Arctic Monkeys The Car

Arctic Monkeys – „The Car“

Künstler*in Arctic Monkeys

Arctic Monkeys The Car
Das Foto für das Albumcover hat Schlagzeuger Matt Helders gemacht.
Album The Car
Label Domino
Erscheinungsjahr 2022
Bewertung Foto oben: Domino / Zackery Michael

Wenn es erlaubt ist, würde ich gerne kurz privat werden. Ich möchte eine Liebesgeschichte aus meinem Leben erzählen. Ich muss aber warnen: Es ist eine tragische Liebesgeschichte.

Sie handelt (zunächst) von mir und meiner Lieblingskneipe. Nennen wir sie „Frankenheim“. Ich habe sie entdeckt, als ich gerade neu in eine WG eingezogen bin und mein Mitbewohner mich dorthin gebracht hat. Sie war nur 3 Minuten von unserer Wohnung entfernt (das war praktisch, wenn man einmal viel zu viel getrunken hatte und viel zu spät den Heimweg antrat), und es gab genau zwei Wege, um dorthin zu gelangen, wenn ich aus der Haustür trat: Erste Kreuzung links, wieder erste links, schon stand ich vor der Tür (das war praktisch, wenn man einen so notorisch schlechten Orientierungssinn hat wie ich, erst recht in einer neuen Stadt). Der umgekehrte Weg funktionierte sogar auch: Erste Kreuzung rechts, dann wieder erste rechts durch die kleine Unterführung, schon war ich im Frankenheim.

Es war eine wunderbare Kneipe, selbst in den für Kneipen generell noch viel rosigeren Zeiten damals. Es gab eine Theke, einen erstaunlicherweise immer leeren Stammtisch, nur eine Handvoll weitere Tische. Es gab Beck’s, Paddy und als einzige feste Nahrung wahlweise Eibrot oder Fettbemme. Es gab einen Tischkicker. Und es lief, natürlich, tolle Musik. Man kam vom Frankenheim auch sehr gut zu Fuß in die Clubs, die ich damals besuchte. Ein typischer Ablauf war also der Weg von der WG ins Frankenheim und dann in den Club, manchmal blieb ich auch gleich in der Kneipe. Bald war ich so oft da, dass ich den Wirt mit Namen kannte, von der Barfrau einen Spitznamen bekommen hatte, und auch niemand meckerte, wenn ich ausnahmsweise mal über die Tische zum Klo ging, weil der Weg zwischen den Tischen so beschwerlich war (ich hielt das für Rock’N’Roll).

Kurz: Es gibt wenige Orte in dieser Stadt, in denen ich so viel Spaß hatte. Es waren goldene Zeiten. Ich liebte das Frankenheim. Ich wollte nie mehr, nie mehr, nie mehr eine andere Stammkneipe haben.

Aber dann, nach wenigen Jahren, passierte etwas. Das Frankenheim wuchs. Ein großer Saal im Gebäude, der zuvor ungenutzt war, wurde eröffnet. Ich hatte nichts dagegen: Es war klar, dass auch viele andere Leute diese Kneipe mochten, zusätzliche Kapazitäten erschienen sinnvoll, außerdem konnte man im neuen Saal jetzt auch Billard und Dart spielen, und es gab eine zweite Theke. Wenig später kam eine Küche hinzu. Ich hatte nichts dagegen: Der Koch war so dauerhaft mies gelaunt, dass er schon bald so etwas wie eine Sehenswürdigkeit im Frankenheim wurde. Sein Chili sin carne war lecker, und wie sich jenseits der Griesgrämigkeit herausstellte, war er ein korrekter Typ und sehr talentierter Dart-Spieler. Dann wuchs der Laden noch weiter. Es wurde ein Biergarten eröffnet, und im Untergeschoss kamen gleich mehrere Räume dazu, in denen Konzerte, Theater, Lesungen oder Partys stattfanden. Ich hatte nichts dagegen. Ich mag Konzerte, Theater und Lesungen, und einige der legendärsten Partys in dieser Zeit fanden dort unten statt, oft konnte man dort auch zu den Hits der Arctic Monkeys tanzen.

Nach einer Weile wurde aber klar: Mit all diesen Veränderungen war das Frankenheim nicht mehr, was es einmal war. Irgendwann gab es kein Beck’s mehr und auch keinen Paddy. Das Eibrot war schon längst von der Karte verschwunden, stattdessen gab es einen Abend mit venezolanischer Küche oder Dinner Events. Das Publikum hatte sich damit auch verändert. Beim abendlichen Trinken ertönten nun nicht mehr Indie-Klassiker aus einer Playlist, sondern ein echter DJ legte Lounge-Musik auf. Ich merkte: Alles, was ich mal an diesem Laden geliebt hatte, war verloren gegangen. Das Frankenheim war nicht mehr persönlich oder besonders. Es war ein Laden, wie es viele gibt. Ich gehe kaum noch hin.

Ich frage mich manchmal: Was ist aus dem Charme dieser Kneipe geworden? Warum hat das Frankenheim seine Einmaligkeit ohne Not selbst zerstört? Wem wollte man etwas beweisen, indem es plötzlich fancy food, eine Craft-Beer-Karte und die Möglichkeit gibt, per App vom Tisch zu bestellen statt gefälligst an die Theke zu gehen?

Und damit sind wir bei The Car und den Arctic Monkeys. Auch in das Quartett aus Sheffield war ich einst schockverliebt. Es gibt wenige Bands, deren ersten beiden Alben ich so sehr gefeiert hatte. Sie waren klug, tanzbar, einzigartig. Sie sangen über Dinge, die einen Bezug zu meiner Lebenswelt hatten. Sie machten Spaß. Doch dann passierte etwas mit dieser Band, das mit dem Frankenheim auch passierte: Es genügte nicht mehr, diese eine Sache, für die sie von vielen Menschen heiß und innig geliebt wurden, immer weiter zu machen. Sie wollten neue Wege erkunden und irgendjemandem (ich habe nach wie vor den bekackten Josh Homme in Verdacht) beweisen, dass sie wahlweise auch elegant und erwachsen beziehungsweise hart und abgründig sein können. Und das war der Anfang vom Ende.

Nie war das so deutlich wie hier, auf ihrem siebten Album. Es gibt keine Punchlines mehr, kein Adrenalin, keinen Schweiß. Diese Musik ist nicht mehr sexy und aufregend, sondern mellow und gediegen. Vor allem aber zeigt The Car, dass die Arctic Monkeys in all den Dingen, an denen sie sich jetzt versuchen, bei weitem nicht so gut und unverwechselbar sind, wie sie es in dem Metier waren, das sie groß gemacht hat. Für jeden der zehn Songs auf diesem Album findet man sofort eine Referenz von jemandem, der den jeweiligen Sound geprägt (und leider auch besser und glaubwürdiger umgesetzt) hat.

Die Leadsingle There’d Better Be A Mirrorball, die das in England und Paris aufgenommene Album auch eröffnet, scheint an den Tindersticks geschult zu sein und verdeutlicht bereits ganz viele Probleme dieser Platte: Schon der Songtitel ist blasiert und möchte ach so cool und clever sein. Sänger Alex Turner will unbedingt ein Crooner sein und ums Verrecken als Poet anerkannt werden, was aber bloß darin endet, dass er unfassbar selbstverliebt und aufgesetzt klingt.

So geht es dann weiter mit den Liedern, die wie ein bestimmtes Vorbild klingen sollen, aber nie an dieses Vorbild heranreichen: I Ain’t Quite Where I Think I Am (Marvin Gaye), Sculptures Of Anything Goes (Arcade Fire), Jet Skis On The Moat (Lionel Richie), Body Paint (Elvis Costello in seiner Zusammenarbeit mit Burt Bacharach), The Car (Lee Hazlewood), Hello You (Stevie Wonder), Mr. Schwartz (Curtis Mayfield). Der Schlusspunkt Perfect Sense, den man sich gut von Nick Cave vorstellen könnte, ist der einzige Moment, in dem zumindest ein Hauch von Spannung entsteht. Mit Big Ideas (stilistischer Fixpunkt in diesem Fall: Lana Del Rey) liefern die Arctic Monkeys einen weiteren Beweis für die These, dass Lieder über das Songschreiben immer ein Warnsignal für die Kreativität einer Band sind, hier bezeichnenderweise mit einem Text über einen Moment der Inspiration, der dann von einer Blockade abgelöst wird.

Natürlich hat das Album weiterhin auch ein paar gelungene Bestandteile. Praktisch alles ist sehr schick, manche Stücke haben eine fein ausgefeilte Dramaturgie, gelegentlich kann man einen interessanten Groove entdecken. Die von Bridget Samuels arrangierten Streicher sind sogar ein Highlight. Das hat aber nicht den Effekt, ohnehin schon tolle Lieder noch einmal auf ein neues Niveau zu heben, im Gegenteil: Bei vielen Tracks will man sich gar nicht vorstellen, wie langweilig sie ohne diese Streicher wären.

Das ist in Summe alles arg enttäuschend. Natürlich respektiere ich, dass Künstler*innen keine Dienstleister sind, die ihren Fans stets nur das Erwartete (also im schlimmsten Fall: Immergleiche) bieten müssen. Natürlich verstehe ich das Interesse, sogar die Notwendigkeit, sich als Band weiterzuentwickeln. Aber bei den Arctic Monkeys leuchtet seit vielen Jahren weder ein, in welche Richtung diese Entwicklung geht, noch, was sie dazu eigentlich antreibt. Wahrscheinlich wollen sie sich damit bei ein paar Leuten anbiedern, die sie selbst bewundern. Aber sie sind durch diesen Wandel, auch wenn sie das womöglich meinen, keineswegs tiefgründiger, relevanter oder individueller geworden. Im Gegenteil: Sie sind eine Band, die offensichtlich nichts lieber sein möchte als eine komplett andere Band, mit anderer Herkunft, anderer Historie, anderer Fanbase. Sie haben sich, wie das Frankenheim, freiwillig selbst entkernt. Und sie haben heute fast nichts mehr zu bieten.

Auch nicht ganz unblasiert: Das Video zu There’d Better Be A Mirrorball.

Website der Arctic Monkeys.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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Ein Gedanke zu „Arctic Monkeys – „The Car“

  1. Werter Rezensent,
    dazu Folgendes:
    1. Stimmt doch gar nicht (was die Arctic Monkeys betrifft)!
    2. Warum erst jetzt diese Kritik?
    Künstler, die sich verändern und – wie die Arctic Monkeys – zum Variantenreicheren, Komplexeren wechseln, bieten zumindest denen, die sich ebenfalls weiterentwickeln, doch etwas Unschätzbares an. Frühwerke können schön knallen, Spätwerke (soweit sind wir hier noch gar nicht) sollten auch von einem Reifungsprozess zeugen. So sind die letzten drei Alben m.E. im Einzelnen überraschender und interessanter, insgesamt in sich geschlossener und durchhörbarer als die früheren. Live jedoch, das muss ich zugeben, klang das Vorgetragene vor 2 Jahren gewollt dröhnend und wenig nuancenreich, das Publikum hingegen bejubelte alles…
    Mit besten Grüßen zum Jahreswechsel

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