Trümmer – „Früher war gestern“


Künstler*in Trümmer

Trümmer Früher war gestern Review Kritik

Trümmer haben „Früher war gestern“ größtenteils live aufgenommen.

Album Früher war gestern
Label Pias
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Braucht die Welt noch mehr Trümmer? Wartet wirklich jemand auf diese Band, fünf Jahre nach dem letzten Album Interzone? Kann man dem Konzept von vier weißen Männern mit GitarreSchlagzeugBass, das schon damals antiquiert war, irgendetwas Brauchbares hinzufügen? Die Antwort lautet: ja. Nicht nur, weil das heute erscheinende Früher war gestern ein sehr überzeugendes Album geworden ist, sondern auch, weil Paul Pötsch (Gitarre, Gesang), Tammo Kasper (Bass), Maximilian Fenski (Schlagzeug) und Helge Hasselberg (Gitarre) sich die Frage nach ihrer eigenen Existenzberechtigung und der Möglichkeit, sogar in so einer traditionellen Besetzung vielleicht etwas zu mehr Diversität und Kreativität beitragen zu können, auch selbst gestellt haben. Man müsse „selbst als Männerband da mitmischen bei dem ganzen Verein, wenn man irgendwas ändern und Sachen anders machen will“, sagt Sänger Paul Pötsch, und Tammo Kasper, sein Kollege am Bass, betont die Aversion gegenüber „Macker-Rock“: „Wir wollten immer möglichst weit weg von einer Rockband entfernt sein, wo der Gitarrist den Fuß auf der Monitorbox hat und headbangt. Das ist einfach so alt und interessiert wirklich niemanden mehr.“

Diese Fähigkeit, sich selbst in Zweifel zu ziehen und die Entschlossenheit, einen tatsächlich relevanten, womöglich zwingenden Beitrag zu liefern, prägt das dritte Album der Band, für das Trümmer beispielsweise Fontaines D.C., The Strokes oder die Yeah Yeah Yeahs als Bezugspunkte benennen. In einem Song wie Scherben kann man neben der Zeile „Der Ort ist jetzt und die Zeit ist hier“ eine trockene Souveränität hören, die typisch für dieses Album ist, es gibt eine erwachsene Gelassenheit und auch im Umgang mit Enttäuschungen keinerlei Selbstmitleid. Das wuchtige Kintsugi besingt die Lust auf Herausforderungen, Zwischen Hamburg und Berlin beweist, dass Trümmer weiterhin richtig Lust auf dieses Gitarrending („Es sollte wieder mehr nach unseren Konzerten klingen und ein bisschen dreckiger sein als das letzte Album“, sagt Tammo Kasper) und längst erkannt haben, dass Sensibilität dabei kein Nachteil ist ( „Ich hab‘ beschlossen, dass ich schwach sein darf“, lautet ein Vers). Auch Der Regen unterstreicht, wie gut bei ihnen Rock ohne Kraftmeiern funktioniert.

Das wohl wichtigste Leitmotiv der Platte ist der Wille, die Vergangenheit nicht zu ignorieren, aber vor allem die Möglichkeiten der Gegenwart zu ergreifen, der bereits aus dem Albumtitel spricht und auch in der Single Wann wenn nicht zum Auftakt überdeutlich wird. „Ich schau mich um und sehe eine Welt / in der nichts stimmt und mir nichts gefällt / und ich denk: Es ist alles zu spät / die Fakten liegen auf dem Tisch / es ist fünf vor zwölf und es tut sich nix“, lautet darin zunächst die Diagnose, doch darauf folgt mit viel Punch und Frische die sehr konstruktive Erkenntnis: „Die alte Welt ist abgebrannt / die neue liegt in unserer Hand“. Für Paul Pötsch fasst der Song „das ganze Album zusammen. Wenn ich Nachrichten lese und mich mit dem Zustand der Welt beschäftige, was man zuletzt ja noch intensiver getan hat, denk ich oft: ‚Mein Gott! Es wird immer alles schlimmer!‘ Und dann frage ich mich: ‚Wieso eigentlich?‘ Wir sind doch diejenigen, die das in der Hand haben. Es ist ja kein Naturgesetz, dass alles irgendwie den Abgrund runtergeht. Wir sind ja diejenigen, die darüber entscheiden, wie das Leben ist.“

Ein entsprechend programmatisches „Verwende deine Jugend!“ kann man dann im folgenden Aus Prinzip gegen das Prinzip hören. Natürlich ist das nicht im Sinne von Ratgeber-Literatur oder Optimierungswahn gemeint, stellt Paul Pötsch klar, dafür klingt der Song auch viel zu lässig: „Es gibt so viele starke Sätze, die eigentlich mal empowernd gemeint waren, inzwischen aber so beschissen neoliberal klingen, weil sie von denen instrumentalisiert wurden.“ Dazu zählt wohl auch, dass „das Morgen ungeschrieben ist“, wie man es später im an Selig erinnernden Dort hören kann.

Im rabaukigen Draußen vor der Tür wird es dann sogar explizit politisch, der im Titel auf Wolfgang Borchert anspielende Song warnt zum einen vor Neonazis, die ihren alten ideologischen Müll wieder unter die Leute zu bringen versuchen, und zum anderen vor der sehr deutschen Eigenart, lieber mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen, als die Probleme vor der eigenen Haustür anzugehen. Das Finale von Früher war gestern wird hingegen eher beschaulich: Schon Tauben an der Ihme, das die Romantik ausgerechnet in Hannover entdeckt, könnte man als Ballade gelten lassen, der leicht psychedelische Schlusspunkt Wie spazieren gehen passt vollends in diese Kategorie.

Dass Pötsch nach eigenen Angaben diesmal viel mehr Arbeit in die Texte investiert hat und die Band insgesamt auch die handwerklichen Aspekte des Songwritings stärker in den Blick nahm, merkt man der Platte an, denn Trümmer bieten hier nicht nur relevante Themen aus originellen Perspektiven, sondern stets auch einen perfekt dazu passenden Sound. Das von einer Trennung handelnde Weißt du noch ist so ein Beispiel. Die Perspektive ist nicht „Du hast mich betrogen und ich hasse dich“ oder „Mein Herz ist gebrochen und ich werde mich nie mehr verlieben können“, wie man das schon tausendfach gehört hat. Stattdessen wird die Frage „Warum können wir uns nicht lieben, wie wir es verdienen?“, die man im Titelsong des Vorgänger-Albums hören konnte, hier für das Ende einer Beziehung – einschließlich der eigenen Verantwortung dafür – weitergedacht. Paul Pötsch ging es darum, „den Moment einzufangen, in dem man sich und dem oder der anderen verzeiht und beschließt, dass es einem wieder gut gehen darf. Dass die Dinge vermutlich so laufen mussten, wie sie gelaufen sind.“

So erstaunlich und willkommen wie solche Ideen ist die Tatsache, dass Trümmer hier nicht wie vier Individuen klingen, sondern wie eine Band. Die Sorge, dass es keine weitere Platte des Quartetts mehr geben könnte, war ja schließlich nicht nur durch die lange Pause begründet, sondern auch durch die vielfältigen Aktivitäten aller vier Musiker in dieser Phase. Paul Pötsch hat mit Ilgen-Nur zusammengearbeitet, Helge Hasselberg war mit seiner Band Heartbeast aktiv und hat sich, etwa mit den von ihm betreuten ersten beiden Alben von Leoniden, einen Namen als Produzent gemacht (er hat nun auch das komplett live aufgenommene Früher war gestern  produziert). Tammo Kasper hat als Co-Chef des Euphorie-Labels seinen Anteil am Erfolg von Acts wie Leoniden, The Screenshots oder Odd Couple, Maximilian Fenski hat als hauptberuflicher Arzt in einem Berliner Krankenhaus sicher auch nicht zu wenig zu tun. Offensichtlich haben es Trümmer geschafft, die dabei gesammelten Erfahrungen zur Stärkung der eigenen Band zu nutzen – und auch so die Frage nach der eigenen Existenzberechtigung noch einmal überzeugend beantwortet.

Alles eine Frage der Perspektive, scheint das Video zu Weißt du noch verdeutlichen zu wollen.

Trümmer bei Instagram.

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