Die schockierende Welt von Margot Honecker

April 3, 2012 · Posted in Bewegtbild, TV · Comment 
Auch 22 Jahre nach dem Ende der DDR ist sich Margot Honecker keiner Schuld bewusst. Foto: NDR

Auch 22 Jahre nach dem Ende der DDR ist sich Margot Honecker keiner Schuld bewusst. Foto: NDR

La Reina heißt der Stadtteil in Santiago de Chile, in dem Margot Honecker heute lebt. Übersetzt bedeutet das: die Königin. Und genau so führt sich die ehemals mächtigste Frau der DDR auf in ihrem ersten Fernsehinterview seit mehr als 20 Jahren.

Das Ende der DDR? Eine Verschwörung! Die marode Wirtschaft? Eine Lüge! Ihre einstigen Gegner? Banditen, Kriminelle, suspekte Elemente! Die Vorwürfe gegen sie wegen des im SED-Regime begangenen Unrechts? Majestätsbeleidigung!

Keinen Moment lang kommt die 84-Jährige in Versuchung, sich selbst zu hinterfragen. Dass ihre Macht jedenfalls nie demokratisch legitimiert war, blendet sie aus. Dass das SED-Regime auch seine eigenen Ansprüchen (und den Versprechungen der eigenen Politik, etwa nach der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki) niemals gerecht wurde, ficht sie auch nicht an.

Man kann sich nur wundern über ihre Positionen. Und man kann anhand ihrer spektakulären, empörenden Aussagen erkennen, wie die 90 Minuten von Der Sturz – Honeckers Ende, die ursprünglich als Dokumentation über Erich Honecker geplant waren, mehr und mehr zu einem Porträt seiner Frau wurden.

4,2 Millionen Zuschauer schalteten ein und hatten das Vergnügen zu betrachten, wie gut es Filmemacher Eric Fiedler gelungen ist, beides miteinander zu verweben. Der Sturz ist eine sehr gelungene Collage, mit Zeitsprüngen, mit wichtigen Protagonisten, mit Bildern, die Geschichte gemacht haben, und immer wieder mit Aussagen von Margot Honecker. «Sie will aufräumen mit den Lügen über sie, ihren Mann und die DDR», erklärt eine Stimme aus dem Off die Ausgangsposition für das Interview. Doch es sind gerade ihre Aussagen, die dafür sorgen, dass man am Ende von Der Sturz nicht einmal ein bisschen Mitleid haben kann mit diesem Ehepaar.

Dabei hätte der Absturz kaum tiefer sein können, den die Honeckers erlebten. Der Film macht die Rasanz beeindruckend deutlich. Noch am 7. Oktober 1989 lassen sich die Honeckers beim 40. Jahrestag der DDR feiern. Niemand hat in der Geschichte des SED-Staates so viel Macht gehabt wie Erich Honecker. Zehn Tage später wurde er von den Mitgliedern des Politbüros abserviert, genau wie er einst seinen Vorgänger Walter Ulbricht abserviert hatte. Schnell spielt Honecker keinerlei Rolle mehr im politischen Geschehen.

Die nächsten Etappen reihen eine Demütigung an die nächste: Anklage wegen Hochverrats. Verhaftung aus dem Krankenbett heraus. Asyl ausgerechnet in einem Pfarrhaus, nachdem Honecker nach seiner Freilassung niemand sonst aufnehmen wollte. Todesangst, weil sich vor der Tür eine wütende Menge versammelt, vor der ihn niemand beschützt. Flucht nach zehn Wochen in ein anderes Quartier, schließlich eine Abreise aus der DDR, die einem Spießrutenlauf gleicht. Asyl in der chilenischen Botschaft in Moskau. Erneute Anklage, diesmal wegen des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze. Einstellung des Verfahrens wegen Haftunfähigkeit. Abflug nach Chile, den ihm die PLO bezahlen muss. Tod am 29. Mai 1994, einsam und 12.000 Kilometer von der Heimat entfernt.

Was das für eine menschliche Tragödie war, bringt Der Sturz durchaus nahe. Der ehemalige Staatsratsvorsitzende war nach seiner Freilassung aus der U-Haft Ende Januar 1990 «der berühmteste und wahrscheinlich einzige Obdachlose der DDR», sagt Ralf Romahn, der Volkspolizist, der für die Vernehmung Honeckers zuständig war. Honecker wurde behandelt «wie eine heiße Kartoffel», sagt Uwe Vollmer, der Pastor, der die Honeckers schließlich bei sich aufnahm und zehn Wochen lang beherbergte. Von «Pogromstimmung» spricht ein Augenzeuge, der Honeckers letzte Stunden in Deutschland miterlebt hat.

Unendlich einsam müssen sich Erich und Margot Honecker in diesen Tagen gefühlt haben, missverstanden, von allen verraten. «Die DDR war für mich mein Leben. Es ist eine Tragik, dass es dieses Land nicht mehr gibt», gesteht Margot Honecker an einer Stelle der Dokunentation. Ihr Mann hatte als junger Kommunist zehn Jahre Gestapo-Haft überstanden. Nun musste er fürchten, vom eigenen Volk gelyncht zu werden, in dem Land, das er mit aufgebaut hatte. Was muss das für ein Gefühl sein – vor allem für einen Mann, der von seiner Umgebung als «schlichtes Gemüt» beschrieben wird? Der Sturz lässt die Antwort nur erahnen. Vor allem aber lässt die Doku kein Bedauern zu. Denn dafür ist Margot Honecker in ihrem Rückblick zu eiskalt, schamlos, unmenschlich.

«Es gab keinen Schießbefehl, sondern nur Waffengebrauchsbestimmungen», doziert sie. Und macht dann deutlich, all jene, die auf Fluchtversuchen ihr Leben verloren haben, seien schließlich nicht gewzungen worden, «über die Mauer zu klettern. Diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen, das ist schon bitter.» Es ist der Höhepunkt von ganz viel Borniertheit. Bei solchen Sätzen bleibt einem als Zuschauer die Spucke weg – man mag sich kaum vorstellen, wie sich die Angehörigen der Opfer bei solchen Zitaten fühlen mögen.

Dabei präsentiert sich die ehemalige Ministerin für Volksbildung durchaus geistig fit und sogar rhetorisch trickreich. Aber sie ist verblendet, gefangen in ihrer eigenen Ideologie. Auch eine Generation nach dem Ende der DDR und dem Untergang des Kommunismus spricht sie von Klassenkampf und Konterrevolution. Den Mauerfall nennt sie «besorgniserregend», ihren Hass auf Gorbatschow kann sie kaum verhehlen.

Vor allem aber zeigt Margot Honecker, die mittlerweile von 1500 Euro Rente lebt und diesen Betrag als Schikane empfindet, nicht ein bisschen Reue. Es ist eine der Stärken der Dokumentation, dass der Film dies deutlich macht, ohne Stellung zu beziehen. Stattdessen wird die 84-Jährige direkt mit den Aussagen anderer konfrontiert, umgekehrt antworten beispielsweise Opfer des DDR-Regimes auf ihre Interview-Zitate. «Es wurden Fehler gemacht», gibt Margot Honecker zu, aber sie übernimmt nicht die geringste persönliche Verantwortung. Wenn es um Unrecht geht, dann formuliert sie im Passiv. Sie sagt «man hat» oder «du machst». Nur einmal sagt sie «ich», als sie erklärt, wie sie mit angeblich ungerechtfertigten Vorwürfen umgeht: «Da habe ich einen Panzer.»

Nur eine Schwäche hat Der Sturz: Der Fokus liegt so stark auf den biografischen Aspekten, dass die Rolle Honeckers während der friedlichen Revolution zu kurz kommt. Wie entscheidend es womöglich war, dass er zu Beginn des Umbruchs wegen einer Operation an der Galle außer Gefecht gesetzt war, wird nicht erwähnt. Wie sehr in der SED die Hörigkeit nach oben und die Fixierung auf den Staatschef ausgeprägt waren, was schließlich dazu führte, dass das Regime den Protesten erst tatenlos und dann fast ohnmächtig gegenüberstand, das wird allenfalls angedeutet. Wie sehr Honecker schließlich selbst von den Ereignissen (auch innerhalb seiner eigenen Partei) überrumpelt wurde, das kommt nur zwischen den Zeilen heraus.

Die Gründe dafür zeigt die insgesamt sehr gelungene Dokumentation trotzdem auf: Rund um Honecker herum wurde für ihn jahrzehntelang eine eigene Wirklichkeit aufgebaut. Erich Honecker war ein Mann, der sein eigenes Land und sein eigenes Volk nicht kannte – zudem ein Diktator, der die Wahrheit auch nicht kennen wollte. Und er schaffte es, ebenso wie seine Ehefrau, auch nach dem Ende der DDR nicht, diesen Fehler zu erkennen. «Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben», hat der DDR-Staatschef einst gesagt. Für die Mauer in den Köpfen der Honeckers gilt das in jedem Fall.

Diesen Text gibt es auch bei news.de.

Durchgelesen: Wolfgang Schuller – “Die deutsche Revolution 1989″

April 1, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Wo ist eigentlich der Osten? Das muss man sich bei "Die deutsche Revolution 1989" nicht nur im Titel fragen.

Wo ist eigentlich der Osten? Das muss man sich bei "Die deutsche Revolution 1989" nicht nur im Titel fragen.

Autor Wolfgang Schuller
Titel Die deutsche Revolution 1989
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2009
Bewertung **

Die DDR war schon immer ein Steckenpferd von Wolfgang Schuller, auch wenn sein eigentliches Metier die Alte Geschichte ist. Der gebürtiger Berliner hat „über die Jahre, ob es gerade Mode war oder nicht, die düstere Wirklichkeit dieses Staates ins Licht gestellt“ und „die dauerhafte Fortexistenz des staatssozialistischen Systems früh bezweifelt“, lobte ihn einst die FAZ.

Letzteres ist, um es vorweg zu nehmen, keine gute Voraussetzung für dieses Buch. Die deutsche Revolution 1989 ist in mehrfacher Hinsicht ein seltsames Werk, es krankt aber vor allem an der Distanz des Autors zu seinem Thema. Natürlich sollte man einen gebührenden Abstand bei einem Sachbuch zunächst positiv empfinden. Aber hier geht es um Ereignisse, die jedem Deutschen in Erinnerung sind, die unser Land, die Welt und Millionen von Biografien verändert haben. Der Herbst 1989 brachte eine „Revolution, die in kürzester Zeit scheinbar Unerschütterliches zum Einsturz brachte“, wie er zu Beginn ganz richtig schreibt. Dabei ging es um Mut und Angst, um Zusammenhalt und Misstrauen, um euphorischen Jubel und existenzielle Verzweiflung. Mit anderen Worten: Der Zusammenbruch der DDR war ein hoch emotionaler Prozess. Bei Wolfgang Schuller wirkt er klinisch und kalt.

Als der Umbruch in seiner chronologischen Darstellung Fahrt aufnimmt, wird zwar auch der Autor zumindest ein bisschen mitgerissen. Aber bewegend sind selbst dann nicht seine Gedanken, sondern die Schilderungen von Augenzeugen oder von Demonstranten, die “zugeführt” wurden oder misshandelt. Ansonsten wirk Schuller weitgehend, als würde er das Leben und Wirken seiner Landsleute wie mit dem Seziermesser untersuchen, streng desinfiziert, ohne Schicksale, Menschen, Gefühle.

Die DDR wirkt hier wie ein Land, das der Autor nur aus Büchern kennt. Das liegt auch daran, dass er fast ausschließlich mit Akten als Quellen arbeitet und nicht etwa, wie etwa Florian Huber in Meine DDR, auf Gespräche mit Zeitzeugen setzt.

Es liegt aber vor allem an seiner Überheblichkeit. Das, was die FAZ als „frühe Zweifel“ am DDR-System bezeichnet, schimmert hier immer wieder durch. Auch da sollte man zunächst meinen: Ein kritischer, skeptischer Blick kann nicht schädlich sein für eine historische Betrachtung. Aber Schullers „Ich habe es immer gewusst“ zwischen den Zeilen ist auf Dauer eine nervtötende Position. Vor allem unterstellt sie, der Untergang der DDR sei zu jedem Zeitpunkt unvermeidbar gewesen, als sei die Geschichte in diesem Punkt vorgeschrieben (was ja paradoxerweise die Geschichtsbetrachtung des Marxismus ist). Dabei räumt der Historiker doch selbst ein (wenn auch erst auf Seite 95), dass „die Entwicklung (…) offen war und nicht notwendig in einer Revolution enden musste…”

Womöglich ist es auch das unverhohlene Genießen seines Triumphs beim Eintreffen der Prognose, die zu einigen handwerklichen Schwächen führt. Den Parforceritt durch die Gründungsjahrzehnte der DDR kann man verzeihen, schließlich soll es in Die deutsche Revolution 1989 um das Ende des Staates gehen, nicht um seinen Beginn. Aber Schuller wird auch wiederholt arg pauschal, ungenau (Fußnoten finden sich leider erst im Anhang, nicht unmittelbar an den Belegstellen) und immer wieder sogar tendenziös. Das reicht bis in die Sprache hinein: Wenn es um Verfehlungen der DDR gibt, wird der sonst so nüchterne Ton plötzlich blumig. Dann ist von “nackter Gewalt” die Rede oder von “mörderischen Umweltsünden”.

Es gibt aber auch gravierendere Übertreibungen. Schuller spricht von “furchtbaren Straßenschlachten” in Dresden und belegt das mit einem Protokoll der Volkspolizei, in dem dann lediglich steht, dass “teilweise Steine geworfen” wurden. In Magdeburg spricht er gar von “Bürgerkrieg auf den Straßen”, der sich dann darin ausdrückt, dass Hundestaffeln zum Einsatz kommen und eine junge Frau “auf die Ladefläche eines mit laufendem Motor bereitstehenden Lastwagens” geworfen wurde, der dann auch noch “sofort mit ihr abfuhr”. Die Parteiausschlüsse Anfang 1990 (zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aus der SED, sondern mittlerweile aus der PDS) vergleicht Schuller mit den stalinistischen Säuberungen, die aber weitaus rabiatere Mittel kannten.

Wundern muss man sich auch über andere Stellen: Sehr treffend stellt Schuller das Überwachungssystem als perfide und omnipräsent dar. Man könne “nicht häufig genug daran erinnern, dass es sich keineswegs um harmlose, letztlich beliebige Proteste handelte. Sie waren vielmehr gegen eine machterprobte, harte, die ganze Gesellschaft durchdringende Diktatur gerichtet. Sie waren staatsfeindlich und gefährlich und wurden von starken Gemütsbewegungen getragen”, schreibt er ganz richtig. Trotzdem behauptet er anderswo, es sei kein politischer Akt gewesen, wenn Menschen in der ersten Phase des Umbruchs mit Parolen wie “Stasischweine” oder “Freiheit! Menschenrechte!” durch die Städte zogen. Es sei lediglich „die völlig überzogene und fast panische Reaktion der Staatsmacht selbst [gewesen], die diese kleinen Manifestationen nicht nur aufwertete, sondern überhaupt erst zu politischen Aktionen machte”, meint er allen Ernstes. Fraglich ist auch die Sichtweise, den Kommunismus als rein sowjetisches Phänomen darzustellen. Vor allem in den Vor- und Nachkriegsjahren war er auch in (West-)Deutschland eine verbreitete politische Strömung mit regem Zuspruch und reellen Erfolgsaussichten.

In hohem Maße diskutabel ist auch der Titel des Buchs. Dass das Ende der DDR eine Revolution war, stellt Wolfgang Schuller nicht einen Moment lang infrage, obwohl das in der Forschung durchaus umstritten ist. Im Gegensatz zum etablierten Terminus will er die Revolution auch nicht “friedlich” nennen (weil das für seinen Geschmack nach “harmlos” klingt), sondern “gewaltfrei”. Nicht zuletzt ist Die deutsche Revolution ein in gewisser Weise anmaßender Titel, denn korrekt müsste es heißen: Die ostdeutsche Revolution.

Dass Schuller auf diese Genauigkeit verzichtet, ist leicht zu erklären. Der Historiker, der übrigens am 3. Oktober geboren ist, entpuppt sich hier als großer Patriot. An einer Stelle sieht er sich sogar genötigt, den Text der Nationalhymne abzudrucken. Wenn er die Vorgänge in den einzelnen Regionen der DDR beschreibt, verweist er immer wieder auf die “stolze Geschichte”, die landschaftlichen Reize “wundervoller thüringischer Residenzstädte” oder das Vogtland als “schöne, wirtschaftlich tüchtige Region mit [hört, hört!] eigener Geschichte und eigener Identität”.

Auch dieser Rückgriff auf die Geschichte vor der Existenz der DDR, für den natürlich auch Luther und Goethe herhalten müssen und bei dem Schuller gerne bis ins Mittelalter blickt, soll ganz offensichtlich die historische Einheit Deutschlands unterstreichen – und lässt im Umkehrschluss die DDR wie und lästige Episode erscheinen.

Nicht zuletzt ist diese Igitt-Perspektive und Hybris problematisch, weil sie negiert, dass es Menschen gab, die diesen Staat gelebt, sogar geliebt haben. Für sie war er nicht Forschungsobjekt, Feind oder historisches Unikum, sondern Heimat und Lebenswelt.

Freilich hat Die deutsche Revolution 1989 auch seine Stärken. An erster Stelle ist dabei der Ansatz zu nennen, den Blick mit sehr viel aufwendiger Quellenarbeit immer wieder auch in die Provinz zu richten. Gerade dort wird die unerwartete Dynamik des Geschehens deutlich, gerade dort treten die Gefahren und Widrigkeiten vor Augen, mit denen der Widerstand zu kämpfen hatte. Zudem wird dadurch klar, wie putzig am Beginn der Bewegung die Forderungen waren, die erhoben wurden. „Demokratische Kontrolle” der Stasi wurde de verlangt (nicht etwa ihre Abschaffung), das Ende des Wehrkundeunterrichts an den Schulen oder die Wiederzulassung der sowjetischen Zeitung Sputnik. Fast nie wird gefordert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Das zeigt einerseits die Identifikation mit der DDR, die auch in Teilen der Opposition vorhanden war. Dass zu Beginn des Jahres 1989 kaum jemand wagte, freie Wahlen oder gar die Wiedervereinigung zu verlangen, führt andererseits vor Augen, wie sehr der Staat nach 40 Jahren bereits das Denken seiner Menschen prägte. Wenn man vom Ende her auf den Umbruch blickt und weiß, welche Dynamik das Geschehen dann entwickelt hat, ist es im höchsten Maße erstaunlich, mit welch bescheidenen Ansprüchen und mit wie wenig Hoffnung auf Zuspruch und Akzeptanz die einzelnen Oppositionsbewegungen begannen.

Schuller arbeitet dabei die Bedeutung der KSZE als Hoffnungsträger heraus, und er führt Theater und Kirche (der Name Joachim Gauck kommt übrigens nur zweimal vor, immerhin gibt es aber eine Kurzbiographie im Anhang) immer wieder eindrucksvoll als treibende Kräfte heraus.

Vor allem aber glänzt er bei Betrachtungen der Staatsführung. Schuller spricht von “Realitätsverlust des Politbüros”, und er geißelt sehr gekonnt die Fixierung auf Erich Honecker, der noch ein Stück weltfremder war als der Rest der Führungsriege. “Honecker war offenbar überzeugt, der Pomp und das Feuern aus allen Rohren der staatlichen Propaganda könnten alles andere übertönen, und gab sich ganz dem Rausch des inszenierten Dröhnens hin”, schreibt er über den 40. DDR-Jahrestag am 7. Oktober 1989. In Plauen gingen zeitgleich die Massen auf die Straße, und Schuller ist zumindest im Fall der SED-Bonzen gut in der Lage, sich in ihre ideologische Unbeweglichkeit hineinzuversetzen: “Die Konterrevolution war da. Aber was sollte man jetzt machen?”

Sehr gut zeichnet er auch nach, wie eine Phase der „hilflosen Resignation” auf dem Höhepunkt der Proteste (in der die Parteiführung immerhin erkannte, „die Alleinherrschaft nicht durch nackte Gewalt behaupten beziehungsweise wiederherstellen zu können.”) übergeht in Versuche, sich der stürmischen Entwicklung anzupassen. “Die Demonstranten begannen, die Entwicklung zu bestimmen, und die unsicher gewordene Partei versuchte, den Anschluss zu finden. Vergeblich.” Schuller hat gute Argumente für seine These, dass es gerade die Versuche der SED waren, in der Wendezeit wieder Fuß zu fassen, die im Volk die Ausrichtung nach Westen und den Wunsch nach Wiedervereinigung verstärkten. Ohne diese Bedrohung durch eine Restauration der SED-Macht hätte sich die Opposition womöglich stärker auf Erneuerung und Reform einer eigenständigen DDR konzentriert, was ja am Beginn der Protestbewegung das Ziel war.

Lesenswert sind auch Schullers Gedanken über die Frage, warum der Umbruch eine Revolution ohne Helden war. Da finden sich dann doch ein paar Passagen, in dem er seine Landsleute auf der anderen Seite der Mauer zumindest auf Augenhöhe sieht. Der Autor macht sich gerne lustig über die abenteuerlichen technischen Bedingungen bei der Arbeit der Opposition, auch über Rechtschreibfehler in Flugblättern. Aber er stellt auch den persönlichen Mut heraus, den Tausende an vielen Orten in der DDR an den Tag gelegt haben: “Immer noch musste man Angst haben. Angst davor, niedergeknüppelt zu werden, Angst vor dem spurlosen Verschwinden in MfS-Gefängnissen. Wer auf die Straße ging, tat das, obwohl er allen Grund hatte, sich zu fürchten.”

Dennoch bleibt der Eindruck, dass diese Monographie ganz viele Dimensionen ausblendet. Die Revolution erscheint bei Schuller oft rückwärtsgewandt, wie getrieben von der Sehnsucht nach der Wiederherstellung eines alten (Normal-)Zustands. Diese Sehnsucht war aber keineswegs der Ausgangspunkt des Umbruchs, sie ist allenfalls eine persönliche Sehnsucht des Autors. Er verkennt, wie gründlich das DDR-System ideologisch gearbeitet hat und wie wenig insbesondere junge Leute, die ja die treibenden Kräfte des Umbruchs waren, mit Begriffen wie “Thüringen” oder gar “Schlesien” anfangen konnten (und wollten). Ihnen ging es nicht um Restauration, sondern darum, die Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

Bestes Zitat: “Karl Marx hatte auch hier wirklich recht, nur, wie so oft, nicht im Sinne der staatssozialistischen Exegeten, sondern genau umgekehrt: Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Dagegen war die Parteidiktatur machtlos.”

Draufgeschaut: Sonnenallee

März 10, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Michael (Alexander Scheer, Dritter von links) und seine Freunde versuchen, sich mit der DDR zu arrangieren.

Michael (Alexander Scheer, Dritter von links) und seine Freunde versuchen, sich mit der DDR zu arrangieren.

Film Sonnenallee
Produktionsland Deutschland
Jahr 1999
Spielzeit 88 Minuten
Regie Leander Haußmann
Hauptdarsteller Alexander Scheer, Alexander Beyer, Robert Stadlober, Teresa Weißbach, Detlev Buck, Katharina Thalbach, Henry Hübchen
Bewertung ****

Worum geht’s?

Michael lebt in der DDR und steht vor einer wichtigen Frage: Soll er sich bereiterklären, drei Jahre Wehrdienst zu leisten, damit er danach studieren kann? Oder gemeinsam mit seinen Freunden lieber seine Unzufriedenheit mit dem real existierenden Sozialismus zum Ausdruck bringen? Die Antwort fällt ihm leichter, als er merkt, dass er mit Systemkritik seine Angebetete Miriam beeindrucken kann. Er setzt alles auf eine Karte – und bringt damit die Mauer zu Fall.

Das sagt shitesite:

Zwischen Klischees und echtem Alltag, zwischen Albernheiten und den existenziellen Sorgen des Lebens im Stasi-Staat findet Sonnenallee fast traumwandlerisch den richtigen Weg. So wird die Komödie trotz der an sich kruden Story charmant, unterhaltsam und zugänglich, ohne banal zu sein oder sich zu stark auf eine Seite zu stellen.

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: Das Wunder von Berlin

Januar 21, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Marco (Kostja Ullmann) sorgt als Punk in der DDR für Aufsehen.

Marco (Kostja Ullmann) sorgt als Punk in der DDR für Aufsehen.

Film Das Wunder von Berlin
Produktionsland Deutschland
Jahr 2008
Spielzeit 105 Minuten
Regie Roland Suso Richter
Hauptdarsteller Kostja Ullmann, Karoline Herfurth, Heino Ferch, Veronica Ferres, Michael Gwisdek, André Hennicke
Bewertung ****

Worum geht’s?

Sein Opa ist ein Stalingrad-Veteran, seine Mutter ist Buchhändlerin, sein Vater ist ein Stasi-Offizier – und er ist Punk. Trotzdem entscheidet sich Marco, drei Jahre Wehrdienst in der NVA zu absolvieren. Während er die Werte der Kameradschaft für sich entdeckt, bricht ringsherum die DDR zusammen.

Das sagt shitesite:

Erfreulich vielschichtig wird in Das Wunder von Berlin der Weg zum Mauerfall anhand eines spannenden Familiendramas gezeigt. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte – vielleicht auch deshalb tappt er nicht in die Ostalgie-, Klamauk- oder Nationalismusfalle.

Es gibt leider keinen Trailer zum Film:

Draufgeschaut: Go Trabi Go

Januar 3, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Udo Struutz (Wolfgang Stumph) will mit seiner Frau Rita (Marie Gruber) und Tochter Jacqueline (Claudia Schmutzler) nach Neapel.

Udo Struutz (Wolfgang Stumph) will mit seiner Frau Rita (Marie Gruber) und Tochter Jacqueline (Claudia Schmutzler) nach Neapel.

Film Go Trabi Go
Produktionsland Deutschland
Jahr 1991
Spielzeit 92 Minuten
Regie Peter Timm
Hauptdarsteller Wolfgang Stumph, Claudia Schmutzler, Marie Gruber, Dieter Hildebrandt, Ottfried Fischer, Diether Krebs, Konstantin Wecker
Bewertung **

Worum geht’s?

Auf den Spuren von Goethes Italienischer Reise will Familie Struutz den Weg nach Neapel wagen. Schließlich bietet ihre Heimatstadt Bitterfeld nicht allzu viele Reize. Doch der Weg nach Italien ist gepflastert mit Pannen – nicht nur von Schorsch, ihrem geliebten Trabant, der Wolfgang, Rita und Tochter Jacqueline in Richtung Süden bringen soll.

Das sagt shitesite:

Was Hochkaräter wie Dieter Hildebrandt, Konstantin Wecker oder Diether Krebs zur Mitwirkung an diesem Streifen bewegt hat, erscheint aus heutiger Sicht schleierhaft. Womöglich ist es mit anhaltender Euphorie im Jahr nach der Wiedervereinigung zu erklären. Am Drehbuch kann es nicht gelegen haben: Go Trabi Go verliert ähnlich schnell an Fahrt wie ein 26-PS-Auto auf dem Weg über den Brenner.

Zwar kann Wolfgang Stumph einigermaßen glänzen, es gibt authentisches Sächsisch (jaja, ich weiß: Bitterfeld liegt in Sachsen-Anhalt) und allerlei technische Wehwehchen, die echte Trabant-Fahrer wohl auch kennen dürften – vom Tuckern, bevor man den Benzinhahn auf “Reserve” dreht, über defekte Zylinderkopfdichtungen bis hin zum selbst gemischten Treibstoff. Zudem wagt es Go Trabi Go immerhin, die Deutschen hüben wie drüben in erster Linie als verkniffene Spießer zu zeigen und somit quasi etwas Einendes auf einem Fundament aus Autowäsche, Socken in Sandalen und selbst geschmierten Wurstbroten aufzubauen.

Solche Klischees sind dabei nicht einmal das Schlimmste an diesem Roadmovie. Viel nerviger ist am Ende die überstrapazierte Goethe-Parallele – und vor allem die Tatsache, dass hier mehr schlecht als recht versucht wird, mit sinnlosen Passagen (Tanzen, Musizieren, Landschaften), die zudem mit schlimmster Achtziger-Musik unterlegt sind, die nahezu substanzlose Komödie halbwegs auf Spielfilmlänge zu bringen.

Bestes Zitat:

“Ich habe mehr unter meiner Pappe gelegen als auf meiner Frau.”

Eine Szene aus dem Film:

Durchgelesen: Florian Huber – “Meine DDR”

Dezember 26, 2011 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 
"Meine DDR" erzählt die Geschichte des SED-Staats aus der Perspektive seiner Bürger.

"Meine DDR" erzählt die Geschichte des SED-Staats aus der Perspektive seiner Bürger.

Autor Florian Huber
Titel Meine DDR. Leben im anderen Deutschland
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***

Als die DDR gegründet wurde, waren sich selbst ihre Gründungsväter sicher, mit diesem Staat allenfalls ein Provisorium geschaffen zu haben, für ein paar Monate, im höchsten Falle Jahre. Doch dann hatte dieser Staat Bestand, er überlebte 40 Jahre lang – und in ihm seine Menschen. Wie ist das zu erklären – und wie fühlte sich das Leben im anderen Deutschland, so der Untertitel des Buches, an? Diesen Fragen will Meine DDR, Begleitbuch zur Fernsehserie im Ersten, nachgehen. Die Macher wollen, wie NDR-Redakteur Hans-Jürgen Berner im Vorwort schreibt, nichts weniger als “eine Gesamtschau der DDR-Geschichte wagen, die die Lebenswirklichkeit der Menschen widerspiegelt, und die aus einer kritischen Perspektive von Politik und Alltag in der DDR erzählt, von Illusionen und Realitäten.”

Grundlage sind hunderte Fragebögen von Menschen, die in der DDR gelebt haben. Aus ihren Biographien wird eine erstaunlich zusammenhängende und vollständige Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik synthetisiert. Viele einzelne Schicksale ergeben hier ein Gesamtbild, das durchaus Handbuchcharakter beanspruchen kann.

Autor Florian Huber (geboren in Nürnberg und somit quasi die einzige westdeutsche Stimme, die hier zu Worte kommt), möchte mit diesem Buch, neben dem inhaltlichen Anliegen, ganz unverhohlen auch einen Beweis für die Leistungsfähigkeit der Oral History antreten. Das gelingt – und doch hätte man ihm gewünscht, sich für dieses Vorhaben ein weniger kontroverses Thema herausgesucht zu haben.

Denn Meine DDR ist leider ein wenig tendenziös geraten. Vor allem in den Abschnitten über die Anfangsjahre greift der Autor immer wieder (bis in die Wortwahl hinein) zu übertriebenen Vergleichen mit dem NS-Regime. Beim Zusammenbruch des Staates fegt er einfach über die Frage hinweg, wie aus der Idee, die DDR zu reformieren, plötzlich der Traum von der deutschen Wiedervereinigung werden konnte. Und dazwischen hat man mitunter den Eindruck, rund die Hälfte der 17 Millionen DDR-Bürger seien Theologiestudenten gewesen.

Immer wieder wirkt es, als wolle Huber ganz sicher gehen, dass dieses “andere Deutschland” auch wirklich als Diktatur erkannt wird. Wiederholt schildern die Protagonisten zwar, wie sie sich mit der DDR abgefunden, arrangiert oder sogar identifiziert haben. Doch bis auf eine Ausnahme rücken sie alle noch vor dem Jahr 1989 von dieser Position ab – und werden so zur Personifizierung des zwangsläufigen Zusammenbruchs des Systems.

Das Team hinter der Fernsehserie und dem Buch begreift die Geschichte der DDR “als eine Geschichte der Menschen, die sie gegründet, bekämpft, erduldet, verteidigt und an ihr gelitten haben”, erklärt Berner. Es ist kein Zufall, dass hier neutrale oder gar positive Partizipien fehlen wie “geprägt”, “akzeptiert” oder gar “geliebt”. Es gibt in diesem Buch keine Bürger, schon gar keine Patrioten – es gibt nur Opfer. Man muss angesichts dieser Tatsache nicht gleich von der Geschichtsschreibung der Sieger palavern. Aber es ist eine durchaus erstaunliche Auswahl an Mentalitäten und Biographien, bei der man zumindest hinterfragen darf, wie repräsentativ sie ist.

Immerhin: Gerade durch den Ansatz, verschiedene Protagonisten durch ihre ganz eigene Geschichte zu begleiten, wird hier auch der ganz banale Alltag greifbar, der Pragmatismus der Menschen – und auch die positiven Seiten des Arbeiter- und Bauernstaates, etwa die weit vorangeschrittene Gleichberechtigung der Frauen.

Auch an anderer Stelle hat die Methode enorme Kraft: Wenn politische Häftlinge, Republikflüchtlinge, Kirchenvertreter oder die Opfer von Zwangsumsiedlung und Enteignung zu Wort kommen, dann wird das Geschehen ebenso eindrucksvoll wie bedrückend – eben weil es bei ihren Erfahrungen keinen Interpretationsspielraum gibt, sondern nur ganz konkretes, individuelles und jahrelanges Leid.

So hinterlässt das Buch am Ende einen zwiespältigen Eindruck: Ein gut gemeinter methodischer Ansatz zeigt hier seine Tragfähigkeit, die Interpretation der Autoren macht einen Teil davon wieder zunichte. Meine DDR ist eines der wenigen Bücher, die dem Alltag im SED-Staat nahe kommen. Das Unpolitische, das viel zitierte Zwischenmenschliche – all das kommt in Meine DDR vor, wenn auch bloß im Hintergrund und stets als zerbrechlich, vergänglich und von permanenter Frustration bedroht. Das Diktatorische, die Allmacht der Partei und ihr Durchgreifen in alle Lebensbereiche, das wird hingegen als unentrinnbar und unverrückbar geschildert. Die Geschichte hat bewiesen, dass es genau umgekehrt war.

Bestes Zitat: “Nach dem Ausbau der Grenze im August 1961 war die DDR kein normales Land mehr. Die Mauer wurde zur hässlichen Metapher für den sozialistischen Staat, den ‘Mauerstaat’, und blieb es bis zu ihrem Ende. Die Staatspartei SED hatte gezeigt, dass sie ihrem Staatsvolk nicht traute, dass ihr die eigene Existenz wichtiger war als die Freiheit, ja selbst das Leben ihrer Bürger.”

Draufgeschaut: Der rote Kakadu

Dezember 1, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Luise (Jessica Schwarz), Siggi (Max Riemelt) und Wolle (Ronald Zehrfeld, von rechts) sind sich nicht sicher, wie viel Revolte sie wagen sollen.

Luise (Jessica Schwarz), Siggi (Max Riemelt) und Wolle (Ronald Zehrfeld, von rechts) sind sich nicht sicher, wie viel Revolte sie wagen sollen.

Film Der rote Kakadu
Produktionsland Deutschland
Jahr 2004
Spielzeit 121 Minuten
Regie Dominik Graf
Hauptdarsteller Jessica Schwarz, Max Riemelt, Ronald Zehrfeld
Bewertung ****

Worum geht’s?

Dresden Anfang der 1960er Jahre: Eine Gruppe junger Leute leidet unter den zunehmenden Repressalien des DDR-Regimes. Im Kakadu, ihrem Lieblingsclub, fühlen sie sich frei und feiern Rock’N'Roll, Sex und Literatur. Doch der lange Arm der Staatsmacht erreicht sie auch dort. Alles spitzt sich zu auf die Frage, ob die Rebellen kurz vor dem Mauerbau noch das Land verlassen sollen.

Das sagt shitesite:

Schöne Requisite, authentische Atmosphäre und gute Schauspieler sind drei der wichtigsten Stärken von Der rote Kakadu. Über einige Klischees tröstet zudem der sehr eindrucksvolle Schluss hinweg. Insgesamt: eine feine Kombination aus Kino und Zeitgeschichte.

Bestes Zitat:

“Das Land ist so schön. Aber sie machen ein Gefängnis daraus.”

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: Helden wie wir

Oktober 31, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Klaus (Daniel Borgwardt) ist glücklich in der DDR.

Klaus (Daniel Borgwardt) ist glücklich in der DDR.

Film Helden wie wir
Produktionsland Deutschland
Jahr 1999
Spielzeit 92 Minuten
Regie Sebastian Peterson
Hauptdarsteller Volkmar Kleinert, Renate Krößner, Dietmar Huhn, Ulrich Wenzke, Joachim Lätsch, Udo Kroschwald, Kirsten Block, Daniel Borgwardt, Xenia Snagowski
Bewertung ***

Worum geht’s?

Klaus verlebt eine typische DDR-Kindheit. Als er dann vor der Frage steht, was er eigentlich mit seinem Leben anfangen will, wird er von der Stasi angeworben. Klaus hat kein Problem damit – bis er Yvonne hinterherspionieren soll, in die er als kleiner Junge verliebt war. Beim Versuch, sich zwischen der Dame seines Herzens und seinem Dienstherrn zu positionieren, bringt Klaus aus Versehen die Berliner Mauer zu Fall.

Das sagt shitesite:

Helden wie wir hat nur noch wenig mit der Romanvorlage von Thomas Brussig zu tun. Das scheint zum großen Teil am Budget gelegen zu haben, denn viele der Passagen des Films sind mit dokumentarischem Archivmaterial oder Tricksequenzen gestaltet. Mitunter wirkt der Film nicht geschrieben, sondern kompiliert. Ein großer Teil der boshaften Ironie geht dadurch zwar verloren, dafür gewinnt Helden wie wir eine sehr eigene, durchaus stimmige Ästhetik. Passend dazu wird das Leben in der DDR hier durchaus wohlwollend, aber in jedem Fall respektlos dargestellt. Wenn Achim Mentzel einen grandiosen Cameo-Auftritt hat, wenn im Hintergrund permanent Papp-Plattenbauten errichtet werden oder die durchbürokratisierte Sprache der Stasi persifliert wird – dann kommt Helden wie wir zumindest streckenweise der satirischen Kraft des Romans nahe.

Bestes Zitat:

“Wir sind das Volk? Keine Frage, das waren sie – so brav und gehemmt wie sie dastanden.”

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: Go West

Juli 11, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Thomas (Franz Dinda), Frank (Sergej Moya) und Alex (Frederick Lau, von links) sind auf der Flucht vor der Stasi.

Thomas (Franz Dinda), Frank (Sergej Moya) und Alex (Frederick Lau, von links) sind auf der Flucht vor der Stasi.

Film Go West – Freiheit um jeden Preis
Produktionsland Deutschland
Jahr 2010
Spielzeit 195 Minuten
Regie Andreas Linke
Hauptdarsteller Sergej Moya, Franz Dinda, Frederick Lau, Inez Bjørg David, Jan-Gregor Kremp, Herbert Knaup
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Juli 1984: Alex, Frank und Thomas sind halbwegs erwachsen, beste Kumpels, aber nicht gerade begeistert von den Möglichkeiten, die ihnen das Leben in der DDR bietet. Thomas und Alex planen deshalb die Flucht in den Westen. Frank will lieber bleiben, denn ihm winkt eine Ausbildung an der Schauspielschule. Trotzdem hilft er seinen beiden Freunden auf dem Weg an die innerdeutsche Grenze. Dort geraten sie jedoch in eine Falle und müssen waghalsig fliehen. Von nun an ist dem Trio klar: Es gibt für sie kein Zurück mehr. Entweder sie schaffen es bis in den Westen – oder sie landen in der DDR im Knast. Als sie den Fluchthelfer Max Steiner kennen lernen, schöpfen Alex, Frank und Thomas neue Hoffnung und nehmen sich vor, sich in die BRD-Botschaft in Jugoslawien durchzuschlagen. Doch die Stasi ist ihnen längst auf den Fersen. An der Spitze: Kurt Korbach – der Vater von Frank.

Das sagt shitesite:

Mit viel Action und erfreulich wenig Klischees wird Go West zu einem Mix aus Thriller, Zeitgeschichtsdrama und Roadmovie. Schon der Beginn macht deutlich, dass man es hier mit einem DDR-Film der besseren Sorte zu tun hat: Die Anfangssequenz sieht aus wie ein halsbrecherischer Fluchtversuch, doch diese Assoziation erweist sich als Finte der Macher. Neben solcher Kniffe können die Macher von Go West auch auf sehr gute Hauptdarsteller bauen. Und auf ein Drehbuch, das sehr subtil die Motivation seiner Charaktere deutlich macht: Das Leben im Osten ist für Alex, Frank und Thomas oberflächlich betrachtet okay. Ihr Traum vom Westen ist zunächst eher ein Hirngespinst als eine existenzielle Notwendigkeit. Doch während ihrer Flucht wird in Go West klar, wovor sie wirklich davonlaufen: Lügen und Betrug, Verrat und Bevormundung.

Bestes Zitat:

“Es geht nicht mehr darum, was Du willst. Entweder Du gehst diesen Weg, oder Du gehst in den Knast.”

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: Der Tunnel

Mai 27, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Harry (Heino Ferch) und Fritzi (Nicolette Krebitz) kommen sich unter der Erde näher.

Harry (Heino Ferch) und Fritzi (Nicolette Krebitz) kommen sich unter der Erde näher.

Film Der Tunnel
Produktionsland Deutschland
Jahr 2001
Spielzeit 188 Minuten
Regie Roland Suso Richter
Hauptdarsteller Heino Ferch, Nicolette Krebitz, Sebastian Koch, Alexandra Maria Lara, Mehmet Kurtulus, Claudia Michelsen, Felix Eitner, Uwe Kockisch
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Zwei Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer flieht Harry mit einem falschen Pass aus der DDR. Dort war er ein erfolgreicher Schwimmer, wurde wegen seiner widerspenstigen politischen Ansichten aber auch drangsaliert. Auch sein bester Freund Matthis sieht seine Zukunft im Westen und findet über die Kanalisation den Weg dorthin. Doch Harry und Matthias haben ihre Lieben in Ost-Berlin zurücklassen müssen. Harry will seine Schwester Lotte zu sich holen, zu der er ein sehr inniges Verhältnis hat. Matthis wurde auf der Flucht von seiner schwangeren Frau Carola getrennt, die er nun ebenfalls in den Westen schaffen will. Die beiden werden zu Fluchthelfern. Sie planen einen Tunnel in den Osten, unter der Mauer durch. Doch der Bau erfordert nicht nur höchste Geheimhaltung. Auch ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.

Das sagt shitesite:

Der Tunnel ist einer der besten Filme über die deutsch-deutsche Zeitgeschichte, ebenso beklemmend wie spannend. Eindrucksvoll wird das Werk nicht nur, weil der Plan, heimlich einen Tunnel unter der Mauer durch zu bauen, einer Herkules-Aufgabe gleicht. Vor allem beeindruckt Der Tunnel, weil zugleich auch das Schicksal der Zurückgebliebenen im Osten gezeigt wird. Wie unüberwindlich die Mauer schon nach wenigen Monaten erschien (etwas übertrieben deutlich inszeniert in der Szene, als Fritzis Freund Heiner auf der Flucht erschossen wird), und wie sehr trotzdem der Westen in den Osten und der Osten in den Westen wirkte, das führt Der Tunnel sehr geschickt vor Augen.

Bestes Zitat:

“Es ging um die Freiheit und meine Würde. Und das ist das Wichtigste, was mich am Leben erhält.”

Der Trailer zum Film:

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