| Künstler*in | Sébastien Tellier |
|
|---|---|---|
| Album | Kiss The Beast | |
| Label | Because Music | |
| Erscheinungsjahr | 2026 | |
| Bewertung | ![]() |
Foto oben: Beats International |
Vielleicht ist das umgekehrt genauso: Wenn ein Mensch aus Frankreich eine deutsche Stimme singen hört, begleitet von lauten Gitarren, dann heißt die Assoziation wahrscheinlich “Rammstein”. Wird der Gesang mit Elektronik kombiniert, ist es “Kraftwerk”, und bei Powerpop wird vielleicht “Nena” als Vergleich heraufbeschworen. Weil das halt die wenigen Acts sind, die man aus dem Nachbarland kennt – unabhängig davon, ob sie als Bezugspunkte für die jeweilige Musik tatsächlich passen.
Hört man das siebte Studioalbum von Sébastien Tellier (mit deutschen Ohren), dann kann man kaum anders als zu ertrinken in Frankreich-Referenzen. Man muss an Air denken und an Justice, auch an Serge Gainsbourg. Man kann sogar Parallelen zu Mode und zum Kino der Nouvelle Vague finden. Und natürlich fragte man sich dabei: Würde ich das alles auch so wahrnehmen, wenn der Typ nicht (größtenteils) auf Französisch singen würde? Falle ich hier auf meine eigenen Klischees herein?
Für Entwarnung kann sorgen, dass die benannten Bezugspunkte tatsächlich eine Verankerung im Leben und in der Ästhetik von Sébastien Tellier haben. Der Mann, der in drei Wochen 50 Jahre alt wird, hat Remixe für Justice gemacht, er hat zu Beginn seiner Laufbahn im Vorprogramm von Air gespielt, er war offizieller „Ambassodor“ für Chanel und er hat allein seit seinem letzten Longplayer Domesticated (2020) an drei Filmsoundtracks gearbeitet. Nicht zuletzt hat er sich 2008, als er sein Heimatland beim Eurovision Song Contest vertrat, in einem Interview als “der neue Gainsbourg” tituliert.
Kiss The Beast ist somit einerseits „tellement français“. Andererseits hat die Platte unverkennbar internationales Flair. Die zwölf Songs sind entstanden zwischen Paris und London, aufgenommen wurde unter anderem mit den Produzenten Oscar Holter (Schweden) und Daniel Stricker (Australien), der Kanadier Owen Pallett steuert die durchweg unfassbar tollen Streicher bei. Bei Thrill Of The Night wirken US-Sängerin Slayyyter und Chic-Gitarrist Nile Rodgers mit und kreieren zusammen einen Synthiepop, der in den Eighties gut zu Kylie Minogue gepasst hätte, aber auch an Acts neueren Jahrgangs wie etwa Annie denken lässt. Kid Cudi aus Cleveland rappt als Gast in Amnesia zu einem unsteten Beat, am Ende wird das Lied opulent, fast größenwahnsinnig.
Der Titeltrack eröffnet Kiss The Beast mit Miami Vice-Ästhetik, Vocoder-Chor und der Erkenntnis „Sometimes I kiss your lips / somehow I kiss the beast”, was höchstwahrscheinlich dasselbe meint. Das folgende Naif de coeur ist noch mehr ambient und ziemlich traurig, aber auf eine seltsam hoffnungsvolle Weise. “Ich bin zärtlich und verträumt“, heißt es, wenn ich richtig übersetze, und das passt perfekt zum Eindruck von Schlafzimmermusik, inklusive verwehtem Saxofonsolo. Der Song zeigt (noch mehr in der akustischen Version, die es als Bonustrack gibt), wie stark die Melodien von Sébastien Tellier sind, und wie wandlungsfähig seine Stimme sein kann.
Noch mehr glänzt er hier aber wieder als Genre-Tausendsassa, Multiinstrumentalist und Studio-Crack. So häufig diese Stücke einlullend und harmlos klingen, so geschickt schafft er es, Spannung hineinzubringen und zu halten. In Refresh gelingt das durch mehr Schwung und Punch, die Zeile „Enjoy the new progress“ klingt beinahe, als würde hier noch jemand tatsächlich an die Zukunft glauben. Im experimentellen Loup flirrt alles rund um eine spanische Gitarre herum, fast genau zur Halbzeit explodiert das Lied dann kurz in einen sehr kraftvollen Jazz-Dance-Ausflug, später noch ein zweites Mal. Romantic ist ein beinahe instrumentaler Funk, Parfum Diamant bleibt ganz reduziert, bis es sich gegen Ende ein paar Extravaganzen wie leise Breakbeats und ein Panflötensolo gönnt.
Auch Mouton darf man gerne mit dem Attribut „fou“ kennzeichnen: Man wird nicht viele Lieder finden, in denen das „Mäh“ eines Schafes, eine Harfe und ein Slap-Bass aufeinandertreffen, und die dabei trotzdem vollkommen angenehm klingen. Copycat erweist sich schließlich als so etwas wie der Sweet Spot, der irgendwo zwischen Justice (Beat und Effekte) und Alex Cameron (die gewollte Schmierigkeit) existiert – auch, wenn man das gar nicht für möglich gehalten hätte.
Was an Kiss The Beast und der Musik von Sébastien Tellier insgesamt so reizvoll ist, zeigt vielleicht Animale am deutlichsten: Es ist eine zauberhaft arrangierte Klavierballade. Es ist tolle Popmusik – egal, in welcher Sprache und mit welchem Referenzsystem.


