| Film | Jugend ohne Gott |
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|---|---|---|
| Produktionsland | Deutschland | |
| Jahr | 2017 | |
| Spielzeit | 117 Minuten | |
| Regie | Alain Gsponer | |
| Hauptdarsteller*innen | Jannis Niewöhner, Alicia von Rittberg, Emilia Schüle, Anna Maria Mühe, Fahri Yardım, Jannik Schümann | |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
In einer nicht allzu fernen Zukunft ist die Gesellschaft in zwei Klassen unterteilt: Die produktive Elite lebt im digitalen Wohlstand. Die anderen sind in Ghetto-ähnliche Sektoren verbannt, erledigen die Drecksarbeit und machen sich strafbar, wenn sie versuchen, ohne Genehmigung in die schöne, saubere Welt des α-Sektors einzudringen. Dort steht eine Schulklasse kurz vor dem Abschluss, die Besten aus ihren Reihen sollen sich in einem Trainingscamp in den Bergen beweisen, wo sie heiß begehrte Stipendien für die privat geführte Rowald-Universität ergattern können. Doch höchstens fünf aus der Gruppe werden die entsprechenden Zertifikate erhalten. Dazu werden beispielsweise körperliche Fitness, Intelligenz, Sozialkompetenz und Führungsqualitäten getestet. Zu den Kandidaten gehört Zach, der jedoch wenig Interesse an einem erfolgreichen Abschneiden zu haben scheint. Sein Vater hat sich kürzlich das Leben genommen, seitdem hinterfragt er den überall propagierten Leistungsgedanken und will lieber Zeit zum Nachdenken haben, als sich mit den anderen im Camp zu messen. Die ehrgeizige Nadesh himmelt Zach an – auch, weil er ein wenig aus der Reihe tanzt. Titus hingegen ordnet alles dem Erfolg unter, er hatte schon zuvor einen talentierten Mitschüler aus der Gruppe gemobbt, der aus einem der armen Sektoren kam. Die Gruppe wird von ihrem Lehrer begleitet und von einem Rowald-Team überwacht. Schnell kommen die jungen Leute in diesem Boot Camp an ihre Grenzen. Als Zach mit einem Mädchen namens Ewa anbandelt, das illegal im Wald lebt, sein Tagebuch gestohlen wird und es auch noch zu einem Todesfall kommt, eskaliert die Lage.
Das sagt shitesite:
Die AFD zieht erstmals in den Bundestag ein. Pegida ist regelmäßig auf den Straßen. Die Zahl rechter Straftaten steigt. Donald Trump will ein Einreiseverbot gegen Moslems, Marine Le Pen erreicht im französischen Präsidentschaftswahlkampf die Stichwahl gegen Emmanuel Macron, in Charlottesville wird eine Gegendemonstrantin beim Aufmarsch von Neonazis und White Supremacists getötet. All das sind Nachrichten aus dem Jahr 2017, als dieser Film herauskam. Solch ein Werk zu machen, das man durchaus als moralischen Appell an junge Menschen verstehen darf, und ausgerechnet in so einer Zeit auf den Bezug zum Nationalsozialismus zu verzichten, der in der 1937 veröffentlichten Romanvorlage von Ödön von Horváth so überdeutlich und prägend war, mutet zunächst beinahe bizarr an. Stattdessen hat Regisseur Alain Gsponer das Geschehen in die Zukunft verlegt. Ein genaues Jahr wird nicht benannt. Es ist aber klar, dass die Handlung nicht allzu weit von unserer Gegenwart entfernt angesiedelt ist.
Diese Entscheidung hat den Machern viel Kritik eingebracht, ebenso wie die auch sonst sehr freie Adaption. In der Tat bleiben im Plot nicht mehr allzu viele Gemeinsamkeiten mit dem Buch übrig: Es gibt junge Menschen in einem Zeltlager, es gibt einen Lehrer, es gibt einen Kriminalfall. Es gibt eine (inszenierte) Bedrohung von außen und eine (für das Publikum, jedoch nicht für die Protagonist*innen ersichtliche) Verrohung der Sitten. Doch der Ansatz, eine Dystopie zu zeichnen statt aus der Historie erzählt, dürfte die Umsetzung für ein junges Publikum attraktiver machen, ebenso die sehr schicke Ästhetik und der große Stellenwert digitaler Tools in diesem Film.
Mit etwas Abstand wird aber vor allem klar: Ein expliziter NS-Bezug ist hier gar nicht nötig. Stattdessen zeigt diese Umsetzung von Jugend ohne Gott die gemeinsame Grundlage von Faschismus und Neoliberalismus sowie die Verstärkungsmöglichkeiten, die das Internetzeitalter für beide Ideologien bietet, auf – und ist somit vielleicht sogar noch wirkungsvoller, in jedem Fall brennend aktuell auch angesichts der Nachrichten aus 2025.
Menschen haben hier keine angeborene Gleichheit und Würde, sondern müssen sich diese erst verdienen. Durch Produktivität und Identifikation, ebenso durch Unterordnung und Gehorsam. Dass dabei auch Herkunft eine Rolle spielt (also keineswegs eine Leistungsgesellschaft herrscht, in der alle mit ausreichend großem Talent und ausreichend ausgeprägtem Engagement auch gleiche Chancen haben), wird überdeutlich. Dass Opposition, Abweichungen oder auch bloß Rückzugsorte ausgeschlossen sind in einem solch totalitären System digitaler Überwachung, ist ebenso klar. Die Schülerinnen und Schüler in Jugend ohne Gott bekommen Peilsender unter der Haut, werden von Psychologen mittels Scores bewertet und bei ihren Challenges von Kameradrohnen begleitet. All dies ist integriert in eine diskriminierende und ausbeuterische Zweiklassengesellschaft, deren Legitimation höchst fragwürdig ist. Es wird entschieden, wer wertvoll ist und wer nicht, wer Rechte hat und wer nicht, wer Elite ist und wer Abschaum. Egal, ob man den Kinosaal im Blick hat oder ein Klassenzimmer: An Klarheit darüber, welche Weltbilder und welche Dynamiken hier verwerflich sind, mangelt es diesem Film in keiner Szene.
Genauso mutig ist der Ansatz, die Geschichte multiperspektivisch zu erzählen. Wir erleben das Geschehen nacheinander aus verschiedenen Blickwinkeln (von Nadesh, Zach, dem Lehrer und Titus). Das irritiert zuerst mächtig, ist dann aber sehr reizvoll, weil im Stile eines Thrillers immer neue Details sowohl zum Todesfall als auch zum sozialen Gefüge im Lager bekannt werden. Diese Herangehensweise geht allerdings ein wenig auf Kosten der inneren Konflikte zwischen Feigheit und Selbstlosigkeit, zwischen Komprimittierung und Idealismus, einschließlich der Zwänge, die sich zwischen diesen Polen entfalten. Sowohl das Ringen des Lehrers mit seinen Überzeugungen und Loyalitäten als auch Zachs innerer Aufruhr werden so zwar nicht unglaubwürdig, hätten aber mehr Aufmerksamkeit vertragen können.
Ein paar der Schwächen, die Jugend ohne Gott ebenfalls bereits beim Kinostart attestiert wurden, lassen sich indes auch mit mehr Abstand nicht leugnen. Auch wenn klar ist, dass hier die Stromlinienförmigkeit und Abgebrühtheit einer Generation gebrandmarkt werden soll, hätte die eine oder andere Figur doch ein paar Grautöne in all dem Selbstoptimierungs-Schwarz- und Rebellions-Weiß gebrauchen können. Dass in einem so leistungsfähigen Überwachungssystem wie dem Rowald-Camp trotzdem so viele Heimlichkeiten möglich sind, erscheint wenig plausibel. Und dass es für sämtliche weibliche Rollen nur die Ausprägungen „herzlose Domina“ oder „rehäugiges Naivchen“ gibt, ist auch ein Armutszeugnis.
Insgesamt gelingt hier aber ein reizvoller Genremix, der die Kernaussage des Romans in unsere Zeit holt.
Bestes Zitat:
„Es ist nicht gut, wenn man Geheimnisse hat.“
Der Trailer zum Film.

