Bonnie Prince Billy We Are Together Again

Bonnie Prince Billy – „We Are Together Again“

Künstler*in Bonnie Prince Billy

Bonnie Prince Billy We Are Together Again Review
Der Entstehungsort hat auf „We Are Together Again“ seine Spuren hinterlassen: Louisville.
Album We Are Together Again
Label Domino
Erscheinungsjahr 2026
Bewertung Foto oben: Domino / Urban Wyatt

Was soll man machen in Zeiten, in denen alles den Bach runtergeht? Die Antwort von Will Oldham lautet: singen. Am besten zusammen. Weil es Freude macht und Hoffnung spendet.

Man hätte so einen Ansatz vielleicht nicht unbedingt erwartet von einem Mann, der auf jedem Foto dreinblickt, als hätte er gerade einen nahen Angehörigen verloren, und dessen bekanntester Song von der Dunkelheit handelt. Aber er schafft es auf dem heute erscheinenden We Are Together Again, eine vollkommen überzeugende Begründung für diese vermeintlich naive Empfehlung zu liefern.

Er hat auf der Platte, die im Frühjahr 2025 in Louisville aufgenommen wurde, eine zweistellige Zahl von Musikerinnen und Musikern eingebunden, darunter sein Bruder und sein Cousin, außerdem mit Jacob Duncan und Thomas Deakin zwei Mitglieder seiner aktuellen Tourband. Die damit einhergehende Vertrautheit ist dem Album deutlich anzumerken, ebenso die Bereitschaft, das Musizieren als echtes Miteinander zu begreifen, nicht als ein Verhältnis von Boss/Autor zu Erfüllungsgehilfen/Session-Personal. „Die lebendige Musikszene Louisvilles – sowohl die heutige als auch die vergangene – kommt in jedem einzelnen Song zum Ausdruck“, sagt Bonnie Prince Billy.

Gleich der Auftakt unterstreicht das: Tory Fisher, Lacey Guthrie und Katie Peabody steuern im zärtlichen Why Is The Lion einen Harmoniegesang bei, der genauso schön ist wie die Bouzouki von Eamon O’Leary oder die Flöte von Nuala Kennedy. Es ist ein Lied über Angst, die nie von selbst verschwindet, und die sich dennoch besiegen lässt. „Broken and bleeding, bruised and accosted / we wonder if there’s hope of winning / (…) and then hope of something beginning to rise / from the floor of the ring & hear someone sing…is it my voice, or, better yet, ours?“

Zur besonderen Stärke von We Are Together Again wird es, dass dieses Erkennen von Bedrohung und diese Suche nach einer Lösung hier nicht nur auf der persönlichen Ebene bleibt, sondern einen globalen Charakter bekommt, der natürlich bestens in unsere Zeit der Multikrisen passt. Strange Trouble ist ein Beispiel dafür: Das sehr reduzierte Stück ist nahe am Blues und wieder so ein Lied, bei dem man davon ausgehen kann, dass Johnny Cash das liebend gerne in sein Repertoire aufgenommen hätte, wären ihm noch weitere Folgen der American Recordings vergönnt gewesen. „Seems the rules were all illusions / a house of postcards falling down“, singt Will Oldham, und das kann natürlich auch auf das aktuelle Wanken der Weltordnung bezogen werden.

Life Is Scary Horses wiederholt diesen Effekt. Es ist meisterhaft, wie Bonnie Prince Billy hier mit ganz vielen subtilen Einfällen sowohl Schönheit als auch Spannung erzeugt, und dazu textlich wieder das große Ganze in den Blick nimmt: “The human times have come and gone / we must accept our rule is done / though love is sown and will live on / come to me, let me see your eyes / once more before the winter comes again.” Man könnte die letzten Zeilen in diesem Vers als Flucht ins Private auslegen, also auch als: feige, egoistisch und nur aus der privilegierten Position eines (ja dann doch irgendwie) Rockstars heraus funktionierend. Das Album bietet mit der nichts zurückhaltenden Liebeserklärung Vietnam Sunshine (inklusive Marriachi-Trompete) und dem niedlichen Hey Little, das einen gemütlichen Abend mit der kleinen Tochter in einen Song verwandelt, weitere Indizien dafür.

Damit hätte man We Are Together Again aber gänzlich falsch verstanden. Ganz offensichtlich hat Bonnie Prince Billy hier nicht nur sein eigenes Glück im Sinn, sondern er will auch einen Weg aufzeigen, wie man durchhalten, Trost finden, Verbesserungen anstoßen kann, für uns alle. „Pflanzt diese Lieder in das Gehirn eurer Seele, in das Herz eures Daseins, und die Bäume werden wachsen, Früchte tragen, gedeihen und euch nähren“, teil er zu dieser Platte mit. Er rät zu praktischer, gelebter Solidarität, wie sie in The Children Are Sick besungen wird, und auch im wundervollen (Everybody’s Got A) Friend Named Joe zum Ausdruck kommt. „I’d spent my days in darkness and my nights as terror’s friend / when Joe came by, put hand on thigh, and lifted me again“, wird die Wirkung dieses treuen Begleiters beschrieben, aber auch hier wird der Beistand zugleich (erst recht angesichts des Songtitels) auf eine allgemeine Ebene erweitert: „When it feels like life is just a series of delusions / Joe can show that, even though it all feels like illusion / it’s real; and yesterday bears no resemblance to tomorrow / you fly towards death so full of life and love and joy and sorrow.”

Ganz eindeutig singt Bonnie Prince Billy in diesen zehn Liedern auch gegen die Versuchung an, sich fallen zu lassen in all diese Angst, Wut und Sorge, frustriert zu werden oder zumindest fatalistisch und dadurch letztlich kein Auge mehr zu haben für das, was schön ist in unserer Welt, ermutigend, beglückend. Er kennt diese Versuchung aus sich selbst, aber er sieht sie, vielleicht verstärkt, auch in anderen, wie They Keep Trying To Find You zeigt. „They keep trying to find you / and you run away with your hands over your eyes and your mouth open wide / to the same lonely hole you get lost in each day“, lautet der darin formulierte Vorwurf. Ein Schwarzmaler von ähnlichem Charakter ist Davey Dead, und er wird hier – in einer beunruhigenden Atmosphäre, für die auch der Synthesizer von Chris Bush sorgt – vom Ich-Erzähler direkt zur Rechenschaft gezogen.

Ganz oft zeigt sich Oldham hier – wieder einmal – als ein weiser, einfühlsamer und nicht zuletzt ruhiger Beobachter von ziemlich beunruhigenden Dingen. Und er hat in diesen düsteren Zeiten mit We Are Together Again kein apokalyptisches Werk verfasst, sondern ein Album, das die Gemeinschaft feiert und die Menschlichkeit.

Licht, nicht nur am Ende des Tunnels: das Video zu Life Is Scary Horses.

Bonnie Prince Billy bei Bandcamp.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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