The Kiffness, Täubchenthal, Leipzig


The Kiffness Leipzig Konzertkritik

The Kiffness bringt endlich Cat Content ins Täubchenthal.

In der Reihe „Corona-Musik“ hat Shitesite mittlerweile mehr als 150 Songs zusammengetragen, die auf die eine oder andere Weise von der Covid-19-Pandemie beeinflusst sind. Es gibt dort erfolgreiche Rockbands, die unter (zunächst) falschem Namen wieder Punksongs machen. Es gibt Rapper, die zu Liedermachern werden. Oder Singer-Songwriter, die sich in der Zwangspause einen lang gehegten musikalischen Wunsch erfüllen. Das vielleicht erstaunlichste Phänomen der Pandemie ist allerdings The Kiffness. Der Musikproduzent aus Südafrika, bürgerlich David Scott, steht heute Abend vor ein paar Hundert Menschen in Leipzig und kann offenkundig selbst noch immer nicht fassen, wie es dazu kommen konnte.

Den Auftritt im Täubchenthal (ein paar Daten: der Saal ist zu etwa 55 Prozent gefüllt, vor Konzertbeginn muss man dennoch etwa 20 Minuten für ein Getränk an der Bar anstehen, die Show dauert rund 70 Minuten) nutzt er zunächst, um klarzustellen, dass „kiff“ in seiner Heimat nichts mit Drogenkonsum zu tun hat, sondern so viel wie „cool“ bedeutet. Dann erzählt er von seiner wundersamen Karriere. Er hatte Musik studiert, als DJ und Produzent gearbeitet und ein Album veröffentlicht, das für die South African Music Awards nominiert wurde. Mit dem Lockdown brachen all diese Karriere-Säulen aber ein. Also begann er, im Netz nach obskuren Klangquellen zu suchen wie Amateuraufnahmen von türkischen Bongospielern oder Kehlkopfgesang aus dem russischen Altai-Gebirge. Diese reicherte er dann mit Beats, Instrumenten und eigenem Gesang an und bastelte daraus Videos mit witziger Optik, in denen er zugleich zeigte, wie sein Musikbaukasten funktioniert. „Ich hatte einfach nichts anderes zu tun“, erklärt er auf der Bühne in Leipzig die Entstehung der Idee.

Das Konzept war enorm populär und ging durch die Decke, als er anfing, mit den Geräuschen von Katzen zu arbeiten. Cat Content + Meme-Ästhetik + Milliarden gelangweilter Menschen im Lockdown, die ein bisschen Spaß und Abwechslung im Internet suchen = Megaerfolg für The Kiffness. So ähnlich könnte man die Formel zusammenfassen, und sie mag dabei im Rückblick sogar plausibel klingen. Aber tatsächlich live vor Ort dabei zu sein, wie Menschen 30 Euro bezahlt haben, um sich gemeinsam Katzenvideos anzuschauen, mitzuerleben, wie The Kiffness seine Tracks aufbaut und es schafft, seine YouTube-Logik des „Instant Remix“, wie er das Format nennt, auf die Bühne zu übertragen (es gibt eine große Leinwand, auf der meist nebeneinander die Original-Fundstück-Clips und der Blick auf Daves Mischpult/Keyboard zu sehen sind), ist dann doch ein ziemlich irres Erlebnis, auch für den Künstler selbst. „Ich musste während der Pandemie so viel Zeit allein zuhause verbringen, und jetzt sehe ich dank dieser Musik jeden Abend so viele neue Gesichter“, staunt er mit langen Haaren und einem Gesicht, das wie der junge Zlatan Ibrahimovic aussieht, und nach fünf Shows innerhalb von fünf Tagen in Deutschland.

Die Show im Täubchenthal ist in vier Teile gegliedert. Zuerst gibt es Tracks zur Huldigung von Verkaufstalenten (der Coca-Cola-Song wird das Highlight des Abends), dann kommen die Katzenlieder, danach die Hundeklänge (die am wenigsten interessant sind) und abschließend ein Mix von aktuellen Beiträgen etwa von ukrainischen Soldaten. Auch ein komplett selbst produziertes (also nicht auf einem Internet-Fundstück basierendes) Stück gibt es zum Ende der Show, zu Ehren des einzigen Südafrikaners im Publikum, wie The Kiffness sagt. Im Saal sieht man sonst eine erstaunlich bunte Mischung: Kinder, die mit ihren Eltern da sind. Hipster-Pärchen. Männer, die aussehen, als hätten sie heute tatsächlich zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie das Haus und den Gamer-Sessel in ihrem Zimmer verlassen, um der Welt zu beweisen, dass sie nicht nur Killerspiele und Fifa beherrschen, sondern auch Humor haben. Sie alle haben viel Spaß, nicht nur weil sie das live wiederentdecken können, was sie im Netz so amüsiert hat, sondern weil die Songs wunderbar kurzweilig und nicht zuletzt durchweg sehr tanzbar sind.

Man könnte nun anmerken, wie künstlich diese Musik ist, wie wenig genuin, wie weit weg von einem Ideal, in dem ein künstlerisches Genie seine eigene Seelenwelt in Noten und Texte gießt. In der Tat bleibt festzuhalten: Ohne Corona, ohne Internet und ohne digitale Musik- und Videosoftware wären all diese Werke nicht möglich und The Kiffness würde mit Sicherheit nicht an einem Sonntagabend auf einer Bühne in Leipzig stehen. Das Konzert macht aber auch deutlich: Dieser Mann beherrscht nicht nur sein Handwerk mit Loops und Editing, mit einer von ihm live gespielten Trompete und Gitarre oder mit den immer wieder erstaunlich beeindruckenden Gesangsstimmen, die er seinen Klangkonserven hinzufügt. Er ist auch sagenhaft kreativ, im Aufstöbern von interessanten Soundquellen ebenso wie im Verwandeln dieser Quellen in echte, eingängige, packende Tracks.

Letztlich treibt er etwas auf die Spitze, was Acts wie Deep Forest (sie hatten 1992 mit Sweet Lullaby einen Hit, der auf einem Sample des traditionellen Gesangs des Baka-Stamms beruht) oder Moby (der auf seinem erfolgreichen Play-Album 1999 reichlich historische Field Recordings aus den US-Südstaaten eingebaut hat) etabliert haben. Er zeigt damit einerseits, das DJ-ing eben nicht bloß Reproduktion ist, sondern echte Kunst, und andererseits – war er beim Konzert in Leipzig auch ganz explizit propagiert – dass Musik aus allen möglichen Quellen kommen kann und gerade deshalb so universell funktioniert.

Der YouTube-Kanal von The Kiffness.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.