Mia Morgan Echo Kritik

Futter für die Ohren mit Mia Morgan, AB Syndrom, H-Blockx, Deine Cousine und Bonnie Prince Billy

Angesichts der bisherigen Karriere von Mia Morgan hätte man eher auf Gold getippt, aber ihr zweites Album, das sie gerade für den 21. März 2025 angekündigt hat, wird Silber heißen. Ganz überraschend ist dieser Titel dann doch nicht. Erstens ist es ein Edelmetall, das aber dennoch Luft nach oben lässt, somit auch die Botschaft vermittelt: Dies ist keineswegs der Zenit, da kann (und soll) noch deutlich mehr kommen. Zweitens spielt es womöglich auf die Imposter-Thematik an, die für die Musik von Mia Morgan ein so wichtiges Element ist: Nichts ist absolut glänzend, makellos, unerreicht. Immer spielt der Gedanke mit, dass da andere sind, die womöglich noch besser performen und Ruhm, Erfolg und Anerkennung viel mehr verdient haben. Diese Gedankengänge lassen sich auch im neuen Song Echo (***1/2) erkennen, ebenso die Tatsache, dass die mittlerweile wieder in Kassel lebende Musikerin als wichtige Einflüsse für das neue Album beispielsweise weiblichen Rock der 2000er Jahre à la Avril Lavigne oder Paramore nennt, ebenso wie Linkin Park, Deftones, Fall Out Boy und die Nine Inch Nails. Denn die Kombination aus akustischer Gitarre als Basis, ein paar Scratches, einer plakativen Synthiemelodie und einem kraftvollen Refrain schreit förmlich nach Baggy Pants und Longsleeves unter dem T-Shirt. Im Frühjahr ist Mia Morgan mit Silber auf Tour und schaut am 7. April auch in Leipzig im Naumanns vorbei.

Auch AB Syndrom kennen dieses Gefühl offensichtlich, wie ihre neue Single Stabil (****) zeigt. Es geht darum, dass man sich zwar für einen ziemlich mutigen Weg entschieden hat (Musik machen, auch noch mit einem kompletten Do-It-Yourself-Ansatz und obendrein mit einer Kreativität, Intelligenz und Rätselhaftigkeit, die nicht unbedingt riesigen kommerziellen Erfolg erwartten lässt) und auf diesem Weg schon ziemlich weit gekommen ist (mittlerweile mehr als 2,5 Millionen Spotify-Streams für Flaggschiff, eine Tour mit Mine, Shows in Asien, Auftritte beim ZDF Magazin Royale und in der Elbphilharmonie), dass man aber dennoch am eigenen Talent, an den eigenen Entscheidungen, am Wert der eigenen Kunst zweifelt, und zwar ständig. In Stabil zeigen Bennet und Anton das in Zusammenarbeit mit Roger Rekless. Es geht darum, wie schwierig es ist, wenn man keine Schwächen zeigen darf, bloß weil man manchmal auf einer Bühne steht, in einem TV-Studio auftritt oder auf einem Plakat abgebildet ist – erst recht als Mann. „Alles, was ich erreicht hab, ist mir einfach nur passiert“, lautet eine der Zeilen, unterlegt mit einem höchst ungewöhnlichen Arrangement, das beispielsweise Slap-Bass mit Gesang (und sonst nichts) zusammenführt, aus seiner Piano-Basis aber trotzdem eine sehr einfühlsame und vor allem authentische Atmosphäre kreiert. Im März kommt dann das neue Album von AB Syndrom.

Ungefähr zwei Dutzend Alben hat Will Oldham mit seinen verschiedenen Projekten bereits veröffentlicht, erst ein einziges Mal hat er dabei auf die Unterstützung eines Produzenten gesetzt. Jetzt ist es wieder so weit: Wenn er am 31. Januar The Purple Bird als Bonnie „Prince“ Billy herausbringt, wird man in den Credits den Namen von David „Ferg“ Ferguson finden. Der Mann aus Nashville war in dieser Funktion bereits für so unterschiedliche Acts wie U2, John Prine, Kid Rock, Anna Ternheim und Jake Bugg tätig. Will Oldham lernte er bei den Sessions zum dritten Teil der American Recordings-Reihe kennen, als Johnny Cash Oldhams A See A Darkness coverte. Auf dem nun gemeinsam entstandenen Platte sind zwar etliche sehr renommierte Session-Musiker zu hören, es ist aber keineswegs eine Nashville-Hochglanz-Veröffentlichung. Stattdessen entstand The Purple Bird (benannt nach einer Zeichnung, die Ferguson als Schulkind angefertigt hat) am Küchentisch des Produzenten, der als Credo für die Aufnahmen bloß den Satz „Mach einfach deinen Scheiß, Will“, formuliert haben soll. Bei der ersten Single Our Home (****) ist Tim O’Brien an der Mandoline zu hören, er hat den Song auch mitgeschrieben. Das Lied scheint prototypisch den Ansatz der Entstehungsgeschichte des Albums zu illustrieren, denn es geht um den Wert von Gemeinschaft („You’re only as good as the people you know“) und wird wunderbar organisch und warm.

H-Blockx waren zuletzt wieder ziemlich präsent, vor allem durch die ausverkaufte Tour, die sie zum 30. Jubiläum des Debütalbums Time To Move gespielt hatten. Neue Musik von ihnen gibt es aber schon seit 2012 nicht mehr. Das ändert sich jetzt. Mit Fallout (***) kommt eine neue Single heraus, und die ist auf die Erfahrung zurückzuführen, die H-Blockx bei den 16 ausverkauften Shows gemacht haben, die hinter ihnen liegen. „Gerade haben wir eine der schönsten Touren unserer Karriere gespielt, und damit nicht nur das Jubiläum von Time To Move gefeiert, sondern auch wieder gemerkt, wie viel uns diese Band und die Energie unserer Fans gibt. So eng zusammen und so wohl haben wir uns in der Band seit 1994 nicht mehr gefühlt. Das haben wir schon gemerkt, als wir uns auf die Tour vorbereitet haben“, sagt Sänger Henning Wehland. Der neue Song entstand wären dieser Proben zur Tour. Fallout klingt erstaunlich soft (eher Sunrise Avenue als The Offspring), catchy und insbesondere in den instrumentalen Passagen inspiriert, man erkennt zudem noch immer, dass die Band aus Münster nichts lieber sein will als amerikanisch. „Wir hatten einfach Bock, neue Musik zu schreiben. Fallout ist unser erster neuer Song seit einer gefühlten Ewigkeit und macht uns einfach Spaß. Die Vergangenheit haben wir jetzt gefeiert – ab sofort wird nach vorne geschaut“, sagt Wehland. Konzerte gibt es natürlich auch bald wieder: Für den Herbst 2025 hat die Band bereits eine neue Tour mit 12 Shows angekündigt.

Ina Bredehorn alias Deine Cousine sollte eigentlich gerade voll auf die Vermarktung des anstehenden Albums Freaks (kommt am 9. Mai heraus) konzentriert sein. Die schöne Tradition, jedes Jahr ein eigenes Weihnachtslied zu veröffentlichen, hält die Hamburgerin trotzdem hoch. Auch wenn der Advent noch ein bisschen hin ist, bringt sie bereits Wann schneit’s mal wieder auf St. Pauli? (***1/2) heraus. Das vereint viele Punk-Elemente mit Lokalkolorit im Text sowie Glöckchen und Chorgesang. Rudi Carrell klingt nur ganz kurz durch – und natürlich ist auch das ein Pluspunkt für dieses schöne Stück.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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