Build It Up Franz Ferdinand Review

Futter für die Ohren mit Franz Ferdinand, Fruit Bats, Black Lips, Deine Cousine und Josi Miller

Nur etwas mehr als ein halbes Jahr alt ist The Human Fear, das aktuelle Album von Franz Ferdinand. Wenn eine Band so früh bereits neue Versionen der darauf enthaltenen Songs unters Volk bringt, kann das normalerweise nur zweierlei bedeuten. A) Die Band ist heimlich unzufrieden mit dem eigenen Material und versucht, mit einem neuen Mix oder veränderten Arrangements doch noch, eine optimierte Fassung hinzubekommen, die eher den eigenen Ansprüchen entspricht. B) Sie ist so im Flow, dass sie einfach nicht aufhören kann, und kreativ nach wie vor so mit den neuen Songs beschäftigt, dass immer neue Ideen entstehen, die nach Verwirklichung verlangen. Im Falle der Schotten darf man sicher von Variante B ausgehen, wenn sie nun gleich zwei neue Versionen von The Human Fear-Songs präsentieren. Einer davon ist Build It Up (***1/2) mit Johnny Marr als Verstärkung, der sich sehr gut in dieses Lied einfügt, das man vielleicht als prototypisch für Franz Ferdinand betrachten kann: Es ist smart und doch leidenschaftlich, intelligent und doch tanzbar. Frontmann Alex Kapranos sagt über die prominente Unterstützung des ehemaligen The-Smiths-Mannes: „Ich saß als Jugendlicher in meinem Zimmer und versuchte, seine Melodien zu entschlüsseln. Jetzt spielt er bei uns – das ist surreal und wunderschön.“ Das zweite neue Lied ist Hooked, bei dem kein Altstar mitwirkt, sondern ein spektakulärer Newcomer: Master Peace.

„Im Moment ist diese Welt groß und seltsam und schrecklich und ja, manchmal sogar kurzzeitig wunderschön. Ein lauter Ort. Aber wenn du dir einen kurzen Moment Zeit nehmen und dich auf Augenhöhe mit mir begeben möchtest, um mir zuzuhören, wie ich dir einen Traum ins Ohr flüstere, dann habe ich ein neues Album, das genau das bewirkt“, sagt Eric D. Johnson alias Fruit Bats über seine neue Platte Baby Man, die am 12. September erscheint. Die erste Single daraus ist Stuck In My Head Again (***), vereint akustisches Gitarrenpicking mit Schmerz in der Stimme, der vielleicht doch eher Empörung sein könnte. Diese Kombination aus Sensibilität, die auf Lust zur Selbstdarstellung trifft, kennt man bestens beispielsweise von Ryan Adams oder, noch höher gegriffen, Bob Dylan – und sie funktioniert auch hier wunderbar. „Es ist zwar ein Traum, aber eigentlich eher eine Art Fiebertraum. Der Erzähler ist verschwommen und in einem Dunst, und manchmal bin ich mir nicht einmal sicher, wer er ist. Und ja, es ist so, als ob man, wenn man in seinen eigenen Gedanken gefangen ist, einen Song immer und immer wieder im Kopf hat. Hoffentlich bleibt dieser hier dort hängen (im positiven Sinne)“, sagt der Mann aus Nashville, der auch im Trio Bonny Light Horseman spielt. Für die neue Fruit-Bats-Platte hat er sich hingegen meist selbst mit Gitarre, Klavier und manchmal mit Synthesizer begleitet, produziert hat Thom Monahan.

Die Botschaft der Black Lips war, glaubt man Bassist Jared Swiley, „schon immer einfach: Wir versuchen einfach zu rocken und eine gute Zeit zu haben.“ Den Beweis liefert das Quintett mit der neuen Single Tippy Tongue (***1/2). Der Track scheint aus einer vergangenen, unschuldigen Rock-Ära zu kommen, wo Lust auf Blödsinn mit den Jungs, Lärm und Groove schon ausreichen konnten, um die Welt zu erobern (oder sich das zumindest einzubilden). Man kann da beispielsweise an die Small Faces denken – auch, weil das Grundprinzip zwar straight ist, sich darein aber auch ein paar spinnerte Elemente mischen. Das Lied ist ein Vorgeschmack auf die 14 Songs des neuen Albums Season Of The Peach, das am 19. September herauskommt und im brandneuen Studio von Schlagzeuger Oakley Munson aufgenommen wurde. Er bestätigt die Orientierung an einer Balance zwischen offensichtlich und rätselhaft: „Die echten Ausreißer sagen nicht, dass sie Ausreißer sind. Meine Lieblingsausreißer in der Musik sind die Leute, die versuchen, normal zu sein.“

Aufs Normalsein hatte Ina Bredehorn bekanntlich so wenig Lust, dass sie ihren Job als Industriemechanikerin hinschmiss und fortan als Deine Cousine für viele aufrecht-mitreißende Rockmomente sorgte. Nun hat sie sich zur Königin von Deutschland (***) gekrönt. Natürlich verbirgt sich dahinter eine Neuauflage des Klassikers von Rio Reiser. Die Version von Deine Cousine zeigt, dass sich die Welt seit 1986 (damals erschien das Original) nicht unbedingt zum Besseren verändert hat. Es gibt im angepassten Text genauso viel was nervt, weg kann oder wohl immer nur ein schöner Traum bleiben wird (wie in ihrem Fall die eigene Kneipe). Gleichzeitig ist diese Coverversion fast ein bisschen zu respektvoll: Gerade weil es musikalisch so nah am Original bleibt, erscheint dieses Update dann doch nicht absolut zwingend.

Angst- und Panikattacken sind normalerweise ein Grund für kreative Krisen, für Schreibblockaden oder den Rückzug von der Bühne. Bei Josi Miller waren sie in gewisser Weise der Ausgangspunkt für ihr Debütalbum 4 Stages Of Sleep, das am 24. Oktober erscheinen wird. Denn nach den ersten Anfällen, die sie 2022 erlitt, halfen ihr Antidepressiva. Die Medikamente bewirkten zugleich auch Eindrücke aus surreal realistischen Traumwelten. Deshalb schrieb Josi Miller jeden Morgen auf, was sie im Schlaf gesehen hatte und nutzte dieses Traumtagebuch dann als Grundlage für neue Tracks. Die Vorab-Single You Have A Drug Problem (***1/2) mit Schlagzeugerin Philo Tsoungui ist hyperaktiv und trotzdem stimmungsvoll. Und der Clip zeigt, wie weit die 1989 in Leipzig-Connewitz geborene Künstlerin – etwa als Kollaborateurin von Trettmann, Jolle, Eli Preiss oder Zugezogen Maskulin sowie als TV-Host in Chat with a DJ auf ARTE – herumgekommen ist.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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