Corona-Musik 5 mit Dan Owen, AB Syndrom, Kyd The Band, PABST und Oehl


Oehl Band Duo

„Im Spiegel“ betrachten Oehl sich selbst und ihre Musik. Foto: Check Your Head / Alexander Gotter

Oehl sind ein isländisch-österreichisches Duo, bestehend aus Ariel Oehl und Hjörtur Hjörleifsson. Auch sie haben natürlich das Problem, dass zur Promotion ihres Debütalbums Über Nacht (ist seit Ende Januar draußen) diverse Möglichkeiten, vor allem der Live-Kontakt zu Fans, weggebrochen sind. Als Ersatz dafür wollen sie nun Social Media nutzen: Ihre Fans sollen die Lieder von Über Nacht neu interpretieren und über Instagram, Facebook und Youtube verfügbar machen. „Man brütet monatelang über den Songs, und wenn das Album da ist, geht man normalerweise damit auf Tour, lässt sie aus dem Nest, schaut, wie sie vor Publikum ankommen. Da wir momentan aber nicht auf Tour gehen können, möchten wir zumindest unsere Songs in die Welt schicken und sehen, was Freunde und Fans draus machen“, sagt Ariel Oehl. „Wir nennen das Projekt Im Spiegel, denn im Spiegel entsteht eine neue Perspektive auf uns selbst.“ Als Stimulus für diese Idee hat das Duo befreundete Künstlerinnen aus Deutschland, Island und Österreich eingeladen, schon einmal mit eigenen Interpretationen loszulegen. Die Ergebnisse werden am 31. Juli auf der EP Im Spiegel veröffentlicht. Mit dabei sind Mira Lu Kovacs, Lylit, Children, Oska, Mynth und Brynja sowie Culk, deren Version von Tausend Formen (***1/2) schon vorab verfügbar ist und mit der Balance aus Dramatik und Resignation, Zuneigung und Wut sehr deutlich macht, welches kreative Potenzial in dieser Idee steckt. Wer mitmachen möchte: Im Webshop der Band gibt es ein Liederbuch mit den Noten zum Nachspielen auf Gitarre oder Klavier, gedruckt auf Silberpapier oder als PDF. Zusätzlich haben Oehl Audiofilter für Instagram entwickelt, um den Cover-Songs einen Oehl-typischen Sound zu verleihen.

Wie AB Syndrom die hochkomplexe Musik ihres aktuellen Albums Frontalcrash, bei dem der Computer das wichtigste Werkzeug ist, live reproduzieren können, erscheint im Prinzip unvorstellbar. Die zwangsweise Corona-Isolation nutzen Bennet Seuss und Anton Bruch jetzt, um den Gegenbeweis anzutreten. Sie haben das Format der „Dringeblieben-Sessions“ gestartet und spielen darin stark reduzierte Versionen einer Album-Tracks. Am Beispiel von Bora Bora (****1/2), das sie nur mit Rhodes, Schlagzeug und Gesang performen, wird deutlich: Rhythmus und Gesang gehen auch hier eine wahnsinnig intensive Symbiose ein, Intelligenz geht dabei mühelos mit Leidenschaft einher. Wer hätte das gedacht: Eine Kontaktsperre kann also auch zu mehr Intimität führen.

PABST aus Berlin scheinen durch die Pandemie zu kreativen Höhenflügen angeregt zu werden. Sie waren schon im ersten Teil der Corona-Musik vertreten mit einer Neuauflage von Shake The Disease. Jetzt haben sie eine originelle Idee entwickelt, wie sie die mehr als 20 Festival-Auftritte nachholen können, die eigentlich im Rahmen der Tour zum zweiten Album Deuce Ex Machina geplant waren. Das Trio (live sind sie zu viert) hat deshalb sein Release-Konzert vor einem Green Screen gespielt, per Videoprojektion kam dann der Kontext des jeweiligen Festivals – von Open Flair und Immergut über Sziget in Budapest und Mad Cool in Spanien bis hin zum Truck Festival in Großbritannien und dem Open Air St. Gallen – ergänzt werden. Sowohl die Band als auch die Fans können mit „PABSTs Virtual Summer 2020“ doch noch ein wenig Festivalflair erleben, mit Circle Pit, Crowdsurfing, Dosenbier, Mund-Nase-Schutz am Mikrostativ und Szenenapplaus nach den ersten Akkorden von Ibuprofen (****). Leider währt diese Illusion nur knapp 62 Minuten.

Hinter Kyd The Band steckt Devin Guisande. Er hat gerade die EP Season 2: Character Development veröffentlicht. Der Titel lässt schon ahnen: Das Werk ist Teil einer Reihe, die der Künstler aus Nashville wie eine Fernsehserie betrachtet, die Stück für Stück von seinem Erwachsenwerden erzählt. Zu den Stationen gehören eine nicht allzu glückliche Kindheit in Nordkalifornien, der Aufbruch in die weite Welt, eine Überdosis und schließlich das Entdecken der Musik, unter anderem auch mit Songs, die er für Bone Thugs-N-Harmony und DJ Robin Schulz verfasst hat. „Mit allem, was ich schreibe, will ich direkt aus meinem Leben erzählen und von dem, was in meinem Herzen ist. Ich würde es lieben, wenn meine Musik all die Kids wie mich erreicht, die sich vielleicht fragen, zum welchem Glauben und Überzeugungen sie erzogen wurden, oder die noch den Ort suchen, wo sie hingehören. Ich hoffe, diese Art von Leuten hören, was ich zu sagen habe, und erkennen ein bisschen von ihrer eigenen Geschichte in meinen Liedern.“ Für die Single Hard Feelings (***) musste er beim Videodreh mit Regisseur Garret Hayes improvisieren, weil sich durch Corona das ursprüngliche Konzept nicht mehr verwirklichen ließ. „Es gab keine Besetzung oder Crew. Wir haben letztlich nur zu zweit in seinem Wohnzimmer gedreht. Es ist einfach ein sehr ursprünglicher Eindruck davon, wie ich meinen Gesang aufnehme. Auf diese Weise nehme ich 99 Prozent meiner Musik auf: nur mein Laptop und mein Mikrofon, wo immer ich bin.“ Das passt gut in die Zeit, nicht nur mit den Bildern alleine in der Wohnung, sondern auch mit der Botschaft, dass man im Leben eben permanent mit Scheiße kämpft.

Sogar per Videokonferenz wurde die Regie für den Clip zu Boys Don’t Cry (***) geführt, die neue Single von Dan Owen. Es handelt sich dabei nicht um eine The-Cure-Coverversion, sondern um eine Eigenkomposition rund um die Frage, wie Männlichkeit zu definieren ist. Die wichtigste Botschaft dabei heißt: Schwäche ist erlaubt, Reden hilft, auch von Mann zu Mann, Verdrängen hat hingegen bisher stets für Probleme gesorgt, nicht zuletzt in seiner Heimat, den englischen West-Midlands mit der dort weiterhin sehr populären Lad-Kultur. „Wir leben immer noch mit den ewig gleichen Vorstellungen, wie Typen sein sollen. Jungs und Männer sollen nicht verletzbar sein, sie haben gefälligst weiterzumachen als sei nichts geschehen – selbst, wenn sie innerlich zusammenbrechen. Aber wenn man sich nicht mit seinen Problemen auseinandersetzt, verhärtet man innerlich, bis es zum kompletten Zusammenbruch kommt. Das zieht sich durch alle Gesellschaftsbereiche – und es ist beschämend“, sagt der 27-Jährige aus Shrewsbury. Der Clip, letztlich ebenfalls nur eine Person in einer Wohnung, findet sehr clevere Entsprechungen für die verschiedenen, mitunter schizophrenen Ausprägungen von männlichen Rollenbildern. „Ich singe in dem Song auch aus eigener Erfahrung. Als ich mich zum Schreiner ausbilden ließ, um Gitarren bauen zu können, flog mir ein Splitter ins Gesicht. Ich tat so als ob nichts gewesen sei – vollkommen idiotisch. Das Ende vom Lied war nämlich, dass der Splitter mitten in eins meiner Augen traf und ich infolge Teile meines Augenlichts für immer verlor. Seither spiele ich nur noch Gitarre, statt sie bauen zu wollen.“ Das tut er besonders gerne in Eigenregie, von ersten Auftritten in Pubs hat er es zum ersten Album gebracht, das es mittlerweile auf 60 Millionen Streams bringt. Der Titel der Platte passt auch gut zur drohenden Langeweile des Lockdowns: Stay Awake With Me. Für seinen Instagram-Kanal hat er auch eine Akustik-Version aufgenommen.

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