The BossHoss, Arena, Leipzig


The BossHoss Arena Leipzig Konzertkritik

Tatsächlich spielen The BossHoss einige Songs in Leipzig im Sitzen.

„Buuuuuuh!“, schreit der Mann hinter mir, als The BossHoss in Leipzig auf die Bühne kommen. Ich weiß nicht viel über diesen Mann. Er sieht aus, als ob er Jörg, Bernd oder Dirk heißt (auf jeden Fall etwas einsilbiges). Er dürfte irgendwo in den späten Vierzigern sein. Und er geht offensichtlich nicht sehr oft auf Konzerte. Denn der Grund für seinen Unmut, bevor die Show in der Arena überhaupt begonnen hat, ist die Tatsache, dass die Band ihn „zwei Stunden lang hat warten lassen“. Er ist also pünktlich um 19.30 Uhr gekommen, wie es auf der Eintrittskarte stand, und hatte tatsächlich erwartet, The BossHoss würden noch vor der Tagesschau beginnen.

Das ist natürlich ein Anfängerfehler, aber durchaus typisch für diesen Abend. Das Publikum in der ausverkauften Arena ist keine erfahrene Rock’N’Roll-Menge, sondern ein bunter Mix von Leuten, für die ein Live-Konzert etwas Außergewöhnliches ist. Die Altersspanne umfasst drei Generationen, die Frisurenbandbreite reicht vom Undercut und Hipster-Bun bis zu Vokuhila und Dauerwelle. Man hat sich herausgeputzt für diese Show, besonders gerne trägt man in der Arena einen Cowboyhut: Es sind so viele davon zu sehen, dass man sich wundert, vor der Halle nicht eine paar angeleinte Pferde (oder wenigstens Motorräder) zu entdecken, fertig gesattelt für den wilden und nicht ganz kurzen Ritt nach Hause. Als die Band fragt, wer im Publikum nicht aus Leipzig ist, fällt der Jubel jedenfalls deutlich lauter aus als bei der Frage nach den anwesenden Leuten, die nicht aus dem Umland angereist sind, sondern direkt aus der Stadt kommen.

Man braucht wohl genau diese Menschen, um als deutsche Band 10.000 Fans zu einem Konzert zu locken. Die entsprechenden Begleiterscheinungen sind auch in Leipzig zu sehen: Es gibt ein Toyota-Gewinnspiel, MDR Jump verteilt irgendetwas, den großen Andrang nutzen The BossHoss auch, um selbst den Menschen auf der Gästeliste noch eine Spende für das Krankenhaus im Senegal zu entlocken, für das sie eine Patenschaft übernommen haben. Die Show wird offensichtlich für eine Live-DVD mitgeschnitten, die Zahl der Musiker auf der Bühne kann schon einmal zweistellig werden – dies ist also ganz großes Business.

Viele im Publikum staunen und genießen einfach. Heute gönnen wir uns was und flippen vielleicht sogar bisschen aus – das ist die Mentalität in der Arena. Man kann aber trotzdem nicht anders, als sich wundern. Vor zehn Jahren spielten The BossHoss in Leipzig noch in der Moritzbastei, vor einem Dreißigstel dieses Publikums. Man hielt sie für eine lustige Kapelle, die Hits von Outkast und Britney Spears in ein Rockabilly-Country-Gewand packte, mit einem Pseudo-Südstaaten-Akzent ansagte und seltsame Instrumente wie ein Waschbrett auf die Bühne brachte. Kein Schwein hätte gedacht, dass diese Idee so lange trägt und die Urban Cowboys zehn Jahre später auf eine Bühne führen würde, auf der in diesem Jahr noch Weltstars wie Rod Stewart oder The Cure spielen werden.

Wie sie das gemacht haben? Bekanntlich unter anderem, in dem sie alle Kanäle genutzt haben, um ihre Musik unter die Leute zu bekommen. Ein Lied für Langnese-Eis, Fernsehauftritte als Juroren in einer Castingshow, Sponsoring von Red Bull und Jeans-Herstellern – die Liste ließe sich beliebig verlängern. Natürlich kann man das als schamloses Anbiedern betrachten, als ultimative Kommerzialisierung. Es gibt auch Momente während des Konzerts in Leipzig, die diesen Eindruck bestätigen. Nach zehn Jahren Live-Erfahrung haben The BossHoss einiges an Routine. Sie haben sich ein paar der alten Traditionen erhalten: Das Waschbrett ist noch da, selbst auf so einer riesigen Bühne wagen sie es tatsächlich, ein paar Songs im Sitzen auf Barhockern zu spielen, Hoss Power sagt noch immer gefühlt jedes Lied mit dem Satz „It goes a little something like this…“ an. Aber sie haben eine Größe erreicht, bei der sie sich offensichtlich selbst ein wenig anstrengen müssen, um die Musik, das Konzertereignis und ihr Publikum noch ernst zu nehmen oder sogar cool zu finden. Aber, auch das wird in Leipzig deutlich: Sie müssen sich nicht anstrengen, um sich noch immer von diesem Sound mitreißen zu lassen, die Show zu genießen und dankbar zu sein.

Konzert Kritik BossHoss Arena Leipzig

Großes Business: Die Show in der Arena Leipzig wird gefilmt.

Und was macht eigentlich JörgBerndDirk? Er ist schnell besänftigt. Schon beim vierten Lied macht der das „Woo-Hoo“-Spiel mit, das die Band dem Publikum beibringt. Bei Polk Salad Annie geht er ein paar Reihen weiter nach vorne und fängt an zu tanzen. Nach einer Stunde, als Jolene erklingt (offensichtlich sind viele Fans, bedingt durch die Heavy Rotation im MDR-Radio, extra für diesen Song gekommen, vielleicht gar nicht ahnend, dass er eigentlich von Dolly Parton ist), ist er ganz vorne im Trubel verschwunden, und er taucht dort auch nicht wieder auf, als noch etwas später alle Zuschauer in die Hocke gehen sollen, um dann gemeinsam aufzuspringen – was bedeutet, dass er wohl mitmacht und längst seinen Abend genießt. Vielleicht steht er ganz am Ende, als Word Up als vierte und letzte Zugabe erklingt, sogar auf der Bühne, denn The BossHoss laden während dieses Songs zur Stage Invasion. Aber es sind einfach zu viele Leute, um ihn in all dem Trubel noch erkennen zu können.

Was lernen wir daraus? Lustigerweise sind The BossHoss, die immer so gerne Cowboys sein wollten, mittlerweile tatsächlich die amerikanischste Band Deutschlands. Etliches aus dieser Show, vom Mariachi-Trompeter mit beleuchtetem Hut bis zu den Geldscheinen, die während Don’t Give Me That aus einer (zu früh losgehenden) Konfettikanone regnen, könnte man sich problemlos auf einer Bühne in Las Vegas vorstellen. Das gilt auch für die Professionalität von The BossHoss und die Tatsache, dass sie ihren Frieden damit gemacht haben, nicht mehr für Eingeweihte oder gar Outlaws zu spielen, sondern für ein Spießer-Publikum.

Es geht hier nicht um Credibility, sondern um nichts anderes als Entertainment. Da gibt es 60-Jährige, die garantiert keinen Rap mögen, aber lauthals bei Hey Ya! mitsingen. Da gibt es Ehepaare, die bei Dos Bros dann sogar von ihren Sitzplätzen auf der Tribüne aufstehen und ein wenig die Hüften schwingen. Da gibt es ganz viele Zuschauer, die große Augen bekommen und schnell noch einmal das Smartphone herausholen, wenn Boss Burns sich als Crowdsurfer betätigt, weil sie so etwas offensichtlich noch nie gesehen haben.

The BossHoss mögen längst eine uncoole Band sein. Aber sie sind für diese Menschen einfach das, was Rockstars sein sollten: Idole, Spinner, Draufgänger. Sie sind wilder, als es sich jemand jemals wagen würde, der noch den Kredit fürs Reihenhaus mit Vorgarten abzahlt und die Konzertkarte vielleicht als Geschenk zur Silbernen Hochzeit bekommen hat. Sie leben das aus, was sich Otto Normalo nicht traut, sie sind dabei aber bodenständig genug, dass der Otto Normalo in ihnen selbst noch erkennbar bleibt. Und da ist gar nichts dagegen zu sagen.

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