Tristan Brusch Grundsolider Schläger Review

Futter für die Ohren mit Tristan Brusch, The Beaches, Sorry, Alli Neumann und Jens Lekman

Nach Am Rest (2021) und Am Wahn (2023) schließt Tristan Brusch am 24. Oktober mit Am Anfang seine Trilogie ab. Die Lieder sind im vergangenen Sommer entstanden und wurden dann Ende des Jahres mit Produzent Olaf Opal in nur vier Tagen aufgenommen. Mitgewirkt haben Felix Weicht (Bass), Timon Schempp (Schlagzeug) und Friedrich Paravicini (Streicher). „Ich wollte noch weniger Kunstfigur sein und dafür verletzlicher singen, angreifbarer auch“, sagt der in Berlin lebende Künstler, der zuletzt Musik für eine Woyzeck-Inszenierung beigesteuert hatte, zur Zielstellung für die Platte. Der neue Song Grundsolider Schläger (***) hat trotzdem noch eine gewisse Nähe zu Kunstmusik, natürlich gepaart mit einem ebenso unverkennbaren Pop-Appeal. Die Streicher, das vorsichtige Schlagzeug und die schwelgerische Opulenz hätten auch gut zu dem Sound gepasst, den Nora Tschirner einst mit Prag unters Volk gebracht hat. Dazu ist natürlich allein ein Reim wie „Mach dir um mich bloß keine Sorgen, Tristan / ich bin an vielen Wochentagen nüchtern“ entzückend. Dass es bald schon wieder neues Material geben wird, ist angesichts der Produktivität von Tristan Brusch ziemlich sicher zu erwarten. „Mein Trick besteht darin, mich nicht lange mit der Produktion hochklassiger Demos aufzuhalten, sondern direkt mit den Voice-Memos meiner Songs ins Studio zu gehen und sie dort möglichst frisch mit der Band zu spielen und aufzunehmen“, erklärt er dazu. Im Frühjahr 2026 ist er erst einmal mit Am Anfang auf Tour und schaut am 27. März auch im UT Connewitz in Leipzig vorbei.

In zwei Wochen wird No Hard Feelings von The Beaches erscheinen, und mit den ersten Vorab-Tracks haben die Kanadierinnen bereits viel Vorfreude auf ihr drittes Album geweckt. Mit der neuen Single Lesbian Of The Year (***1/2) zeigen sich Jordan Miller (Gesang, Bass), Kylie Miller (Gitarre), Eliza Enman-McDaniel (Schlagzeug) und Leandra Earl (Gitarre) von einer anderen, einfühlsameren und sogar verletzlichen Seite. „Lesbian Of The Year handelt von der Scham, die ich empfand, weil ich mich erst spät geoutet habe – und von dem Druck, diesem liebevoll von meinen Fans verliehenen Titel auch gerecht zu werden“, sagt Earl. „Ich bereue es, mich nicht früher erkannt zu haben, aber das Lied handelt ebenso vom Weg zur Selbstentdeckung, von sexueller Identität und der Akzeptanz, dass jeder Mensch seinen eigenen Zeitplan hat. Wir alle kommen erst dann an, wenn wir ankommen.“ In der Ballade sind jahrelanger Schmerz (von „13 straight to 30“, heißt es) und Befreiung zu hören, Reue und Stolz – und im Sound finden The Beaches eine tolle Entsprechung dafür. Wie singen sie selbst so schön: „Better late than never.“

Alli Neumann bekommt im Clip zu Ich kann gar nichts (****) keine Trophäe überreicht, hat mit den eigenen Unzulänglichkeiten aber offensichtlich nicht das geringste Problem – und das ist natürlich gut so. Der Song ist textlich und musikalisch originell, die Attitüde ist kein bisschen entschuldigend („Ich stell schlaue Fragen“, ist schließlich bereits der kürzeste Weg zur Weisheit) und begreift die eigene Imperfektion vielmehr als reizvoll. Wie auf etlichen Songs des kommenden Albums Roquestar (erscheint am 12. September) sorgt ein Fagott (!) für die Basstöne, als weiteres Leitmotiv bezeichnet Alli Neumann, dass die zwölf Lieder „vom Willen, geliebt zu werden“ erzählen. Am 26. November schaut sie mit der Platte in Leipzig im Täubchenthal vorbei.

Jens Lekman war schon oft genug in Leipzig, um zu wissen, wie man den Namen der schönsten Stadt der Welt korrekt ausspricht: Leipzich. Einer der Besuche des Schweden in Sachsen erfolgte offensichtlich in seinem Nebenjob als Hochzeitssänger, zu dem er ziemlich unverhofft kam. 2004 hatte er den Song If You Ever Need A Stranger (To Sing At Your Wedding) veröffentlicht, und seitdem kommt es immer mal wieder vor, dass Fans dieses Angebot wörtlich nehmen und ihn engagieren, um bei ihrer Hochzeit aufzutreten. Aus einer dieser Begebenheiten hat er die wundervolle Single Wedding in Leipzig (****) gemacht. In den mehr als 10 Minuten Spielzeit zeigt Jens Lekman seine immense Musikalität (das Spektrum reicht in diesem Song von Latin zu elektronisch), vor allem aber seine ungestillte Neugier auf Menschen und ihre Geschichten. „Wedding in Leipzig ist ein Song, der nie enden wollte, er schrieb sich einfach weiter. Ich glaube, er war einmal 20 Minuten lang, bevor ich angefangen habe, ihn zu kürzen. Ich glaube, ich wurde beim Schreiben unbewusst von Lou Reeds Street Hassle inspiriert. In dem Song finden wir J, den Hochzeitssänger in unserer Geschichte, in einem ziemlich verzweifelten und verletzlichen Zustand, als er sich auf den Weg zu einem Hochzeitsauftritt in Leipzig macht. Dort wird er an den gefürchteten Single-Tisch gesetzt, an dem eine Gruppe von Einzelgängern und Sonderlingen sitzt. Und durch die Geschichten, die an diesem Tisch erzählt werden, beginnt er darüber nachzudenken, was es bedeutet, allein zu sein.“ Das Lied wird auf dem Album Songs For Other People’s Weddings zu finden sein, das am 12. September herauskommt und vom gleichnamigen Roman begleitet wird, den Lekman gemeinsam mit David Levithan geschrieben hat.

Bis in die Antike greifen Sorry zurück für die Inspiration zu ihrer neuen Single Echoes (****). In Ovids Metamorphosen war Echo eine unglücklich verliebte Nymphe, beim englischen Quintett geht es um einen Jungen, der auf Antwort aus der Dunkelheit hofft. Der Song ist der erste Vorbote für ihr drittes Album Cosplay (wird ab 7. November verfügbar sein) und ist umwerfend cool ungefähr in der Art, wie es auch Wet Leg sind: Der Sound ist nicht plakativ, laut und angeberisch, sondern gewinnt seinen Reiz aus dem Wissen um das eigene Können und den eigenen Wert. Zuletzt haben Sorry ihr Selbstvertrauen bei einigen Support-Shows für Fontaines D.C. noch einmal gesteigert. Da darf man auf die neue Platte mehr als gespannt sein.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

Alle Beiträge ansehen von Michael Kraft →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.