You're So Impatient Pixies Review

Futter für die Ohren mit Pixies, Hard-Fi, Orla Gartland, AB Syndrom und Sebastian Krumbiegel

Es gab Zeiten, in denen hätte man sich die Existenz der Pixies im Jahr 2024 beim besten Willen nicht vorstellen können. Zu oft haben sie sich spektakulär gezofft, zu groß war häufig auch die Differenz zwischen (kolossalem) stilistischen Einfluss und (mittelrprächtigem) kommerziellen Erfolg. Doch die Band um Frontmann Black Francis ist tatsächlich noch da, und sogar putzmunter. Sie feiern zwei kleine Jubiläen (35 Jahre Doolittle, 20 Jahre Reunion) haben mit Emma Richardson von Band Of Skulls eine neue Bassistin und spielen fleißig live. Allein in diesem Jahr gibt es rund 70 Shows (im Sommer auch in Europa), bei denen die Pixies teilweise auch mit Weggefährten und/oder Bewunderern wie Pearl Jam, Modest Mouse und Cat Power auf der Bühne stehen. Nebenher bleibt offensichtlich noch genug Zeit, um auch an neuer Musik zu arbeiten. Schon jetzt digital und ab 19. Juli auch als limitierte 7″-Vinyl-Doppel-A-Single gibt es You’re So Impatient und Que Sera Sera, was man womöglich sogar als Indiz für ein demnächst anstehendes Album interpretieren kann. Das etwas rabaukige You’re So Impatient (***1/2) würde dabei wunderbar zu den Ramones passen mit dem trockenen Beat, der coolen Gesangsstimme, der erstaunlich hübschen Melodie und auch der Spielzeit von nur 128 Sekunden. Noch spannender ist die Pixies-Variante des Fifties-Standards Que Sera Sera (****1/2). Die Stimme von Frank Black verliert darin vollständig ihren sonst so fiesen Charakter, die Coverversion wird schwer und tiefgründig, dieses „What will be, will be“ klingt nichts weniger als unheilschwanger. Das dürfte beispielsweise auch Quentin Tarantino gefallen – falls der nicht ohnehin bereits Fan ist.

Nicht ganz so lang zurück reicht die Historie von Hard-Fi, aber die Band aus Staines hat immerhin auch schon mehr als 20 Jahre auf dem Buckel. Dass sie gut in Form sind (und ziemlich genau verstehen, was ihre Fans von ihnen erwarten), zeigt die neue Single Don’t Go Making Plans (***1/2), das erste neue Material seit zehn Jahren. Der Song hat einen tollen Groove und wird am Ende sogar fast ein bisschen übermütig, dazu kommt die Stimme von Frontmann Richard Archer, die immer auf der Suche nach Ärger zu sein scheint. Das ist in Summe weit weg vom verkrampften Versuch, dem einstigen Erfolg mit Schema F nachzujagen, oder eine Jugendlichkeit zu simulieren, die man so lange nach dem Debüt natürlich nicht mehr haben kann. Stattdessen pflegt hier eine Band durchaus kreativ ihren Markenkern, vage inspiriert von den Unruhen im UK 2022/23. „Don’t Go Making Plans ist eine Art Protestsong über Protest, aber ich wollte diese Botschaft in etwas einfließen lassen, das immer noch ein Popsong ist“, sagt Archer. „Ein Track, zu dem man immer noch in einem Club tanzen oder im Radio spielen kann, weil man zu einem solchen Song eine echte Verbindung aufbauen kann und er die sinnlosen Einschränkungen umgeht, die uns auferlegt werden. Dass Regierungen Gesetze erlassen, um Proteste zu unterbinden, die mehr als nur geringfügige Störungen verursachen, wirkt wie etwas aus einem dystopischen Film. Der Sinn von Protesten ist ja gerade die Störung. Man versucht, den unvermeidlichen Lauf der Dinge zu unterbrechen, um die Regierenden zum Umdenken zu bewegen, insbesondere wenn man eine Regierung hat, die sich nicht um die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen zu kümmern scheint.“ Don’t Go Making Plans ist ein Vorgeschmack auf eine gleichnamige EP, die am 1. November erscheinen wird.

Orla Gartland aus Dublin ist auch keineswegs zufrieden mit der Lage der Welt, bei ihr bezieht sich das aber eher auf die persönliche als auf die politische Perspektive. Ihre neue Single Litte Chaos (****) nennt sie „eine riesige Kapitulation“, die Ausgangssituation wird in der schönen Zeile „It’s a good day for a meltdown“ zusammengefasst. In der Musik vereint sie viele Ideen und Elemente, ähnlich wie beispielsweise bei K-Flay kann man hier erkennen, dass klug und packend, introspektiv und unterhaltsam keineswegs Widersprüche sein müssen. Nach dem 2021er Debüt Woman On The Internet (Top10 im UK), ausverkauften Tourneen und umjubelten Festivalshows etwa beim Glastonbury soll es noch in diesem Jahr ein neues Album von Orla Gartland geben.

Seine Begeisterung für Queen hat Sebastian Krumbiegel zuletzt schon im Krokodil-Kostüm bei The Masked Singer offenbart, als er dort Killer Queen gesungen hat. Nun legt der Prinzen-Frontmann mit der Single Freddie Mercury (***1/2) noch einen drauf und huldigt dem Mann, der laut Pressetext „seine erste große Liebe“ war. Als 12-Jähriger, damals noch im Thomanerchor, nutzte er einen Konzertauftritt in Westdeutschland, um seine Gage in einen Plattenladen zu tragen und dort das drei Jahre zuvor veröffentlichte A Night At The Opera zu kaufen (auf dem unter anderem ein Song namens Bohemian Rhapsody drauf ist). Nun singt er darüber, wie er zuhause in Leipzig den Popstar imitiert hat, in den Strumpfhosen seiner Mutter. Das ist witzig und ein toller Beleg der Begeisterungsfähigkeit für Pop, die natürlich eine wichtige Zutat für seine Karriere war. Es ist obendrein ein Ohrwurm, und so straight, wie es Queen selten waren.

Musik über Musik und insbesondere über den Vergleich des eigenen Schaffens mit den Werken der großen Idole ist auch die neue Single von AB Syndrom. Blindflug (****), mit Unterstützung von Trille, handelt von der Sorge um die eigene Relevanz, sogar vom Zweifel am eigenen Talent. Natürlich ist das beim Duo aus Berlin (die Texte kommen von Bennet Seuss, die Beats von Anton Bruch) auch diesmal völlig unbegründet. Blindflug zeigt eine große Sensibilität, wie man sie selten in Musik findet, die in erster Linie am Computer entstanden ist, dazu viel Poesie und eine enorm spannende Soundlandschaft. Nach dem Quasi-Hit Flaggschiff (2017), vielen Konzerten sowie den wunderbaren Alben Frontalcrash (2020) und Tut mir gut Tut mir Leid (2022) soll das der erste Vorbote auf einen neuen Longplayer sein.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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