Corona-Musik 11 mit Faber, Sophie Hunger, Dino Brandão, Razz, Laura Jane Grace, Turbostaat und AnnenMayKantereit


Faber Sophie Hunger Dino Brandão Derfi di hebe Review Kritik

Aus einer spontanen Session wurde bei Faber, Dino Brandão und Sophie Hunger ein ganzes Album.

Der See, der Uetliberg, das Limmatquai, das Centre Le Corbusier, das MoneyMuseum oder eine der mehr als 100 Galerien: Zürich bietet in normalen Zeiten mehr als genug Möglichkeiten zum Zeitvertreib, sowohl für die Einwohner als auch für Touristen. Im Lockdown hingegen kann es auch dort schon einmal langweilig werden. Das haben auch Faber, Sophie Hunger und Dino Brandão bemerkt, als sie dort festsaßen. Eigentlich hatten sie alle eigene Projekte geplant, Tourneen oder neue Platten. Doch all das lag, wie bei so vielen anderen Acts, vorerst auf Eis. Frischer Wind kam in ihr kreatives Leben, als der Zürcher Radio-Sender GDS.fm sie in eine verwaiste Bar einlud, aus der man seit Beginn der Pandemie-bedingten Einschränkungen sendete. Das führte zuerst zu einer Probe in der WG-Küche von Julian Faber und Dino Brandão, dann zu einer gemeinsamen Radio-Session, schließlich zur Erkenntnis: Das passt. Es fühlte sich an, als könnte aus der vom Zufall initiierten Zusammenarbeit eine Band werden. Am Ufer des Zürisees erarbeiteten sie gemeinsames Material, Anfang August spielte das Trio in der Roten Fabrik der größten Stadt der Schweiz seine ersten Auftritte, direkt danach reisten sie nach Südfrankreich, um innerhalb von einer Woche ein Album aufzunehmen. Das Ergebnis wird am 11. Dezember erscheinen und Ich liebe Dich heißen. Passend zu Entstehungsgeschichte und -ort sind die zwölf Eigenkompositionen in Mundart verfasst wie die Single Derfi di hebe (***1/2), die voller Wärme ist und dabei auch den Geist von Gemeinschaft, Freiheit und Abenteuer atmet, den auch der an ein Urlaubsvideo erinnernde Clip verströmt. „Uns verbindet eine Freundschaft, die sich nicht nur über die gemeinsame Herkunft, das geteilte Tourleben, die durchwachten Nächte erklärt. Es gab schon immer einen dramatisch-romantischen Stil, der uns auch musikalisch verband. Selbstironische Schwermut, die unbedingte Verteidigung der Leidenschaft und das Prinzip Hingabe sind Elemente, die unsere Lieder prägen. Diese gemeinsame DNA zu multiplizieren war Ausgangspunkt für dieses Album“, teilt das Trio mit. Jeder steuerte dabei auch Instrumente bei, die normalerweise nicht ihr Metier sind. „Dieses Album ist der Versuch, die Liebe zurück ins Zentrum der Wirklichkeit zu holen. Der Kälte und Distanz unserer Zeit, Wärme und Geborgenheit entgegenzusetzen.“

 

Auch Laura Jane Grace hat die Pandemie-Pause für einen Ausflug in neue Gefilde genutzt. Eigentlich sollte im Frühjahr das nächste Album ihrer Band Against Me! aufgenommen werden, die Songs waren schon fertig. Doch dann kam der Lockdown, und sie war von dieser Band ebenso getrennt wie von The Devouring Mothers, mit denen sie ebenfalls musiziert. Schnell wurde ihr klar, wie schwer das Leben ohne Musik für sie war. Die Lösung war ein Soloalbum mit dem bezeichnenden Titel Stay Alive, aufgenommen innerhalb von zwei Tagen mit Steve Albini in ihrer Heimatstadt Chicago, mit einer akustischen Gitarre und einem Drumcomputer als einzigen Instrumenten. Es ist seit 1. Oktober digital verfügbar und wird am 11. Dezember auch auf Vinyl und CD erscheinen. „Ich muss diese Songs veröffentlichen, um am Leben zu bleiben. Es ist einfach egal, was andere über dich denken, gerade jetzt. Bleib einfach am Leben“, sagt die Sängerin. Mit The Swimming Pool Song (***) gibt es nun eine neue Kostprobe daraus. Es geht darin keineswegs um die Sehnsucht nach Urlaubsreisen oder Umbeschwertheit, sondern um ein von Geistern heimgesuchtes Schwimmbad. „Wie so oft im Traum ist das, wovor man wegläuft, gar nichts, wovor man Angst haben muss. So oft im echten Leben trügt einen der erste Eindruck davon, wie die Dinge laufen werden“, erklärt sie zum Hintergrund des Songs, der ebenso kraftvoll wie intensiv ist. Nicht nur für das eigene Überleben sieht Laura Jane Grace die neue Platte als wichtigen Schritt: „Jetzt Songs zu veröffentlichen, bedeutet, dass das Label arbeiten kann, dass Fotos und Artwork gemacht werden müssen, dass Merchandise produziert wird. Die Songs helfen dabei, diese Gewerke am Leben zu halten“, sagt Grace. „Jeden Tag hören wir von Menschen, die ihre Jobs verlieren, von Läden, die schließen müssen, davon, dass alles zusammenbricht. Das Einzige, was ich dagegen tun kann, ist zu arbeiten.“

Schon seit Januar ist Uthlande verfügbar, das aktuelle Album von Turbostaat. Ein besonderer Moment darauf ist Stormi (****), in dem sie einem Typen huldigen, der eine schilldernde Gestalt in ihrer Jugend (und zufällig auch der Urenkel von Theodor Storm) war. Zugleich ist das Lied auch eine Hymne an ihre Heimatstadt Husum mit ihren „nebelschweren Häusern“. Die Zwangspause, die Covid-19 ausgelöst hat, nutzt die Band nun, um dem Song ein schickes Video zu verpassen. Dafür haben sie mit Krajamine zusammengearbeitet. „Mitten im ersten Lockdown fand ich mit der Idee, ein Video für Stormi machen zu dürfen, etwas, das mir in dieser Zeit voller Ungewissheit die Möglichkeit gab, eine andere Welt zu erschaffen. Fern von Corona, fern von politischen Katastrophen, auch wenn Stormis Welt ihrerseits keine helle und freundliche ist“, sagt die Künstlerin aus Erfurt. „Für dieses Video bin ich nach Husum gereist, hab mich in der Geschichte der fünf Turbostaat-Jungs umgetrieben, bin monatelang in den Bildern einer Stadt versunken. Für mich ist das Projekt am Ende nicht nur Visualisierung eines fantastischen, traurigen Songs: es ist monatelanger Eskapismus.“ Ihr Schwarz-Weiß-Clip passt perfekt zur sehr individuellen, kraftvollen Melancholie von Stormi, zu der ein Kinderchor ebenso beiträgt wie reichlich Rockdrama und lyrische Anspielungen auf historische norddeutsche Balladen, wie sie auch Achim Reichel so gerne vertont hat. Ohne es zu ahnen, haben Turbostaat natürlich auch eine schlaue Handlungsempfehlung für die Panemie reingepackt: “Und die meiste Zeit gehst du auch gern allein.“

Razz sind nach den beiden Alben With Your Hands We’ll Conquer und Nocturnal nach Berlin gezogen. Dort erlebten sie seit März natürlich nicht nur mit, wie eine lebendige Party-Metropole lahmgelegt wurde, sondern waren auch im Epizentrum der politischen Entscheidungen zur Eindämmung der Pandemie und nicht zuletzt hautnah am Corona-Wahnsinn von Querdenken und anderen Deppen, wie er sich etwa in der Demonstration Ende August mit zehntausenden Teilnehmenden offenbarte. „Es ist erschreckend zu sehen, wie sich einige Menschen auf unseriöse Quellen verlassen, ohne diese zu hinterfragen und von Verschwörungstheorien in den Bann gezogen werden. Die Tatsache, dass ein Virus so sehr zur Spaltung der Gesellschaft beitragen kann, ist beängstigend. Zusammenhalt und das Vertrauen in die Wissenschaft sind dabei definitiv sinniger als ignoranter Egoismus und tendenziöse Panikmache“, sagt Sänger Niklas Keiser über die Erkenntnisse aus dieser Zeit. Sie sind auch prägend für die neue Single 1969 – Conrad (***). „Bang my head against the wall / I’m tired of it“, heißt die zentrale Zeile zu einem Sound zwischen Heiterkeit und Drive von Two Door Cinema Club und ein bisschen Eighties-Ästhetik und Melodrama à la Hurts. Es ist der erste neue Song von Razz seit drei Jahren, ein Album ist noch nicht in Sicht.

Ganz ohne Vorwarnung haben AnnenMayKantereit im November ihr Album 12 veröffentlicht. Das ist natürlich erstaunlich für eine Band von ihrer Prominenz (die ersten beiden Alben des 2011 in Köln gegründeten Trios erreichten Platz 1 bzw. 2 in den deutschen Charts und mehrfache Goldauszeichnungen). Der Überraschungseffekt passt zur recht ungewöhnlichen und spontanen Entstehung der Platte im Frühjar 2020, in der akuten Phase der ersten Corona-Welle. „Dementsprechend düster sind einige der Lieder“, sagen Henning May, Severin Kantereit und Christopher Annen. „Insgesamt ist das neue Album sehr von den Wochen geprägt, in denen es entstanden ist. Per Video-Call. Per Telefon. Per Mail und in Chatverläufen. Christopher war im Proberaum, Severin im spontan aufgebauten Homestudio und ich hatte die Gelegenheit, an einem desinfizierten Klavier zu arbeiten“, sagt Henning May. Als man sich im Mai wieder treffen durfte, wurden die Songs bei einer Session in der Eifel weiterentwickelt – erst danach wurde ihnen selbst klar, dass sie womöglich ein neues Album in den Händen hatten. Ein Song wie Gegenwart (****) zeigt sowohl den Schock, den die Wucht der Pandemie ausgelöst hat, als auch die Überforderung, mit der neuen Situation klarzukommen. Einsamkeit und Erschütterung treffen hier auf die Frage, ob man angesichts all der anderen Katastrophen auf der Welt überhaupt das Recht hat, sich zu beklagen, und nicht zuletzt auf die krampfhafte Hoffnung, dieser Ausnahmezustand sei nur vorübergehend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.