraschungen innerhalb ihres Sounds gefunden haben, um nie zu langweilen. Party Anticomformiste, wie einer der Tracks hier heißt, wäre deshalb auch ein passender Titel für diese Compilation gewesen.

Spannend ist die Nähe zu Riot Girl, die sich etwa in LA, CA, USA, Holiday Innnn oder Der Schlüssel erkennen lässt. Lieder wie Dilindam oder Cosmicstrip Teasegirl ahmen einen typisch deutschen Retro-Exotismus nach, wie es ihn von Gus Backus oder Caterina Valente gab, und persifliert ihn zugleich. In Ich liebe dich, Alexander, Ringo, I Love You, Cinémania oder Ex fan des Sixties zeigen Stereo Total eine naive Begeisterungsfähigkeit, die zum Fan-Sein ebenso gehört wie zum Verliebtsein.

Sie können großes Drama und große Emotionen (Furore), niedlich mit abgründig kombinieren (Heaven’s In The Back Of My Cadillac, Do The Bambi) und sogar politisch werden wie in Europa neurotisch oder Die Krise, das bei ihnen freilich nach Leichtigkeit am Sommerstrand und fast wie der Sunshine Reggae klingt. Sie beherrschen ungewöhnliche Coverversionen (Souvenir Souvenir, das sie in eine lupenreine Rock’N’Roll-Nummer verwandeln, ist vielleicht das treffendste von vielen Beispielen) ebenso wie Songs, die beinahe Novelty-Charakter haben (Johnny, Troglodyten, In Out, I Think Somebody Should Call The Love Doctor, Bad News From The Stars, Megaflittchen) und Momente, die eine unbestreitbare Ernsthaftigkeit haben (Morose, Adieu adieu, Helft mir, Je reve encore de toi oder das durch die Männerstimme von Brezel Göring erstaunlich veränderte Joe le Taxi).

Miau Miau oder Und wer wird sich um mich kümmern? beweisen, dass Punk bei Stereo Total nicht nur wild sein darf, sondern auch kapriziös. Auch viele andere Momente von Chanson Hystérique 1995-2005 unterstreichen den enormen Spieltrieb von Brezel Göring und Françoise Cactus, der durch die freiwillige Beschränkung auf billiges Equipment eher gesteigert als gebremst wird, als Beispiele seien Beautycase, Du und dein Automobil oder Music Automatique genannt.

Der Do-It-Yourself-Ansatz funktioniert natürlich auch bestens, wenn das Duo sich betont rotzig und rabaukig gibt wie in A l’amour comme la guerre, Tu m’as voulue, Ne m’appelle pas ta biche (das am Anfang die Steigerung von I Bet You Look Good On The Dancefloor zu zitieren scheint) oder dem Ramones-Cover Carte Postale. Ganz viel Kraft, Schwung und Energie stecken auch in Comme un garcon, Crazy Horse, dem fast instrumentalen Oh Yeah, Vilaines filles, mauvais garçons, Partir ou mourir, Ich weiß nicht mehr genau, Prends-moi, C’est fini oder Tu peux conduire ma bagnole (ihrer Entsprechung des Beatles-Hits Drive My Car): All das ist großes Beat-Vergnügen, oder vielleicht besser: un grand plaisir de beat.

Touche-moi, Nouvelle Vague oder Les lapins vereinen Eleganz und Irrsinn in jeweils anderen Mischverhältnissen, in Babystrich, Das erste Mal, Orange mécanique oder Partymädchen, gefoltert lassen sich Storyteller-Ansätze erkennen, Je suis venute dire que je m’en vais, Grand Prix Eurovision oder Tout le monde se fout des fleurs offenbaren eine Romantik, in der Lust auf Schauspiel, aber auch Aufrichtigkeit zu stecken scheinen. Discjockey, Milky Boy Bourgeois oder Nahonale verbreiten natürlich den Amateur-Charme, der bei ihnen dazu gehört, aber auch ein großes Selbstvertrauen, das aus dem selbst gewählten Anderssein erwächst.

Schwachpunkte gibt es fast keine, Highlights dafür reichlich. Natürlich gehört Schön von hinten dazu, durchaus typisch mit seinen hübsch verpackten Gemeinheiten, die nicht selten auch vom Kampf um Autonomie getrieben sind. Liebe zu dritt, der vielleicht größte Hit in der Karriere von Stereo Total, ist perfekt, von der verführerischen Melodie über das clevere Sample bis hin zum Pfeifen im Hintergrund – als hätten 2Raumwohnung kurz Lust auf ein bisschen Wahnsinn bekommen. Auch weniger bekannte Stücke wie La douce humanité oder Cannibale sind schlicht klasse Song, auch ganz ohne den schrägen Charme oder irgendeinen posthumen Bonus.

„Für mich ist alles ein Traum / ich möchte niemals wach werden“, singt Françoise Cactus in Für immer 16. Mit Stereo Total hat sie diesen Traum erschaffen und fast 30 Jahre lang gelebt. Er besteht aus Feiern, Tanzen und Leichtigkeit, aus dem leidenschaftlichen Eintauchen in die Popkultur, weil sie Gemeinschaft ebenso stiften kann wie Identität. Es geht um Sex und das Aufbrechen von Geschlechterrollen. „Es macht Spaß, Spaß zu haben“, heißt es im unnachahmlichen Supercool, wie ein weiteres Motto für diese Band. Stereo Total zeigen sich hier als enorm vielseitig, dabei immer mit Charakter, stets mutig und liebevoll – eine Kombination, die man nicht oft findet.

Im Video zu Schön von hinten wird Françoise Cactus zur DDR-Stewardess.

Stereo Total bei Tapete Records.

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