Auch zum Fest der Liebe kann man nicht alle liebhaben. Der Papst mag an Heiligabend noch so oft seine Friedensbotschaft predigen – aber es hilft niemandem, wenn alle bloß brav den Worten eines alten, katholischen Mannes folgen. Und: Weihnachten darf durchaus auch eine Party sein, im Sinne von: laut, wild, hemmungslos. 6euroneunzig teilen diese Überzeugung auf ihrer neuen Single Hoe Hoe Hoe (***1/2) mit krachigen Beats und ohne die geringste Lust, sich vor lauter Besinnlichkeit das Wort verbieten zu lassen. Die beiden „Bitches auf dem Weg zur Party“ (Selbstbeschreibung) stellen fest „Meine Wishlist ist länger als der Schwanz vom Weihnachtsmann“, und zugleich machen sie klar, wie sinnlos es ist, Konsum als Ersatz für Glück zu versuchen, egal ob im Geschenke-Wahn, bei viel zu aufwendigen Adventsfeiern oder dem übertrieben ausgiebigen Festschmaus. Man kann da eine Traditionslinie zu Tic Tac Toe erkennen, natürlich auch zu den Toten Crackhuren im Kofferraum, man kann es auch „einfach in-die-Fresse-Musik, die eine Message vermittelt und trotzdem tanzbar ist“, nennen, wie Kat und Nina das tun. Hoe Hoe Hoe ist ein weiterer Vorgeschmack auf Fotzen an die Macht, die EP erscheint am 6. Februar 2026 und wird neun Tracks enthalten (mit dem neuen Weihnachtssong sind jetzt sechs davon bereits veröffentlicht). Am 17. April kann man 6euroneunzig dann in Leipzig im Werk 2 erleben.
Der Weg zu Mariybu ist nicht weit, schließlich hatten 6euroneunzig mit ihr zuletzt ein Feature namens Pussypop gemacht. Auch die Berlinerin hat nun eine Weihnachtssingle am Start, nämlich Merry Christmas LEL (****), gemeinsam mit sarah4k. Sound und Inhalt sind ebenfalls durchaus vergleichbar: Es gibt Hyperpop, der am Ende noch einmal richtig heftig wird, und derbe Zeilen wie „Alle fressen, saufen, kotzen / damit keiner mehr was fühlt.“ Auch hier geht es um dämliche alte Männer, um Konsumterror und Heuchelei, gipfelnd in der Quintessenz „Fick das Fest“. Nach dem 2023er Debütalbum Slaybae wird Mariybu am 14. Mai (übrigens Herrentag, ausgerechnet) ihre neue Platte Frech herausbringen, komplett selbst produziert und geschrieben. Am 2. Oktober kann man sie dann ebenfalls im Werk 2 live in Leipzig sehen.
Madsen haben schon im vergangenen Jahr ein komplettes Album als Die Weihnachtsplatte veröffentlicht. Zum darauf enthaltenen Merry Christmas To Me (****) gibt es jetzt ein neues Video. Es geht darin um einen Weihnachtsmann, der nirgends mehr Wertschätzung erfährt und deshalb am Heiligabend ziemlich gefrustet seinem Job nachgeht. Das passt toll zur Message des Songs: Es geht zum Fest nicht um Glühwein und Geschenke, sondern um Geben und Gemeinschaft. Dazu kommen nette Details wie das schicke T-Shirt von Schlagzeuger Sascha Madsen mit gleichzeitigem Journey- und Weihnachtsbezug oder der Coca-Cola-Diss. Zusätzliches Geschenk: Wahrscheinlich darf man 2026 mit einem neuen Album von Madsen rechnen, in jedem Fall haben sie gerade reichlich Tourtermine für den Sommer angekündigt (Leipzig ist als Station bisher leider nicht dabei).
Auch Oehl hat sich jetzt an ein ganzes Weihnachtsalbum gewagt. Dunkle Magie enthält 13 Lieder, die meisten davon hat der Österreicher selbst komponiert. Mit seinen „Oehl du fröhliche“-Adventskonzerten hat er sich schon in den vergangenen Jahren als Fan der Weihnachtszeit erwiesen, insofern passt das wunderbar. „Wir leben in einer Zeit, in der wir als westliche Gesellschaft den Glauben an Übernatürliches größtenteils abgelegt haben. Weihnachten ist jener seltene Moment, in dem die Dunkelheit nicht droht, sondern behütet; in dem die Magie nicht übernatürlich, sondern handfest ist. Für Kinder ist Weihnachten magisch, und wir Erwachsene feiern Weihnachten vor allem, um den kindlichen Zauber unserer Erinnerung zu beschwören“, sagt er. Entsprechend sind Nostalgie und kindliche Sehnsucht die dominierenden Themen der Platte, die auch Features mit Tristan Brusch und Die Heiterkeit bietet. Die Single Als wir uns liebten (***1/2) handelt hingegen von Liebeskummer, der sich in dieser Zeit des Jahres natürlich noch fieser anfühlt. Der dezente Sound mit Klavier, Gitarren und Bläsern ist durchaus typisch für Dunkle Magie, das Oehl fast ausschließlich mit Equipment und Instrumenten aus den 1960er Jahren aufgenommen hat.
Zum Schluss ein Aufeinandertreffen, das man nicht unbedingt erwartet hätte: Klassik-Star Lang Lang, der sich sonst den Werken von Beethoven, Chopin oder Mozart widmet, hat seine eigene Version von In der Weihnachtsbäckerei (***) herausgebracht, dem Kinderlied aus der Feder von Rolf Zuckowski. „Ich habe mich gefreut, meine ganz persönliche Interpretation dieses deutschen Weihnachtsklassikers einzuspielen! Ich mag die Weihnachtsstimmung und Adventstradition gerade in Deutschland: Denn es geht um Familie und Liebe“, sagt der chinesische Pianist. „Beim Spielen dieses Stücks spüre ich eine besondere Wärme – und genau dieses Gefühl möchte ich mit allen Zuhörern teilen. Ich wünsche mir, dass diese Musik ein Lächeln in die Gesichter zaubert und die Herzen aller mit dem Zauber der Festtage füllt.“ Der Autor des Songs hat das Lied zuletzt in der ARD-Sendung Das Advenstfest der 100.000 Lichter gemeinsam mit Lang Lang und einem Kinderchor performt. Er zeigt sich ziemlich angetan von dieser Zusammenarbeit und der neuen Version: „Ich war überrascht über die Möglichkeit, mein Kinderlied in einer so hochklassigen Interpretation zu hören“, sagt Rolf Zuckowski. „Dass mein kleines Lied nun eine so große Ehre erfährt, dass sich durch Lang Lang eine Tür in die Welt der Klassik öffnet, bewegt mich sehr, macht mich ein wenig sprachlos und vor allem dankbar.“ Die Neuauflage als reines Klavierstück ohne Gesang zeigt die Stärke der Melodie und die Vielfalt der musikalischen Facetten, die im Original stecken. Und ganz überraschend ist dieser Take vielleicht dann doch nicht: Lang Lang spielt beispielsweise auf seinem aktuellen Album Piano Book 2 reichlich sehr populäre Stücke, und er hat auch schon Disney-Soundtracks oder die Musik aus Videospielen in sein Repertoire aufgenommen.
