Durchgelesen: Rosa Liksom – “Abteil Nr. 6″

Juni 6, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
"Abteil Nr. 6" erzählt von einer Reise quer durch Russland.

“Abteil Nr. 6″ erzählt von einer Reise quer durch Russland.

Autor Rosa Liksom
Titel Abteil Nr. 6
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Schon lange ist sie verliebt in Russland. Ihr Vater hatte einst in Moskau studiert. Als sie ihn dort besuchte, wollte sie unbedingt mehr entdecken von diesem Land. Jetzt sitzt die junge Frau, eine finnische Archäologiestudentin, im Zug von Moskau nach Ulan-Bator. In der russischen Hauptstadt lässt sie irgendeine verwirrte und verwirrende Vergangenheit zurück, in der Mongolei will sie historisch wertvolle Felsinschriften begutachten.

Eigentlich wollte sie diese Reise mit ihrem Freund Mitka machen, doch der ist in der Irrenanstalt gelandet. Jetzt ist sie alleine unterwegs, nur begleitet von ihren Erinnerungen und dem schwatzhaften, einsamen, vulgären Wadim, mit dem sie sich auf der tagelangen Zugfahrt das Abteil Nr. 6 teilt. Ihr Mitreisender wirkt mal wie ein Kneipentölpel, mal wie ein Philosoph. Er beschreibt sich selbst als einen „alten Kerl mit einer betrübten Seele voller tristem Frieden. Mit einem Herzen, das nicht mehr vor Gefühl schlägt, sondern nur noch aus reiner Gewohnheit. Keine verrückten Streiche mehr, nicht einmal Schmerz. Bloß Langeweile.“ Die junge Frau ist irritiert von dem Metallarbeiter. „Seine Dreistigkeit, seine Art, die Wörter zu dehnen, sein Lächeln, sein verächtlicher, sanfter Blick“ – all das fasziniert sie, und dennoch ist sie gelegentlich angeekelt, sogar eingeschüchtert von diesem Fremden.

Die Beziehung zwischen der jungen, sensiblen Finnin und dem älteren, grobschlächtigen Russen ist der wichtigste Inhalt von Abteil Nr. 6. Rosa Liksom, geboren 1958 in Nordfinnland und nach einigen Stationen im Ausland (auch in der Sowjetunion) mittlerweile wieder in Helsinki lebend, hat mit dem Buch in ihrer Heimat große Erfolge gefeiert: 100.000 Exemplare wurden von ihrem dritten Roman verkauft, 2011 erhielt sie für Abteil Nr. 6 den Finlandia-Preis, den wichtigsten finnischen Literaturpreis.

Ihre Figuren sind wunderbar, die Spannung zwischen den beiden Reisegefährten bleibt das ganze Buch über knisternd. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil die (namenlose) junge Frau beinahe stumm erscheint. Erst auf Seite 207, kurz vor Ende des Romans, ist sie erstmals in wörtlicher Rede zu hören. Davor scheint sie gar nichts zu sagen.

Fast genauso bedeutend wie die Geschichte dieser schonungslosen Beziehung ist in Abteil Nr. 6 aber das, was an den Fenstern des Zuges vorbeirauscht. Rosa Liksom schildert Russland ebenso exotisch wie vertraut, als ein Land im Wandel, einen seltsamen Mix aus Kultur und Verfall, Großmacht und Entwicklungsland, Hightech und Pampa.

Licht, Tiere, Wolken oder Bäume links und rechts der Bahnstrecke werden immer wieder beschrieben, im ständigen Wechsel und offensichtlich doch verbunden durch etwas Ewiges, Heiliges, Starkes. Das funktioniert auch, weil Rosa Liksom auf sehr fantasievolle Bilder wie dieses setzt: „Die Atmosphäre hatte etwas Oblomowhaftes, es fiel noch immer der Schnee vom letzten Winter.“

Ob diese Geschichte 1991 spielt oder 2010, ist nicht erkennbar. Dafür wird sehr klar, was die Autorin über das russische Wesen zum Ausdruck bringen will: Es geht in diesem Buch um Stolz, Kultur, Natur und Bezwingung – und um die Tatsache, dass dieses Russland seinen Stolz erstaunlicherweise nicht aus der Kultur oder der Natur bezieht, sondern ausgerechnet aus der Tatsache der Bezwingung des einen durch das andere.

Bestes Zitat: „Hab keine Angst vorm Tod, mein Mädchen, solange du lebst, denn dann gibt es ihn noch nicht. Und wenn du gestorben bist, gibt es ihn nicht mehr.“

Durchgelesen: Heinz Strunk: “Junge rettet Freund aus Teich”

Juni 1, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Heinz Strunk wird in "Junge rettet Freund aus Teich" eher melancholisch als nostalgisch.

Heinz Strunk wird in “Junge rettet Freund aus Teich” eher melancholisch als nostalgisch.

Autor Heinz Strunk
Titel Junge rettet Freund aus Teich
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Man könnte versucht sein, diesen Roman für den ersten Band einer verkappten Autobiografie zu halten. Schließlich heißt die Hauptfigur Mathias Halfpape (das ist der bürgerliche Name von Heinz Strunk), es wir in Junge rettet Freund aus Teich von einer Kindheit im Süden Hamburgs erzählt (wo Heinz Strunk aufgewachsen ist) und auf der Rückseite des Buchumschlags ist ein Schwarz-Weiß-Foto eines lachenden Jungen auf einem Dreirad zu sehen, das Heinz Strunk (oder damals wohl eher noch: Mathias Halfpape) zeigt.

Die Frage, wie viel von den hier erzählten Abenteuern der Autor (Fleisch ist mein Gemüse) wirklich erlebt hat, ist allerdings vernachlässigbar. Denn egal, ob das auf eigener Erfahrung basiert oder auf literarischem Vermögen: Junge rettet Freund aus Teich ist ein enorm authentischer, liebevoller, rührender Roman über das Heranwachsen.

Zu Beginn, im Jahr 1966, ist Mathias sechs Jahre alt, lebt mit seiner allein erziehenden Mutter im Haus der Großeltern und macht das, was Kinder machen: spielen, träumen, staunen. Das erste Kapitel wirkt wie eine Postkarte aus dem Ferienlager, so echt, dass man geradezu die krakelige Schrift des Schulanfängers vor sich sieht. Die Handlung springt dann ins Jahr 1970 und schließt, nach einem erneuten Sprung, noch einmal vier Jahre später mit dem mittlerweile 14-jährigen Helden.

Mathias ist kein Vorzeigeknabe, nicht der Strahlemann, der von der Verpackung der Kinder-Schokolade sonnenscheint, aber auch nicht der träge Bengel aus der Sanostol-Werbung, der am liebsten alleine in Pfützen herumsteht. Er ist ein ganz normaler Junge, der seine Oma liebt, seine Nachbarin misstrauisch beäugt und sich um seine Mutter sorgt, der genauso weltoffen und intolerant ist, wie Kinder es nun einmal sind. Er erkundet das Zusammenwirken von Luftgewehren und Singvögeln, Morphiumtropfen und öffentlich-rechtlichem Fernsehprogramm, Taschengeld und Zigaretten.

Was das Buch dabei so gut macht, ist nicht nur das Flair einer vergangenen Ära, als Mecki der Igel und Wolfgang Kleff noch die persönlichen Helden waren, man Bluna trank und Navy Cut rauchte. Sondern vor allem ein feiner, eher von Melancholie als Nostalgie geführter Blick auf das Wesen der Kindheit. Heinz Strunk fängt in Junge rettet Freund aus Teich ihre Wehrlosigkeit ein und den Horror, wenn man als Zehnjähriger plötzlich erkennt, dass die Erwachsenen nicht nur älter, sondern sogar alt werden. Er baut immer wieder Hinweise ein auf die Macht, mit der die Mechanismen aus der Welt der Erwachsenen (die sich verkrachen, für einen neuen Job die Stadt verlassen oder für ihre Kinder einen unpassenden Schulzweig bevorzugen) die sozialen Bindungen zerreißen, von denen man als Kind noch meint, sie würden ewig halten. Und er hat ein famoses Gespür für die kleinen Lügen der Kindheit, die sich im Rückblick aus der Erwachsenenperspektive als große erweisen, und für die großen Abenteuer, bei denen es umgekehrt ist.

Mathias spielt Fußball mit seinen Freunden, er sammelt heimlich Vampirromane und er verbringt die Ferien bei seiner Oma Emmi (die nicht seine Oma, sondern seine Großtante ist). Die eigentliche Geschichte von Junge rettet Freund aus Teich, das eigentliche Leben, spielt sich dabei ganz woanders ab – doch für dessen Tragik hat der kleine Mathias noch keinen Blick. Und er ahnt nicht, wie glücklich er sich deshalb schätzen darf.

Bestes Zitat: „Es ist seltsam, jemanden, den man nur aus dem Fernsehen kennt, plötzlich inmitten von ganz normalen Menschen zu sehen, so als wäre er einer von ihnen. Zwischen ihm und den anderen besteht aber ein himmelweiter Unterschied. Von wegen, alle Menschen sind gleich! Sind sie eben nicht. Es gibt nichts Ungleicheres als Menschen.“

Durchgelesen: Max Monnehay – “Dorf der Idioten”

Mai 14, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
"Dorf der Idioten" ist ein sehr origineller Protest gegen die Konvention.

“Dorf der Idioten” ist ein sehr origineller Protest gegen die Konvention.

Autor Max Monnehay
Titel Dorf der Idioten
Originaltitel Géographie de la bétise
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Literarische Figuren, die Pierrot heißen, gibt es seit fast 500 Jahren. Bei Molière kommt ein Pierrot vor, bei Gustave Flaubert und bei Ludwig Tieck. Einem Pierrot wie dem von Max Monnehay ist man aber noch nie begegnet: In Dorf der Idioten, ihrem zweiten Roman, ist Pierrot kein bemitleidenswerter Clown, sondern ein charismatischer Sektenführer.

So kann man ihn zumindest bezeichnen, als er eines Tages beschließt, einen Ort zu gründen, der schrägen Vögeln wie ihm vorbehalten bleiben soll. Den Dorfdeppen, den Außenseitern, den Idioten. Dank einer reichen Erbschaft kauft er ein Grundstück mit verlassenen Häusern und wirbt per Zeitungsanzeige für seine Idee. Sein Aufruf stößt auf enorme Resonanz: „Pierrot hatte einer ganzen Gemeinde, die bis dahin nicht einmal gewusst hatte, dass sie eine war, eine Prise Hoffnung verabreicht. An jenem Abend hatte in jedem französischen Dorf ein Idiot den Kopf erhoben. Überall im Land hatten Männer und Frauen ihre Zugehörigkeit entdeckt. In wenigen Minuten hatte ein einziger Mensch ein ganzes Volk geschaffen“, schreibt Monnehay.

In ganz Frankreich holt Pierrot also seine Gesinnungsgenossen ab. Der erste, den er aufsammelt, ist Bastien, der in den 25 Jahren seines Lebens bisher fast nichts als Demütigung erlebt hat, bis zum Erbrechen satt ist von Enttäuschungen und zum Ich-Erzähler des Romans wird. 71 andere Interessenten kommen danach noch dazu und bilden das Reservat der Sonderlinge.

Die Einwohner im Dorf der Idioten genießen es, plötzlich nicht mehr wegen ihrer Macken begafft und verspottet zu werden und gestalten sich ein Leben nach ihren eigenen Regeln, ein beinahe paradiesisches Gemeinwesen. Das Dorf gilt für den Rest der Welt erstaunlicherweise nicht als obskures Ghetto, sondern als derart verheißungsvoll, dass es immer neue Bewerber gibt, die ebenfalls einziehen wollen – doch um aufgenommen zu werden, müssen sie vorher nachweisen, dass sie wirklich richtig dumme Deppen sind, und nicht bloß Simulanten. Auch dank dieses besonderen Idiotentests herrscht im Dorf fast perfekte Harmonie. Bis Bastien einen folgenschweren Fehler macht.

Die Utopie vom Leben im Dorf ist sehr originell, noch spannender ist in diesem Buch aber die Frage, wie und warum die Einwohner dorthin gelangt sind. Max Monnehay geht sehr geschickt der Dynamik von Beziehungen und den Mechanismen von Abgrenzung und Gruppenidentitäten auf den Grund. „Wir suchen in dem anderen nicht nur das, was wir mit ihm gemeinsam haben könnten. Nein, wir suchen bei ihm die Unterschiede, die uns vom Rest der Menschheit trennen und die wir mit ihm gemeinsam haben“, schreibt sie an einer Stelle.

Als Idioten wurden ihre Figuren in ihrem alten Leben belächelt, weil sie das Wahre und das Glück suchen und sich nicht bloß mit der Simulation davon begnügen oder gar mit Selbsttäuschung. Nach dem Aufruf von Pierrot lassen sie alle die Ruinen ihres Lebens zurück, ihren Frust und ihre Verzweiflung und entwickeln im Dorf das Gefühl, vielleicht jetzt erst in einer Welt angekommen zu sein, in der nicht alles leer und fremd ist.

Monnehay, Jahrgang 1981, findet sprachlich eine wunderbare Form für diese Fabel: Dorf der Idioten ist wie mit großen Augen geschrieben, einem staunenden, hungrigen, aber nicht naiven Blick auf das Leben. Es gibt viele kurze Sätze und eine ganz einfache Sprache. Nicht selten wird es auch derb, dann ergeht sich der Ich-Erzähler in Kraftausdrücken und einer Aggressivität, die manchmal auch zur Folge hat, dass der Leser direkt angesprochen und wegen seiner Vorurteile oder Assoziationen zur Rede gestellt wird.

Zwischendurch gibt es immer wieder die Definitionen banaler Begriffe, die Bastien aus einem riesigen Wörterbuch seiner Mutter zitiert, als wolle er beweisen: Ich habe etwas begriffen, ich kann etwas begreifen. Einzelne Sätze tauchen mehrfach in diesem Roman auf, sodass sie wie kleine Weisheiten in einem einfältigen Leben erscheinen.

All das macht Dorf der Idioten zu einem sehr originellen und unterhaltsamen Roman, zudem zu einem riesigen Protest gegen die Konvention. Max Monnehay zeigt nicht zuletzt auch: Intelligenz ist bei weitem nicht bloß Veranlagung, sondern ein soziales Produkt, das Fürsorge, Bildung und Menschlichkeit als Voraussetzungen benötigt, also all die Dinge, die diesen Idioten zeitlebens verwehrt wurden von ihrer Umwelt – also von uns. Was natürlich die Frage aufwirft, wer die wahren Idioten sind.

Bestes Zitat: „Es heißt, man könne sich nicht totschämen. Das ist falsch. Scham ist der hinterhältigste Mörder, den es gibt. Sie nagt an deinem Ego, zehrt es auf, Stück für Stück, bis nichts mehr von dir übrig bleibt als grenzenlose Verachtung für die eigene Person.“

Durchgelesen: John Grisham – “Home Run”

Mai 8, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Seine Leidenschaft für Baseball lebt John Grisham in "Home Run" aus.

Seine Leidenschaft für Baseball lebt John Grisham in “Home Run” aus.

Autor John Grisham
Titel Home Run
Originaltitel Calico Joe
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Man sollte meinen, John Grisham habe sich seinen großen Traum schon erfüllt. Er war knapp zehn Jahre lang als Anwalt tätig, aber er wollte lieber ein Schriftsteller sein, der Justizthriller schreibt. Das hat er geschafft. Mehr als 250 Millionen Mal haben sich seine Bücher wie Die Firma oder Die Akte seitdem verkauft.

Ein Wunsch blieb trotz allem unerfüllt: Als kleiner Junge wollte John Grisham gerne eine Karriere als Baseballprofi einschlagen, am liebsten bei den St. Louis Cardinals. Diese Fantasie lebt er nun ebenfalls als Schriftsteller aus: mit Home Run, seinem neuen Roman.

Aus Sicht des Autors ist die Kompensation gelungen. «Niemals zuvor hatte ich beim Schreiben so viel Spaß», sagte er kürzlich in einem Interview. Aus Sicht des Lesers ist Home Run ebenfalls ein Treffer. Grisham überzeugt auch in der eher ungewohnten Materie. Der Roman ist weitaus entspannter und unspektakulärer als seine großen Bestseller, aber eine rührende Geschichte über Väter und Söhne und über die (amerikanischen) Werte, die der Sport manchmal besser zum Ausdruck bringt als jedes andere Element unserer Kultur

Sein Ich-Erzähler ist Paul Tracey, Programmierer aus Santa Fe, verheiratet, Vater zweier Töchter. Als kleiner Junge war er ein riesiger Baseballfan, wie Millionen andere Amerikaner auch. Seine Beziehung zum Baseball ist aber eine ganz besondere: Pauls Vater, Warren Tracey, war Profispieler in der höchsten Liga. Er hinterließ kaum bleibenden Eindruck in den Annalen dieser Sportart, bis auf ein Detail: Im Jahr 1973 warf er einen Ball auf seinen Gegenspieler Joe Castle, damals ein gefeiertes Talent. Castle trug eine schlimme Kopfverletzung davon, die seine Karriere beendete – und zugleich die Liebe von Paul Tracey zum Baseball.

Die Konstellation basiert lose auf der wahren Geschichte von Ray Chapman (1891-1920), dem einzigen Spieler in der Geschichte des Baseballs, der jemals durch einen Treffer getötet wurde. Im Gegensatz zu ihm ist Joe Castle aber kein Routinier, sondern ein Senkrechtstarter – so unwiderstehlich, dass selbst der kleine Paul Tracey zum Fan wird, obwohl er doch eher seinen Vater anfeuern sollte. Den Aufstieg des Neulings in der Liga erzählt John Grisham beinahe minutiös, mit der Baseball-typischen Vorliebe für Statistiken. Für alle, die Schwierigkeiten haben, den Spielberichten mit all ihren Fachbegriffen zu folgen, hat er vernünftigerweise auch eine kleine Regelkunde verfasst, die sich am Ende seines Buches findet (aber eigentlich an den Anfang gehörte).

Schon die Figur des Joe Castle wäre reizvoll genug für einen lesenswerten Roman, doch Grisham reichert Home Run um mindestens zwei weitere Dimensionen an. Zum einen ist da die Beziehung von Vater und Sohn: Kurz nach seinem fatalen Wurf verließ Warren Tracey die Familie, seitdem hat er kaum noch Kontakt zu seinem Sohn. Nun liegt er im Sterben, der Krebs lässt ihm nur noch wenige Wochen, um ein paar Dinge zu klären, die in seinem Leben schief gelaufen sind.

Zum anderen hat sich Paul Tracey in den Kopf gesetzt, dass sein Vater Joe Castle noch einmal gegenüber treten und ihn nach mehr als 30 Jahren um Verzeihung bitten soll. Er will beide besuchen und die Möglichkeiten dafür ausloten, wohlwissend, dass dies zugleich eine Reise in seine eigene Vergangenheit wird, in ihre Schwärmereien und Traumata. Aus der Frage, ob zumindest eine dieser Versöhnungen gelingen wird, bezieht Home Run letztlich seinen Reiz und wird zu einer spannenden Geschichte über Neid und Loyalität, Fairness und Vergebung.

Beste Stelle: „Das Geräusch, wenn ein Baseball aus Leder auf einen Schlaghelm aus Kunststoff trifft, ist unverkennbar. (…) Es ist kein scharfer Knall, sondern eher so, als würde ein stumpfer Gegenstand auf eine harte Oberfläche treffen. Es ist ein furchtbares Geräusch, doch wenn man es hört, denkt man sofort, dass der Helm schwere Verletzungen verhindert. Aber das Geräusch, als Joe getroffen wurde, was anders. Was wir hörten, war der dumpfe Aufschlag eines Baseballs, der Fleisch und Knochen zermalmt. Zuschauer, die nahe genug am Feld saßen, um das Geräusch zu hören, sollten es nie wieder vergessen. Ich konnte es hören. Und heute höre ich es immer noch.“

 

Durchgelesen: Sascha Reh – “Gibraltar”

April 24, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
"Gibraltar" ist zugleich ein Wirtschaftskrimi und ein Familienroman.

“Gibraltar” ist zugleich ein Wirtschaftskrimi und ein Familienroman.

Autor Sascha Reh
Titel Gibraltar
Verlag Schöffling
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Wenn man es ein bisschen genauer betrachtet, bemerkt man schnell: Ein Botenbericht ist eine ziemlich plumpe Methode, um eine (zeitlich oder räumlich) weit entfernte Handlung in eine andere Handlung zu integrieren. Shakespeare hat das gerne gemacht und irgendeinen Postillon vom Ausgang einer Schlacht berichten lassen, deren Verlauf er nun einmal schlecht auf der Bühne nachspielen lassen konnte. Aber subtiler wird dieser Trick dadurch trotzdem nicht.

Sascha Reh macht es sich noch einfacher. Sein zweiter Roman Gibraltar beginnt mit einem Zeitungsartikel aus dem April 2010. Auf sieben Seiten fasst der Beitrag die Vorgeschichte zusammen und stellt die wichtigsten Protagonisten des Romans vor, der 450 Seiten später auch wieder mit einer Zeitungsmeldung enden wird. Wer nun glaubt, der preisgekrönte Autor hätte angesichts dieses zunächst einfallslos wirkenden Einstiegs jegliches Geschick für Konstruktion und Erzählen verloren, könnte nicht falscher liegen.

Sprachlich bietet der Roman ein außergewöhnliches Niveau: Einige Metaphern und sprachliche Bilder sind so gut, dass es sich gelohnt hätte, rund um sie herum einen ganzen Absatz zu erfinden, damit sie Teil der Handlung werden können (manchmal scheint der Autor tatsächlich so zu verfahren). Doch selbst ohne solche Finessen wäre Gibraltar ein spannender, vielschichtiger, schlauer Roman, der auch noch den Mut hat, das dominierende Thema dieses Jahrzehnts zu behandeln: die Bankrottisierung der Welt durch das Finanzwesen.

Dass Sascha Reh, geboren 1974 und hoch gelobt für sein Debüt Falscher Frühling (2010), seinen Text mit einem journalistischen Beitrag beginnen lässt, erweist sich schnell als kluger Schachzug: Die Methode sorgt nicht nur für eine sehr kompakte Einführung in die Handlung, nach der man dann umso schneller ins Geschehen eintauchen kann. Der Einsatz seiner intermedialen Technik verweist auch gleich auf eines der Probleme der Finanzkrise: Sie kann sich, wenn überhaupt, nur medial vermittelt begreifen lassen. Und selbst Fachleute wie Wirtschaftsjournalisten haben Probleme, die Zusammenhänge zu durchdringen und in irgendeiner Form konsistent wiederzugeben.

Wie komplex die Finanzwelt ist, zeigt Gibraltar immer wieder und Sascha Reh, bisher nicht als Wirtschaftsfachmann aufgefallen, bedankt sich am Ende seines Buchs ausführlich bei allen, die ihm das nötige Hintergrundwissen vermittelt haben für einen Roman, der in der Welt des großen Geldes spielt. Man muss aber als Leser kein Finanzexperte sein, um der Handlung folgen zu können. Denn der Autor setzt auf eine konsequente Personalisierung, die der Materie nicht nur viele Facetten verleiht, sondern auch eine emotionale Dimension.

Der Ausgangspunkt ist das Sterbebett von Johann Alberts. Der Bankier hat ein Vermögen erwirtschaftet und zählt zur haute volée von Berlin. Dann hat er einen Schlaganfall – ausgerechnet in dem Moment, als sein Lebenswerk einzustürzen droht: Bernhard Milbrandt, sein engster Mitarbeiter, hat bei gewagten Spekulationen das Kernkapital des traditionsreichen Bankhauses aufs Spiel gesetzt und ist seitdem spurlos verschwunden.

Thomas, der Sohn des Bankiers, macht sich auf die Suche nach Milbrandt. Er war einst selbst auf dem Weg zum Finanzjongleur, war dann aber angeekelt von der Bankenbranche und stieg aus. Er versuchte sich als Psychotherapeut und verdient nun sein Geld mit telefonischer Lebensberatung, bei der seine Kunden ausgerechnet meist aus der Finanzbranche kommen.

Mit der Welt hat er ebenso gebrochen wie mit dem Vater. Dennoch setzt er sich nun für die Familie und ihr Unternehmen ein. Sein Antrieb ist eine Mischung aus Pflichtgefühl und der Ahnung, dass dies womöglich die letzte Chance sein könnte, eine Dankbarkeit zu beweisen, von der er selbst nicht weiß, ob sie angebracht ist angesichts der zerrütteten Verhältnisse im Hause Alberts. „Er trauerte noch nicht, und es erschreckte ihn, nicht zu wissen, ob er dazu fähig sein würde, wenn es so weit war“, umschreibt Reh seinen Gemütszustand am Sterbebett des Vaters. „Auch seine Mutter würde es wohl nicht tun. Sie würde so allein sein, wie sie schon immer gewesen war. Sie würde wie ein Astronaut, dessen Verbindungsleine zum Shuttle gekappt worden war, durch den Rest ihrer Jahre schweben.“

Um den Mann zu finden, der die Bank um riesige Beträge geprellt hat, macht sich Thomas auf den Weg nach Spanien, wo Milbrandt wahrscheinlich untergetaucht ist. Begleitet wird er von Valerie, einer jungen Frau, die einst bei ihm in psychotherapeutischer Behandlung war. Bald erfährt Thomas, dass sie die Stieftochter von Milbrandt ist. Von solchen Überraschungen hat Gibraltar gleich einige zu bieten. Die Verwicklungen und Beziehungen wirken am Anfang noch arg plötzlich und unglaubwürdig wie in einem Groschenroman, nach und nach aber überzeugend und letztlich sogar filigran.

Reh erzählt abwechselnd die Geschichte der einzelnen Akteure, den Weg zum Ruin der Bank ebenso wie zur Krise in den zwischenmenschlichen Beziehungen seiner Figuren. Gibraltar wird so zugleich ein Wirtschaftskrimi und ein Familienroman, und es ist mehr als beeindruckend, wie sich der Autor ebenso in eine schizoide 23-Jährige hineinversetzen kann wie in einen Patriarchen an der Schwelle des Todes.

Auch aus der Sicht von Bernhard Milbrandt wird das Geschehen betrachtet. Sascha Reh erliegt dabei erfreulicherweise nicht der Versuchung, aus dem Investmentbanker den Bösewicht zu machen. Es gibt in Gibraltar keine Antworten auf die Frage, welche Gründe die Finanzkrise hat, und es gibt erst recht keine Schuldigen. Der Hasardeur Milbrandt weiß, dass seine Geschäfte verwerflich sind. Bei einer Party erlaubt er sich die winzige Andeutung eines Schuldeingeständnisses. „Ich kaufe billig Handgranaten ein und ziehe die Sicherungssplinte. Dann verkaufe ich sie möglichst teuer weiter. Wer die Granaten noch hat, wenn sie explodieren, hat verloren.“ Als er schließlich so etwas wie Paranoia entwickelt, ergreift er die Flucht – nicht aus Gier oder Egoismus, sondern aus Angst vor sich selbst und der (Finanz-)Welt, von der er umgeben ist.

Das Beste an Gibraltar ist die Verflechtung dieser Figuren, ihrer Lebenswege und ihrer jeweiligen Rolle im Millionendebakel. Reh setzt dabei beispielsweise auf Rückblenden, die in keiner Weise typografisch als solche gekennzeichnet sind und die sich völlig unvermittelt mit dem Jetzt der erzählten Zeit abwechseln. Vergangenheit und Gegenwart rasen förmlich aufeinander zu, die Fehler der einen bringen die Gewissheiten der anderen zum Einsturz.

»Es ist eine feinschmeckerische Freude, mit der Sascha Reh den Panzer der Figuren aufknackt. Er fegt die Lügen weg, macht das Hässliche, Gemeine sichtbar, entlarvt verrottete moralische Werte und verlogene Beziehungen«, hat Susanne Plecher in der Sächsischen Zeitung ganz richtig erkannt. Wenn das Ensemble am Ende der Handlung wieder in Berlin versammelt und Johann Alberts gestorben ist, dann kann man keinen der Protagonisten bemitleiden, aber auch keinen verachten. Sie alle blicken auf ihr Leben zurück und stellen fest, dass sie nichts haben. Was sie nicht bemerken: Sie könnten einander haben – aber das lassen sie nicht zu.

Bestes Zitat: „Was hier gehandelt wurde, dachte er plötzlich konsterniert, waren Zahlen; es repräsentierte nichts. Die Substanz der Bank besaß nicht einmal den Gehalt eines Gedankens oder einer Idee, sondern bestand in nichts als Zahlenfolgen, die ihren Wert nur prahlerisch behaupteten, anstatt ihn durch irgendeine Referenz belegen zu können. Was hier unter Werten verstanden wurde, war geschichtslos und letztlich läppisch. Und nun standen jene erwachsenen Männer, die dieses absurde Spiel ernstlich zu ihrem Beruf gemacht und zu denen er einst gehört hatte, um einen Monitor herum und bestaunten, ratlos wie Kinder, Zahlen.“

Durchgelesen: Frank Spilker – “Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen”

April 22, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Der Debütroman von Frank Spilker lebt von Atmosphäre und Sound.

Der Debütroman von Frank Spilker lebt von Atmosphäre und Sound.

Autor Frank Spilker
Titel Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Hach, die Sache mit dem Erwachsenwerden. War wohl noch nie einfach, und ist auch nicht leichter geworden, seit man mit 44 noch Chuck’s tragen, mit 67 noch Mutter werden und mit 69 ½ noch in einer Rockband singen kann. Besonders heftig wird einem das immer dann klar, wenn plötzlich alle wollen, dass man seine Rechnungen bezahlt.

So geht es auch Thomas Troppelmann. Für die Hauptfigur (der Begriff „Held“ wäre für jemanden wie ihn wirklich denkbar unangemessen) in Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen geht es schon eine Weile stetig bergab. Seine Freundin Andrea hat ihn verlassen, die Kumpels wundern sich immer öfter über ihn, sein Grafikbüro ist pleite. Er funktioniert nicht mehr: „Es ist, als würde sich alles auflösen. Zerbröseln, zerfallen, wie auch immer.“ Als ihm das klar wird, ergreift er die Flucht, ohne zu wissen, wo er eigentlich hin will.

Frank Spilker macht aus dieser Ausgangssituation einen sehr gelungenen Debütroman, der vor allem von seiner lässigen Atmosphäre und – wen wundert’s bei einem Autor, der bisher vor allem als Frontmann der Hamburger Band Die Sterne bekannt war – seinem Sound lebt. Die Stammkneipe als Ersatz-Zuhause, der ruiniöse Idealismus der sogenannten Kreativen, die heimelige Miefigkeit beim Besuch der Eltern in der Provinz: All das ist wunderbar eingefangen und entpuppt sich nach und nach als Last, die Thomas Troppelmann wenn schon nicht abschütteln, so doch wenigstens begreifen will.

Das Unmerkliche ist ein wichtiges Thema in Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen. Es lief lange Zeit ganz gut für den Erzähler, aber jetzt ist er auf dem Weg zum Loser (oder sogar schon dort angekommen). Wann begann der Niedergang? Wann haben sich Möglichkeiten plötzlich in Verpflichtungen verwandelt? Woher kommt die Scham beim Blick aufs eigene Leben – aus der Erwartungshaltung, die die anderen aufbauen, oder aus dem Eingeständnis an sich selbst, dass man es versaut hat?

In den schlimmsten Momenten hat der Erzähler das Gefühl, im Boden zu versinken, gleich mehrfach. Nicht immer ist damit Angst verbunden, mitunter erscheint ihm diese Option auch reizvoll. Verstärkt werden seine Zweifel zudem durch Passagen, die erst wie Halluzinationen wirken, sich dann aber als Kindheitserinnerungen entpuppen. In ihnen sucht er schließlich so etwas wie den Schlüssel – nicht zum Glück, aber zum Verständnis für sein eigenes Leben.

Bestes Zitat: „Vernunft, das ist doch nichts anderes als die ödeste Realität.“

Durchgelesen: Juan Carlos Onetti – “Das kurze Leben”

März 2, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Ein Mann erfindet sich in "Das kurze Leben" neu.

Ein Mann erfindet sich in “Das kurze Leben” neu.

Autor Juan Carlos Onetti
Titel Das kurze Leben
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1950
Bewertung ***

Das Kurze Leben ist die Geschichte von Juan Maria Brausen, einem 40-jährigen Werbetexter aus Buenos Aires. Seine Frau Gertrudis bekam gerade eine Brust amputiert, nebenan ist eine neue Nachbarin namens Queca eingezogen, die als Prostituierte arbeitet, sein Chef will ihn wohl bald rausschmeißen und ein Kollege bietet ihm den lukrativen Auftrag an, ein Drehbuch zu schreiben.

Genauer müsste es allerdings heißen: Das Kurze Leben sind die Geschichten von Juan Maria Brausen. Plural. Denn der Ich-Erzähler in diesem Roman, der als wichtigstes Werk des Uruguayers Juan Carlos Onetti (1909-1994) gilt, spaltet seine Person schon sehr bald auf. Es gibt drei Ebenen mit drei Hauptfiguren: Da ist Brausen, der Werbetexter. Da ist Arce – ein Tarnname, den sich Brausen für die Besuche bei seiner Nachbarin zulegt. Und da ist Diaz Grey, ein Arzt in einer Kleinstadt, den Brausen für sein Drehbuch erfindet.

Es dauert freilich eine ganze Weile, bis dem Leser diese Ordnung klar wird und man zu ahnen beginnt, dass Brausen all diese Figuren verkörpert und ausfüllt. Denn Das kurze Leben zeichnet sich durch eine faszinierende Langsamkeit aus. Es gibt viel Stillstand und Lähmung, die dann immer wieder ruckartig aufgelöst werden. Jeder Moment, jeder Satz, jede Person wird bis ins tiefste Detail ausgeleuchtet und analysiert. So gut wie alles wird dabei personalisiert: Luft, Zimmer, Möbel. Die Aussage dahinter ist wohl: Mensch und Umwelt sind letztlich eins, im gleichen Maße vielfältig, chaotisch und unbarmherzig.

Mit diesen Stilmitteln und sehr vielen inneren Monologen gestaltet Onetti einen sehr sinnlichen Roman, voller Schwere und Schwüle. Immer wieder schildert er fein beobachtete Gesten, in denen viel (vielleicht: die gesamte) Bedeutung liegt. Allerdings bringt diese Herangehensweise auch eine Manieriertheit mit sich, die mitunter schwer zu ertragen ist. Es gibt in diesem Buch keine Leichtigkeit; praktisch jede Figur ist ein Philosoph, zerfressen von Selbstzweifeln, zum Scheitern verurteilt. Auch die Zeitsprünge tragen dazu bei, dass die Lektüre mitunter spröde und anstrengend wird.

So erlebt der Leser fast körperlich mit, wie sich Brausen mit seiner Selbstsuche martert. Er hofft, in der Analyse seines Ich sein wahres Wesen und den Schlüssel zum Glück zu finden. Doch er entdeckt nur immer mehr an sich, das unvollkommen, belanglos oder sogar verachtenswert ist. Ihn plagt die Ahnung, das falsche Leben zu leben, am falschen Ort, zur falschen Zeit, mit der falschen Frau. „Schlimm ist nicht, dass das Leben Dinge verspricht, die es uns nie geben wird; schlimm ist, dass es sie immer gibt und dann nicht mehr gibt“, lautet seine Erkenntnis.

Meisterhaft gelingt es Onetti, zu zeigen, wie sich seine Hauptfigur in diesem Konflikt verfängt. Brausen will zu sich selbst finden, und als er erkennt, wie trostlos sein Leben als Asket ist, wählt er letztlich ausgerechnet den Weg der Entäußerung. Zuerst erlebt er sich nur noch als Nachahmung seiner selbst. “Ich, Juan Maria Brausen und mein Leben waren nichts als leere Formen, bloße Darstellungen einer alten, durch Trägheit aufrechterhaltenen Bedeutung, eines ohne Glauben durch Menschen und Straßen und Stunden der Stadt, durch Routinebehandlungen hingeschleppten Menschenwesens“, stellt er fest, als seine Verwandlung schon in vollem Gange ist.

Dann schreitet er aus der Apathie in ein Leben mit Mordgelüsten (nicht nur einmal erinnert er dabei an den Raskalnikow aus Dostojewskis Schuld und Sühne), Drogen, sexuellen Eskapaden und Verbrechen. Am Ende scheint er dem Wahnsinn nahe, wenn die drei Ebenen vollends verwischen: Diaz Grey, der Arzt aus dem Drehbuch, erkennt plötzlich einen Arbeitskollegen des echten Brausen, der im Drehbuch gar nicht vorkommt. Brausen reist wiederum in persona in die Stadt Santa Maria, die er sich als Wirkungsstätte für Diaz Grey allerdings bloß ausgedacht hat.

So wird Das kurze Leben letztlich zu einem Roman über den Versuch, sich selbst – und sogar die Realität – neu zu erfinden. „Es geht (…) darum, dass man glaubt, zu einem Leben verurteilt zu sein bis zum Tode. Dabei ist man nur zu einer Seele verurteilt, zu einer Seinsart. Man kann viele Male leben, viele mehr oder minder lange Leben“, heißt die vielleicht wichtigste Botschaft in diesem Buch. Das ist nicht immer kurzweilig, aber letztlich ein eindrucksvoller Appell für das Forschen nach Bedeutung und Echtem. Und eine spannende Betrachtung über die Kraft (und Grenzen) der Fantasie.

Bestes Zitat: „Alle Lebensweisheit beruht auf der schlichten Bequemlichkeit, uns in die Lücken der Ereignisse, die wir nicht mit unserem Willen ausgelöst haben, einzufügen, nichts zu erzwingen, jeden Augenblick einfach nur zu sein.“

Durchgelesen: Heinrich Steinfest – “Das himmlische Kind”

Februar 25, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
"Das himmlische Kind" ist Heinrich Steinfests Abkehr vom Krimigenre.

“Das himmlische Kind” ist Heinrich Steinfests Abkehr vom Krimigenre.

Autor Heinrich Steinfest
Titel Das himmlische Kind
Verlag Droemer
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung *1/2

Als Krimiautor hat sich Heinrich Steinfest einen Namen gemacht. Der Mann, der abwechselnd in Stuttgart und in Wien lebt, hat den einarmigen Detektiv Cheng erfunden und wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet.

Wer sein neues Buch Das himmlische Kind liest, wird schnell merken, dass diesmal alles anders ist im Werk von Heinrich Steinfest. Der Beginn des Buches ist selbst dann irritierend, wenn man keinen Krimi erwartet. Rund 20 Seiten lang wird da ein Spielzeug beschrieben, wenig elegant unterbrochen durch die Charakterisierungen der Figuren in diesem Roman.

Danach entspinnt sich die Geschichte von zwei Kindern, die einem tragischen Tod von der Schippe gesprungen sind, sich nun aber in einem winterlichen Wald durchschlagen müssen. Die 12-jährige Miriam wird dabei zur Heldin, denn sie päppelt in einer verlassenen Hütte ihren kleinen Bruder Elias wieder auf. Mit Tannnadeltee gegen das Fieber, das ihn plagt. Und mit einer Erzählung, die ihn von der Gefahr des Erfrierens und der allgemein misslichen Lage ablenken soll, in der die beiden Kinder stecken.

Steinfest will mit Das himmlische Kind keineswegs mit seinem bisherigen Werk brechen. Der Roman sei „kein Buch gegen die anderen Bücher“, sagte der Erfolgsautor im Interview mit dem SWR. Aber er habe die Gefahr gesehen, sich mit einem weiteren Krimi womöglich zu wiederholen. Einfach mal etwas Neues probieren – das war seine Motivation.

Das Ergebnis ist leider ein schlimmes Machwerk zwischen Heimatfilmromanik, Erlösungsgeschwafel und Märchenaufguss geworden. Die Natur spielt eine Hauptrolle in Das himmlische Kind, wenn Miriam im finsteren Wald alles entdeckt, was sie zum Überleben braucht (notfalls werden dabei auch Singvögel verspeist), und Gott ist ebenso allgegenwärtig. Engel, Eingebung, Fügung, Aberglaube – all das wird hier thematisiert und gibt dem Roman eine ekelhaft esoterische Atmosphäre.

Das Schrullige und Verschrobene, das auch Steinfests Krimis anzumerken ist, nimmt hier Überhand. Neben dem rührseligen Blick auf seine Figuren äußert sich das beispielsweise in seltsam altertümlichen Wörtern, vor denen dieses Buch wimmelt. Ärgerlich ist auch, wie wenig der Autor dem Leser zutraut, wenn er beispielsweise auf die ohnehin offenkundige Parallele zu Hänsel und Gretel auch noch ganz explizit hinweist.

Alles ist deutlich zu dick aufgetragen – vor allem, wenn man bedenkt, dass die Hauptfigur noch nicht einmal das Teenager-Alter erreicht hat. Steinfest versucht, möglichst viele schlaue Gedanken in das Buch zu packen, notfalls auch an unpassenden Stellen, und ohne Rücksicht darauf, dass man einer 12-Jährigen so viel Reflexion kaum abnehmen kann. „Ich glaube eher, der Verstand ist eine Ausrede für Sachen, die Menschen tun, und wissen, dass sie schlecht sind, sie aber trotzdem tun wollen“, erkennt das Mädchen beispielsweise, noch einigermaßen hölzern formuliert. An anderen Stellen erreichen Miriams Gedanken aber problemlos Aphorismen-Status („Der Sinn des Lebens bestand mitnichten darin, Fallen auszuweichen, sondern aus ihnen wieder herauszufinden.“).

Auch deshalb wirkt vieles an Das himmlische Kind willkürlich, unglaubwürdig, unverbunden. Der Autor wechselt immer wieder zwischen konkreten Schilderungen des Überlebenskampfs von Miriam und Elias und abstrakten Gedanken über Gott und die Welt. Er schweift dabei so oft ab, dass er offensichtlich selbst die Notwendigkeit verspürt, sich zumindest halbherzig dafür zu rechtfertigen: „Miriam gehörte nun mal zu diesen Kindern, die gedankliche Ketten entwickelten und gerne über Was-wäre-wenn-Fragen nachdachten“, schreibt er an einer Stelle.

So viel Durcheinander ist auch nicht dadurch zu rechtfertigen, dass der Roman noch eine zweite Ebene hat. Die Erzählung, mit der Miriam ihren kleinen Bruder bei Laune halten will, nutzt Steinfest, um den kreativen Schöpfungsprozess aus dem eigenen Geist heraus zu reflektieren, ebenso wie die Rolle, die das Publikum dabei spielt. So wird aus Das himmlische Kind auch eine Erzählung über das Erzählen. Spätestens dabei hätte Steinfest aber erkennen müssen, dass eine gute Geschichte nicht nur viel Fantasie braucht, sondern auch eine passende Form.

Bestes Zitat: „Nun, Miriam war eine Intellektuelle. Die meisten sind das nämlich von Anfang an oder gar nie. Philosophie ist mitnichten eine Frage des Alters. Um über Sinn, Zweck und Ende der Welt zu brüten, muss man nicht in einer Universität hocken. Es genügt, in der Welt zu hocken, die um die Universität herum besteht. Es genügt, den Umstand eigenen Geborenseins zu bedenken.“

Durchgelesen: Dirk Kurbjuweit – “Angst”

Februar 7, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Ein Stalker bedroht in "Angst" die scheinbar heile Welt einer Berliner Familie.

Ein Stalker bedroht in “Angst” die scheinbar heile Welt einer Berliner Familie.

Autor Dirk Kurbjuweit
Titel Angst
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung ***1/2

Keller sind schon immer Orte des Grauens. Marc Dutroux trieb dort seine perversen Spielchen. Josef Fritzl hielt jahrzehntelang seine Tochter unterirdisch gefangen. Auch Natascha Kampusch erlebte im Keller von Wolfgang Priklopil ihr Martyrium.

Der Keller ist auch in Angst, dem neuen Roman von Dirk Kurbjuweit, der Ort, an dem der Schrecken zuhause ist und gerade deshalb so bedrohlich wird, weil er ganz nah ist und jederzeit nach oben kriechen kann. Hier hat er aber eine nach außen hin recht harmlose Gestalt: Im Souterrain eines schicken Berliner Altbauhauses wohnt Herr Tiberius, ein zurückgezogener Hartz-IV-Empfänger. Darüber hat sich Randolph Tiefenthaler eine Eigentumswohnung gekauft, für sich und seine Bilderbuchfamilie.

Was für den Architekten, seine Frau Rebecca und die beiden Kinder ein Zuhause werden sollte, entpuppt sich bald als Falle. Herr Tiberius setzt einen schockierenden Vorwurf in die Welt: Er habe gehört, wie die Tiefenthalers ihre Kinder sexuell missbrauchen. Bald erstattet er Anzeige, und dann schreibt er Briefe an Frau Tiefenthaler, in denen er seine sado-masochistischen Fantasien schildert.

Die Familie ist erst erschüttert und dann wild entschlossen, die haltlosen Vorwürfe aus der Welt zu räumen. Doch weder der Vermieter noch Anwälte oder die Polizei können etwas gegen Herrn Tiberius unternehmen. Die Tiefenthalers sollen sich irgendwie mit dem Problem arrangieren. So wird ihre Wohnung, von der sie sich Geborgenheit und Schutz erhofft hatten, zu einem Ort, an dem sie permanent beklemmender Angst ausgesetzt sind.

Dirk Kurbjuweit, im Hauptberuf als Journalist für den Spiegel tätig und mit Romanen wie Nachbeben, Schussangst und Zweier ohne auch als Buchautor hochgelobt, nimmt diese Situation als Ausgangspunkt, um seine Hauptfigur gleich auf mehreren Ebenen in eine Krise zu stürzen. Randolph Tiefenthaler sieht schon bald alles erschüttert, was er für unerschütterlich hielt, und er stellt sich Fragen, die er zuvor niemals zu denken gewagt hätte.

Was für ein schlechter Ehemann bin ich eigentlich? Das ist die erste Frage, denn erst angesichts der Bedrohung durch „den Untermensch“, wie seine Frau den Mann im Keller bald nennt, wird Randolph klar, wie sehr er sich aus seiner eigenen Familie zurückgezogen und insbesondere seine Frau im Stich gelassen hat.

Auch deshalb ist Angst von Beginn an im Tonfall einer Lebensbeichte geschrieben. „In den Wochen, bevor Herr Tiberius uns heimsuchte, lebten wir in einer schwer erträglichen Apathie miteinander“, muss sich Randolph Tiefenthaler eingestehen. „Rebecca hatte aufgegeben, um mich zu kämpfen. Sie fragte nicht mehr: Was ist mit dir? Sie bekam ohnehin immer die gleiche Antwort: Es ist nichts. Es ist die fürchterlichste Antwort von allen, sie gehört verboten und sollte, einigt man sich auf einen Ehevertrag, dort ausgeschlossen werden, weil sie fast nie stimmt und den anderen hilflos lässt. Gegen nichts kann man nichts tun.“

Bleibt uns nichts anderes übrig als Selbstjustiz? Auch dieser Gedanke steht schnell im Raum. Denn der Architekt, den man durchaus einen Spießbürger nennen kann, bekommt grundsätzliche Zweifel am Rechtsstaat, als ihm keine offizielle Stelle im Kampf gegen Herrn Tiberius zur Seite stehen will. Er muss erkennen, wie fragil die Sicherheit ist, in der er sich wähnte, und wie leicht sein ganzes Leben selbst durch den haltlosen Vorwurf eines Niemands aus der Bahn geraten kann. „Mir wurde klar, dass all das, was ich als meinen Vorteil gesehen hatte, mein Nachteil war: meine Familie, mein Beruf, mein gutes Leben, mein Geld, mein guter Ruf. Ich konnte das alles verlieren, während er nichts zu verlieren hatte“, stellt er fest, als er das Kräfteverhältnis mit Tiberius abwägt. Seine Ohnmacht wird noch verstärkt durch sein bürgerliches Weltbild, das es ihm nicht einmal gestattet, dem Stalker eine lautstarke Standpauke zu halten – geschweige denn, Hand an Herrn Tiberius anzulegen.

Was bedeutet eigentlich „Familie“? Auch darauf versucht Tiefenthaler eine Antwort zu finden, und er wühlt dabei eifrig und schonungslos in seiner eigenen Biografie. Insbesondere die Beziehung zu seinem Vater kommt auf den Prüfstand, einem notorischen Waffennarren, der ihm im Laufe der Jahre immer fremder geworden ist, und der ihm schon als Kind unheimlich war wegen all der Pistolen im Haus. „Es ist uns nichts Schlimmes passiert, mein Vater hat nie auf uns geschossen, hat nie auf uns gezielt, hat nie eine Schießdrohung ausgesprochen, wir sind von Waffen genauso unbehelligt aufgewachsen wie alle anderen auch, aber sie waren da, und das hat alles verändert, weil die Möglichkeiten andere waren, vor allem die möglichen Bedrohungen, und das hat die Gedanken verändert, hat sie manchmal, aus heutiger Sicht, hysterisch werden lassen. Für mich war zu Hause ein Ort, an dem man erschossen werden konnte.“

Nicht zuletzt ist Angst auch ein Buch über Wahrnehmung und Erkenntnis und ihre Grenzen. Denn einmal infiziert mit dem Vorwurf, den Herr Tiberius in die Welt gesetzt hat, kann Randolph Tiefenthaler kaum mehr unbefangen mit seinen Kindern umgehen. Die Unterstellung des sexuellen Missbrauchs ist ebenso empörend wie ungerechtfertigt, meint er zu Beginn. Doch selbst in dieser Frage nagt schon bald die Angst am Familienvater: Kann es sein, dass die Kinder es sich einbilden und ihnen geglaubt wird? Kann es sein, dass ich es getan und verdrängt habe? Wem wird man am Ende glauben?

All das macht aus Angst einen sehr spannenden, vielschichtigen und intelligenten Roman. Dirk Kurbjuweit unterstreicht mit dem Buch erneut, warum ihn der Tagesspiegel einst als „Erzähler allerersten Ranges“ gepriesen hat: Er braucht gar keine stilistischen Finessen, sondern kann beinahe unprätentiös erzählen, weil seine Figuren und seine Geschichte so gut sind. Angst ist ein sehr lesenswerter Roman über Kultur und Barbarei, Familie und Männlichkeit. Und hat eine sehr subtile und eindrucksvolle Botschaft: Beängstigend ist in unserer Welt nicht der unheimliche Typ im Keller. Sondern die Erkenntnis, wie zerbrechlich unser Glück ist, unser Leben – und unser Wertgefüge.

Bestes Zitat: „Wir sind, gerade in langen Beziehungen, nicht mit dem Menschen zusammen, den es wirklich gibt, sondern mit dem Menschen, den wir uns im Kopf erschaffen, vor allem durch die Auswahl unserer Erinnerungen.“

Durchgelesen: Don Winslow – “Kings Of Cool”

Dezember 24, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · 2 Comments 
"Kings Of Cool" ist das Prequel zu "Savages".

“Kings Of Cool” ist das Prequel zu “Savages”.

Autor Don Winslow
Titel Kings Of Cool
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

John Travolta spielt mit in der Verfilmung von Savages, die jüngst in den deutschen Kinos angelaufen ist. Das passt wunderbar. Denn Travoltas Karriere wurde durch Pulp Fiction neu belebt, den Tarantino-Klassiker, der dafür sorgte, dass die Gangster in Kino und Literatur mindestens wieder genauso cool sind wie die Cops. Und genau diese Atmosphäre herrscht auch in den Büchern von Don Winslow. Der Autor von Savages (deutscher Titel: Zeit des Zorns) legt jetzt mit Kings Of Cool seinen neuen Roman vor, in dem die Vorgeschichte von Savages erzählt wird.

Ben ist der Sohn eines Psychotherapeuten-Ehepaares, ein Gutmensch und Weichei. Chon war schon immer ein Außenseiter, entwickelte sich zur Kampfmaschine und ist jetzt als Soldat einer US-Spezialeinheit in Afghanistan im Einsatz. O kommt aus gutem Hause, weiß nichts mit ihrem Leben anzufangen und hat schon vor Jahren das “rphelia” aus ihrem Namen gestrichen – in erster Linie, um ihre neurotische Mutter zu ärgern. Die drei sind um die 20, beste Freunde, und sie haben zusammen einen Handel für hochwertiges Marihuana hochgezogen, von dem sie sich ein schönes Leben in Laguna Beach machen.

Sie fühlen sich wie die Kings Of Cool und blicken einer sorgenfreien Zukunft entgegen. Doch noch bevor sich ihre Anfangsinvestitionen amortisieren, bekommen sie Ärger mit der Konkurrenz: Andere Drogenhändler haben keine Lust, sich einen Teil des Markts abnehmen zu lassen und geben dem Trio das deutlich zu verstehen. Schon bald müssen Ben, Chon und O nicht nur um ihren entspannten Alltag am Strand und ihr Geschäft fürchten, sondern um ihr Leben.

Aus dieser Konstellation macht Don Winslow einen enorm spannenden, intelligenten und hintergründigen Roman. Seine größte Stärke ist der Sound: Seine Sprache kann ebenso erbarmungslos wie philosophisch sein, er flucht und reflektiert und ordnet sich damit irgendwo zwischen Tarantino und Der Pate ein. Kings Of Cool ist ein Buch, das eindeutig Rock’N'Roll sein will: Die Seitenränder sind schwarz gefärbt, vor den meisten Kapiteln gibt es ein kurzes Zitat aus einem Song (und ganz vorne ein paar Zeilen von Bruce Springsteen), das erste Kapitel besteht nur aus dem Satz “Leck mich am Arsch.”

Diese Attitüde findet auch jenseits der Sprache ihre formalen Entsprechungen: Winslow spielt gerne mit der Typographie im Stile von Jonathan Safran Foer. Es gibt Absätze mitten im Satz, einzelne Kapitel, die plötzlich komplett in Versalien und einer anderen Schriftart gesetzt sind, Kapitelwechsel manchmal mitten innerhalb einer Sinneinheit. Ein paar mal springt der Autor auch aus dem Plot heraus und spricht den Leser direkt an. Bei Hinweisen wie “Wer mehr wissen will, kann das ja gerne googeln” oder “Die Vorstellung von einem allwissenden Erzähler ist doch sowieso für den Arsch, oder?” muss man an David Foster Wallace denken.

Das wirklich Beeindruckende an Kings Of Cool ist aber: Der Krimi ist hier nur das Gerüst für eine Geschichte über den Niedergang, vielleicht nicht Amerikas insgesamt, aber seiner Werte. Winslow baut in den Roman eine zweite Ebene ein, die im Jahr 1967 beginnt und von Hippie-Glückseligkeit und Surfer-Idyll erzählt und dann nach und nach vor Augen führt, wie sich daraus die Strukturen (und Drogenmärkte) entwickeln, innerhalb derer sich Ben, Chon und O knapp 40 Jahre später zurechtfinden müssen. Wie die Abwesenheit von Moral ganz oben zur Unmöglichkeit von Moral ganz unten führt (und umgekehrt), wie Idealisten zu Egoisten werden und Kommunen zu Märkten – das ist die eigentliche Geschichte von Kings Of Cool.

Erfreulicherweise beschränkt sich Winslow dabei nicht darauf, die einstigen Blumenkinder als Verräter an der guten Sache zu brandmarken, sondern zeigt, wie sowohl Hippies als auch Konservative von diesen Mechanismen des Opportunismus und der Konformität beeinflusst und weichgekocht werden. Mit Kalifornien als kulturellem Motor der USA und als Großmanufaktur der weltweiten Popkultur hat er den idealen Schauplatz dafür gewählt (wie kürzlich auch Simone Felice in Black Jesus). Einst seien die Gründungsväter nach Westen marschiert und hätten ihre Kultur und ihre Ideen dorthin getragen, schreibt Winslow in einem sehr schlauen Bild. Dann seien sie in Kalifornien am Rand des Kontinents angekommen, seitdem entstehe hier alles und schwappe dann den umgekehrten Weg zurück, über das ganze Land hinweg.

Durch die zwei Zeitebenen kann Winslow fast alle amerikanischen Traumata in dieses Buch packen. Vietnam und Afghanistan, Immobilienkrise und 11. September – alles ist präsent und alles ist verbunden, ohne dass sich der Autor in Verschwörungstheorien vertiefen oder allzu sehr mit Details beschäftigen müsste. Typisch für seinen Ansatz ist eher eine großartige Stelle, an der die Zusammenhänge, die Enttäuschung und Desillusionierung in einem fast atemlosen, zynischen, ohnmächtigen Geständnis zusammengefasst werden. “Das ist passiert. Watergate, Irangate, Contragate, Skandale und Korruption ringsum, und du glaubst, du wirst niemals korrupt werden, aber die Zeit korrumpiert dich, korrumpiert dich so sicher wie Schwerkraft und Erosion, reibt dich auf, macht dich mürbe”, sagt Bens Vater da, als er zur Rede gestellt wird. “Ich glaube, mein Sohn, das ist mit dem Land passiert, es war müde, zermürbt von den Morden, den Kriegen, den Skandalen, zermürbt von Ronald Reagan, von Bush dem Ersten, der Kokain verkaufte, um Terroristen zu finanzieren, vom Krieg für billiges Benzin, von Bill Clinton, von Realpolitik und Kleidern mit Spermaflecken, während wahnsinnige Fanatiker Pläne schmieden, von Bush dem Zweiten und denen, die ihn lenkten, ein ehemaliger Verbindungsstudent und böse alte Männer, und dann machst du eines Morgens den Fernseher an, und die Türme stürzen ein und der Krieg ist zuhause angekommen, dass alles ist passiert. Afghanistan und Irak und der Wahnsinn das Töten das Bomben die Raketen der Tod, du bist wieder in Vietnam, und ich könnte alles darauf schieben, aber am Ende tragen wir selbst die Verantwortung. Was ist passiert? Wir wurden müde, wir wurden alt, wir hörten auf zu träumen, wir lernten uns zu verachten, unseren jugendlichen Idealismus abzulehnen, wir haben uns billig verkauft, wir sind nicht die, die wir sein wollten.”

Womöglich steckt in Kings Of Cool die Botschaft, dass alle Drogen legalisiert werden sollten. Ganz sicher ist das Buch ein Plädoyer gegen Gewalt, deren Sinnlosigkeit hier zwischen den Zeilen immer wieder deutlich gemacht wird. Und definitiv zeigt es die Verbitterung des Autors über die Welt, in der wir leben (und manchmal übrigens auch über seine eigene Branche, wenn er ausgerechnet einen Buchladen in Flammen aufgehen lässt oder sich den Hinweis nicht verkneifen kann, dass die meisten Menschen heutzutage Bibliotheken nur noch nutzen, um sich dort vor einen Computer zu setzen), und seinen Unwillen, sich mit diesen Umständen abzufinden. Vor allem aber hält Winslow in Kings Of Cool den Angehörigen seiner Generation den Spiegel vor: Sie hätten vielleicht eine bessere Welt schaffen können, aber sie waren letztlich zu bequem, feige und egoistisch dafür. Und haben es für alle folgenden Generationen damit unendlich schwerer gemacht.

Bestes Zitat: “Milliarden für Gefängnisse und noch mehr Milliarden für den Versuch zu verhindern, dass Drogen über die Grenze kommen, während an den Schulen selbstgebackene Kuchen verkauft werden, damit Geld für Bücher, Papier und Bleistifte reinkommt. Die Idee dahinter ist wohl, unsere Kinder vor Drogen zu schützen, indem wir sie genauso dumm machen wie die Politiker, die mit diesem Irrsinn weitermachen.”

Eine gekürzte Version dieser Rezension gibt es auch bei news.de.

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