Albrecht Schrader Ich bin nicht sicher, ob das an Hamburg liegt

Futter für die Ohren mit Albrecht Schrader, Power Plush, Oehl, Saint Etienne und Odd Couple

Als gebürtiger Hamburger darf Albrecht Schrader das wahrscheinlich: Lieder singen über den Herbst und den Regen, die natürlich auch Lieder sind über das Gefühl, niemals dazuzugehören. Er weiß, dass so etwas traurig machen kann, aber womöglich eben auch leicht zu der Wahrnehmung führt, man sei im Vergleich zu seinen Mitmenschen exzeptionell. Ich bin nicht sicher, ob das an Hamburg liegt (***) heißt der entsprechende Song, der zugleich ein Vorbote auf das fünfte Studioalbum des einstigen Orchesterleiters ist. „Die Wirklichkeit reißt mich zu Boden“, lautet die erste Zeile, nach der sich dann Shuffle-Beat, schicke Streicher und eine reizvolle Orgelfigur entfalten, aber man darf davon ausgehen, dass die zehn neuen Lieder auf der selbstbetitelten Platte (Albrecht Schrader erscheint am 28. Februar) wieder eine gute Balance zwischen fein beobachteter Analyse des Hier und Jetzt, ein bisschen Sehnsucht nach einer vollkommen harmonischen Vergangenheit (die es natürlich nie gab) und kryptischen Zukunftserwartungen wird. Am 13. März tritt der Künstler in Leipzig im Neuen Schauspiel auf.

Saint Etienne sind sicher keine Zahlenmystiker, aber die Folge 12, 13, 14 spielt für ihren kommenden Longplayer The Night eine wichtige Rolle. Die Platte ist ihr zwölftes Studioalbum, erscheint am 13. Dezember und wird 14 Lieder enthalten, die das Trio in Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Produzenten Augustin Bousfield erschaffen hat. An die Ästhetik des 2021 veröffentlichten I’ve Been Trying To Tell You möchten Sarah Cracknell, Bob Stanley und Pete Wiggs dabei recht unmittelbar anknüpfen, sagen sie: „Wir wollten die sanfte und spacige Stimmung des letzten Albums fortsetzen, vielleicht sogar noch verstärken. Aber es ist ein ganz anderes Album, das nicht auf Samples basiert. Songs, Stimmungen und gesprochene Passagen kommen und gehen, während draußen der Regen niederprasselt. Es ist die Art von Platte, die man gerne im Dunkeln oder mit geschlossenen Augen hört.“ Immerhin ein paar verbliebene Sonnenstrahlen gibt es in der nicht einmal zwei Minuten langen Single Half Light (**1/2), die verträumt, vergleichsweise experimentell (einige Spuren scheinen rückwärts zu laufen) und annähernd instrumental daherkommt. „Wir haben versucht, den Zustand zwischen Wachsein und Schlaf zu finden, diesen Traumraum, in dem halb vergessene Gedanken auftauchen, Ausschnitte aus Fernsehdialogen, Ortsnamen, Straßen oder Fußballplätze, an denen man noch nie gewesen ist“, sagen Saint Etienne. „In diesem Zustand ist man sehr empfänglich für Geräusche und halb vergessene Erinnerungen.“

Auch ein Quasi-Konzeptalbum, aber eines über die Liebe, hat Oehl im Gepäck. Der Musiker aus Wien wird am 14. März Lieben wir vorlegen. Die Richtung gibt die Single Ein echtes Lachen (***1/2) vor. Ariel Oehl thematisiert darin die Suche nach einer Lösung für einen anständigen, sauberen, ja liebevollen Abschied in einer Beziehung, von der beide Beteiligten wissen, dass sie keine Zukunft mehr hat. „Dort, wo die Liebe beginnt, und dort, wo sie endet, spürt man sich am meisten“, sagt er. Der Sound dazu ist sanft und warm, trotzdem komplex und spannend. Am 2. April ist Oehl in der Moritzbastei in Leipzig zu Gast.

Tatsächlich kennen auch Power Plush den Liebeskummer, wie ihre neue Single Blue (***1/2) beweist. Ein wenig überraschend ist das, weil das Quartett sich ja gerne in eine Welt aus Watte, Plüsch und Wohligkeit begibt, die natürlich in diesen Zeiten mindestens genauso verlockend ist wie ihr Harmoniegesang oder ihr Gespür für tolle Melodien. Im Falle von Blue sortieren sie sich irgendwo zwischen Cyndi Lauper und Florence Welsh ein. Dass der Song dabei auch ordentlich Ecken und Kanten hat, soll prototypisch für das neue Album Love Language sein, das am 25. April 2025 herauskommt und laut Presse-Info „rockiger, rotziger, aufmüpfiger, flächiger, energetischer“ sein soll. Anja Jurleit, Maria Costantino, Svenja Schwalm und Nino Cutino haben die neuen Lieder zuhause in Chemnitz geschrieben und dann in Berlin mit Produzent Dennis Borger (Betterov, TEMMIS) aufgenommen. Eine Tour ist für den Herbst 2025 auch schon angekündigt.

Bei Odd Couple sind die Texte meist so rätselhaft, dass man sie nur mit sehr viel Fantasie mit der Welt der romantischen Beziehungen in Verbindung bringen könnte. Bei der neuen Single 2 Leute (****) ist das aber eindeutig das Thema. Es geht um Dating, Flirt und Anbandeln im dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends, und das ist vielleicht tatsächlich noch ein bisschen chaotischer, frustrierender und verwirrender als es immer schon war. Die Positionen schwanken zwischen „Nimm alles mit, was noch geht“ und „Ich lasse mich auf gar nichts ein“ (Auszüge aus dem Text), die musikalische Begleitung ist auf ähnlich mysteriöse Weise straight und rätselhaft zugleich, mit reichlich Drive und einer verlockenden Pianomelodie. Das macht auf jeden Fall viel Lust aufs neue Album Rush-Hour des Lebens, das am 4. April erscheinen wird. Schon am 26. März stehen Odd Couple in Leipzig im Naumanns auf der Bühne.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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