Subbotnik – „Schweben am Limit“


Künstler Subbotnik

Subbotnik Schweben am Limit Review Kritik

Das Cover ist typisch: Subbotnik haben beschränkte Mittel, nehmen sich aber viel vor.

Album Schweben am Limit
Label RecordJet
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Vielleicht versteht man Schweben am Limit, das morgen erscheinende Debütalbum von Subbotnik aus Rostock, mit einem Blick auf das Cover am besten. Auf den ersten Blick ist da ein spektakulärer Stunt zu sehen. Fünf Autos sind nebeneinander aufgestellt, die schnurstracks aus einem amerikanischen Gangsterfilm der 1970er Jahren kommen könnten. Sie stehen auf einer Rennstrecke, das Flutlicht ist an. Und ein Mann mit gelbem Overall und Schutzhelm schickt sich an, in bester Evel-Knievel-Manier auf einem Motorrad diese Autos zu überspringen. Das sieht nach Wagemut aus, Draufgängertum, Angeberei. Doch sehr schnell wird klar: Der Stunt wird scheitern. Das Motorrad ist viel zu mickrig und die Flugkurve lässt keinen Zweifel daran: Das wird eine Bruchlandung.

In diesem Bild steckt offenkundig viel vom Selbstverständnis von Subbotnik. Flo (im echten Leben als Lehrer tätig und hier für die Raps zuständig), Mülli (Berufsbezeichnung: Rockstar, Instrumente: Synthies und E-Gitarre) und Hannes (sein Geld verdient er mit „irgendwas mit Internet“, hier spielt er Schlagzeug) haben oft eine große Fresse und geben sich gerne krawallig und gefährlich, wie beispielsweise Sic! zeigt. Sie hätten auch nichts dagegen, mit diesem Album viel Aufsehen zu erregen. Kanye Ost ist dafür der beste Beweis: Der Track ist spektakulär produziert, mit Angeber-Text versehen („Ich bin der Beste, den ich kenn‘ / Ich bin mein allergrößter Fan“) und würde in der Tat bestens zu Kanye passen. Aber sie wissen auch, wie unwahrscheinlich ein großer Erfolg für sie ist und wie limitiert ihre Mittel dafür sind. Mit anderen Worten: Wie winzig das Motorrad ist, mit dem sie diesen halsbrecherischen Stunt bewältigen wollen.

„Ja, ‚Krassover‘ nennen wir das, nee ist keine Geschlechtskrankheit“, beginnt die Selbstbeschreibung des Trios. „Ja, Kohle fetzt, aber dafür bitte nicht… Ja, aus Rostock, aber …. Achso, ja, Marteria kennen wir auch, aber eher so broke as fuck; wenn die Auswärtsfahrt nur mit Einverständnis von Peter Zwegat funktioniert, ist man dem Elend so nah, dass Knutschen mit einer Kreissäge immer attraktiver wird. Na klar zelten wir aufm Deichbrand. Hat wer n Zelt? Wer hat Cash zum Tanken? Übrigens die Radios nennen unseren Sound ‚Weltmusik‘, hat uns riesig gefreut. Meinten die allerdings gar nicht positiv. Schön beim Spiel des Lebens ne Zehn würfeln und an den Ausbildungsplätzen vorbei laufen… Kinder, es wird nicht einfacher!“

Die Herkunft aus dem strukturschwachen Nordosten ist ein zentrales Thema auf Schweben am Limit, die damit verbundene Geldnot natürlich auch. Schon der um einen mächtigen Bass herum aufgebaute Auftakt Intropicana zeigt, dass Subbotnik kein Problem mit Codes haben, die nur Eingeweihte verstehen (selbst wenn dieser Kreis der Eingeweihten vielleicht nicht größer ist als ein halber Zuschauerblock im Ostseestadion). Ich und meine Truppe feiert halbwegs originell die Gang, auch weil sie die Möglichkeit von Entertainment, Spaß und Aufregung bietet, die kein Geld kostet. Die Botschaft von Ringe des Saturn lautet: Ich mache mein eigenes Ding, auch unter erschwerten Bedingungen. Und Rio Reiser bietet nicht nur viele clevere Pop-Zitate, sondert erinnert auch daran, dass man es sich in den Ferien auch zuhause schön machen kann – vor allem, wenn man seine Heimat so sehr liebt wie Subbotnik und das Budget ohnehin nicht für Trips ins Ausland reicht.

Produzent Enrico Wolf ist ebenfalls in Rostock ansässig, hat aber durchaus internationale Meriten vorzuweisen, etwa Arbeiten für KRS One und Rich Austin. Auch wenn die Attitüde hier stets ironisch auf begrenzte Möglichkeiten hinweist, wird der Sound durchaus großspurig, mächtig und manchmal gar glamourös. Besonders auffällig ist das im Highlight der Platte: Joghurt im Rucksack macht nicht nur sehr viel Spaß, sondern zeigt auch, wie irre, clever, wuchtig und eigenständig Subbotnik im Idealfall sein können. Auch der Titelsong gehört in diese Kategorie: Schweben am Limit ist als Album-Abschluss nicht direkt eine Ballade, aber hinsichtlich Tempo und Power deutlich zurückgenommen, sodass man noch klarer die Ambitionen erkennen kann, die hier drin stecken.

Nicht alle Tracks sind so stark. Das Wortspiel im Songtitel von Wunderland trägt nicht so weit, wie es Subbotnik wohl gerne hätten, Die Kontrolle offenbart Lust auf Wahnsinn, hat sonst aber auch nicht viel zu bieten. Dafür zeigt das Trio in No Wummen No Cry, dass man Reggae auch an der Ostsee beherrscht, schließlich wird hier (inklusive Could You Be Loved-Zitat) nichts weniger herbeigesungen als die Wiederauferstehung von Bob Marley – dem einzigen Mann, der die Welt noch vor Trump, AfD, Harvey Weinstein & Co. retten kann. In Victorias Geheimnis zeigen sie sich sogar im Storyteller-Modus und erzählen von einem Teenie auf Abwegen, was ebenfalls eine spannende Facette hinzufügt.

Die Vielzahl der Perspektiven und der unbefangene Mix aus Rap, Rock und Electro lässt, ebenso wie der Stolz auf den Zusammenhalt der eigenen Nachbarschaft und die Tatsache, dass diese Tracks mit einem überzeugten DIY-Ansatz entstanden sind (der übrigens auch in den Videos des Trios deutlich wird), an den Spirit der Beastie Boys denken. Es gibt ein paar Momente auf Schweben am Limit, in denen man den Gedanken nicht verscheuchen kann, dass Subbotnik eine noch spektakulärere Band wären, wenn es da nicht schon Deichkind gäbe. Höchst willkommen und unterhaltsam ist dieses Debüt dennoch.

Bob Marley vs. toxische Maskulität ist das Duell in No Wummen No Cry.

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