| Künstler*in | Bill Fay |
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| Album | Still Some Light, Part 2 | |
| Label | Dead Oceans | |
| Erscheinungsjahr | 2022 | |
| Bewertung | ![]() |
Foto oben: Domino / Zackery Michael |
Als Bill Fay am 22. Februar dieses Jahres im Alter von 81 Jahren verstorben ist, gab es Nachrufe im Guardian und in der Times, natürlich berichtete auch die relevante Musikpresse von Rolling Stone über Mojo bis Pitchfork. Hierzulande würdigten ihn beispielsweise der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung.
Fast 40 Jahre lang erschien so viel posthume Aufmerksamkeit für diesen Künstler unvorstellbar. Der 1943 in London geborene Musiker hatte 1967 eine Single herausgebracht, zwei Alben folgten 1970 und 1971 – all diese Veröffentlichungen waren kommerzielle Flops und schon für die meisten Zeitgenoss*innen weitgehend unter dem Radar geblieben. Bill Fay beendete dann seine Karriere. Er schrieb weiter gelegentlich Songs und nahm sie auch auf, allerdings als Privatvergnügen.
Seine Wiederentdeckung ist eine der erstaunlichsten Geschichten von Enthusiasmus, Recherchegeist und sanfter Überredungskunst, die man in diesem Jahrtausend finden wird. 1998 wurde das Oeuvre auf CD veröffentlicht, immer noch ohne große Verkaufszahlen zu erzielen. Ein paar der Exemplare gelangten aber in die Hände von Musikgrößen wie Jim O’Rourke oder Jeff Tweedy, und ihre Mundpropaganda sorgte dafür, dass die Zahl der Menschen immer weiter stieg, die in diesem Komponisten einen Mann erkannten, der „wise beyond our times“ war, wie es seine Plattenfirma Dead Oceans im Nachruf formuliert hat. Dieses Label hat mit ihm ab 2012 drei Alben mit neuen Liedern herausgebracht und auch diese Sammlung neu aufgelegt, die ursprünglich 2009 veröffentlicht worden war.
Der erste Teil von Still Some Light enthielt Demoversionen vieler der Songs, die auf den beiden 1970er-Jahre-Alben von Bill Fay gelandet waren, dieser zweite Teil versammelt Aufnahmen aus dem Jahr 2009, entstanden im Heimstudio. Auch sie zeigen den Reiz dieser Kompositionen, der schließlich groß genug war, ihn aus der Versenkung (er hat zwischendurch beispielsweise als Gärtner gearbeitet) wieder ans Licht kommen zu lassen. Der Musiker David Tibet ist einer der weiteren glühenden Verehrer von Bill Fay und brachte Still Some Light einst auf seinem eigenen Label heraus. Ihn faszinierte „die Tiefe und Einfachheit seines Werks und die intensive emotionale Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, die es vermittelt“.
Man kann diese Einschätzung angesichts der 25 Songs auf Still Some Light, Part 2 sofort nachvollziehen. Zu den wichtigen Themen gehört Glauben und das Ringen darum. Zum Auftakt in My Eyes Open bittet Bill Fay um Frieden, Kraft und Mut – auch wenn nicht ganz klar ist, an wen er sich dabei richtet. Auch in God Give Them Rest mit einer Stimme wie ein Streicheln oder Jericho Road (brüchig, verloren, irgendwie auch tröstlich – aber das trifft auf jedes seiner Lieder zu; nicht umsonst nennt sich eines der Stücke auch gleich Solace Flies In) ist dieser Themenkomplex sehr präsent. Noch prominenter ist die Rolle der Natur. Hello Old Tree erweist sich, begleitet von einer sehr schönen Gitarrenmelodie, tatsächlich als gesprochener Dialog mit einem Baum, There Is A Valley hätte wunderbar zu einem schwärmerischen Bob Dylan in den 1980er Jahren gepasst.
Man könnte solche Inhalte für Esoterik oder ein längst überholtes Hippie-Weltbild halten. Schlichte Statements wie War Machine oder All Must Have A Dream wären Belege dafür, denn wie in etlichen Stücken steht hier ein sehr einfacher Gedanke am Beginn, der dann wundervoll umgesetzt und zu einem wirkungsvollen Statement wird. Aber erstens wirken diese Themen durch die Kraft der Glaubwürdigkeit, die in diesen Liedern steckt. Zweitens geht es bei Bill Fay immer wieder auch darum, wie schändlich wir mit der Natur (meinetwegen auch: Schöpfung) und miteinander umgehen. So verträumt und ruhig diese Lieder wirken, manchmal wie aus dem Schlaf heraus vorgetragen, oft mit schicken Arrangements und immer mit tollen Melodien, so wenig lassen sie Glück oder auch bloß Genügsamkeit erkennen. Das Diesseits ist in den Songs von Bill Fay immer unzureichend, das Hier und Heute ist etwas, das gereinigt, geläutert und verbessert werden muss.
Man kann hier, auch wegen der Parallele mit der fehlenden Anerkennung in der frühen Phase der Karriere, viele Ähnlichkeiten mit Nick Drake finden, etwa in I Will Remain Here. Wenn die Arrangements etwas üppiger werden wie beispielsweise in Long Way From Tiperrary ist auch der Weg zu Donovan nicht weit. Der Titelsong Still Some Light hingegen wirkt, auch wegen der ähnlichen Stimmlage, wie Peter Gabriel in einem ganz, ganz besinnlichen Moment. Besonders spannend werden Road Of Hope, weil es nicht wie sonst bei Bill Fay üblich von Gitarre oder Klavier getragen wird, sondern von Synthieflächen, und I Thought I Heard Someone, weil hier mit dem repetitiven Piano und dem Gesang eine bewusst unheimliche Atmosphäre erzeugt werden.
David Tibet beschreibt die Ästhetik, die man hier finden kann, sehr treffend mit dem Satz: „His songs are calming hymns for chaotic times.“ Das erklärt wohl auch, warum Bill Fay so spät einen so großen Appeal entwickelt hat – und lässt vermuten, dass dieser auch über seinen Tod hinaus wirken wird.


