Das Paradies – „Goldene Zukunft“


Künstler Das Paradies

Das Paradies Die goldene Zukunft Review Kritik

Das Paradies lässt „Die goldene Zukunft“ manchmal auf halbe Wege stopen.

Album Goldene Zukunft
Label Grönland
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Ich bin der wichtigste Mensch der Welt. Diesen Satz würde wohl nicht nur Donald Trump unterschreiben, der die dahinter stehende Ideologie zur maximalen Entfaltung gebracht hat. Wohl weit mehr als 95 Prozent aller derzeit lebendigen homo sapiens dürften schon einmal so empfunden haben. Wir sind fast alle eitel, egoistisch und zutiefst überzeugt vom Wert unserer Einmaligkeit. Wie bescheuert das ist, macht Das Paradies mit Goldene Zukunft auf herrlichste Weise deutlich.

Herrscher im Paradies ist Florian Sievers aus Leipzig, auch als ein Teil des Duos Talking To Turtles aktiv. Hier singt er auf Deutsch und hat mit diesem Debütalbum unter Mithilfe des Berliner Produzenten Simon Frontzek (Ex-Tomte) einen „Geniestreich zwischen Zynismus und Menschenliebe“ hingelegt, wie der Pressetext völlig zutreffend urteilt. Die Goldene Zukunft ist klug, einzigartig und zugänglich – vor allem aber ist sie gelassen. Sievers baut seine Songs offensichtlich mit der Gitarre als Basis auf und setzt auf Beats, die meist gebremst sind, aber trotzdem tanzbar. Im Ergebnis können Lieder erstehen wie der Auftakt Das große Versprechen, das nicht nur wegen der Zeile „Ich bin das Schlimmste, was euch passieren kann“ irgendwie funky, irgendwie mellow und irgendwie spooky wird. „Ich rauche, rauche, rauche, nur wenn ich schlafe nicht / keine Sucht / nur eine Weise / auf die meine Zeit zerbricht“, singt er in Die Giraffe streckt sich und fragt damit, was so schlimm daran sein soll, als einzige Fortbewegungsmethode den Müßiggang zu kennen. Hier bist du sicher ist so schön, dass es völlig egal ist, worum es im Lied geht.

Die wundersamen Texte von Sievers bieten reichlich Widersprüche, Absurditäten und Gedanken, die auf halbem Wege abbrechen, aber genau dadurch entsteht ein sehr entschlossenes Bekenntnis zum Relativen. Ein schönes Unentschieden zeigt das schon im Titel, die Musik darin setzt auf verhuschtes Gitarrenpicking und einen stoischen Beat, also auf das Milky-Chance-Prinzip – aber im Gegensatz zu denen gibt es bei Das Paradies kein Wegducken in Beschaulichkeit, weil man die Suche nach Wahrheit vielleicht zu beschwerlich findet. Vielmehr hat sich hier die Ahnung breitgemacht: Es gibt gar keine Wahrheit. „Du fühlst dich leicht und überflüssig / dein Lieblingsaggregatzustand“, heißt es passend dazu, der Song wird (wie Goldene Zukunft insgesamt) eine Feier von SowohlAlsAuch statt Unbedingtheit, von Dialektik statt Dogmatik.

„Wir dürfen alles / und wollen wenig / und wenn wir wollen / trauen wir dem Dürfen nicht“, dichtet Sievers in Dürfen die das. Die Verben darin lassen sich fast beliebig vertauschen, und man kann dabei durchaus an ein Spätwerk von Wir sind Helden denken. Auch Die Sterne oder Samba können als Vorväter dieses Sounds gelten, wie der Titelsong zeigt; wenn heutzutage Gloria auf eine strenge Absinth-Diät umstiegen oder Tocotronic eine große Leichtigkeit nicht bloß simulierten, könnte vielleicht auch so etwas herauskommen wie Goldene Zukunft.

Das sehr entspannte Es gab so viel, was zu tun war ist wohl ein Rückblick auf das, was früher einmal Adoleszenz hieß, inklusive der Erkenntnis: Ironie hilft auch beim Blick auf die eigene Biographie. Du, die anderen und ich entzieht sich Konkurrenzdruck, Wettbewerb und Schwanzvergleich, indem es sich als die akustische Entsprechung einer Kuscheldecke tarnt. Hinter deiner schönen Stirn verbreitet Entschlossenheit zur Zuversicht, die kein bisschen naiv klingt, sondern glaubhaft, sogar mitreißend.

Dahinter steckt das Wissen, dass wir Zufälle sind. Hätte ein bestimmtes Spermium nicht eine bestimmte Eizelle getroffen, existierten wir nicht. Irgendeine leicht abgewandelte Mutation im Verlauf der Evolution oder irgendein verirrter Asteroid vor ein paar Millionen Jahren hätte dafür sorgen können, dass es überhaupt keine Menschheit gibt. Aus dieser Überzeugung heraus wird das eigene Ego sehr klein, die Verwunderung und Gelassenheit beim Blick auf die Welt aber umso größer. „Das Universum weiß es auch nicht, wie ihm gerade so ist / was wie ein Ja aussieht, könnte auch ein Nein sein / das mit uns allen, war doch gar nicht so ernst gemeint“, bringt Sievers das in Das Universum weiß es auch nicht auf den Punkt. Stabilität, Hoffnung, Zukunft – all das wird dann ziemlich relativ, genauso wie die weit verbreitete Angst darum.

Die vielleicht schönste (in jedem Fall spinnertste) Idee von Goldene Zukunft gibt es in Discoscooter. „Sind das da drüben wirklich Windkraft- oder Erdantriebspropeller?“, lautet die Frage darin. Auch dahinter stellt Das Paradies die Idee von der Welt als Ansammlung von Komplexität und Möglichkeiten, auch von der Beschränktheit von Verstand und Wahrnehmung. Umso folgerichtiger ist es, sich selbst in diesem Universum wie einen Witz zu betrachten. Im besten Falle als einen, der so charmant, intelligent und unterhaltsam ist wie diese Platte.

Das SowohlAlsAuch hat sich im Video zu Goldene Zukunft auch aufs Kameraobjektiv ausgewirkt.

Das Paradies im Internet.

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