Matthew E. White – „K Bay“


Künstler*in Matthew E. White

Matthew E. White K Bay Review Kritik

Nach seinem eigene Studio hat Matthew E. White „K Bay“ benannt.

Album K Bay
Label Spacebomb
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

„Boy I’m lazy / but hard to tell it / cause I work too much“, singt Matthew E. White in Nested, dem dritten Song dieses Albums. Es klingt cool und geheimnisvoll, und man könnte diesen vermeintlichen Widerspruch durchaus auch auf seine Karriere beziehen.

Nach dem umjubelten Debüt Big Inner (2012) ließ er sich drei Jahre Zeit für einen Nachfolger (Fresh Blood), den er selbst mittlerweile nur noch mittelprächtig findet. Bis zu K Bay gingen dann sogar noch einmal sechs Jahre ins Land. Da könnte man schon auf die Idee kommen, ihm Faulheit vorzuwerfen. Allerdings finden sich auch etliche Argumente für den „work too much“-Teil im oben genannten Zitat. Nach seiner zweiten Platte hat er beispielsweise gemeinsam mit Flo Morrissey ein Album mit Coverversionen aufgenommen, war als Produzent für Natalie Prass tätig, steuerte die Geschicke seiner Plattenfirma Spacebomb und hat eine ziemlich abgefahrene Kollaboration mit dem bildenden Künstler Lonnie Holley vorgelegt. Außerdem hat er sich ein Studio in der Kensington Avenue in Richmond, Virginia, gebaut, nach dem nun diese Platte benannt ist: K Bay steht für Kensington Bay.

Nicht zuletzt zeigen diese elf Stücke selbst, dass man ihm beim besten Willen keine Untätigkeit vorwerfen kann. Die Platte ist überreich an Instrumenten und Einfällen, an Genres und purer Musikalität. Take Your Time (And Find That Orange To Squeeze) ist dafür typisch: Es gibt in diesem Song so viele verschiedene Teile und natürlich noch mehr erstaunliche Ideen, dass man von einer Mini-Oper sprechen könnte, die ein zeitreisender Marvin Gaye von einem sehr, sehr schönen Ort mitgebracht hat.

Die treibende Kraft für K Bay ist dabei die gute, alte Liebe. Matthew E. White, Jahrgang 1982, hat die Zeit seit seinem letzten Album nämlich auch genutzt, um zu heiraten. In seinen Songs nennt er seine Frau „Judy“, und die Bewunderung für deren Großartigkeit und seine Dankbarkeit für diese Beziehung prägen auf sehr rührende Weise das Album mindestens ebenso sehr wie seine große Lust auf kreative Großtaten. „If the music’s playing, Judy’s swaying, Lord I’m doing fine“, heißt das dann fast programmatisch im Auftakt Genuine Hesitation, in dem sich aus einem annähernd kakophonischen Durcheinander ein sehr kraftvoller Groove heraus schält, der das Lied mehr als sieben Minuten lang zu tragen vermag. Der hier recht tiefe Gesang verleiht dem Song zusätzlich etwas Düsternis, als hätte Nick Cave den Funk entdeckt oder Bob Dylan zum Tanz eingeladen.

Electric erweist sich als vollkommen verzücktes, berauschtes Liebeslied. „Romance can be marvelous / have you ever burned alive“, singt White, der Mix aus einem ganz einfachen Klavier, einem hoch komplexen Rhythmus und den Harmonien ergibt dabei eine naive Verspieltheit wie von den Beach Boys. „I’ve never had it better / I’ve never had it better than this, with you“, lautet die Liebeserklärung in Never Had It Better, das man sich wie eine wohlerzogene Version von Kendrick Lamar oder hochromantische Outkast vorstellen kann. Das komplexe, ambitionierte und dabei dennoch sehr stimmungsvolle Fell Like An Ax ist ein Beispiel für die vielen tollen Naturmetaphern, die man auf K Bay finden kann, auch wenn sie letztlich ebenfalls von einer Feier der Kraft der Liebe in den Schatten gestellt werden von der zentralen Zeile „When love leaned on us, it fell like an ax.“ Bezeichnenderweise findet sich der spektakulärste Moment des Albums in einem Song namens Judy: Der Mega-Refrain ist so eingängig, kraftvoll und ein klitzekleines bisschen over the top, dass sich ELO zu ihren besten Zeiten danach ebenso die Finger geleckt hätten wie Cheap Trick.

Dazu kommen Stücke wie Let’s Ball als recht straighter Disco-Moment, Shine A Light For Me, das nur Akustikgitarre und Gesang auffährt, oder Hedged In Darkness, das über weite Strecken die Definition von smooth ist, aber zwischendurch beispielsweise mit einer ziemlich herben Fuzz-Gitarre überrascht. Den Maßstab an Ambition und Klasse, den Matthew E. White hier an sich selbst anlegt, zeigt vielleicht am deutlichsten Only In America / When The Curtains Of The Night Are Peeled Back, das den Rassismus in den USA behandelt und viel Schmerz und Scham erkennen lässt. Die Gesangsmelodie hat leichte Ähnlichkeiten zu Father And Son von Cat Stevens, die Arrangements wechseln zwischen grandiosen Streichern (Trey Pollard war für die Orchesterklänge auf K Bay zuständig), Jazz, Disney-Soundtrack und reduziert-unbehaglichem HipHop à la Clipping und bleibt dabei doch komplett einzigartig. Der Text wird immer wieder unterbrochen mit Widmungen an prominente Rassismus-Opfer, von Walter Scott über Rodney King und Sandra Bland bis Martin Luther King. Matthew E. White zeigt hier einerseits, wie betörend das Great American Songbook klingen kann, und andererseits, dass der amerikanische Traum reichlich Blut an den Händen hat.

Zu Only In America ist eine Mini-Filmdokumentation entstanden.

Website von Matthew E. White.

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