The Kills – „Little Bastards“


Künstler The Kills

The Kills Little Bastards Review Kritik

The Kills sammeln auf „Little Bastards“ Fundstücke der Jahre 2002-2009.

Album Little Bastards
Label Domino
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

Alison Mosshart und Jamie Hince hätten gute Gründe, anno 2020 ein wenig zurückzublicken. Sie feiern ihr 20-jähriges Bestehen als The Kills. Zudem liegt die Musikwelt wegen Covid-19 weitgehend lahm, man könnte die Gelegenheit also nutzen, ein wenig in den eigenen Archiven zu stöbern und vielleicht sogar mit einer Sammlung aus B-Seiten, Bonustracks, Demos, Aufnahmen für Radiosender und Coverversionen (denn genau dies ist Little Bastards) ein Lebenszeichen aus dem Lockdown zu senden. Doch das englisch-amerikanische Duo hat mit Innehalten normalerweise nichts am Hut (Sängerin Alison Mosshart spielt zusätzlich auch bei The Dead Weather und als Solokünstlerin; Jamie Hince hat unlängst unter anderem mit Azealia Banks gearbeitet). Ihr Blick ist üblicherweise nach vorne gerichtet, nicht zurück.

Die Idee zu einer Compilation mit Nicht-Album-Material stammt auch nicht von ihnen, sondern von Laurence Bell, dem Chef von Domino Records. Er musste durchaus ein wenig Überzeugungsarbeit leisten. „The Kills sollten immer eine Band sein, die sich weiterentwickelt. Was uns den größten Kick gibt, sind normalerweise die neuen Songs, die wir gerade erst geschrieben haben. Eine Retrospektive zu machen, war deshalb ein beängstigender Gedanke. Als wir uns all diese Stücke aber angehört haben, wurde klar: Das sind alles kleine Meilensteine, die uns dorthin gebracht haben, wo wir heute sind“, sagt Jamie Hince. Die Songs für Little Bastards zusammenzustellen, habe sich angefühlt wie eine Reise. „Es geht nicht um einen Rückblick in dem Sinne, dass man sich nostalgisch nach der guten alten Zeit sehnt. Es fühlt sich mehr an, als würde man ein Tagebuch finden, das man als Teenager geschrieben hat. Es stammt von dir, aber du kannst dich manchmal kaum noch darin wiedererkennen!“

In der Tat kann man Little Bastards nicht nur als Überblick von Raritäten interpretieren, sondern auch als eine Zusammenfassung der Bandgeschichte. Die Songs stammen aus dem Jahren 2002-2009, die ältesten stammen also noch aus der Phase vor Veröffentlichung des Debütalbums Keep On Your Mean Side (2003), die jüngsten gehören in die Zeit rund um die Veröffentlichung des dritten Albums Midnight Boom (2008). Dass danach weniger von diesem Bonusmaterial entstand, hängt mit dem Wandel der Formate zusammen: Auf einer CD-Single gab es üblicherweise 3-4 Tracks, neben der eigentlichen Single also noch 2-3 zusätzliche Stücke – die meisten der hier enthaltenen Songs wurden in dieser Form veröffentlicht. Als CDs aus der Mode kamen, fiel auch dieses Material weg, deshalb gibt es kaum Outtakes aus neuerer Zeit.

Dass dabei innerhalb von nur sieben Jahren genug Material anfiel, um nun ein Doppel-Album mit 20 Songs zu füllen, spricht für die Produktivität des Duos, zugleich zeigt die Compilation auch, wie vielseitig diese Band ist. Sie können gewagt und schroff sein wie in Passion Is Accurate, einen eher unheilvollen als traurigen Blues hinlegen wie in der Howlin’-Wolf-Coverversion Forty Four oder eine reduzierte, intime Atmosphäre erschaffen, die an Nirvanas Unplugged-Konzert erinnert, wie in Baby’s Eyes. Selbst diese Überbleibsel haben immer unverkennbar The-Kills-Charakter, wie Weed Killer zeigt, und stets ein Niveau, das weit über Resteverwertung rangiert, wie Blue Moon beweist, das man sich wie Black Rebel Motorcycle Club mit etwas mehr Biss vorstellen kann.

„Es kommt mir wie ein wirklich guter historischer Überblick von The Kills vor“, sagt Alison Mosshart über die Zusammenstellung. „Das alles sind Lieder, die normalerweise verloren gehen würden, weil sie es nie auf irgendwelche Internet-Playlists schaffen werden. Ich käme auch nie auf die Idee, all unsere Singles auf einmal herauszukramen. Es fühlt sich schön an, diese Songs jetzt an einem Ort versammelt zu haben. Es ist eine wunderschöne Platte geworden.“ Sie hat parallel zum akustischen Archiv auch die Foto-Sammlung der Band durchwühlt und so das Albumcover gestaltet, das Bilder aus Fotoboxen zeigt, die auf der ganzen Welt entstanden sind. „Wenn wir auf Tour waren, haben wir immer nach Fotoboxen gesucht. Ich habe all diese Bilder aufgehoben und es hat großen Spaß gemacht, sie zusammenzustellen.“

Der Titel der Sammlung deutet zum einen den Outtake-Charakter an und verweist zum anderen auf die Anfangsjahre des Duos: Little Bastard hatten sie den Drumcomputer genannt, der die Band bei ihren ersten Auftritten und Aufnahmen vervollständigte. „Es war ein Roland 880. Also kein Drumcomputer im eigentlichen Sinn, sondern ein Sequenzer und 8-Spur-Aufnahmegerät, in das auch ein Drumcomputer eingebaut ist“, erzählt Jamie Hince. „Das Gerät hat uns in der ersten Hälfte unserer Karriere immer begleitet. Wir hatten höllische Angst, dass es irgendwann kaputt geht, dann wären wir echt am Arsch gewesen“, ergänzt Alison Mosshart.

Ein Dokument aus dieser Zeit ist Jewel Thief, das aus 2002 stammt, als The Kills noch nicht einmal diesen Bandnamen hatten. „Wir nannten uns damals ‘Sonic States of America’, und das ist unser ältester Song“, sagt Mosshart über das Stück, das auf den acht Spuren des besagten Geräts aufgenommen wurde. „Damals haben die Einschränkungen im Equipment sehr stark beeinflusst, wie wir klingen. Wir waren mit dieser Lo-Fi-Attitüde sozialisiert und wollten gegen alles sein, was uns zu dieser Zeit umgab“, ordnet Hince ein. Zu Beginn der Nuller-Jahre wurden nach seinem Eindruck „nur Bands unter Vertrag genommen, die Singer-Songwriter-Hits fürs Stadion machten. Es war verdammt langweilig, immer dasselbe. Als dann irgendwann auch The White Stripes und die Strokes im Radio gespielt wurden, wertete das auch unseren Ansatz auf. Als wir allerdings mit dieser Welle in einem Atemzug genannt wurden, fanden wir das ebenfalls wieder scheiße. Wir wollten allen klar machen: Wir gehören nicht dazu! Wir machen unser eigenes Ding!“

Dieser ultimative Wille zur Eigenständigkeit ist etwa in The Void zu hören: Mosshart und Hince klingen hier wie ein zweiköpfiges Killerkommando, das nicht so sehr für seine Brutalität gefürchtet wird, sondern für seine Unberechenbarkeit und Präzision. Auch Love Is A Deserter (XFM Session) kann man als typisch für ihren Sound betrachten: So maschinell und stoisch der Rhythmus daher kommt, so nervös (und damit menschlich) ist der Rest. In Raise Me bleibt der Beat im Hintergrund, steckt aber voller Finesse – Blues und HipHop rücken in diesem Song so nah zusammen, als lägen nicht Jahrzehnte zwischen ihnen, sondern bloß ein paar Augenblicke. The Search For Cherry Red ist noch ein Beleg dafür, dass ihre Musik zwar hedonistisch sein kann, aber letztlich oft aus dem Schmerz geboren ist. London Hates You überrascht zuerst mit einem Zitat des Schlagzeugs aus Be My Baby und lebt dann vor allem von der Attitüde voller Coolness und Unantastbarkeit.

Wie unverwechselbar der Sound dieses Duos ist, zeigen auch die Coverversionen auf Little Bastards. Aus I Call It Art (Serge Gainsbourg) machen sie eine Ballade mit Ecken und Kanten, Sugar Baby (Dock Boggs) wird noch roher. I Put A Spell On You (Screamin’ Jay Hawkins) lebt von seiner Unmittelbarkeit, entscheidend ist hier natürlich nicht Notentreue, sondern die richtige Atmosphäre, die auch eine Prise Wahnsinn einschließt. „Ich habe Alison sehr viel Musik vorgespielt. Leute, von denen sie noch nicht gehört oder die ich selbst gerade erst entdeckt hatte“, erzählt Hince. „Es war ziemlich unglaublich, ihre Reaktion zu beobachten, als sie so etwas wie I Put A Spell On You zum ersten Mal gehört und dann gesungen hat. Wir sind gleich tags darauf ins Studio und haben das aufgenommen. So schnell haben wir damals gearbeitet: Kaum hatten wir den Song gelernt, schon haben wir auf „Aufnahme“ gedrückt. So entstand diese verrückte, aufgeregte Interpretation eines Songs, den viele andere schon satt haben.“

In anderen Momenten kann man durchaus Verwandtschaften erkennen. Der Drive in Night Train könnte auch von The Duke Spirit stammen, der Mix aus dominanter Gitarre und leidenschaftlichem Gesang in Kiss The Wrong Side erinnert an Blood Red Shoes. Run Home Slow steckt so voller Energie, dass man an die Breeders oder Sleater-Kinney auf Kriegspfad denken kann, Superpowerless ist sexy, dreckig und ein wenig glamourös, als wäre Kim Wilde als neue Sängerin bei Elastica eingestiegen.

Dass es niemanden am Schlagzeug gab, erwies sich letztlich als Glücksfall für The Kills. „Ursprünglich wollten wir einen Drummer, aber es hat sich einfach nicht ergeben. Dann haben wir uns kreativ so schnell weiterentwickelt, dass es wie ein Hindernis gewesen wäre, all unsere Ideen einer dritten Person erklären zu müssen, die vielleicht nicht so durchgeknallt ist wie Alison und ich und nicht so ein intuitives Verständnis dafür hat“, sagt Hince. „Als wir uns dafür entschieden haben, es beim Drumcomputer zu belassen, war das wie eine Offenbarung: Wir können alles machen, was wir wollen! Wir können etwas mit großem, krachenden Led-Zeppelin-Schlagzeug machen oder so etwas wie die Chemical Brothers. Das fühlte sich toll an!“

Dieses Gefühl von Freiheit war bei den auf Little Bastards versammelten Stücken sogar noch ein wenig größer, berichtet er: „Wenn ein Song nicht für ein Album oder als Single gedacht ist, sorgt er für eine andere Herangehensweise. Man ist offener und nimmt die Ergebnisse viel schneller auf. Ein paar dieser Songs habe ich damals nur ungern in diesem Stadium belassen. Ich war ein bisschen frustiert und hätte sie gerne noch weiter ausgearbeitet. Wenn ich sie jetzt, Jahre später, wieder anhöre, erkenne ich erst, dass ihnen gar nichts fehlt. Genau darum ging es bei diesen Songs: Sie sind nicht überfrachtet. Viele davon klingen heute viel besser für mich als damals.“

Ein Beispiel dafür ist Half Of Us. Hince war damals unzufrieden mit seinem Gesang und den Drum-Sounds. „Alles klang für meinen Geschmack viel zu mickrig. Aber jetzt gefällt mir das, es macht diesen Song aus“ sagt er über den Track, der in der Tat nicht nur originell ist, sondern spannend, gefährlich und atemlos. Ein weiterer Höhepunkt ist das sehr reduzierte Magazine, auch in der Bewertung von Jamie Hince: „Diese Wildheit und Schrankenlosigkeit einzufangen – das ist eine stolze Leistung von einer Band, die ziemlich limitiert ist, weil sie aus nur zwei Leuten besteht, die nicht sonderlich virtuos sind in dem, was sie tun. Es war ein tolles Gefühl, dass damals so viele Kids auf uns zugekommen sind und sagten, sie hätten so etwas Rohes noch nie gehört.“

Wer nun befürchtet, The Kills würden zu sehr in den eigenen Erinnerungen schwelgen, kann beruhigt sein: Die Corona-Pause nutzt das Duo für Arbeit an neuem Material. Alison Mosshart betont: „Ich kann es nicht abwarten, wieder gemeinsam ins Schwitzen zu kommen. Ihr könnt sicher sein, dass wir mit voller Kraft loslegen werden, sobald die Welt das wieder erlaubt.“

Ziemlich gespenstisch wirkt das Video zu Raise Me.

Website von The Kills.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.