Corona-Musik 31 mit Archers Of Loaf, Nightlands, Gregor McEwan, Sean Nicholas Sabage und Jona:s


Archers Of Loaf In The Surface Noise

Nach 23 Jahren gibt es ein neues Album der Archers Of Loaf. Foto: Cargo Records / Kate Fix

Als die Archers Of Loaf bei ihren sporadischen Reunion-Shows im Jahr 2015 merkten, dass sie immer noch gut miteinander klar kommen, wollten Eric Bachman (Gesang/Gitarre), Eric Johnson (Gitarre), Matt Gentling (Bass) und Mark Price (Drums) das kreative Süppchen gerne auch mit neuem Material am Köcheln halten. Aber Bachman kam einfach nicht zu brauchbaren Ergebnissen. „Um Texte und Songs für Archers zu schreiben, musste ich mir vorstellen, dass ich dieser wütende, weiße, griesgrämige College-Typ bin, der Kapitalismus und Konsumismus hasst und ein gebrochenes Herz hat. Er ist verbittert über Beziehungen, also macht er sich über Dinge lustig, um cool zu wirken“, erklärt er die Ursache dafür. „Mit zunehmendem Alter bin ich nicht mehr ganz so, aber dieser Typ ist noch ein Teil meiner Persönlichkeit. Ich war einfach nicht begeistert davon, ihn wieder zu beleben. Ich habe diesen Typen als Ausgangspunkt benutzt, um mich selbst aus der Reserve zu locken, aber im Laufe des Schreibens der eigentlichen Songs ist er schließlich verschwunden.“ Das hing auch mit den Umständen zusammen, die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöst wurden. Bachmans Ehefrau arbeitete als Krankenschwester auf einer Intensivstation, er selbst wurde zum Hausmann und Vollzeit-Vater eines kleinen Sohnes. „Ich bin 51, ich mache Musik seit ich 14 bin. Ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt seit ich 22 bin, das sind 37 Jahre. Als die Pandemie begann, konnte ich das zum ersten Mal nicht mehr tun. Das war ein massiver psychologischer Rückschlag, so sehr, dass ich Hilfe brauchte. Ich hatte bereits ein Problem mit Selbstmordgedanken, weil ich ständig an diesen Scheiß dachte. Und ich schäme mich nicht, das zu sagen. Tausende und Abertausende von Menschen haben das gleiche Problem. Wie auch immer, all das ist in die Songs eingeflossen.“ Einer davon ist die Single In The Surface Noise (***1/2), Vorbote auf das neue Album Reason In Decline, das am 21. Oktober als erstes neues Studio-Album der Band aus North Carolina seit 24 Jahren erscheinen wird. So zahm die Instrumente offenkundig im Videoclip bedient werden, so viel Feuer hat das Lied am Ende. Der originelle Mittelteil ist dabei ebenso stark wie der wohl niemals versiegende Glaube an die Kraft des Aufruhrs, die Eric Bachman beschwört: „Wir hatten nicht die Absicht, dass dieser Song politisch sein sollte. Er wurde aus einer sehr persönlichen Perspektive geschrieben. Aber wie es manchmal passiert, war der Text am Ende universeller.“ Eine sehr willkommene Rückkehr.

Auch Dave Hartley von The War On Drugs ist in den vergangenen Monaten zwischenzeitig zum Hausmann geworden, zunächst freiwillig, dann erzwungen durch die Folgen der Corona-Pandemie. Er ist aus Philadelphia ins deutlich beschaulichere Asheville, North Carolina, gezogen, in ein hundert Jahre altes Haus in den Bergen. Dort ist er zweifacher Vater geworden und hat sich in einer hruntergekommenen Scheune auf seinem Grundstück ein Studio eingerichtet. Als er beginnen wollte, dort an neuer Musik für sein Dream-Pop Nebenprojekt Nightlands zu arbeiten, schlug der Lockdown zu. Statt ein bisschen mit anderen Musiker*innen experimentieren und ohne Zeit- und Kostendruck an gemeinsamen Ideen arbeiten zu können, war er ganz auf sich gestellt. Er scheint die Aufgabe gemeistert zu haben, denn seit zwei Wochen steht Moonshine in den Läden, das neue Album von Nightlands. Der Titelsong (***) lebt vor allem vom Kontrast zwischen dem recht üppigen Harmoniegesang à la Chicago im Refrain und einem ganz sparsamen E-Piano in der Strophe. Und mit Saxofonist Joseph Shabason und einigen Bandmitgliedern von The War On Drugs haben es (auf digitalen Kanälen) dann doch auch noch ein paar Gäste auf sein neues Werk geschafft.

Von all den vielen talentierten Künstler*innen, denen Corona einen Strich durch die Rechnung für ihre kreativen Projekte, ein halbwegs sicheres Gehalt zum Wunschtraum oder gleich das gesamte zarte Karriere-Pflänzchen kaputt gemacht hat, dürfte es Gregor McEwan womöglich besonders hart getroffen haben. Nicht nur, dass er zuletzt eine Veröffentlichung zu jeder Jahreszeit samt dazugehöriger Tour geplant hatte, was sich natürlich nicht mehr wie vorgesehen umsetzen ließ. Unter seinem bürgerlichen Namen Hagen Siems ist der Künstler aus Haltern am See auch in einer Konzertagentur tätig, war also dort ebenfalls vom flächendeckenden Zusammenbruch des Livemusik-Geschäfts betroffen. Wir sehr das alles an ihm nagt, zeigt die neue Single Anthem For The Year 2020 (***1/2). Der Titel spielt auf einen Song von Silverchair aus dem Jahr 1999 an, die Themen sind allerdings hoch aktuell und auch im vierten Jahr der Pandemie noch sehr präsent. Gregor McEwan besingt all die Dinge, die man in der Corona-Zeit so sehr zu schätzen gelernt hat, weil man sie so sehr vermisst, von Reisen über Ausgehen bis hin zu einem regelmäßigen Einkommen, von Konzerten über Umarmungen bis hin zum Büroplausch mit den Kolleg*innen. Durch das minimalistische Arrangement mit Akustikgitarre und Gesang wird der Gedanke angedeutet, dass all dies auch eine Möglichkeit zu Entschleunigung und Besinnung ist, doch wie sehr hier Sehnsucht, Wehmut und auch Wut überwiegen, zeigen sowohl die Refrainzeilen „2020, just go and fuck yourself / I don’t ever want to see you again“ als auch die Mundharmonika, in der all der Schmerz aus viel zu vielen Corona-Monaten steckt.

Sogar klinisch relevant wurde die Belastung während der Pandemie für Sean Nicholas Sabage. Der in Kanada geborene Mittdreißiger hatte sein letztes Album noch Life Is Crazy genannt, halb verwundert, halb optimistisch. Als dann aber Covid-19 mehr und mehr die Herrschaft über unser aller Alltag übernahm, erkrankte er an einer Depression, die seine sonst so üppig sprudelnden Ideen versiegen ließ. Wie er sich – unter anderem mit Unterstützung seines Freundes Mac DeMarco, der auch produziert hat – aus dieser Phase herausgearbeitet hat, erzählt sein 15. Studioalbum Shine, das er in Los Angeles aufgenommen hat. Der Titelsong (***) zeigt, wie viel Sensibilität Sean Nicholas Sabage dabei an den Tag legt, und wie viel Wille zur Hoffnung dabei in ihm steckt. Wer sich Wet Wet Wet schon immer in einer Existenzkrise vorstellen wollte, ist hier richtig.

Für Jona:s hingegen könnte Corona den Beginn seiner Karriere einläuten. Er veröffentlicht heute seine Debüt-EP, die er VHS genannt hat. „Ich wollte etwas Kurzes, was nach Nostalgie klingt und persönlich ist. Wie ein altes VHS-Tape, das man bei den Eltern auf dem Dachboden findet, mit 1000 Kindheitserinnerungen“, erklärt er diesen Titel. Vier der fünf darauf enthaltenen Lieder hat er 2020 während des Lockdowns geschrieben, der ihm einen Push in puncto Selbstreflexion gegeben hat. „Als ich angefangen habe, Songs zu schreiben, hab ich immer sofort über die Sachen geschrieben, die mir in dem Moment passiert sind. Als dann der erste Lockdown kam und wirklich gar nichts mehr passiert ist, hab ich mich hingesetzt und überlegt, worüber ich wirklich schreiben will und bin dadurch das erste Mal zum Kern vorgedrungen. Dabei ist dann die EP entstanden.“ Goldfischglas (**1/2) ist das Lied, das die Folgen der Pandemie besonders explizit thematisiert, Jona:s besingt darin das Gefühl, in den eigenen vier Wänden eingeschlossen zu sein, was sich wahlweise wie ein Zwang oder eben sehr bequem anfühlen kann. „Ich habe im September 2021 einen Roadtrip gemacht, auf dem ich viele Freund:innen in ganz Deutschland besucht habe. Auf diesem Trip habe ich gemerkt, dass ich mich unter anderen Menschen am wohlsten und fast schon mehr zu Hause als in meinem eigenen Zimmer fühle. Zwei Tage nach meiner Rückkehr sah das schon wieder ganz anders aus und ich wollte mein Zimmer fast nicht mehr verlassen. Das hat mich dazu gebracht, den Song zu schreiben, quasi als Versuch, diese Emotionen in Worte zu fassen.“ Mit origineller Gitarrenarbeit, etwas nuscheligem Auto-Tune-Gesang, ein paar guten Textideen und einer zappeligen Atmosphäre klingt das sehr jung und nach genug Potenzial, um auch nach der Pandemie noch für Aufmerksamkeit sorgen zu können.

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