We Are Scientists – „Huffy“


Künstler*in We Are Scientists

We Are Scientists Huffy Review Kritik

Sieht amateurhaft aus? Nicht täuschen lassen!

Album Huffy
Label Grönland
Erscheinungsjahr 2022
Bewertung

„Nothing’s done here intentionally“, heißt die erste Zeile auf diesem Album. Sie läutet den Auftaktsong ein, und sie verweist ebenso wie dessen Titel You’ve Lost Your Shit auf eine Strategie, die Sänger/Gitarrist Keith Murray und Bassist Chris Chain seit Gründung ihrer Band im Jahr 2000 verfolgt haben: Sie setzen Humor ein, um Dilettantismus vorzugaukeln. Es woll wirken, als seien We Are Scientists unmotivierte Amateure, und natürlich wissen sie sehr genau: Dieser Ansatz verschafft ihnen sowohl ein Schutzschild gegen alle, die ihre Band kritisieren, als auch ein ziemlich fettes Alleinstellungsmerkmal.

Tatsächlich erzeugen die beiden New Yorker, die am Schlagzeug mittlerweile von Keith Carne begleitet werden, in diesem Song und in ihrem Sound insgesamt ein Gefühl von Chaos und Unberechenbarkeit. Huffy, ihr siebtes Studioalbum und Nachfolger des 2018 veröffentlichten Megaplex, zeigt aber auch, wie ausgeklügelt und clever diese Musik in Wirklichkeit ist. Schließlich sind diese Jungs, sie betonen es ja selbst, Wissenschaftler.

Sie feiern sich in I Cut My Own Hair als Unruhestifter und beweisen sogleich, wie gut sie in diesem Metier sind, sie vereinen in Behavior Unbecoming Unmittelbarkeit und Finesse sowie einen sehr universellen Appeal und sehr individuellen Charakter, sie können wuchtig sein wie in Fault Lines oder ein Lied wie Pandemonium zu einem Abenteuer und großen Spaß machen.

Ein Höhepunkt ist die Single Contact High, die laut Keith Murray “eine Flut an aufgestauter Lebensfreude und Romantik“ auslösen soll. „Liebeslieder können schnell albern und peinlich wirken, und deshalb fällt es mir manchmal schwer, Songs zu schreiben, die eindeutig romantisch sind“, erklärt er. Deshalb hat er „diesen berauschenden Rausch der Vollgasverliebtheit“, wie er das nennt, hier mit Metaphern der Effekte anderer Rauschmittel gleichgesetzt, sodass der Song nun letztlich sein „Dreiergespann an stimmungsverändernden Reizen heraufbeschwört: schwindelerregende romantische Interaktion, mitreißende Musik und Kontakt mit psychoaktiven Chemikalien aus zweiter Hand“. So unaufhaltsam sich der hormonelle Prozess des Verliebtseins entfaltet, so unwiderstehlich klingt hier der Refrain.

Bought Myself A Grave zeigt das meisterhaft beherrschte Charade-Prinzip von We Are Scientists ebenfalls sehr deutlich: Das Lied spielt mit Folk- und Country-Ästhetik und gerade als man noch rätselt, ob das eine Parodie sein soll, verwandelt es sich in hochmodernen AutoTune-Pop, dann in einen Clubtrack mit Four-to-the-floor-Bassdrum und bekommt schließlich noch ein Hardrock-Gitarrensolo spendiert. Just Education punktet neben einer Kuhglocke (immer eine gute Idee!) vor allem mit dem besten Refrain des Albums, Sentimental Education landet in dieser Kategorie knapp auf Platz 2, auch wenn hier die Strophe vergleichsweise gewöhnlich gerät.

Handshake Agreement, das sich sogar ein Bass-Solo gönnt, hört man die Zugehörigkeit von We Are Scientists zur „Class Of 2005“ an, das Stück hätte auch zu Franz Ferdinand oder den Killers gepasst. In den besten Momenten von Huffy, und die sind erfreulich zahlreich, kann man meinen: Diese Methode (und diese Musik) hat seitdem kein bisschen an Reiz verloren.

Das Video zu Contact High feiert die Vielfalt der Mobilität. Und einen Koffer.

Website von We Are Scientists.

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