Hingehört: Boy – „Mutual Friends“ 5


Auf "Mutual Friends" regiert das Unprätentiöse.

Auf „Mutual Friends“ regiert das Unprätentiöse.

Künstler Boy
Album Mutual Friends
Label Grönland Records
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung *****

Ein erstaunliches Experiment: Ein Geiger steht am frühen Morgen in einer U-Bahn-Station und spielt Bach. Kaum jemand reagiert, kaum jemand bleibt stehen, kaum jemand wirft ein paar Münzen in den Geigenkoffer. Das wäre nicht weiter verwunderlich. Doch der Geiger ist Joshua Bell, einer der größten Virtuosen der Welt auf diesem Instrument. Die Geige ist 3,5 Millionen Dollar wert, und die Musik, die er spielt, zählen viele zu der wundervollsten, die jemals komponiert wurde.

Eine erstaunliche Schlussfolgerung hat die Washington Post, die dieses Experiment im Januar veranstaltet hat, daraus gezogen: Wir haben kein Sensorium mehr für die Schönheit. Da kann ein wahrer Meister einem vollendeten Instrument die traumhaftesten Klänge entlocken, und wir nehmen es nicht einmal wahr. Wir halten nicht inne, wir lassen uns nicht darauf ein.

Man kann über diese Interpretation des Experiments streiten. In jedem Fall aber ist das Ergebnis nicht allzu überraschend: Wir werden täglich derart überschüttet mit Ausrufezeichen, so oft malträtiert mit Reizen, so penetrant geködert, was unsere Aufmerksamkeit angeht, dass Abstumpfung der einzig vernünftige Schutz ist.

Umso schöner ist es, wenn plötzlich Künstler daherkommen, deren Stärke die Zurückhaltung ist. Boy sind solche Künstler. Das Duo (Valeska Steiner aus Zürich und Sonja Glass aus Hamburg) macht „Musik, die nach ewig blauen Himmel klingt, sanfte Stimmen, große Melodien, keine unnötigen Aufregungen, geradeaus und hübsch“, findet die Süddeutsche Zeitung. Das Debüt Mutual Friends liefert in der Tat meisterhaften Pop, und es hat es in keiner Sekunde nötig, zu protzen.

Das Unprätentiöse regiert hier: Der Bandname hat nur drei Buchstaben, das Cover ist ein schlichtes Schwarz-Weiß-Foto und die Aufnahmen fanden zum größten Teil im Berliner Kinderzimmer von Produzent Philipp Steinke statt, das er zum Tonstudio umgebaut hat, und in dem Valeska Steiner und Sonja Glass fast alle Instrumente selbst eingespielt haben.

Die Ergebnisse sind trotzdem atemberaubend. „This is the beginning of anything you want“, heißt die zentrale Zeile im Opener This Is The Beginning, und daraus wird nichts weniger als eine Verheißung, der der Rest von Mutual Friends dann sogar gerecht wird. Waitress ist mitreißend, clever und schmissig wie die besten Momente von Kate Nash: „While daylight is fading / While traders are trading / While the jukebox is playing / While lovers are dating / The waitress is waiting“, lautet eine Beobachtung über die Tatsache, dass das Leben keineswegs von selbst beginnt, sondern manchmal erst einen Tritt in den Hintern braucht. Am Ende zerbricht ein Glas – und dieses ganz banale Geräusch klingt nach solchen Zeilen wie ein Startschuss, ein Erweckungsmoment.

An Army ist alles perfekt: die Melodie, die Atmosphäre, die Stimme (für die man Feist als treffendste Referenz nennen muss) und auch der Vintage-Synthie-Sound im Break. Die Single Little Numbers (übrigens entstanden als letztes Stück von Mutual Friends) klingt heiter wie Tori Amos im Adrenalin-Rausch. Danach bieten Boy schon wieder so ein Lied, das ganz dezent bleibt und gerade dadurch so stark ist. In Drive Darling thematisiert Valeska Steiner ihren Abschied aus Zürich: „And no rearview could picture what we leave behind. Drive Darling, drive.“

Railway klingt zunächst beinahe etwas arg flüchtig, bis dann der Beat einsetzt. Waltz For Pony verströmt eine betörende Melancholie – so lässig, als sei das Lied gar nicht in einem Aufnahmestudio entstanden, sondern von der Band mal eben aus dem Ärmel geschüttelt worden, im Entmüdungsbecken nach einem Konzert. Boris behandelt den Versuch einer Verführung, bleibt so cool wie seine Protagonistin – und wird dadurch noch anziehender.

Oh Boy steckt voller Übermut, Skin könnte man fast funky nennen (bei beiden Liedern spielt übrigens Thomas Hedlund von Phoenix das Schlagzeug). Silver Streets ist fast kindisch in seiner Ausgelassenheit (samt „lalala“-Refrain), nimmt aber ein todtrauriges Ende und leitet damit perfekt zum himmlischen Rausschmeißer July über.

„Eine Naivität, die man Pop gar nicht mehr zugetraut hatte“, erkennt die Süddeutsche in den Liedern von Boy. Da muss man zustimmen, und doch ist das nur die halbe Wahrheit: Mutual Friends profitiert auch von einer für ein Debütalbum erstaunlichen Reife. Das macht die Boy-Formel aus: Leichtigkeit + Souveränität = Klasse.

Bezaubernd: Boy, Mutual Friends und auch das Video zu Little Numbers:

Boy bei MySpace.


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