Blush Always My Mum's Birthday

Futter für die Ohren mit Blush Always, The Beaches, Everyone Says Hi, Courteeners und Sweed

Blush Always hat für ihr im Herbst 2023 erschienenes Debütalbum You Deserve Romance und für die begleitenden Konzerte sehr viel Lob bekommen. Das scheint die Musikerin aus Leipzig gleich in doppelter Hinsicht beflügelt zu haben. Erstens legt sie am 6. September, also nach nicht einmal einem Jahr, bereits den Nachfolger vor, der An Ode To ? heißen wird. Zweitens öffnet sie sich dabei viel mehr als bisher. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mich als Künstlerin nicht mehr beweisen musste, und deswegen hatte ich auch mehr Lust, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten“, sagt sie über die Folgen aus dem Selbstvertrauens-Boost. Somit sind jetzt Jakob Amr (Leoniden), Brockhoff, Sophie Lindinger (My Ugly Clementine), Tore Knipping (Pabst) und Damian Dalla Torre als Gäste an der neuen Platte beteiligt. Man hätte auch das Gegenteil erwarten können: Das ermutigende Feedback hätte dazu führen können, noch mehr auf die eigene Autonomie zu setzen. Wie gut der neue Ansatz funktioniert, zeigt aber die Single My Mum’s Birthday (****). Wie man das von Blush Always kennt, ist hier der Einfluss weiblicher Indierock-Größen der 1990er Jahre sehr spürbar, etwa von Sleater-Kinney oder Elastica. Auf diesem Fundament entwickelt sich ein packender Song rund um Selbstvorwürfe, beginnend mit der gar nicht so kleinen Kleinigkeit, dass man den Geburtstag der eigenen Mutter vergessen hat, endend in einer sehr generellen Betrachtung, mit Druck und Krach und vor allem Einfallsreichtum. Am 7. September, also dem Tag nach der Album-Veröffentlichung, ist Blush Always in Leipzig live im Neuen Schauspiel zu sehen.

Auch The Beaches kann man zweifelsohne in der Traditionslinie selbstbewusster, kritischer Frauen mit Lust auf Gitarrenlärm verorten. Die Schwestern Jordan Miller (Gesang, Bass) und Kylie Miller (Gitarre) sowie ihre engsten Freundinnen Leandra Earl (Gitarre, Keyboards) und Eliza Enman-McDaniel (Schlagzeug) aus Toronto haben daraus mittlerweile eine Mega-Karriere gebaut. Das Trio erhielt bisher vier Juno Awards, zuletzt als Gruppe des Jahres und Rockalbum des Jahres. Als wahrscheinlich vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung spielen The Beaches demnächst gar ein paar Shows mit den Rolling Stones. Die neue Single Takes One To Know One (***1/2) zeigt, worauf dieser Erfolg aufgebaut ist: eine packende Atmosphäre, in diesem Fall in Gesang und Sound etwas theatralischer und dramatischer als gewohnt, sodass man etwa an Florence & The Machine denken kann, tolles Songwriting und clevere Texte, hier kreisend um die zumindest auf den zweiten Blick zauberhafte Liebeserklärung „God, you’re a piece of work / Oh, it takes one to know one.“ Sängerin Jordan Miller erzählt dazu: „Vor kurzem hatte ich das Vergnügen, mich in eine sehr komplizierte Person zu verlieben. In diesem Song beschäftige ich mich damit, inwiefern ich selbst zu den chaotischen Aspekten meiner neuen Beziehung beigetragen habe. Dazu war ich bisher nicht wirklich in der Lage.“

Wie eine gut geölte Refrain-Maschine laufen die Courteeners seit mehr als 15 Jahren. Stand für Liam Fray, Conan Moores, Michael Campbell sowie die Tourmitglieder Joe Cross und Elina Lin zuletzt die Retrospektive im Vordergrund (die Neuveröffentlichung ihres 2008er Debüts St. Jude hat im vergangenen Jahr die Spitze der englischen Albumcharts erreicht), gibt es nun wieder neue Klänge: Am 25. Oktober 2025 wird ihr siebtes Studioalbum Pink Cactus Cafe erscheinen. Bereits jetzt beginnt die Kampagne dazu mit der ersten Single Solitude Of The Night Bus (***). „Das Lied entstand zu einer Zeit, in der ich mich wirklich hinterfragte. Die Dinge liefen nicht besonders gut. Kein Selbstvertrauen. Keine Richtung“, berichtet Songwriter Liam Fray, der die neue Platte auch coproduziert hat. „Ich glaube, genau deshalb ist es eher lustig. Das ist das neue Wir. (…) Es ist wie eine Sommerbrise“, sagt er. Natürlich waren The Courteeners auch zuvor keine Band, die für Depression und schlechte Laune stand, aber der Beat im gemeinsam mit Ola Modupe-Ojo (Bipolar Sunshine) erschaffenen Solitude Of The Night Bus ist tatsächlich erstaunlich poppig und das Gesamtresultat schamlos catchy, was durch das Pfeifen noch verstärkt wird. „Mein verstorbener Onkel Pat liebte es zu pfeifen, daher ist es eine Art Hommage an ihn. Steig in den Bus, setz die Kopfhörer auf und geh deinen eigenen Weg. Es ist der Feel-Good-Hit des Sommers, der das Impostor-Syndrom bekämpft“, sagt Fray. Als weitere Gäste wirken Brooke Combe (DMA), James und Ian Skelly (The Coral), Pixey, Charlie Salt (Blossoms) und Theo Hutchcraft (Hurts) auf der neuen Platte mit.

Diesen Weg hätte sicher auch Nick Hodgson gehen können: Als Gründungsmitglied war er bei den Kaiser Chiefs aktiv und schrieb auch die meisten Hits der Band. Doch während der Rest der Truppe weiterhin aktiv ist und kein Problem mit Nostalgie-Shows hat, stieg Hodgson 2012 aus, widmete sich anderen musikalischen Projekten und den beiden Plattenfirmen, die er gegründet hatte. Er trat auch als Songwriter beispielsweise für Dua Lipa, Duran Duran, You Me At Six, Holly Humberstone und George Ezra in Erscheinung. Nun hat er eine neue Band am Start: Everyone Says Hi. Seine Mitstreiter haben durchaus auch prominente Indie-Stationen im Lebenslauf: Bassist Pete Denton war mal bei den Kooks, Glenn Moule hat für The Howling Bells getrommelt, Keyboarder Ben Gordon war Mitglied von The Dead 60s. Dazu kommt Gitarrist Tom Dawson. Am 4. Oktober werden Everyone Says Hi (benannt nach einem Song von David Bowie) ihr selbstbetiteltes Debüt mit insgesamt zehn Songs vorlegen. Wer erwartet hätte, Hodgson würde sich nach dem Motto „Jetzt zeig ich es euch allen mal richtig“ nun in der Rolle als Sänger und Frontmann austoben, die er endlich inne hat, sieht sich getäuscht. Die Single Only One (***1/2) ist erstaunlich unoffensiv und eher alte Schule, im Sound vergleichbar beispielsweise mit Belle & Sebastian. „Das war der erste neue Song, der mir für das Album eingefallen ist. Wenn ich Alben schreibe, fange ich immer mit einem Song an, und wenn das passiert, weiß ich, dass ein Album entsteht, ob es mir gefällt oder nicht“, erzählt der 46-Jährige. „Only One ist im Grunde genommen auch ein Liebeslied, aber wenn ich Liebeslieder schreibe, sind sie nicht besonders romantisch, sondern eher sachlich. In diesem Fall sage ich: Ich liebe es, wenn du mich mitten in der Nacht anrufst, was zwar ziemlich unpraktisch ist, aber weil es eine bestimmte Person ist, liebt man es.“

Ziemlich viel Zeit lässt sich Niklas Schwedt alias Sweed mit seinem ersten Album. Schließlich sind seine ersten beiden EPs Sweedside (2021) und Sweedlife (2022) schon eine Weile her. Die Wartezeit verkürzt der 26-Jährige, der aus Stuttgart kommt und jetzt in Berlin lebt, mit der neuen Single Can I Just Be (***1/2). Wieder einmal kommt der Song enorm eingängig und mit einem sehr charmanten Groove daher, Sweed verbindet das aber auch mit einigen Twists. Das illustriert gut, wie sehr es sich für ihn lohnt, sich Zeit für die Arbeit an seiner Musik zu nehmen, die hier weiterhin sehr unmittelbar funktioniert, aber individueller geworden ist. Das trifft auch auf den sehr persönlichen Text zu. „Dass ich mir sehr schwer damit tue, im Moment zu leben, ist mir schon lang bewusst. Fakt ist auch, dass ich mein Leben lang schon von einer neurobiologischen Erkrankung begleitet werde, die es mir oft nicht einfach macht, ein ruhiges Leben zu führen. Nur wollte ich diese Dinge und auch den Schmerz, der teilweise dadurch in mir ausgelöst wird, nicht einfach so hinnehmen und habe mich Anfang 2024 dazu aufgerafft, in Therapie zu gehen“, erzählt der Künstler zum Hintergrund des Songs. „In der Therapie lerne ich viel mehr bei mir selbst zu sein, mehr danach zu entscheiden, was ich wirklich möchte, frei zu sein von all den vielen unnötigen Gedanken und Sorgen, die man sich immer wieder macht. Genau das Gefühl beschreibe ich auch in Can I Just Be – ein Schrei nach Freiheit, nach Ruhe im Kopf, nach weniger unbegründeten Sorgen. Schon nach meiner zweiten Therapiestunde habe ich Can I Just Be geschrieben und habe mich auch selten beim Schreiben eines Songs und auch beim Produzieren so sehr nach mir selbst angefühlt. Ich glaube der Song hat in mir ein neues Kapitel aufgeschlagen und zeigt eine neue Seite von mir, die ich vorher verschlossen halten wollte.“ 2025 soll es dann tatsächlich auch im Longplayer-Format geben.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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