Durchgelesen: Hermann Hesse – „Narziß und Goldmund“ 3


Hermann Hesse verfolgt zwei Menschen – und zwei Pole.

Autor Hermann Hesse
Titel Narziss und Goldmund
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1957
Bewertung ****1/2

Ein historischer Roman ist dies beinahe, allerdings ist die Zeit hier bloß Staffage. Stadtmauern gibt es, Klosterleben und Pestbeulen. Aber darum geht es nicht. Es geht um Narziss und Goldmund, ihr Zueinanderfinden, ihre Freundschaft, ihre Polarität.

Narziss als ein Mann des Geistes und der Wissenschaft, Goldmund als Sinnenmensch und Künstler. Der eine hofft auf Erfüllung in der Stetigkeit und will doch ständig ausbrechen. Der andere lebt die Unrast und sucht dabei doch bloß ein Zuhause.

Gerade dieses Akzeptieren des Irrationalen, das Sich-Hingeben in die Emotionalität ist es, was Goldmund so liebenswert macht – und sein Wissen darum. „Er war ein Narr, dass er hier etwas wie Heimat suchte und es mit so vielen Schmerzen, so vielen Verlegenheiten bezahlte. Und dennoch tat und litt er es, litt es gerne, war heimlich glücklich dabei. Es war dumm und schwierig, es war kompliziert und anstrengend, auf eine solche Art zu lieben, aber es war wunderbar. Wunderbar war die dunkelschöne Traurigkeit dieser Liebe, ihre Narrheit und Hoffnungslosigkeit.“

Das macht die unendliche Kraft seines Antriebs deutlich, auch die Tragik seiner Suche, die nie ein Ziel findet. „Wenn er sein Herz befragte, so sah er, dass seine Freiheit ihm lieb war, und er konnte sich keiner Geliebten erinnern, nach der die Sehnsucht ihn nicht in den Armen der nächsten verlassen hätte. Aber dennoch war es ihm wunderlich und ein wenig traurig, dass überall Liebe so sehr vergänglich schien, die der Frauen wie seine eigene, dass sie ebenso schnell satt war wie entflammt.“

Zwei wunderbare Figuren hat Hesse hier geschaffen, und Gegenpole sind sie auch hinsichtlich ihrer Rolle im Roman. Während Goldmund den Leser mit auf Wanderschaft nimmt, in allen Details ausgearbeitet, beleuchtet und eingefärbt wird, bleibt Narziss stets ein Schatten im Hintergrund, eigentlich eine Skizze, doch ebenso genau erkennbar.

Ganz am Ende, wenn man die letzte Seite aufschlägt und es unendlich bedauert, dass diese Geschichte voller Wärme und Weisheit tatsächlich zu Ende geht, ist er sogar die faszinierendere Figur.

Die beste Stelle ist Goldmunds Initiation in das Liebesleben: „Gleich bei ihrem ersten Kuss fühlte ich es in mir schmelzen und auf eine wunderbare Art weh tun. Alle Sehnsucht, die ich je gespürt, aller Traum, alle süße Angst, alles Geheimnis, das in mir geschlafen, wurde wach, alles war verwandelt, verzaubert, alles hatte Sinn bekommen.“


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

3 Gedanken zu “Durchgelesen: Hermann Hesse – „Narziß und Goldmund“