Rosmarin Silhouetten Rezension

Rosmarin – „Silhouetten“

Künstler*in Rosmarin

Rosmarin Silhouetten Albumkritik
Rosmarin kommen aus dem Leoniden-Kosmos. Das hört man aber leider nicht.
Album Silhouetten
Label Four Music
Erscheinungsjahr 2026
Bewertung Foto oben: Fleet Union / Paul Strassner

Im Film Idiocracy aus dem Jahr 2006 spielt Luke Wilson einen amerikanischen Soldaten, der für ein Militärexperiment eingefroren wird. Er ist nicht besonders clever (sonst wäre er vielleicht auch kein Soldat geworden, und sonst hätte er sich wohl auch kaum als Versuchsperson für solch ein Experiment zur Verfügung gestellt). Aber als er nach 500 Jahren wieder aufwacht, wird er von allen als Genie betrachtet. Denn die Menschen um ihn herum sind in der Zwischenzeit durch Bequemlichkeit so dumm geworden, dass selbst intellektuelle Basics sie bereits überfordern. Statt selbst zu denken und eine Lösung für irgendein Problem zu finden, kaufen sie lieber eine Lösung. Sie werden durch Werbung manipuliert und von diversen Assistenz-Technologien so abhängig, dass sie längst nicht mehr zu einem eigenständigen Leben, zu Reflexion oder Kritik fähig sind.

Aus zwei Gründen muss ich beim heute erscheinenden Debütalbum von Rosmarin aus Kassel an diesen Film denken. Erstens zeigen Silas de Jong (Gesang), Luca Schocke (Tasteninstrumente), Lucas Schwedes (Gitarre), Noah Engel (Bass) und Janosch Powierski (Schlagzeug), wie schnell die Menschen ihre eigenen Fehltritte und Irrwege vergessen. Silhouetten klingt in vielen Passagen wie die schlimmsten Softrock-Sünden von vor 50 Jahren. Die Nähe zu Jazz ist hier ebenso erlaubt wie Lounge-Atmosphäre und sogar Saxofone. Zwei Generationen nach Acts wie Chicago, Air Supply, America oder Bread sollten wir es eigentlich besser wissen.

Zweitens ist die Musik des seit 2022 aktiven Quintetts so eindimensional und offensichtlich, dass man ebenfalls hinterfragen darf, wie viel geistiges Vermögen sie ihrem Publikum zutraut. Es gibt in diesen Liedern keine Poesie, keinen Zauber und kein Geheimnis, auch keinen Dreck und keine Abgründe. Alles ist immer genau so, wie es ausgesprochen wird – und umgekehrt. „Du weißt, er ist nicht gut genug / aber du liebst ihn trotzdem”, ist ein Beispiel für diese arg expliziten Verse in Nicht so wie du. Wenn Sehnsucht besungen wird wie in der Single Was ich mein, dann resultiert daraus: „Mit ihr wär’ alles leicht / da, wo sie grad ist, würd’ ich auch gern sein“. Wenn es philosophisch werden soll wie in Boot, das sich musikalisch irgendwo zwischen Cro, Jamiroquai und Giorgio Moroder einrichtet, geht es nicht über „Setz‘ mich in ein Boot / Lass’ es einfach treiben / ist die Welt zu groß oder ich zu klein?“ hinaus.

Am besten gelingt noch Weit weg, in dem Emma Rose mitsingt, weil durch ihre Stimme eine zusätzliche Facette und trotz des Easy-Listening-Charakters auch Spannung aufkommt, wie das etwa die frühen Cardigans hinbekommen haben. Auch hier ist der Text allerdings denkbar offensichtlich. „Ich sitz’ auf’m Campingstuhl / und starre direkt in die Luft / Himmel sternenklar / ich fühl’ mich klein und geh’ geduckt / du bist so weit weg, weit weg.“ Riss im Telefon setzt im Sound auf den Wohlklang von vor 20 Jahren (etwa Eskobar oder Zoot Woman). Blume (aus dem Garten gegenüber) ist angenehm, aber auch völlig belanglos. Leere Worte, das im Text zwischen Deutsch und Englisch changiert, wird opulent und ambitioniert, bleibt aber hohl.

Die Instrumentalstücke wirken angeberisch (Reise) oder überflüssig (alle anderen). Wenn es Texte gibt bei Rosmarin, wimmeln diese vor pseudo-tiefgründigen Begriffen wie Blumen, Narben, Sternen. Aber alles auf Silhouetten bleibt bloß Oberfläche. In Kombination mit dem cheesy Sound wirkt das oft wie die akustische Entsprechung eines Instagram-Accounts: Alles will bestaunt werden und bewundert, will glänzen und gut aussehen. Aber nichts davon ist es wert, seine Aufmerksamkeit dafür zu verschwenden.

Im Video zu Lila/Grün (nicht auf dem Album) gibt es, jaja, lila und grün.

Rosmarin bei Spotify.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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