Die Entdeckung des Himmels

Februar 25, 2008 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Ein Tipp für alle, die jetzt übersetzen wollen: Man liest von links und rechts.

Ein Tipp für alle, die jetzt übersetzen wollen: Man liest von links und rechts.

“Das Gewissen ist die Wunde, die nie heilt”, hat der Schriftsteller Friedrich Hebbel einmal gesagt. Wo sollte dies wahrer sein als hier? Nur ein paar Kilometer entfernt breitet sich der unendliche Sand der Wüste Sinai aus, umgeben von Bergen, die schon so lange der Sonne ausgesetzt sind, dass sie selbst aus der Farbe ihres Gesteins ein verlockendes Geheimnis machen. Man ist versucht, sie mit einem riesigen Kärcher von ihrer Staubschicht zu befreien, um ihren Terrakotta-Glanz freizulegen, dunkle Basalt-Töne oder das blendende Hellgrau von Sandstein.

Nur eine gute Autostunde ist es bis zum 2300 Meter hohen Berg Sinai. Hier soll Moses die zehn Gebote empfangen haben – eine nicht ganz unbedeutende Episode in der Entwicklung der Menschheit hin zu Ethik und Moral, die schließlich auch die Wunde entstehen ließen, die uns nach Hebbels Ansicht alle noch heute plagt.

Nicht weit weg von hier passiert auch genug, um ihm Recht zu geben. Verlässt man in Ägypten die Touristenviertel, ist man oft geschockt von der Armut und Rückständigkeit des Landes, das in Afrika noch zu den wohlhabenderen Staaten zählt und vor 5000 Jahren die Blüte menschlicher Kultur darstellte. Ein Eselkarren ist für viele das einzige Transportmittel. Auf der anderen Seite des Roten Meeres säumen Heerscharen von Kindern die Ufer des Nils, um ein paar Almosen von Touristen zu erbetteln, die nach einer Bootstour wieder an Land kommen.

Weiter im Norden versuchen Menschen gerade verzweifelt, die Mauer zu durchbrechen, die sie im Gaza-Streifen einsperrt, wo es nach einem Embargo Israels keinen Strom mehr gibt. Und vor knapp drei Jahren rissen hier zwei Autobomben 49 Menschen in den Tod – ein Akt des Terrors, aber geboren aus der Verzweiflung.

All dies umgibt einen. Und man selbst? Sitzt hier und macht Urlaub. Genießt die ersten kraftvollen Sonnenstrahlen des Jahres, stärkt sich an der “Balilah” genannten köstlichen Kombination aus Reis und heißer Milch. Entspannt sich. Und tut dies in einer Umgebung, die so luxuriös, malerisch und wohltuend ist, dass sie Hebbels Wunde beinahe vollständig heilen könnte.

Das im April 2007 eröffnete “Maritim Royal Peninsula” in Sharm El Sheikh ist ein Wohlfühl-Tempel, der einfach kein schlechtes Gewissen aufkommen lassen will. Es ist die Entdeckung des Himmels. Hoteldirektor Michael Fuhrmann erzählt gerne (und am liebsten in der stilvollen Windsor-Bar), welche bürokratischen und baulichen Hindernisse zu überwinden waren, bis die Anlage mit 18 Bungalows stand.

Stolz berichtet er von der eigenen Entsalzungs-Anlage, die noch einige andere Hotels mit Trinkwasser versorgt. Er verät, dass Maritim gerade den Bau einer neuen Landebahn mitfinanziert, damit das Hotel künftig nicht mehr genau in der Einflugschneise des Flughafens liegt (zunächst eine “Entdeckung des Himmels” der anderen Art, die aber schon nach wenigen Tagen Aufenthalt zu der Erkenntnis führen wird, dass sich wirkliche Ruhe nicht in Dezibel angeben lässt). Und er klagt über die Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden.
Ägypten Doch davon merkt man als Gast nichts: Zahlreiche dienstbare Geister, die ebenso allgegenwärtig wie unsichtbar zu sein scheinen, sorgen dafür, dass praktisch jeder Servicewunsch erfüllt wird. Andere Gäste nimmt man auf der 20 Hektar großen Anlage ebenso wenig war. Und auch die insgesamt 337 Zimmer sind mit einer Mindestgröße von 60 Quadratmetern mehr als großzügig angelegt: So groß wie man hier allein das Bad bemessen hat, ist in manch europäischem Spitzenhotel das ganze Zimmer.

Die Wege zur Lobby, zum benachbarten 18-LochPGA-Meisterschaftsgolfplatz mit Driving Range und zwei Putting Greens oder zum 1200 Quadratmeter großen Thai Spa verlaufen nie gerade, auf dem kürzestem Weg, sondern immer gebogen. Und auch so lernt man schnell, sich vom Tempo des Alltags zu verabschieden und sich Zeit zu lassen.

Die kann man hier schließlich auch sinnvoller nutzen als mit Stress: beim Baden, Tauchen und Schnorcheln im Roten Meer, einer Wüsten-Safari auf dem Quad oder einem Kamel. In einem der drei Hotelrestaurants, wo der auf Thai-Gerichte spezialisierte Küchenchef David Jones gerne und überzeugend das Vorurteil widerlegen wird, dass die Briten nicht kochen können. Oder beim Shoppen und Clubbing im Trubel an der “Na’ama Bay”.

Tagsüber sieht man hier nicht mehr, dass Sharm El Sheikh vor 20 Jahren noch ein kleines Fischerdorf umgeben von Wüste war. Und nachts macht der Ort mit vielen Bars, lauter Musik aus allen Ecken und unzähligen Neonlichtern seinem Ruf als Las Vegas der arabischen Welt alle Ehre.

Wer näher dran sein will am pulsierenden Herzen von Sharm, der ist im Schwesterhotel “Jolie Ville Resort & Casino” an der richtigen Adresse. Setzt man im “Peninsula” auch gerne auf Business-Gäste, die das nebenan gelegene imposante Kongresszentrum nutzen, dominiert hier voll und ganz die Urlaubsatmosphäre.

“Das gefällt mir am besten an Sharm El Sheikh: Es ist hier so friedlich. Und das, obwohl so viele verschiedene Nationalitäten aufeinander treffen”, sagt Azza Aziz Kirollos. Die 38-Jährige, die aus Kairo stammt und ihre Karriere in der Hotellerie als Telefonistin begann, ist die einzige Hoteldirektorin in ganz Ägypten. 396 Zimmer in 42 Bungalows hat ihr Haus, dazu locken zwei Pools, ein Privatstrand mit hauseigenem Tauch- und Wassersportzentrum, vier Restaurants, ein Nachtclub und ein Casino.

Wer es etwas ruhiger mag, sollte sich das “Maritim Golf & Resort” vormerken, das dritte Haus der Kette in Sharm El Sheikh. Hier kann man nicht nur direkt vom Frühstück auf den Golfplatz. Auch die 30.000 Quadratmeter große Poollandschaft wird schnell zum Ort der Entspannung. Die 418-Zimmer-Anlage liegt auf einem Felsplateau direkt über dem Roten Meer. Deshalb kann man Sonne nicht nur am Privatstrand des Hotels tanken, sondern auch in vielen privaten Nischen, die an Piratennester erinnern.

Hier ist man nicht nur geschützt vor dem mitunter recht frischen Wind, sondern auch vor Ärger aller anderen Art. Immerhin hat Staatspräsident Muhammad Husni Mubarak gleich nebenan seine Villa – und man darf sich entsprechend gut bewacht fühlen.

Auf eine andere Weise abgeschottet wird man im vierten ägyptischen Maritim-Haus: Die 5-Sterne-Anlage “Jolie Ville Luxor Island Resort” liegt auf einer traumhaften Privatinsel im Nil. Das 360.000 Quadratmeter große Gelände, das mit Palmen, Blumen und Obstbäumen (und ohne Krokodile, wie Hoteldirektor Andreas Bourdon versichert) einem tropischen Garten gleicht, ist nur mit dem Boot oder über eine einzige Brücke zu erreichen. Im November 2007 hat Maritim das Haus von Mövenpick übernommen. Es gibt nicht nur viele Stammgäste in den 21 Bungalows mit 332 Zimmern. Die Anlage ist mit einem Kinder-Club und kleinem Zoo auch besonders attraktiv für Familien.

Daneben locken zwei Pools (einer davon mit traumhaftem Blick auf den Nil), ein eigener Wanderweg und das “Fella’s”-Zelt, in dem es abends Wasserpfeife und Bauchtanz gibt. Auf den vier Kilometer langen Weg nach Luxor macht man sich am besten im alten ägyptischen Segelboot, der Felucca. Dort kann man eine weitere Weisheit Hebbels leicht bestätigt finden: “Die Kunst ist das Gewissen der Menschheit.” Ob im Tal der Könige mit 62 Gräbern und der Mumie des legendären Tutanchamun, im Luxortempel mit seinem gewaltigem Säulengang oder dem Karnak-Tempel, bei den 18 Meter hohen Kolossen von Memnon, die früher zum Sonnenaufgang noch gesungen haben, im Tempel der Hatschepsut oder auf der 17 Quadratkilometer großen Anlage von Karnak: Wohl sonst nur in Rom findet man so viel historische Pracht auf so engem Raum. Hier wird es sofort lebendig: Das Gefühl der Ehrfurcht für die Könnerschaft und Zivilisation der alten Ägypter. Wenn man etwa die Wandmalereien der Gräber im Tal der Könige betrachtet, kommt noch die Faszination dieser fremden Schrift, Ikonographie und Religion hinzu.

Die Kombination aus Begeisterung und Respekt ist ein veritables Dilemma. Denn die feuchte Luft, die Touristen mit in die Grabkammern bringen, schadet den historischen Kostbarkeiten enorm. Wenn der Führer erzählt, dass bei gleich bleibenden Besucherzahlen schon in vierzig Jahren nichts mehr von den schillernden Farben zu sehen sein wird, dann will man am liebsten gar nicht ausatmen. Da ist es dann doch wieder: das schlechte Gewissen.

Exot in der Erfolgsspur

Februar 23, 2008 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · 1 Comment 
Auch nach dem Facelift behält der Chrysler 300C seine natürliche Autorität. Foto: Chrysler

Auch nach dem Facelift behält der Chrysler 300C seine natürliche Autorität. Foto: Chrysler

Als einer der wenigen Hersteller fuhr Chrysler im vergangenen Jahr auf dem deutschen Markt in der Erfolgsspur. Ein Absatzplus von knapp drei Prozent stand am Ende zu Buche. Als Renner erwies sich dabei der 300 C. Knapp 3000 Stück wurden verkauft.

“Der 300 C steht wie kein anderes Auto für das Image der Marke”, sagt Produktmanager Florian Lauder. Nun wird das beste Pferd im Stall noch einmal gekämmt und gestriegelt. Drei Jahre nach der Markteinführung gibt es ein aufgefrischtes Design und neue Ausstattung. Dafür steigen auch die Preise leicht.

Die markante Erscheinung wurde sowohl bei der Limousine (neue Rückleuchten, etwas anders geschnittenes Heck) als auch beim Kombi (hinten jetzt mit angedeutetem Spoiler und einem mittig platzierten dritten Bremslicht) wohlweislich nur leicht verändert. Chrysler ist clever genug, das Auto nicht seiner ungemeinen Präsenz und Autorität zu berauben, die für viele Kunden die stärksten Argumente für den 300 C sind.

Im nach wie vor beeindruckend großzügigen Innenraum setzen die Amerikaner jetzt auf weiche Materialien und dunklere Farben, was für ein deutlich höherwertigeres Ambiente sorgt. Auch die Mittelkonsole wurde überarbeitet, zudem sind nun Sitz-Seitenairbags mit an Bord. Die Navigation erfolgt neuerdings per Touchscreen über ein 20- Gigabyte-Festplattensystem, das auch reichlich Platz für eigene Musik und Bilder bietet (Serie bei den Benzinern).

Drei Motoren sind im Angebot. Zwei V 8-Benziner (5,7 Liter/340 PS und 6,1 Liter/431 PS) sorgen für den “American Way of Drive”, haben aber auch entsprechenden Durst (11,9 und 14 Liter/100 km). Europatauglicher ist der souveräne Dreiliter-Turbodiesel mit 218 PS und 510 Newtonmetern Drehmoment aus dem Regal der Ex-Schwester Mercedes (8,1 Liter/100 km). Die Limousine gibt es künftig ab 39 890 Euro, als Kombi kostet der 300 C mindestens 42 590 Euro.

Traurig und lächerlich

Februar 22, 2008 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Auch knapp vier Wochen nach der Wahl ist in Hessen keine Regierung in Sicht. Die Versuche der Parteien, eine Mehrheit zusammenzubekommen, sind ebenso lächerlich wie traurig. Wieder einmal zeigt sich: Die Parteien machen schon längst keine Politik mehr für das Land oder die Wähler, sondern nur noch für sich selbst.

Warum eigentlich sollte die Landes-SPD nicht zustimmen, wenn die Linken im Landtag einen Antrag zur Streichung der Studiengebühren stellen und damit genau jenes Ziel verfolgen, für das sich auch die Sozialdemokraten im Wahlkampf stark gemacht haben? Man nennt so etwas Politik. Und will Andrea Ypsilanti ernsthaft verzichten, wenn ihre eigene Fraktion sie als Ministerpräsidentin vorschlägt und dann neben SPD und Grünen auch die Linken zustimmen? Man nennt so etwas Demokratie.

Kaum einer in Wiesbaden – und auch anderswo – kommt auf die Idee, dass die Wähler sich beim Urnengang nicht für Farbenspiele oder Personen, sondern für Inhalte entschieden haben. Vielleicht haben sie nicht für die Grünen gestimmt, sondern für den Atomausstieg? Nicht für die Linken, sondern für Mindestlohn? Nicht für die FDP, sondern für bessere Bildungspolitik? Nicht für die CDU, sondern für mehr innere Sicherheit? Wer letztlich diese Ziele umsetzt, und welches Parteibuch derjenige hat, dürfte den Wählern egal sein.

Doch die Parlamentarier – quer durch alle Fraktionen – verzetteln sich in Kleinkriegen, in denen es um nichts anderes geht als um die eigene Macht. Die Probleme des Landes sind aber zu groß, um sich solchen Stillstand leisten zu können. Und mit ihrem unwürdigen Gezänk sorgen die gewählten Volksvertreter dafür, dass die angebliche Politikverdrossenheit, die in Wirklichkeit eine Parteienverdrossenheit ist, noch größer wird.

Natürlich ist es fragwürdig, wenn sich eine Regierung Ypsilanti entgegen aller Beteuerungen von den Linken tolerieren lässt, die unseriös und zum Teil undemokratisch sind. Doch der Aufschrei sollte viel eher erfolgen, wenn Parteien in inhaltlichen Fragen umfallen, bloß um regieren zu können. Und wenn Abgeordnete, die laut Grundgesetz nur ihrem Gewissen verpflichtet sein sollten, wegen der Fraktionsdisziplin gegen ihre eigene Überzeugung abstimmen, wie dies etwa beim Post-Mindestlohn der Fall war. Das ist der wahre Betrug am Wähler.

Durchgelesen: Dirk Kurbjuweit – “Nachbeben”

Februar 21, 2008 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

Dirk Kurbjuweit konstruiert in "Nachbeben" eine enorme Fallhöhe.

Autor Dirk Kurbjuweit
Titel Nachbeben
Verlag Nagel & Kimche
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***

Der Kleine Feldberg im Taunus ist nicht der “Zauberberg” in Davos, auch wenn hier kurz darauf Bezug genommen wird. Und doch leben auch hier Einsiedler, dem Wetter ausgeliefert, an die Einsamkeit gewohnt, sinnierend über das Treiben dort unten.

“Der alte Luis”, wie sich der Erzähler stets selbst nennt, ist Professor für Geologie und Erdbeben-Forscher, doch seine wissenschaftlichen Ambitionen sind erloschen. “Ich habe nicht viel ferngesehen in meinem Leben, aber nach den großen Beben schaltete ich zur Nachrichtenzeit jedes Mal den Fernseher an. Ich wollte mich nicht drücken, ich sah mich in der Pflicht, mir alles anzuschauen, was ein Erdbeben bewirkt, nicht nur die zackigen Linien auf dem Papier. Ich sah die zertrümmerten Städte, die Toten, die Verletzten, ich sah das große Weinen, das verzweifelte Graben, mit Händen, mit Baggern, die Hoffnungslosigkeit. Ich weinte nicht nur aus Mitleid, auch aus Scham. Ich hatte den Menschen, die ich sah, das Erdbeben nicht ankündigen können.” Mindestens ebenso gerne wie auf den Seismographen blickt er zum Haus nebenan, in dem der Hausmeister der abgelegenen Forschungsstation mit seiner Familie wohnt.

Die Parallele liegt auf der Hand: So wenig wie sich Ort und Zeit eines Erdbebens vorhersagen lassen, so unvermittelt treten die Katstrophen des Lebens ein. Auch sie entstehen scheinbar aus dem Chaos, und doch muss man so etwas wie ein Prinzip, eine Formel, eine Ursache dafür vermuten. Und auch sie haben eine zerstörerische Kraft, wie hier am Ende des Romans schmerzhaft klar wird.

Doch Dirk Kurbjuweit, zweifacher Egon-Erwin-Kisch-Preisträger und “Spiegel”-Reporter, ist als Erzähler stark genug, um die Augenfälligkeit seines Bildes nicht zum (Epi-)Zentrum des Buchs werden zu lassen. Er schafft stattdessen eine Fallhöhe, die beeindruckend, schockierend ist.

Zu Beginn herrscht eine rührende Romantik, etwa wenn Lorenz, der Sohn des Hausmeisters, sich am Telefon in Selma verliebt. Natürlich geschieht dies nach einem Erdbeben, und sofort muss er sie sehen, lieben, heiraten. “Er hatte sie am Anfang nicht schön gefunden, dann sehr, und jetzt wusste er es nicht genau. Es spielte keine Rolle. Er würde ein ganzes Leben lang auf die Momente warten, in denen er sie schön finden würde, kein Problem.”

Das Leben blüht zu Beginn dieses Romans, es ist eine Verheißung, ein einziges Potenzial. Das Ende ist Verbitterung. “Nachbeben” ist eine Geschichte des Verfalls – und nicht ganz zufällig wird darin auch ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik nach den Jahren des Wiederaufbaus erzählt. Was bleibt, wenn überhaupt, sind die engsten Bindungen. Und deren Haltbarkeit und Richtung ist mindestens ebenso unberechenbar wie die unruhige Erde.

Beste Stelle: “Gerade die schöne Erinnerung ist süß und bitter zugleich, weil wir uns zum einen freuen, wie schön es war, und zum anderen fragen, ob es so schön noch ist.”

Weg zum Wandel

Februar 20, 2008 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Diesen Abgang hatte sich manch einer anders vorgestellt. Fidel Castro selbst sicherlich auch. Der Mann, der fast 50 Jahre lang alles auf Kuba entschieden hat, der Ikone der Linken und der am längsten amtierende Regierungschef der Welt war, fiel nicht etwa einem weiteren Anschlag der CIA zum Opfer, keiner Invasion der umtriebigen Exilkubaner und keinem Aufstand seines eigenen Volkes, dem er Stolz, Gesundheit und Bildung gebracht, aber die Freiheit geraubt und die Armut verordnet hat. Der Máximo Líder muss sich wegen einer banalen Darmerkrankung von der Macht verabschieden.

Obwohl Castro das System des “karibischen Sozialismus” personifiziert, obwohl es auch sein Charisma und seine Biografie waren, die die Insel seit einem halben Jahrhundert in einem permanenten Ausnahmezustand gehalten haben, wird sich für die Kubaner zunächst wenig ändern. Viele von ihnen haben nie einen anderen Führer erlebt, kaum einer kann sich Kuba ohne Castro vorstellen. Der Comandante en Jefe wird für sie die bestimmende moralische Instanz bleiben. Doch Castro kann, wenn überhaupt, nur noch im Hintergrund wirken, als Denker und Mahner – und auch als Aufpasser für seinen jüngeren Bruder, der sein Amt wohl übernehmen wird.

Raúl Castro hätte es derweil nicht besser treffen können. In der Übergangszeit, als niemand wusste, ob der Staatschef noch einmal zurückkehren würde, hielt ihm die Autorität des Revolutionsführers den Rücken frei. So konnte er sich an den Hebeln der Macht einrichten, ohne einen gewaltsamen Umsturz befürchten zu müssen – was angesichts der prekären Situation Kubas keineswegs selbstverständlich war. Und er nutzte seine neue Position und den erst jetzt beendeten Schwebezustand geschickt, um den Weg zum Wandel bereits einzuleiten. Nur, weil Fidel noch im Hintergrund wacht, kann er es wagen, die Errungenschaften der Revolution in Frage zu stellen.

Raúl Castro erlaubt Kritik, er ermuntert die Kubaner sogar dazu. Die Richtung ist klar: Den Druck der sich gerade erst artikulierenden öffentlichen Meinung wird er als Argument nutzen, um überfällige Neuerungen zu erlauben. Er sieht wirtschaftliche Notwendigkeiten, die sein Vorgänger nicht mehr erkannte – auch weil er gefangen war im eigenen Mythos.

Langfristig werden sich so auch Chancen für einen politischen Wandel ergeben. Demokratie und Menschenrechte sind für die Kubaner noch in weiter Ferne, doch sie sind durch Fidels Abgang näher gerückt. Raúl Castro weiß, was sein Bruder leugnete: Das Verlangen nach Freiheit ist nicht aufzuhalten.

Hingehört: Hot Chip – “Made In The Dark”

Februar 20, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

Bloß kein Nu-Rave: "Made In The Dark" ist für Hot Chip vor allem Abgrenzung.

Künstler Hot Chip
Album Made In The Dark
Label Emi
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***

Was nun genau neu sein soll am New Rave, und wo sich darin der Rave versteckt, ist für mich auch nach sieben Vodka-Red-Bull noch immer völlig schleierhaft (ist dann aber auch egal). Fakt ist nur: Hot Chip wollen nichts mehr damit zu tun haben.

Das Quintett, das mit Over And Over vor zwei Jahren eine der Hymnen des Genres (und laut NME die Single des Jahres) geschrieben hat, wagt auf dem dritten Album Made In The Dark den Abschied vom Trend. Erstaunlicherweise klingt die Platte gerade dadurch noch zeitgemäßer.

Noch ein Paradoxon: Dass die Computertüftler zuletzt häufig live gespielt haben, hört man am rockigeren Sound des Werks, zugleich enthält die Platte mehr Balladen denn je, etwa den wunderbaren Titelsong, in dem so viel Soul steckt, dass das Wort Computerliebe eine ganz neue Bedeutung bekommt.

Vieles daran erinnert mit seiner Liebe zum Pop und der sanften Stimme von Alexis Taylor an die Beta Band (das verschlafene We’re Looking For A Lot Of Love, das verspielte Wrestlers). Anderes (wie die irre Vorab-Single Shake A Fist mit Todd-Rundgren-Sample oder Ready For The Floor mit heiterem Heimorgel-Sound) klingt schlicht wie die Zukunft. Und die Zukunft tanzt.

Dann doch wieder ein Tanzflächenfüller, und so bunt wie Nu Rave: Der Clip zum Hit Ready For The Floor:

Hot Chip bei MySpace.

Hingehört: “Tonangeberei – Songs für jedes Alter ab 3″

Februar 13, 2008 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Tonangeberei" versammelt Kinderlieder für den speziellen Nachwuchs.

Künstler Diverse
Album Tonangeberei: Songs für jedes Alter ab 3
Label Trikont
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***1/2

Die Jungs und Mädchen, die einst der legendären Hamburger Schule zugeordnet wurden, haben längst ihren Abschluss gemacht. Mehr noch: Sie sind erwachsen geworden. Manche von ihnen treffen sich inzwischen schon selbst zum Elternabend, denn längst ist eigener Nachwuchs da. Und den hat das Münchner Label Trikont nun auf höchst charmante Weise entdeckt: Der Sampler Tonangeberei enthält laut Untertitel Songs für jedes Alter ab 3.

Was damit gemeint ist: Hier sind keine Kinderlieder à la Hänschen klein zu hören. Und doch dürften auch die Allerkleinsten Spaß an dieser Musik haben. Denn entweder geht es in den Stücken um Erinnerungen an die Schulzeit (Heinz Strunks Neunmalkluger Naseweis). Oder Kinder singen selbst, wie die famosen Hip-Hop-Anfänger von den Five Devils, die sich im herrlichen Wir sind die Coolsten mit ihren schlechten Noten brüsten und damit zugleich das Gangster-Geprahle vieler älterer Kollegen auf die Schippe nehmen.

Oder es wird einfach drauf los geträllert und getrommelt, wie im Kracher Wir machen Lärm von Katze, der grandiosen neuen Band des unfehlbaren Klaus Cornfield. Dass Musik in erster Linie Spaß machen soll, dass sie auch einmal absurd sein kann (das unfassbare Eine Biene ist im Haus von Knarf Rellöm), im Wortsinne fantastisch (Johanna Zeuls Raubtier), unbekümmert (Stereo Totals Ich bin nackt) oder das völlig Banale thematisieren (Dicke Bäckerfrau von Huss), das ist die Botschaft von Herausgeberin Bernadette La Hengst, die in ihrem eigenen Beitrag betont Ich bin kein Baby mehr und die Kleinen dann mit Blumfelds Abendlied ins Bett schickt.

All das macht klar: In der Musik sollte es keine Schranken geben. Nicht im Kopf, und schon gar nicht zwischen den Generationen.

Stereo Total so wie Gott sie schuf, quasi: Der Clip zu Ich bin nackt:

Kleine Party

Februar 13, 2008 · Posted in Fotos, Ich · Comment 

Wenn ich mich recht erinnere, wurde da ein Geburtstag gefeiert. Und noch etwas. Lustig.

Durchgelesen: Martin Cruz Smith – “Stalins Geist”

Februar 11, 2008 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Arkadi Renko ermittelt wieder, rasant und blitzgescheit.

Autor Martin Cruz Smith
Titel Stalins Geist
Verlag C. Bertelsmann
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Sherlock Holmes lebte in Wirklichkeit. Zumindest glauben das sechs von zehn Briten, wie jüngst eine Umfrage zeigte. Man kann das als Beleg für die historische Unwissenheit der Insulaner nehmen (zumal umgekehrt ein Viertel der Befragten Winston Churchill für eine fiktive Figur hielt). Man kann daraus aber auch ablesen, wie prägend eine Romanfigur werden kann, zumal ein Ermittler in Kriminalfällen.

Davon kann auch Martin Cruz Smith ein Liedchen singen. Der Amerikaner, der lange unter anderem als Eisverkäufer und Fließbandschreiber von Vampirgeschichten sein Geld verdiente, verdankt der Figur des leitenden Ermittlers Arkadi Renko nicht weniger als eine Weltkarriere.

Die Idee für einen Krimi, der in Moskau spielen sollte, hatte er schon lange. Doch jahrelang musste er um die Veröffentlichung von “Gorki Park” kämpfen, weil sich viele amerikanische Verleger keinen Russen als Hauptfigur vorstellen konnten. Der Autor setzte sich nach einem langen Rechtsstreit durch – und landete 1981 einen Bestseller.

Seitdem ließ er den zynisch-pragmatischen Arkadi Renko in mittlerweile fünf Romanen gegen das Böse zu Feld ziehen. Wer glaubt, Russland hätte seit dem Ende des Kalten Krieges an Attraktivität als Krimi-Schauplatz verloren, der wird nun in “Stalins Geist” eines besseren belehrt. Martin Cruz Smith entwickelt hier einen packenden, bestechenden Polit-Thriller, der mehr als ein Schlaglicht auf die einstige Großmacht wirft.

Der Name “Putin” wird hier zwar kein einziges Mal erwähnt, dennoch ist alles hoch aktuell. Es geht um die Inszenierung von Wahlen, um die Macht der Mafia, nicht zuletzt um den Traum von einer besseren Zeit, liege sie nun in der Zukunft oder in der Vergangenheit, aus der “Stalins Geist” immer wieder auftaucht. Wodka und Winter, Nutten und Neureiche, Schachgrößen und Schlägertrupps, Tschetschenien und Tschernobyl – alles ist da, und man könnte dies als die klassische Sicht eines Amerikaners auf Russland abtun. Doch Cruz Smith versteht es, aus den Klischees Realitäten zu machen. Seine Schauplätze sind authentisch, das komplexe Geflecht aus Fakten und Figuren ist gut recherchiert, und nicht zuletzt wirft der Autor einen tiefen Blick in die russische Seele.

Sein schmerzhaft aufrechter Protagonist muss sich durch eine Umgebung schlagen, die korrupt und intrigant ist, er wird suspendiert, hintergangen und verführt, beinahe erdrosselt und beinahe erschossen. Das könnte fast ein bisschen viel des Guten sein. Doch Cruz Smith beherrscht sein Handwerk so ausgezeichnet, dass die Rasanz nicht auf Kosten der Plausibilität und Verständlichkeit entwickelt werden muss.

Seine Brillanz erhält der Roman aber gerade durch die kleinen Momente, wenn vor allem in den blitzgescheiten Dialogen voller pechschwarzem Humor sogar so etwas wie Poesie durchschimmert. Und am Ende, wenn Cruz Smith eine ganze Batterie von Pointen abfeuert – und damit letztlich auch eine Mahnung gegen des historische Vergessen ausspricht. Immerhin sehen mittlerweile die Hälfte der Russen Stalin als positive historische Persönlichkeit. Sherlock Holmes lässt grüßen.

Die beste Stelle schildert die Trostlosigkeit für Patienten in einer Moskauer Klinik: “Ohne Wodka und Zigaretten hatte das Leben seinen Sinn verloren. Die letzte Freude, der letzte Trost war ihnen genommen, und mit fast grimmiger Entschlossenheit moderten sie vor sich hin und überlegten sich, wie sie den Schwestern das Leben schwer machen könnten.”

Über alle Berge

Februar 8, 2008 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Ein echter Kraftprotz, aber kein bisschen massig: der Jeep Grand Cherokee. Foto: Jeep

Ein echter Kraftprotz, aber kein bisschen massig: der Jeep Grand Cherokee. Foto: Jeep

Knapp drei Jahre nach der Einführung der dritten Generation hat Jeep sein Topmodell Grand Cherokee jetzt überarbeitet. Beim Außendesign gab es nur minimale Retuschen, so dass der neue Häuptling im Jeep-Stamm, der ab sofort beim Händler steht, weiterhin wie ein echter Kraftprotz aussieht – allerdings kein bisschen massig. Die Nebellampen wurden anders platziert, der Grill ist etwas länger geworden, die Scheinwerfer etwas runder. Sie erhalten auf vielfachen Wunsch der Kunden nun im Overland und SRT 8 auch serienmäßig Xenon-Leuchten.

Viel mehr hat sich im Innenraum getan. Hier setzt Jeep nicht nur auf ein Zweifarb-Design, das freundlich und elegant wirkt. Auch der Instrumententräger ist nun neu eingefasst. Optimiert wurden zudem beispielsweise die Cupholder und die Armlehnen in den Türen. Serienmäßig gibt es jetzt außerdem ein höhenverstellbares Lenkrad.

Komplett neu ist das Festplatten-Audiosystem, das ab der Ausstattungsvariante Limited serienmäßig 20 Gigabyte Platz für eigene Musik und Bilder bietet und über einen USB-Anschluss verfügt. Für 2390 Euro extra wird in dieses System auch die Navigation integriert, die sich dann per Berührungsbildschirm steuern lässt.

Auch technologisch hat Jeep draufgepackt: Ein neues Hill-Holder-System macht die Fahrt bergauf oder bergab einfacher und sicherer. “Hill Start Assist” nennt Jeep die Funktion, die den Wagen beim Anfahren am Berg in Position hält, bis der Fahrer Gas gibt. Über die ebenfalls serienmäßige “Hill Descent Control” wurde zudem die Geschwindigkeitskontrolle beim Bergabfahren verbessert. In fünf Stufen wird dabei die Motorbremse und Getriebereduktion noch elektronisch unterstützt, was ein sehr geschmeidiges Fahrverhalten selbst bei starkem Gefälle und ohne Betätigung des Bremspedals ermöglicht. Ein weiterer Vorteil im Offroad-Einsatz: Die Frontmaske ist jetzt zweigeteilt, den unteren Teil kann man abmontieren und ihm die Fahrt über ungemütlichen Untergrund somit ersparen.

Abgespeckt wurde die Motorenpalette. “Wir haben klar auf die Volumenmodelle gesetzt”, begründet Produktmanager Florian Lauder die Entscheidung, die 4,7- und 5,7-Liter-V 8-Benziner hierzulande nicht mehr anzubieten. Noch ein Grund: “Die Kunden spüren einen gewissen Rechtfertigungsdruck, vor allem beim SRT-Benziner”, beschreibt Lauder die Auswirkungen der Klimadebatte. Das 6,1-Liter-Aggregat mit 426 PS bleibt trotzdem im Programm und kostet 67.900 Euro. Daneben gibt es nur noch den Dreiliter-Common-Rail-Diesel von Mercedes mit 218 PS und 510 Newtonmetern Drehmoment, der nun ab 44.900 Euro zu haben ist.

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