Hingehört: Placebo – „Loud Like Love“


Ein bisschen weniger Effekt, ein bisschen mehr Authentizität: So klingen die neuen Placebo.

Ein bisschen weniger Effekt, ein bisschen mehr Authentizität: So klingen die neuen Placebo.

Künstler Placebo
Album Loud Like Love
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

„Wir haben uns erstmals in unserer Karriere nicht unserem Nihilismus hingegeben, sondern tatsächlich nach so etwas wie dem Sinn gesucht“, sagt Sänger Brian Molko über das neue Album seiner Band Placebo. „Was???“, möchte man da aufschreien. „Wer braucht denn Placebo OHNE Nihilismus?“

Loud Like Love liefert eine durchaus überzeugende Antwort auf diese Frage. Unter der Regie von Produzent Adam Noble ist ein stimmiges, gutes, abwechslungsreiches Album entstanden. Der Titelsong, zugleich Auftakt der Platte, ist typisch: Im Intro klingt die Gitarre, als habe jemand eine dieser prototypischen Coldplay-Klaviermelodien verfremdet, dann erklingt ein effektvoller Synthesizer, der sich daraus entwickelnde Song wird frisch, kraftvoll und glaubwürdig, und im Refrain reitet Brian Molko nicht allzu sehr auf der schönen Alliteration herum. In der Zeile „We are loud like love“ betont er ausgerechnet das „We“.

Einfache, aber überzeugende Riffs und gute Melodien bleiben auch danach die Grundbausteine von Loud Like Love, ergänzt um den einen oder anderen Slogan. „We almost made it / but making it is overrated“, singt Molko in Scene Of The Crime, mit Handclaps und einem Finale, das mindestens so theatralisch ist wie die größten Hits von Midnight Oil.

Mit der grandiosen Zeile „My computer thinks I’m gay“ eröffnet er Too Many Friends, das so etwas wie die (erstaunlicherweise unpeinliche) Abrechnung eines 40-Jährigen mit Social Media wird. Im folgenden Hold On To Me wirft sich Molko dann in die Märtyrer-Pose: „I’m a small and gentle man / who carries the world upon his shoulders“, singt er. Es ist eine Art von Introspektive, die nicht selbstverliebt oder egomanisch wird und die selbst nach einem Streichersolo und einer gesprochenen Passage am Ende des Liedes nicht überkandidelt klingt.

Nach wie vor ist alles plakativ bei dieser Band, die in ihrer Karriere mehr als zwölf Millionen Tonträger verkauft hat. Placebo verhalten sich auch auf Loud Like Love zu Subtilität wie Peer Steinbrück zu Taktgefühl. Den Beweis liefern Lieder wie Exit Wounds, das elektronisch beginnt, sich dann zwei Minuten lang versteckt, um schließlich alle Regler auf Maximum zu drehen, Begin The End, das seinen Reiz vor allem durch ein nervöses Schlagzeug und einen prototypischen Molko-Gesang gewinnt, oder Purify über Begierde und Hingabe.

Doch es gibt auf Loud Like Love auch ein paar neue Features. Rob The Bank thematisiert tatsächlich die Finanzkrise und ist der weltweit wahrscheinlich erste Rocksong, in dem der Begriff „Euro-Zone“ verkommt. Mit dem Rausschmeißer Bosco gibt es sogar ein Lied mit einer Authentizität, die man Placebo gar nicht zugetraut hätte. Das Stück ist eine Klavierballade, mit Streichern und irgendetwas, das wie eine Mandoline klingt. „When I get drunk / you take me home / and keep me safe / from harm“, singt Molko. Es könnte ein Liebeslied voller Dankbarkeit sein, wäre da nicht die Zeile „how I suck you dry“, die wie ein Stachel in diesem Lied steckt und zeigt: Es geht in Bosco um zwei Menschen, die um ihre Beziehung kämpfen, denen dabei aber immer wieder ihre Sucht (Alkohol und Schlimmeres) in den Weg kommt.

Es ist gibt mehrere Songs auf Loud Like Love, die Molko eigentlich für seine Soloplatte angedacht hatte, und Bosco ist wohl einer davon. Diese Stücke jetzt doch gemeinsam mit Placebo aufzunehmen, tat ihm „ziemlich weh“, sagt der Sänger – aber dieser Schmerz war vorüber, als er schließlich zu einer Einsicht gelangte: „Ist nicht genau das meine Aufgabe? Geht meine Verantwortung gegenüber der Band nicht über meine eigene? Meine Rolle entspricht der eines Vaters, dem das Wohl seines Kindes wichtiger ist als das eigene.“

Diese Erkenntnis hat Placebo unbedingt gut getan. Hört man das siebte Album dieser Band, dann fragt man sich nicht mehr „Wer braucht denn Placebo OHNE Nihilismus?“ Vielmehr wird klar: Noch ein Album im gewohnten Placebo-Sound MIT Nihilismus wäre todlangweilig bis vollkommen überflüssig oder gar der Todesstoß für das Trio gewesen. Sogar Brian Molko sieht das so, und entschied sich deshalb für einen „Umbau der Marke Placebo“, wie er es nennt, mit weniger Effekt und Sex, dafür mit etwas mehr Hoffnung und Persönlichkeit: „Für uns als Band war das ein massiver Wechsel der Perspektive, der aber nötig war. Ich glaube, wenn uns das gelungen wäre, hätte es die Band nicht länger gegeben.“

Placebo präsentieren Loud Like Love live, in der Stadt der Liebe:

Homepage von Placebo.

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