Nick Cave Glaube, Hoffnung und Gemetzel Kritik Review

Nick Cave und Sean O’Hagan – “Glaube, Hoffnung und Gemetzel”

Autor*in Nick Cave und Sean O’Hagan

Nick Cave Glaube, Hoffnung und Gemetzel Buchkritik
“Glaube, Hoffnung und Gemetzel” ist so etwas wie eine Poetikvorlesung von Nick Cave.
Titel Glaube, Hoffnung und Gemetzel
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2022
Bewertung Foto oben: Universal Music

Der Interview-Podcast Alles gesagt hat ein ziemlich ungewöhnliches Format: Das Gespräch dauert so lange, bis die befragte Person der Meinung ist, nun sei eben tatsächlich alles gesagt. Mit einem vorher vereinbarten Codewort kann sie dann den Schlusspunkt setzen und die Aufzeichnung wird beendet. Die bisher längste Folge (mit der Journalistin Hadija Haruna-Oelker als Gast) kommt dabei auf eine beeindruckende Länge von 9 Stunden und 16 Minuten. Nick Cave und Sean O’Hagan können das locker toppen. „Dies ist das erste Interview, das ich seit Jahren gegeben habe. Es ist über 40 Stunden lang. Das sollte fürs erste reichen, denke ich“, sagt der australische Musiker über die Gespräche, die Glaube, Hoffnung und Gemetzel zugrunde liegen.

Den englischen Journalisten Sean O’Hagan, der unter anderem für den Guardian und Observer tätig ist, kennt er schon seit mehr als 30 Jahren. In der Zeit der Corona-Pandemie zwischen Sommer 2020 und Herbst 2021 tauschten sie sich immer wieder aus, zunächst über das damals entstehende Album Carnage, das sich hier auch noch als Bestandteil des Buchtitels wiederfindet. Die Gespräche wurden dann schnell so persönlich und tiefgründig, dass die Idee entstand, daraus ein Buch zu machen. Schließlich sorgte nicht nur Covid für sehr besondere Umstände und relevanten Gesprächsstoff. Nick Cave hatte auch etliche andere bedeutende Ereignisse hinter sich, über die er berichten und reflektieren konnte und in diesem Fall ausnahmsweise auch wollte („Interviews sind grundsätzlich beschissen. Ganz im Ernst. Die fressen einen auf. Ich hasse es“, lautet ansonsten sein Credo, wie er hier klarstellt). Innerhalb eines Jahres verstarben ein sehr guter Freund, seine Mutter, sein 15-jähriger Sohn Arthur und seine Ex-Freundin Anita Lane, kurz vor Drucklegung des Buches starb auch noch sein Sohn Jethro im Alter von 31 Jahren.

Diese Verluste prägen die Themen des Buchs. Es ist oft erschütternd, für Menschen mit ähnlichen Erfahrungen nicht selten auch tröstend, wie intensiv sich Nick Cave damit auseinander gesetzt hat, wie freimütig er darüber berichtet und wie unbedingt konstruktiv er diese Schicksalsschläge interpretieren möchte. Er erzählt aus seinem Leben von der frühen Kindheit bis heute, besonders ausführlich über die jüngere Vergangenheit seit 2015, es geht um Heroin und Heimat, Pandemie und Performance, Musik und Mystik.

Cave hat schon häufig und in vielfältigen Formaten über sein Werk, sein Leben, seinen Blick auf die Welt und sein künstlerisches Selbstverständnis umfassend Auskunft gegeben. Er hat eigene Bücher veröffentlicht, den Blog „The Red Hand Files“ ins Leben gerufen und sich im Rahmen der “In Conversations”-Veranstaltungsreihe den Fragen seines Publikums gestellt. Man könnte das alles (wie jetzt auch dieses Buch mit Sean O’Hagan) für Aktivitäten eines Egomanen und Selbstdarstellers halten. Beispielsweise in den Red Hand Files beantwortet er oft die Fragen von Menschen, die in tiefen Lebenskrisen stecken und schwingt sich somit zum Ratgeber auf – ohne jegliche formale Qualifikation als Psychologe, Therapeut oder Ähnliches. Bei “In Conversations” haben Menschen streng betrachtet Eintritt bezahlen müssen, um vielleicht mit Nick Cave sprechen zu dürfen und ihm ansonsten beim Plaudern zuzuschauen – man muss schon eine ziemlich hohe Meinung von der Substanz und Rhetorik der eigenen Aussagen haben, um so etwas tatsächlich auf eine Bühne zu bringen.

Glaube, Hoffnung und Gemetzel unterstreicht aber: Nick Cave ist kein Schwätzer, sondern ein Poet. Bernhard Flieher hat das Buch in den Salzburger Nachrichten treffend beschrieben als „Meditation und Lamento. Man kann sich in die Lektüre stürzen wie in ein feierliches Gebet. Und man kann sich verlieren in den Sätzen, in deren Poesie auch das Alltägliche schillert.“ Ein Beispiel dafür sind Sätze wie diese von Nick Cave über seine eigene Lyrik: „Es braucht einen gewissen Grad an innerer Überzeugung, einer Zeile zu vertrauen, die im Grunde ein Bild, eine Vision ist – das ist ein Sprung ins Ungewisse der Sphäre des Imaginären. Ich hoffe, dass das Bild mich an einen Punkt führt, der mehr offenbart und wahrhaftiger ist, als die eigentliche Zeile es sein kann. Es ist eine Sache des Glaubens.“ Immer wieder finden sich ganz ähnliche Passagen, die aufzeigen, wie genau er seine eigene Arbeitsweise analysiert, wie sehr das Miteinander seiner Person, seiner Kunst, seines Lebens und seiner musikalischen Mitstreiter*innen seine gesamte Gedankenwelt prägt.

So sehr er hier auch mit Selbstironie und gelegentlichen Anekdoten arbeitet, so klar wird: Er betrachtet sein Werk mit größter Ernsthaftigkeit, ihm ist aber ebenso bewusst, dass es seine Bedeutung erst durch die Wirkung auf ein Publikum erlangt. Wenn man möchte, kann man Glaube, Hoffnung und Gemetzel vielleicht als etwas wie eine Poetikvorlesung begreifen. „Ich glaube, Musik hat die Fähigkeit, all die beschissenen Muster, die wir uns angewöhnt haben, um mit der Welt klarzukommen, zu durchstoßen – all die Vorurteile und Parteilichkeiten und Agenden und Ausreden, die sich im Grunde zu einer Art aufgeschichtetem Leid zusammenfügen – und dass sie an einen Punkt vorstoßen kann, der all dem zugrunde liegt und die Essenz von uns allen ist, die rein und gut ist. Die heilige Essenz“, sagt er beispielsweise.

Die oben ausgewählten Zitate zeigen ebenso wie der Buchtitel zudem überdeutlich, wie zentral Religion als Thema für seine Kunst ist. Er spricht hier von seinem „Ringen mit der Idee des Glaubens“ und sagt: „Dieser Kampf mit der Vorstellung des Göttlichen bildet die Wurzel meiner Kreativität.“ Die damit einhergehende Überhöhung der eigenen Gedanken und auch gelegentliche Schwurbel-Tendenzen werden geerdet erstens durch die schiere Tiefe , Intensität und Gründlichkeit, mit der diese Gedanken entstanden sind und hier vermittelt werden. Zweitens tritt Cave letztlich nicht als Prediger oder gar Prophet auf, sondern als Suchender und allenfalls als Gläubiger.

Es ist vermutlich diese Rolle, die zur wichtigsten Erkenntnis aus diesen Interviews führt: So, wie Nick Cave mit seiner Spiritualität einen harten, strengen, intellektuellen Kampf führt, dessen Ergebnis idealerweise das Gute sein soll, so setzt er sich auch mit seiner Kunst auseinander, ebenfalls aus einer Position, die Überzeugung anstrebt, aber den Zweifel zu schätzen weiß, weil sich (nur) daraus letztlich Entwicklung möglich machen lässt.

„Ich habe eine aufrichtige Liebe für den Prozess, Dinge zu erschaffen“, sagt er hier, an anderer Stelle heißt es: „Ich kann die Dinge einfach nicht anders tun. Es geht dabei nicht so sehr darum, dass der kreative Impuls so überwältigend wäre, sondern darum, etwas zu tun, das sich herausfordernd und verletzlich und neu anfühlt (…). Das ist immer mit Risiken verbunden, die einen kreativen Terror hervorbringen, ein schwindelerregendes Gefühl, das die Fähigkeit besitzt, dass man sich lebendiger fühlt, als wäre man mit dem jeweiligen Job verschmolzen, in dem man etwas erschafft, genau hier, am Abgrund des Desasters.“ Wenn er zur Schlussfolgerung kommt, der kreative Prozess sei „nicht Teil des eigenen Lebens, sondern das Leben selbst, samt all der Dinge, die es einem vor die Füße wirft“, dann liegt genau darin der Grund für die erstaunliche Attitüde von Glaube, Hoffnung und Gemetzel. Cave schüttet trotz der sehr düsteren Entstehungsbedingungen nicht Verbitterung und Zynismus aus, sondern propagiert die Liebe zum Leben, zu seinem Wert und seiner Unergründlichkeit. Letztlich betrachtet er auch die Interviews mit Sean O’Hagan und das Buch selbst auf diese Weise: „Es ist etwas, das sich einfach vor uns entfaltet. Ich habe keine zusammenhängende Idee dessen, was wir hier gerade tun (…). Es hat etwas von einer Entdeckungsreise“, meint er, gegen Ende stellt er fest: „Für mich ist ein Gespräch im besten Fall eine Form von Vorwärtsbewegung und Kurskorrektur.“

Man erkennt natürlich auch bei solchen Sätzen, wie extrem schade es ist, dass Nick Cave sonst fast keine Interviews mehr gibt. Umso dankbarer darf man – übrigens keineswegs nur als Fan – für dieses Buch sein. Es bleibt der faszinierende Eindruck: Dieser Musiker erklärt sein Werk, zugleich rätselt er selbst darüber. Er kennt seine Songs so gut wie niemand sonst und doch bleibt seine Kunst für ihn selbst das größte Geheimnis.

Bestes Zitat: „Wir sollten dieses Gefühl nicht unterschätzen, wenn man im Grundstrom des Lebens unterwegs ist, sich von einer Situation in die nächste mit Rückenwind bewegt, absichtsvoll und wertvoll zu sein, ein Leben zu führen, das einer Ordnung zu gehorchen scheint. Das ist ein wirklich wertvolles Gefühl, und es wirkt umso tiefer, wenn man weiß, wie vergänglich und zerbrechlich es ist. Es scheint mir, dass man sein Leben im Wesentlichen damit verbringt, sich wieder zusammenzusetzen. Aber hoffentlich auf neue und interessante Weise.“

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und mittlerweile in der Wissenschaftskommunikation tätig. Auf Shitesite.de beschäftigt er sich als Hobby mit Musik, Literatur, Film, Popkultur und allem, was er der Welt mitteilen möchte. Er lebt (und zwar liebend gern) in Leipzig.

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