Weezer – „Pacific Daydream“


Künstler Weezer

Weezer Pacific Daydream Kritik Rezension

So viel Album wie mit „Pacific Daydream“ gab es bei Weezer nie.

Album Pacific Daydream
Label Warner
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Vor knapp zwei Wochen hatte ich (endlich) die Gelegenheit, Weezer live zu erleben. Als Fan der ersten Stunde (das heißt: seit dem blauen Album aus dem Jahr 1994) war mir das zuvor nie vergönnt gewesen. Das Konzert in der Berliner Columbiahalle brachte dann eine interessante Erkenntnis mit sich: Es gibt ganz offensichtlich unterschiedliche Kohorten von Fans, die mit verschiedenen Alben ihre Weezer-Initiation erlebt haben. Jede von ihnen liebt „ihre“ Lieder so sehr wie ich meinetwegen Say It Ain’t So oder Undone (The Sweater Song). Bedeutet das womöglich, die neueren Songs sind, auch wenn viele langjährige Weezer-Fans das bezweifeln würden, genauso gut wie die alten?

Das übermorgen erscheinende Pacific Daydream, elftes Studioalbum in der Karriere von Weezer, ist eine gute Möglichkeit, um das zu überprüfen. Und die Antwort heißt: nein. Nicht einmal annähernd.

Die Platte hat natürlich Stärken, die diese Band schon immer ausgezeichnet haben: Frontmann und Songwriter Rivers Cuomo schafft es in seinen besten Momenten auch hier, das Plakative von Hardrock, den Dreck aus der Garage und den Zauber von Pop zu vereinen. Der Albumauftakt Mexican Fender ist so ein Moment: Er hat eines dieser Riffs ganz am Anfang, dann geht es um eine dieser Begegnungen mit einer dieser Frauen, die dem Sänger schon immer den Kopf verdreht haben. Spätestens ab dem „Fly so high“-Teil ist das absolut umwerfend.

In der Single Happy Hour entdeckt er zu einem sehr einnehmenden Sound offenbar die Freuden des guten, alten Urlaubsbesäufnis für sich. Weekend Woman hat einen klasse Refrain und eine ansteckende Leichtigkeit. Auch in Sweet Mary geht es wieder um eine Traumfrau, die zwar für ihn unantastbar ist, wie er singt, aber trotzdem völlig überfrachtet wird mit Bewunderung, bis sie schließlich sogar zur Erlöserin für ihn werden soll. Dazu gibt es ein bisschen von dem, was Rivers Cuomo wohl in der Therapie gelernt hat: „I’m so blessed in this life / I want to show my gratitude.“ Im Ergebnis ist das sehr süß und etwa in der Nähe der hohen Powerpop-Schule von Ash.

Wenn man möchte, kann man auch die thematische Geschlossenheit von Pacific Daydream als Stärke betrachten. Es geht tatsächlich fast immer um Sommer, Strand und Kalifornien. Man muss jetzt nicht gleich „Konzept“ dazu sagen, aber so viel Album war nie bei Weezer, die sonst eher einen Song an den anderen reihen, ohne allzu große Verbindung. Diese Fixierung auf das leichte Leben an der Westküste führt aber zugleich zum Problem der Platte: Es fehlt hier nicht nur die Unbeholfenheit, die in den Anfangsjahren von Weezer einen substantiellen Teil zu ihrem Charme beigetragen hat, sondern auch Ernsthaftigkeit und Authentizität. Vieles wirkt beliebig, wie eine Fingerübung.

Dass die Band, die im Video zu Buddy Holly mit Strickjacken und gestreiiften Krawatten zu sehen war, was auch vor knapp 25 Jahren hochgradig unmodern war, mittlerweile versucht, mit Professionalität, Handwerk und zeitgemäßen Stimmeffekten zu glänzen, hätte wohl kaum jemand kommen sehen – eine positive Entwicklung ist es in keinem Fall. Rivers Cuomo hat nach eigenem Bekunden viel mit Versatzstücken aus seinem eigenen Archiv gearbeitet und Methoden übernommen, die Fließband-Songschreiber anwenden. Die Mitarbeit von Produzent Butch Walker (Katy Perry, Pink, Avril Lavigne, Taylor Swift, aber auch Frank Turner und Wombats) an Pacific Daydream wird ihr Übriges zum oft anbiedernden Sound dieses Albums getan haben.

„It’s a hip hop world / and we’re the furniture“, erkennt Cuomo in Beach Boys. Der Bass könnte wirklich von den Beach Boys sein, die Harmonies auch, der Refrain ist aber viel zu plump für diesen Vergleich. Get It Right hat einen hübschen, vergleichsweise reduzierten Beginn, wird aber danach unausgegoren, weil beispielsweise der Quasi-Glamrock-Refrain überhaupt nicht zum Rest passt. Die Single Feels Like Summer ist schlecht und kalkuliert, im Refrain sogar peinlich: Da will offensichtlich ein 47-Jähriger auf jugendlich machen, ein weißer Nerd ein wenig HipHop-Credibility für sich reklamieren.

Dazu gibt es einige mittelprächtige Momente wie La Mancha Screwjob (auch hier dominiert wieder der Gedanke: „Diesmal, mit uns beiden, wird es gut gehen, dieses Liebesding!“), Any Friend Of Diane’s (ausnahmsweise mit einem halbwegs funktionierenden HipHop-Beat, zu dem sich sogar ein Solo auf der spanischen Gitarre spielen lässt) und QB Blitz (mit einem netten Groove als auffälligstes Merkmal).

In Summe sorgt das für eine okaye Platte, bietet aber nur eine minderwertige Version von Weezer. Dass diese Band zu viel mehr imstande ist, dürften die später hinzugekommenen Fans erst beim Blick in den Back Catalogue entdecken. Oder in der Zukunft: Angeblich ist ein Black Album mit ausnehmend düsteren Songs in Arbeit. Das macht Hoffnung, dass Weezer noch nicht komplett an Hollywood und Charts verloren sind.

Eine Möwe ist im Video zu Mexican Fender erst ein Spanner, dann unglücklich verliebt.

Website von Weezer.

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