Max Herre und Joy Denalane Alles Liebe

Futter für die Ohren mit Joy Denalane, Max Herre, Dilla, Beabadoobee, Ina Müller und Eklipse

Natürlich kann man über Trauer singen, über Gott, über Krieg, sogar übers Essen. Aber wenn wir über Popmusik reden, geht es meistens um Liebe. Schätzungen gehen davon aus, dass rund zwei Drittel aller Popsongs irgendeine Facette dieses Gefühls thematisieren, sei es Verliebtheit, Trennung, Liebeskummer, Sehnsucht oder Leidenschaft. Natürlich haben auch Joy Denalane und Max Herre über die Liebe gesungen, sie beispielsweise mit Let Yourself Be Loved, er unter anderem mit 1ste Liebe. Nun widmen die Eheleute diesem Thema ihr erstes gemeinsames Album. Alles Liebe wird am 1. November erscheinen. Natürlich passt das wunderbar, 25 Jahre, nachdem dieses Paar mit Mit Dir eines der schönsten deutschen Liebeslieder veröffentlicht hat, und zudem in einer Zeit, in der musizierende Liebespaare gerne ihr Miteinander besingen, auch auf Albumlänge (wie es etwa Beyoncé und Jay-Z mit Everything Is Love getan haben). „Wir hatten über die Jahre immer mal wieder darüber nachgedacht, gemeinsam ein Album zu machen, aber eher spielerisch. Weil wir ja sowieso eine permanente künstlerische Standleitung zueinander haben und bei all unseren Alben – auf  die eine oder andere Weise – zusammenarbeiten, war unser Bedürfnis nach einem gemeinsamen Album bislang nicht so ausgeprägt“, sagt Joy Denalane. Als dann die beiden erwachsenen Söhne aus dem Haus waren, sei aus der vagen Idee doch die Versuchung geworden, etwas ganz gezielt gemeinsam zu erschaffen. „Wir fragten uns: ‚Gehen wir jetzt mal auf große Reise um die Welt, oder gehen wir ins Studio?'“, erinnert sich Max Herre. Den Titeltrack Alles Liebe (****) gibt es nun als erste Single. „Der Song macht die Tür zum Album auf, das war uns wichtig“, sagt Max Herre. „Es ist ein Gospel, der Joy als die große Sängerin präsentiert, die sie ist, und zugleich alles zusammenfasst, worum es auf diesem Album geht.“ Das Stück wird vom Klavier getragen und dann schnell recht opulent mit Streichern und Backgroundchor, allerdings gibt es auch einen satten Beat, der dem Lied viel Energie verleiht. Und natürlich gibt es romantische Zeilen von diesem Paar, das nicht nur zahlreiche Gold- und Platin-Alben bekommen hat, sondern (mit Unterbrechung) seit einem Vierteljahrhundert zusammen ist. „Unsere Geschichte, deine Perspektive / das was ich für Dich habe / aber mir nicht selbst verbiete“, rappt Max Herre. Joy Denalane hat etwa Zeilen wie „Der erste Schritt ins Ungewisse und hoffentlich auch das Letzte, was uns bleibt“ parat. Zum Jahresende gehen die beiden auf Tour und schauen am 2. Dezember auch in Leipzig vorbei. „Es gibt tausend Formen von Liebe. Unsere ist eine davon – und das Album ist jetzt unser Blick darauf.“

Beabadoobee singt in der neuen Single Take A Bite (****) nicht von der Liebe, zumindest nicht hauptsächlich, sondern von der Lust auf Abenteuer (auch wenn man weiß, dass es vielleicht zu Schmerz führen wird) und vom Erkennen von Mustern im eigenen Verhalten, das längst nicht ausreichend ist, um dieses Verhalten auch tatsächlich hinter sich zu lassen. Der Sound dazu ist unfassbar souverän und abgeklärt für eine 23-Jährige, der Beat ist präsent, aber nicht aufdringlich, der Höhepunkt des Songs ist der süß-herbe Refrain, in dem ganz viel Melancholie steckt, die vielleicht den Kummer vorwegnimmt, der die Folge des Flirts mit Turbulenzen sein kann. „Es ist meine Introspektive über meine Gedanken und meine ungesunde Art zu leben. Es geht darum, Trost an einem vertrauten Ort zu finden – Trost im Chaos zu finden, denn das ist es, was ich kenne. Also bringe ich das in jeden Aspekt meines Lebens ein, besonders in Beziehungen. Ich zapfe einfach diesen Teil meines Gehirns an, in dem ich den negativsten, chaotischsten Gedanken, den die Menschheit je gesehen hat, direkt aufgreife und ihn zu meiner Realität werden lasse“, sagt die Frau, die als Beatrice Laus auf den Philippinen geboren wurde, in London aufgewachsen ist und mit ihrem bisherigen Veröffentlichungen unfassbar abgeräumt hat. Ihr Debütalbum Fake It Flowers (2020) kam in die britischen Top 10, der Nachfolger Beatopia (2022) erreichte sogar die Top 5. Sie hat den Radar Award 2020 des NME gewonnen und war für den BRIT Award sowie die einflussreiche „Sound of“-Liste der BBC nominiert. Mit The 1975, Halsey und Clairo war sie bereits auf Tour, demnächst wird sie Taylor Swift bei ihren Stadionkonzerten begleiten. Die neue Single ist nun der erste Vorbote auf ihr drittes Studioalbum This Is How Tomorrow Moves, das für 16. August angekündigt ist. Erstmals hat Beabadoobee nicht zuhause produziert, sondern gemeinsam mit Rick Rubin in Malibu. Mit den Ergebnissen ist sie äußerst zufrieden: „Ich liebe dieses Album! Ich habe das Gefühl, dass es mir so viel mehr als alles andere dabei geholfen hat, diese neue Ära zu navigieren, dieses neue Verständnis davon, wo ich stehe. Ich denke, es geht darum, eine Frau zu werden.“

Was es braucht, um ein Mann zu sein, hat hingegen Herbert Grönemeyer vor 40 Jahren besungen. Die Zeile „Wann ist ein Mann ein Mann?“ ist eine von vielen auf seinem Album 4630 Bochum, die legendär geworden sind und dazu beigetragen haben, dass sich die Platte bis heute mehr als 3 Millionen Mal verkauft hat. Zum Jubiläum wird es eine 40 Jahre Edition als limitierte und nummerierte Jubiläums-Box geben, die am 7. Juni erscheint und 2 CDs, 1 Vinyl, 1 Blu-ray-Audio und 1 Buch mit 56 Seiten beinhaltet. Eine der CDs besteht dabei aus dem neu abgemischten Originalalbum, die andere aus Coverversionen aktueller Acts, die sich die Grönemeyer-Songs vorgeknöpft haben. Dazu gehört auch Dilla (bürgerlich: Amadea Ackermann), deren Interpretation von Männer (***1/2) eindeutig gelungen ist. Es erstaunt, wie viel Tempo und Eingängigkeit in diesem Lied stecken kann. Ebenso überrascht, wie viel Potenzial zum Rollentausch die 22-jährige Berlinerin, die im Herbst 2023 ihr Debütalbum Also bin ich veröffentlicht hat, hier (auch durch die bereits im Original angelegte Ironie) mit viel Elektronik und ein bisschen Techno herausholen kann. Derzeit ist Dilla übrigens auf Tour mit Nina Chuba.

Auch Ina Müller wird demnächst in einem ähnlichen Format zu hören sein. Mit dem Album Wolf Biermann RE:IMAGINED – Lieder für jetzt!, das am 15. November erscheint, will die Plattenfirma Clouds Hill das rund 300 Songs umfassende Ouevre des Liedermachers wieder sichtbarer machen. Dazu covern diverse Künstler*innen die Stücke des 1936 geborenen Liedermachers, der erst aus seiner Geburtsstadt Hamburg in die der DDR übergesiedelt war, dann vom Arbeiter- und Bauern-Staat ausgebürgert wurde. Label-Chef Johann Scheerer sieht in Wolf Biermann ein wichtiges Symbol für Widerstand und Meinungsfreiheit, und sicher ist mit dem Tribute-Album auch der Hinweis an die jüngeren Generationen verbunden, dass Musiker gerne die Zustände des Landes analysieren und den Mund aufmachen dürfen. Ina Müller hat dabei eine sehr persönliche Wahl getroffen. „Mein Lieblingslied von Biermann ist Bin mager nun, und fühle mich. Als die Anfrage kam, witterte ich sofort die Chance, den Song so zu interpretieren, wie ich ihn lange schon im Kopf habe“, sagt sie. Ihre Fassung (***1/2) ist reduziert, tiefgründig und spannend; die viel gepriesene Aktualität der Texte von Wolf Biermann wird dabei zumindest angedeutet. Wie wenig sie da wie die Ulknudel klingt, die seit 2007 ihre Late-Night-Show Inas Nacht moderiert, ist fast so erstaunlich wie die Idee, ein Comeback von Wolf Biermann herbeiführen zu wollen.

Noch eine ungewöhnliche Neuinterpretation: Eklipse machen mit Streichinstrumenten unklassische Musik, man kann sich Felicitas Fischbein, Maline Zickow (Violinen), Ida Luzie Philipp (Viola) und Linda Laukamp (Cello) also vielleicht als so etwas wie die weibliche Variante von Apokalyptica vorstellen (auch, weil sie sich ein wenig wie Hard-Rock-Fans kleiden). Das Quartett hat sich mit diesem Ansatz beispielsweise bereits des Materials von Billie Eilish, Imagine Dragons, Muse und Britney Spears angenommen. Nun ist Harry Styles dran. In der Streicher-Fassung von As It Was (**1/2) übernehmen die einzelnen Instrumente die unterschiedlichen Stimmlagen, das Original gibt diese Verwandlung auch her, insgesamt lebt die Coverversion aber eher von der Stärke der Komposition (vor allem der Melodie) als von einem besonders originellen Arrangement, zudem wirkt der Elektrobeat etwas billig. Auf Interesse wird das bestimmt dennoch stoßen, schließlich haben Eklipse, 2012 gegründet und seit 2019 in aktueller Besetzung aktiv, schon einige Erfolge vorzuweisen. Dazu gehören Tourneen beispielsweise mit Nightwish, The Dark Tenor und Joachim Witt. Das neue Album Kaleidoscope ist in enger Zusammenarbeit mit dem Produzententeam Bengt Jaeschke und Benjamin Mundigler (Lord Of The Lost) entstanden und erscheint im Juli. Darauf werden dann neben As It Was auch selbst geschriebene Songs zu finden sein, zum Teil auch mit Gesang, etwa in In This Life, das von ihrer Cellistin Linda Laukamp und Malte Hoyer (Versengold) gesungen wird.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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