„Die Sorge ist das Verhältnis zum Leben“, hat Sören Kierkegaard einst formuliert. Diesen Satz scheinen sich Franz Ferdinand zum Vorbild für den Titel ihres neuen Albums genommen zu haben. Die mit Produzent Mark Ralph (er hatte 2013 schon Right Thoughts, Right Words, Right Action betreut) in Schottland aufgenommene Platte wird The Human Fear heißen und am 10. Januar 2025 erscheinen. Natürlich sind Franz Ferdinand nicht als Grübler bekannt und eher auf dem Dancefloor zuhause als im Kummerkasten, aber Frontmann Alex Kapranos bestätigt, dass die Dichotomie von Lebensfreude und Angst tatsächlich ein prägender Einfluss für die elf neuen Songs war. „Dieses Album zu machen war eine der lebensbejahendsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe, aber es heißt trotzdem The Human Fear. Angst erinnert dich daran, dass du am Leben bist. Ich glaube, wir alle sind in gewisser Weise süchtig nach dem Rausch, den sie uns geben kann. Wie wir darauf reagieren, zeigt, wie menschlich wir sind. Hier sind also ein paar Lieder, die den Nervenkitzel des Menschseins in der Angst suchen, auch wenn man das beim ersten Hören nicht unbedingt bemerkt.“ Die erste Single Audacious (***1/2) empfiehlt laut Alex Kapranos, „eine kühne Antwort zu geben, wenn man spürt, dass das Konstrukt der eigenen Existenz um einen herum zerfällt. Kühn zu sein, konträr. Über den Rand in die Ewigkeit der Nichtexistenz zu blicken und zu sagen: Ey! Scheiß drauf! Heute nicht, danke!“ Das wird umgesetzt mit einem spannenden Groove, seltsamen Wendungen (irgendwo scheint beinahe ein „superfantastisch“ zu lauern) und einem großen Refrain, der auch gut zu den Killers passen würde (mit denen Franz Ferdinand übrigens demnächst in Mexiko auf Tour sind). Erstmals sind auf The Human Fear auch die neuen Mitglieder Audrey Tait (Schlagzeug) und Dino Bardot (Gitarre) auf einem Album zu hören.
Durchaus ähnlich ist der Ansatz, den The Courettes für ihre neue Single Keep Dancing (***) an den Tag legen. „Es geht darum, das Weiterleben zu feiern“, sagt Schlagzeuger Martin Couri. „Das Leben ist so zerbrechlich“, ergänzt seine Bandkollegin Flavia Couri. „Aber was soll man machen? Ich würde lieber tanzen.“ Die finsteren Momente, die das dänische Duo mit dem Lied zu überwinden versucht, haben mit der Beziehung zu ihrem Vater zu tun, der an Covid-19 verstorben ist, den sie aber stets als „grausam“ wahrgenommen hat. „Meine Beziehung zu meinem Vater war nicht existent. Er hat mich und meine Schwester im Stich gelassen. Es war eine sehr schwierige Beziehung und es fällt mir nicht leicht, darüber zu sprechen. In Keep Dancing geht es um seinen Tod und darum, wie er immer noch Macht über mich hat und mich runterzieht und wie es ist, sich davon zu befreien.“ Umgesetzt wird das mit einem Sound, der ziemlich stark an Be My Baby von Vanessa Paradis erinnert, dazu kommen eine schicke Orgel, eine Phil-Spector-Gedächtnisglocke und Harmoniegesang à la The Pipettes. Das Lied ist der erste Vorbote fürs neue Album, The Soul Of The Fabulous Courettes wird am 27. September herauskommen.
Dass nicht nur Väter, sondern auch Mütter schwierig sein können, weiß Sabrina Teitelbaum alias Blondshell. Sie singt darüber in ihrer neuen Single What´s Fair (****), die sie auch schon bei ihren jüngsten Festivalauftritten live gespielt hat. „You’re not a perfect person / something’s always wrong / but I know there’s nothing less perfect to a girl than a mom“, lauten ein paar der Verse, die von einem ebenso coolen wie eingängigen Quasi-Grunge-Arrangement unterlegt sind, das genau wie der Text eine tolle Balance aus Feuer und Verständnis findet. „Ich glaube, dass jede Beziehung zwischen einer Mutter und einer Tochter von Natur aus kompliziert ist. Vielleicht liegt es an meiner eigenen Beziehung, die auf einer Menge Trauma und Verlust beruht, aber ich glaube, sie ist immer verwirrend. Was darf man erwarten, was ist normal, welches Verhalten eines Elternteils ist in Ordnung oder nicht in Ordnung usw.? Und inwieweit spielt ‚normal‘ überhaupt eine Rolle, wenn die eigene Erfahrung alles ist, was man hat? Ich habe gerade versucht, die Vergangenheit zu verarbeiten, als ich diesen Song schrieb, und ich hatte vor allem eine Menge Fragen.“ What’s Fair ist dabei zugleich (ebenso wie die vorangegangene Single Docket) ein Ausblick auf den Nachfolger des selbstbetitelten Debütalbums, der noch in diesem Jahr erscheinen soll.
Bei Album #4 sind Acht Eimer Hühnerherzen demnächst angekommen, und noch immer finden sie dafür Titel, die sich einer Einordnung irgendeiner Art verweigern. Nach dem selbstbetitelten Debüt 2018 folgten Album (2020) und Musik (2022), nun sind wir bei Lieder angekommen, das am 21. März 2025 erscheinen wird. Dass man darauf wieder genug tolle Songs finden wird, um über bescheuerte Albumtitel hinwegzusehen (der nächste Longplayer wird dann womöglich Töne heißen), deutet die neue Single Ostkreuz (****) an. Nach eigenen Angaben der Band ist das Lied eine Ode an das Schloss Zeesen, ein einst prunkvolles Gebäude am Zeesener See in Brandenburg, das heute ein Lost Place ist, Anfang der 1990er Jahre aber als besetztes Haus und kunterbunter Freiraum genutzt wurde. Der Track verströmt mit dem tollen Text und dem druckvollen Klang viel Unzufriedenheit ebenso wie Lust auf Veränderung, und vieles von dem, was die Musik von Apocalypse Vega, Johnny Bottrop und Bene Diktator schon seit 2016 ausmacht: Verweigerung den richtigen Leuten gegenüber, und Sympathie den richtigen Leuten gegenüber. Am 22. April 2025 sind Acht Eimer Hühnerherzen in Leipzig im Conne Island zu sehen.
Nachdem zuletzt schon das Oeuvre von Wolf Biermann mittels aktueller Coverversionen zu neuem Leben erweckt wurde, verfolgt die in Hamburg ansässige Plattenfirma Krokant nun einen ähnlichen Ansatz für die Musik von Manfred Krug. Der Leipziger Florian Sievers (Das Paradies) und der Hamburger Albrecht Schrader haben dazu Acts wie Lina Maly, Moritz Krämer (Die Höchste Eisenbahn), Stefanie Schrank, Charlotte Brandi, Albertine Sarges, Sebastian Madsen (Madsen), Resi Reiner und Keshavar angefragt und insgesamt 13 Lieder auf dem Album Das schöne Leben des Herrn K. versammelt, das am Freitag veröffentlicht wird. Mit Wenn’s draußen grün wird haben sie gemeinsam auch selbst einen Song des DDR-Schauspielers, Sängers und Schriftstellers (1937-2016) neu interpretiert. Mit Um die weite Welt zu sehen (***1/2) in der Fassung von Masha Qrella liegt jetzt ein weiterer Beitrag der Tribute-Compilation vor, und der ist genauso, wie es die Musik von Manfred Krug immer war: geheimnisvoll, eigen, freigeistig und stilistisch kaum zu verorten.
